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Inklusion/Diversity
13.03.2016  Maria Gavranidou

Flucht vor der Vergangenheit

Etwa die Hälfte aller Flüchtlinge sind Kinder und Jugendliche. Davon wiederum ist die Hälfte traumatisiert. Traumatherapeutin Maria Gavranidou erklärt, wie Traumata entstehen und was Lehrkräfte über Kinder mit Fluchthintergrund wissen sollten.
 Amir* ist 13 Jahre alt und lebt seit etwa einem Jahr in Deutschland. Die Familie kommt aus dem Kosovo. Dort hat Amir erlebt, wie sein Elternhaus bombardiert und seine Schwester getötet wurde. Er erinnert sich genau daran, wie in diesem Moment ihr rotes Halstuch in die Luft flog. Seitdem sieht Amir rot, wenn er diese Farbe sieht.

Er wird durch die Farbe Rot „getriggert“, das heißt: Der für ihn bedrohliche Reiz löst bei ihm das Symptom einer „Posttraumatischen Belastungsstörung“ (PTBS) (s.u.) aus. Dann tauchen all die intensiven Schreckenserinnerungen wieder auf und mit ihnen die starken Gefühle von Angst, Verzweiflung und Trauer. Er würde am liebsten die Farbe Rot aus der Welt schaffen. Da das nicht möglich ist, schaut er lieber nicht genau hin: Er wirkt unkonzentriert, verträumt und unaufmerksam. Oft verletzt er sich deshalb und wird dafür getadelt. Er weiß, dass die anderen Mitschüler und Erwachsenen ihn deshalb seltsam finden, aber er kann nicht anders.

Alte und auch neue Erfahrungen belasten


Flüchtlinge und speziell Flüchtlingskinder erleben in der Heimat und auf der Flucht viele extrem belastende Ereignisse: Bombardierungen, Tötungen und den Verlust wichtiger Bezugspersonen. Im Verlauf der Flucht drohen weitere Traumatisierungen, da die Lebensbedingungen in den Aufnahmeländern häufig schlecht sind. Die psychischen Belastungen wirken also nicht nur nach, sondern werden oft noch vermehrt. Flüchtlingsfamilien müssen neben den schrecklichen Erfahrungen aus der Heimat und während ihrer Flucht auch die Herausforderungen der neuen kulturellen Umgebung bewältigen, etwa Sprachprobleme, fehlendes Wissen über Versorgung oder rechtliche Rahmenbedingungen. Zudem fehlt Wissen über soziale und kulturelle Gepflogenheiten, was sich in der Schule besonders auswirkt. Für Flüchtlingskinder stellt der Schulbesuch, neben der Chance eines Neuanfangs, eine große Herausforderung dar. Um besser auf Flüchtlingskinder eingehen zu können, sollten Lehrkräfte folgende Faktoren kennen und bedenken:
  • Traumata und Trauma-Folgestörungen: Die Kinder haben eine Reihe extrem belastender Ereignisse erlebt. Sie sind deshalb psychisch anfällig, haben häufig Konzentrationsprobleme und können aufgrund ihrer inneren Traumabilder eventuell dem Unterricht nicht folgen. Dann steigen sie aus und schützen sich vor emotionaler Überflutung durch „Entfremdungserlebnisse“, kurze Erfahrungen von Bewusstseinsveränderungen, bei denen man sich wie jemand anderes fühlt. Sie haben Probleme, ihre Gefühle zu regulieren und den erlebten Stress angemessen zu bewältigen.
  • Krieg und Flüchtlingscamps als Entwicklungskontext: Flüchtlingskinder sind oft unter Kriegs- und Fluchtbedingungen groß geworden. Manche Kinder sind sogar in Kriegshandlungen eingebunden gewesen oder wurden dabei zu Kampfzwecken instrumentalisiert. Dafür wurden einige für Aktivitäten, die in einer friedlichen Umgebung verboten sind, gelobt. Verhaltensweisen wie Lügen, Stehlen oder sogar anderen Gewalt antun, werden dadurch verstärkt und können somit häufiger vorkommen als bei „gesund“ sozialisierten Kindern.
  • Gefahr der Retraumatisierung: Es erfordert eine hohe Sensibilität aller Beteiligten, die Geschichte eines Kindes zu würdigen, es jedoch nicht zu drängen, über das Erlebte zu berichten. Dies könnte zu einer Reaktivierung der schrecklichen Bilder und Gefühle führen und damit zu einer erneuten Destabilisierung.
  • Traumatisierte Eltern: Auch die Eltern leiden oft unter Trauma-Folgestörungen. Dies äußert sich häufig darin, dass die psychisch kranken Eltern sich unbewusst von ihren Kindern versorgen lassen, sie „parentifizieren“ ihre Kinder. Natürlich ist diese Verantwortung für die Kinder kaum zu verkraften. Die Situation ist umso dramatischer, weil Eltern und weitere Bezugspersonen normalerweise eine tragende Rolle bei der Traumabewältigung ihrer Kinder spielen und dies hier nicht möglich ist.
  • Kulturelles Neuland: Viele der Kinder kommen aus Ländern, in denen sich die Alltagsorganisation sowie soziale Strukturen stark von den hiesigen unterscheiden. Für den Bereich Schule heißt das, dass für Eltern und Kinder nicht nur unser Schulsystem, sondern auch die Lehrinhalte und Methoden gewöhnungsbedürftig sind. So sind diese Kinder und Jugendlichen eher an Frontalunterricht gewöhnt und kennen keine partizipativen Lehrmethoden. Ihr Verhaltenskodex gegenüber Lehrkräften und Mitschülern ist durch autoritäre Erziehungsvorstellungen charakterisiert. Konfrontiert mit liberalen und die kindliche Autonomie unterstützenden Verhaltensweisen können sie irritiert reagieren, was sich beispielsweise dadurch äußert, dass sie Regeln nicht einhalten und Grenzen austesten.
Zu kulturellen Missverständnissen kann es auch kommen, weil Eltern aus anderen Kulturkreisen häufig andere Erwartungen an Schule und Lehrpersonal haben. Oft gehen die Eltern davon aus, dass ihren Kindern in der Schule nicht nur Lerninhalte vermitteln werden, sondern dass sie dort auch erzogen werden – die Lehrer sollen ihnen „die deutschen Manieren“ beibringen. Auf der anderen Seite sind viele Eltern mit Fluchthintergrund überrascht, wenn sie erfahren, was von ihnen erwartet wird: Basteln, Weihnachtsbasar, Elternabende und Unterstützung des Kindes zu Hause kennen viele der Eltern nicht aus ihren Heimatländern.

