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Digitale Bildung
13.03.2016  Ludwig Spaenle im Interview mit Silvia Schumacher

„Die Digitalisierung stellt das Lernen auf den Kopf“

Die kürzlich erschienene Studie „Schule digital – Der Länderindikator 2015“ der Telekom Stiftung zeigt: Bayern ist gut aufgestellt, wenn es um die Nutzung digitaler Medien im Klassenzimmer geht. Bayerns Kultusminister Spaenle erklärt im didacta-Interview, woran das liegt.
  • didacta: Herr Minister, die Bayerische Staatsregierung hat in den vergangenen Jahren stark in technische Infrastruktur und Konzepte zur Medienbildung investiert. Mit welchem Ziel?
Ludwig Spaenle: Wesentliches Ziel von Medienbildung ist es immer, junge Menschen zu einem verantwortungsbewussten und reflektierten Umgang mit Medien zu befähigen. Deshalb ist Medienbildung in Bayern seit vielen Jahren als fächerübergreifendes Bildungs- und Erziehungsziel in den Lehrplänen aller Schularten verankert. In Bayern leisten dazu verschiedene Unterstützungssysteme wertvolle Beiträge.
  • Unterstützung in welcher Form?
Bereits seit 2002 existiert das Netzwerk der derzeit mehr als 120 medienpädagogisch-informationstechnischen Beratungslehrkräfte, kurz MiB, in allen Schularten in ganz Bayern. Sie sind als Multiplikatoren in der Medienbildung tätig und unterstützen die Schulfamilie durch Lehrerfortbildungen, Informationsabende für Eltern und Schulprojekte. Diese Beratungslehrkräfte arbeiten auch an der Initiative „Medienführerschein“ mit, ein Projekt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die Handreichungen des Medienführerscheins bieten Materialien für die unterschiedlichen Jahrgangsstufen und Altersgruppen und unterstützen die Lehrkräfte dabei, Medienerziehung systematisch umzusetzen. 2010 haben wir das Projekt „Referenzschulen für Medienbildung“ initiiert. Seit dem Schuljahr 2013/2014 stehen an 45 bayerischen Schulen im Rahmen des Pilotprojekts „lernreich 2.0 – Üben und Feedback digital“ digitale Lernplattformen mit webgestützten Lern- und Übungsangeboten zur Verfügung. Und seit 2011 lautet die bayerische Antwort auf alle Fragen rund um den Unterricht mit neuen Medien „mebis“ – Medien, Bildung, Service.
  • Worum handelt es sich bei „mebis“?
In den vergangenen vier Jahren wurden auf www.mebis.bayern.de systematisch ein Infoportal, eine Mediathek, eine Lernplattform mit mittlerweile rund 14 000 Lernmaterialien sowie ein Prüfungsarchiv aufgebaut. Die Mediathek und das Prüfungsarchiv bieten eine große Vielfalt von Unterrichtsmaterialien für Erarbeitungs-, Übungs- und Prüfungsphasen. Die Lernplattform bietet Lehrkräften virtuelle Klassenzimmer, in denen orts- und zeitunabhängig gearbeitet werden kann, also auch von zu Hause aus. Fast 400 000 Schülerinnen und Schüler und rund 70 000 Lehrkräfte sind mittlerweile in mebis aktiv.
  • Die Studie „Schule digital“ der Deutsche Telekom Stiftung bestätigte jüngst, dass Bayerns Schulen bei der IT-Ausstattung oder der Nutzung digitaler Medien im Bundesvergleich über dem Durchschnitt liegen. Die Lehrkräfte wünschen sich jedoch mehr Unterstützung …

