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Familie
17.04.2016  Karsten Herrmann

Familie als Bildungsort – eine Typologie (Review)

Welche Bildungsanregungen geben Eltern mit und ohne Migrationshintergrund ihren Kindern und welche Bildungserwartungen haben sie? Diesen Fragen sind Fabienne Lüthi und Doris Edelmann im Rahmen der Schweizer Studie CANDELA (Chancenförderung durch angemessene Deutschkenntnisse) nachgegangen und stellen ihre Ergebnisse in der Ausgabe 4-2015 von „Frühe Bildung“ dar.
Hintergrund der Studie ist insbesondere die Gewährleistung einer möglichst großen Chancengerechtigkeit einerseits und der Erkenntnis andererseits, dass der Bildungsort Familie nach wie vor den prägenden Einfluss auf die Kinder hat. Und dennoch, so konstatieren die Autorinnen, „liegen kaum wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über alltägliche Bildungsanregungen und –einstellungen von Familien ohne und noch viel seltener mit Migrationshintergrund vor.“ (ebd. S. 183)

Für ihre Studie haben die WissenschaftlerInnen 30 Eltern aus Spielgruppenprojekten zu drei Zeitpunkten qualitativ befragt. Diese Spielgruppen sollen in der Schweiz ein Stück weit den fehlenden Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz kompensieren. Bewusst wurden dabei Familien mit unterschiedlicher Herkunft, verschiedenen Familiensprachen und unterschiedlichem sozioökonomischen und kulturellen Kapital ausgewählt.
Aus den Befragungsergebnissen haben Lüthi und Edelmann drei Familientypen herauskristallisiert:
 
1. Ausgesprochen bildungsorientierte Familien
Diese Familien bieten ihren Kindern eine anregungsreiche Umgebung (auch durch non-formale Bildungsangebote außerhalb der Familie wie Musikschule oder Sportverein), bereiten sie weitsichtig auf die Schule vor und haben hohe und gleichzeitig realistische Bildungserwartungen. Dieser Elterntypus korrespondiert mit einem Erziehungsstil, bei dem die Kinder in die Gespräche einbezogen, Regeln und Handlungen begründet und die Interessen der Kinder gefördert werden.
 
2. Marginal bildungsorientierte Familien
Das Umfeld dieser Familien bietet zwar gute Entfaltungsmöglichkeiten, aber es werden keine bewussten Bildungs- und Entwicklungs-Anregungen gegeben. Die Bildungserwartungen sind nicht so hoch wie bei Typ 1, aber ebenfalls realistisch. Im Ggs. Zum Typus 1 herrscht hier ein Erziehungsstil, der die Kinder weniger selbstverständlich in Gespräche und Entscheidungen einbindet und weniger an deren Interessen und Gefühlen ansetzt.
 
3. Geringfügig bildungsorientierte Familien
Bei diesem Typus sind die familiären Bildungsanregungen geringfügig und die Bildungserwartungen zwar hoch, aber eher unrealistisch, da sie selber nicht über das notwendige Förderungs-Repertoire oder entsprechende Kenntnisse verfügen.
 
Lüthi und Edelmann resümieren: „Während die ausgesprochen bildungsorientierten Familien ihre Kinder systematisch und bewusst anregen und fördern, ist es den marginal bildungsorientierten Familien besonders wichtig, ihre Kinder keinesfalls unter Druck zu setzen, weshalb sie keine bewussten Förderbemühungen unternehmen. Demgegenüber fehlen geringfügig bildungsorientierten Familien die entsprechenden Kenntnisse, wie sie ihre Kinder unterstützen und fördern können.“ (ebd. S. 187)
 
Lüthi und Edelmann unterstreichen, dass in ihrer Untersuchung klar zum Ausdruck kommt, dass ein Migrationshintergrund nicht per se gleichbedeutend ist mit einer geringen Bildungsorientierung. Wichtig sei eine „adressatenbezogene Bildungskooperation mit den Eltern“ und das Bewusstsein der frühpädagogischen Fachkräfte, „dass Bildungsprozesse in einem dynamischen Feld wechselwirkender Bildungsorte stattfinden.“

Zum Abstract des Beitrages in "Frühe Bildung"

 

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