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Kinderrechte
19.04.2016  Meike Sauerhering

Kinderrechte zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Umsetzung der Kinderrechte in der Praxis ist ein schwieriger Prozess. Damit befasst sich dss neue Heft von DJI Impulse. Im Folgenden werden die Beiträge dargestellt, die für die Rechte vont Kindern bis zum Ende des Grundschulalters besonders relevant sind..
In seinem Beitrag Kindliches Wohlbefinden als Maßstab stellt Hans Bertram heraus, dass „selbst in einem so reichen Land wie Deutschland“ die Umsetzung einzelner konkreter Dimensionen der Kinderrechte ein langwieriger und schwieriger Prozess ist. Mit Hilfe internationaler Untersuchungen wird die Umsetzung von Kinderrechten kontrolliert und evaluiert. So wird ein Vergleich des kindlichen Wohlbefindens über Ländergrenzen hinweg möglich. Mit solchen Untersuchungen wird der Diskurs angeregt, zugleich zeigen sich jedoch Grenzen wie beispielsweise die Orientierung an normativen Konzepten kindlicher Entwicklung. Nur selten werden Kinder und Jugendliche selbst befragt, sodass ihre eigene Perspektive nicht abgebildet werden kann. Ein unmittelbarer Zugriff auf ihre Lebenswelten ist somit nicht möglich. Des Weiteren unterstreicht der Autor, dass die konkrete Umsetzung der Kinderrechte Aufgabe von Kommunen ist. Er betont, dass es  eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre ist, die Kinderrechte in der konkreten alltäglichen Planung und Arbeit in den Kommunen zu verankern.

In Auseinandersetzung mit der Frage, ob Kinderrechte ins Grundgesetz aufgenommen werden sollten, offeriert Lore Maria Peschel-Gutzeit zahlreiche Pro-Argumente. Beispielsweise könnte darüber sichergestellt werden, dass Kinder als Grundrechtsträger anerkannt sind. Im Sinne der UN-Kinderrechtskonvention fokussiert die Autorin nicht lediglich auf Schutzrechte, sondern auch auf das Recht auf bestmögliche Förderung und Teilhabe. Peschel-Gutzeit unterstreicht, dass die Aufnahme der Kinderrechte in das Grundgesetz die Bedeutung der Kinder für die Gesellschaft unterstreicht. Darüber, dass Kindern eigene Persönlichkeitsrechte eingeräumt werden, würde sich langfristig die gesamte politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland verändern.

Gegen eine Verankerung der Kinderrechte im Grundgesetz spricht sich Friederike Wapler aus, da dies  lediglich symbolischen Charakter hätte. Aus ihrer Perspektive sind bereits jetzt die Rechte von Kindern hinreichend abgesichert. Um Kindern tatsächlich zu helfen, bedürfte es vielmehr einer Politik, die die Rechte der Kinder konsequent umsetzt. Unumgänglich ist hier nach Meinung der Autorin ein Diskurs, der sich konsequent mit den Möglichkeiten und Bedingungen befasst, die die Entwicklung und Entfaltung von Kindern möglichst optimal unterstützen.

Hier können Sie das ganze Heft kostenlos downloaden.

In seinem Beitrag Schutzrechte für Kinder zeigt Heinz Kindler Forschungslücken auf. Es gibt nur wenige Befunde zur Umsetzung der Kinderrechte. Die Tatsache, dass Kinder in der UN-Kinderrechtskonvention weniger „als schutzwürdige (potentielle) Opfer“ denn als „handlungsfähige Akteure“ betrachtet werden, macht er als eine Ursache dafür aus, dass die Umsetzung von Schutzrechten in Deutschland und anderen Industrienationen kaum überprüft wird. Diese Sichtweise birgt zugleich die Gefahr, dass Opfererfahrungen von Kindern nicht in den Blick geraten. Dennoch ist festzustellen, dass sowohl die Gewalt in der elterlichen Erziehung als auch die alltägliche Gewalt von Kindern untereinander in der Schule rückläufig ist. Weniger eindeutig ist ob auch schwere Gewalt gegen Kinder in Deutschland rückläufig ist. Wenige Erkenntnisse existieren darüber, wie viele Kinder Opfer von sexuellen Übergriffen werden und insbesondere dazu, wie viele Kinder Vernachlässigung erfahren. In Deutschland ist ein vergleichsweise niedrigschwelliges System mit Hilfen zur Erziehung implementiert. Dieses hat möglicherweise präventiven Charakter und führt dazu, dass wesentlich weniger Minderjährige hinsichtlich einer Gefährdung überprüft werden als beispielsweise in angloamerikanischen Ländern. Der Autor mahnt an, Wirkforschung voranzutreiben, um die Folgen langfristiger Vernachlässigung auszumachen und eine Qualitätsentwicklung voran zu treiben, die die Verwirklichung von Schutzrechten unterstützt.

Auf dem Weg zu mehr Chancengleichheit lautet der Titel des Beitrages von Mariana Grgic und Thomas Rauschenbach. Sie konstatieren, dass das Recht auf institutionalisierte Bildung im Bereich der frühkindlichen Bildung dazu geführt hat, dass die Betreuungsquote der Kinder unter drei Jahren deutlich angestiegen ist und nahezu alle Kinder vor dem Grundschuleintritt den Kindergarten besuchen. Kinder aus Familien mit einem vergleichsweise geringen formalen Bildungsstand nehmen jedoch nach wie vor noch deutlich seltener und später an entsprechenden Angeboten teil. Herausgestellt wird, dass noch immer ein deutlicher Zusammenhang zwischen den Bildungsabschlüssen der Eltern und dem, den ihre Kinder erzielen, festzustellen ist. Ebenso erreichen Kinder mit Migrationshintergrund durchschnittlich niedrigere Bildungsabschlüsse oder werden häufiger von der Einschulung zurückgestellt – hier zeigt sich deutlicher Handlungsbedarf. Des Weiteren wird die vergleichsweise geringe Lesekompetenz deutscher Kinder und Jugendlicher als Gefahrenstelle für die selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ausgemacht.

Ursula Winklhofer und Bernhard Kalicki unterstreichen in ihrem Beitrag Beteiligung – mehr als ein Lippenbekenntnis, dass in Deutschland noch viel dafür getan werden muss, damit Kindern Teilhabe in zufriedenstellendem Maße ermöglicht wird. Dabei geht es um Mitwirkung und Mitentscheidung in Bereichen ihres eigenen Lebens. Im privaten Umfeld haben Kinder und Jugendliche bereits  verhältnismäßig große Mitgestaltungsmöglichkeiten, wenngleich Kinder aus bildungsfernen Familien hier etwas schlechter abschneiden. Die Mitwirkungsmöglichkeiten in der Schule werden von den Kindern  und Jugendlichen hingegen als unzureichend betrachtet, obschon die Beteiligung beispielsweise durch Landesschulgesetze abgesichert ist. Mit dem seit 2012 geltendem Kinderschutzgesetz ist die Beteiligung auch in Kindertageseinrichtungen strukturell verankert.

Das Interesse an der Beteiligung von Kindern in Kita und Schule steigt. Zugleich nimmt es in den Kommunen ab. Die Autoren unterstreichen, dass es gilt, Teilhabe strukturell zu verankern, Entscheidungsbereiche von Kindern klar zu umreißen und dass Erwachsene ihre Verantwortung gegenüber Kindern wahrnehmen und auch transparent machen, was in ihrem Entscheidungsbereich liegt.


 

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