Lohnende Herausforderung


Bei all den Schwierigkeiten, die bei der Unterstützung von Kindern mit Fluchthintergrund aufkommen können, sollte man nie aus den Augen verlieren, wie wichtig es für diese Kinder ist, in der Schule einen Ort der „Normalisierung“ und Stabilisierung zu finden. Dies gelingt nur, wenn sie nicht nur als Opfer betrachtet werden. Vielmehr sollten ihre Entwicklungspotenziale gesehen und gefördert werden. Eine solche Haltung nützt nicht nur den Kindern enorm, sondern kommt allen zugute, die sich auf diese tapferen und lebenserfahrenen Kinder einlassen.

*Name von der Redaktion geändert
 
 
DIE AUTORIN
Dr. Maria Gavranidou ist Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin. Ihre Schwerpunktthemen sind kultursensitive Psychotherapie, Trauma und Entwicklung, Migration, Flucht und psychische Gesundheit. Durch ihre Arbeit kam sie zu der Überzeugung, dass die Förderung von Flüchtlingskindern nicht nur einen humanitären Dienst darstellt, sondern sogar dem Weltfrieden nützt.


Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist eine Folgereaktion eines oder mehrerer traumatischer Ereignisse, die an der eigenen Person, aber auch angesichts des Schicksals anderer Personen erlebt werden kann. In vielen Fällen kommt es zum Gefühl von Hilflosigkeit und zu einer Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses. Krankheitszeichen, die darauf hindeuten sind:
  • sich aufdrängende, belastende Gedanken und Erinnerungen an das Trauma (Intrusionen) oder Erinnerungslücken (Bilder, Albträume, Flashbacks)
  • Übererregungssymptome (Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, vermehrte Reizbarkeit, Konzentrationsstörungen)
  • Vermeiden von Aktivitäten oder Situationen, die an das Trauma erinnern könnten, häufig verbunden mit Angst, Depression und Suizidgedanken
  • besonderes Spielverhalten. Traumatisierte Kinder spielen freudlos immer wieder die gleichen monotone Spiele. Sie setzen in ihrem Spiel immer wieder das Erlebte in Szene. Außerdem wirken sie unkonzentriert, verträumt und unbeteiligt. Nicht selten erhalten sie die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Sie reagieren ungehalten und gereizt, sind misstrauisch und distanziert.
Neben der PTBS können als Trauma-Folgestörungen Ängste, Depressionen, Suchterkrankungen und körperliche Erkrankungen auftreten. Traumatisierte Kinder leiden häufig unter Konzentrationsstörungen und wirken verträumt.


Quelle: Didacta- Magazin 1/2016, S. 72-74
 

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