70 Prozent der bayerischen Lehrkräfte setzen wenigstens einmal pro Woche digitale Medien für ihren Unterricht ein. Das ist nicht nur der Spitzenwert in Deutschland, das ist auch international deutlich über dem Durchschnitt. Die positive Bewertung der technischen Rahmenbedingungen durch die bayerischen Lehrkräfte – übrigens auch die große Zufriedenheit mit der technischen Betreuung dieser Systeme vor Ort – ist eine Grundvoraussetzung für den Einsatz digitaler Medien im Unterricht. Dass sich die Lehrer über die bereits gegebene hinaus noch mehr Unterstützung wünschen, ist durchaus positiv zu sehen. Das dokumentiert ihre große Bereitschaft und Offenheit für den Einsatz der digitalen Technik. Diese Offenheit wollen wir aufgreifen und weiter fördern. Wir wollen zukünftig verstärkt digitale Medien in der Lehrerausbildung verankern und auch in der Lehrerfortbildung neue Akzente zum Einsatz digitaler Medien und bei der IT-Kompetenz der Lehrkräfte setzen. Sie sollen noch stärker medienpädagogische Unterstützung vor Ort erfahren. Mit der Austauschplattform „teach SHARE“ soll im Rahmen von mebis das kollaborative Arbeiten unterstützt werden.
  • Wie sieht es mit den Kompetenzen der Schüler aus? Computernutzung im Unterricht führt ja nicht automatisch zu besseren Kompetenzen bei den Schülern.
Es ist wichtig, dass digitale Medien nicht nur Inhalt und Thema im Bildungsprozess sind, sondern als Werkzeug und Medium im Unterricht – didaktisch sinnvoll eingesetzt – einen echten Mehrwert darstellen können. Eine Grundlage hat Bayern dadurch geschaffen, dass Medienbildung als fächerübergreifendes Bildungsziel in allen Lehrplänen verankert wurde. Medienerziehung und -pädagogik sind wichtige Inhalte in der Lehreraus- und fortbildung. Rund zehn Prozent aller Fortbildungsveranstaltungen widmen sich Fragen digitalen Lehrens und Lernens. Angebote wie mebis, „lernreich 2.0“, „Unterricht digital“ oder die MiB leisten ihren eigenen, wertvollen Beitrag!
  • Welche Chancen sehen Sie im digitalen Lernen?

Die Digitalisierung hat das Lernen auf den Kopf gestellt – in einem positiven Sinn! Schulen entwickeln sich durch Formen digitaler Bildung weiter. Deren Werkzeuge bieten vielfältige Möglichkeiten, zeitgemäß zu lehren und zu lernen. Ich denke dabei an die Chancen, die digitales Lernen für die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern eröffnet. In digitalen Lernumgebungen werden Informationen multimedial veranschaulicht und interaktiv aufbereitet. Das kommt der Motivation vieler Kinder und Jugendlicher entgegen, deren Alltag heute wesentlich davon geprägt ist. Da gilt es die Schülerinnen und Schüler abzuholen. Am Lernprozess Beteiligte können außerdem zum Beispiel in virtuellen Arbeitsräumen gemeinsam und gleichzeitig an einem Thema arbeiten, sich darüber austauschen und im Team zu einer Lösung gelangen. In der Konsequenz heißt das: Lernorte und Lernzeiten werden immer flexibler und individueller gestaltbar. Digitale Bildung wird in unserer medial geprägten Kultur letztendlich auch zu einem Schlüssel zu lebenslangem Lernen. Und aktuell sind digitale Lernformen auch ein Baustein bei der Integration von Flüchtlingen.
  • Bayern baut also auch bei der Integration von Flüchtlingen auf den Einsatz digitaler Medien?

Digitale Medien werden bereits im Rahmen der Online-Angebote der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen erfolgreich als Informationsquelle für Lehrkräfte eingesetzt. Für den Flüchtlingsunterricht werden Kurse auf Basis digitaler Medien vorbereitet: sogenannte Blended-Learning-Konzepte für Lehrkräfte, also Fortbildungsangebote sowohl mit Online-Elementen als auch mit Präsenzphasen. Darüber hinaus werden digitale Angebote in Kursen des Bayerischen Sozialministeriums, des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge und der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit eingesetzt. Dazu kommen Angebote wie Apps von Verlagen oder Bildungsträgern wie des Deutschen Volkshochschulverbandes, die in erster Linie den Spracherwerb unterstützen. Wir prüfen derzeit, welche davon als Ergänzung auch für den Einsatz im Unterricht geeignet sind.

Quelle:
didacta – das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2016, S. 108-111, www.didacta-magazin.de.

 
 

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