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Aus- und Weiterbildung
15.05.2016  

Männeranteil an einzelnen Fachschulen steigt bis auf 40 %

Steigende Männerzahlen an den Fachschulen für Sozialpädagogik lassen für die Zukunft auf ausgeglichenere Geschlechterverhältnisse unter den Fachkräften in deutschen Kindertages­stätten hoffen. In Berlin und Hamburg ist bereits fast ein Viertel der Ausbildungsstarter männlich. Mit etwa zwölf Prozent Männern im Fachschuljahrgang 2013/2014 sind Bayern und Baden-Württemberg Schlusslichter im Ländervergleich. Doch auch im Süden der Republik ließen sich mehr Männer für den Erzieherberuf gewinnen.
Das macht die Freie Duale Fachschule für Pädagogik (FDFP) in Stuttgart und Karlsruhe deutlich: Sie verzeichnet im aktuellen Jahrgang einen Männeranteil von 32 Prozent (Stuttgart) und 40 Prozent (Karlsruhe). Leiterin Eva Lang erläutert, was das Schulkonzept auszeichnet und für Männer attraktiv macht.
 
Frau Lang, im Landesmittel waren in Baden-Württemberg 2013 knapp zwölf Prozent der Personen, die eine Ausbildung zum Erzieher oder zur Erzieherin aufnahmen, männlich. An Ihrer Freien Dualen Fachschule für Pädagogik waren es 2013 und 2014 rund 23 bzw. 28 und 2015 sogar gut 35 Prozent. Wie erklären Sie sich die Differenz?
 
Eva Lang: Ein Aspekt ist sicherlich, dass wir am baden-württembergischen Schulversuch beteiligt sind und eine sogenannte praxisintegrierte Ausbildung (kurz: PIA) anbieten. Das heißt konkret: Theoriephasen in der Fachschule wechseln sich mit Praxisphasen in der Kita ab. Das sonst übliche Praxisjahr ist in die dreijährige Ausbildung integriert. Außerdem gibt es von Beginn an ein Ausbildungsgehalt. Die meisten PIA-Fachschulen im Land verzeichnen mehr männliche Fachschüler als sonst in Baden-Württemberg üblich. Da die Differenz aber in der Regel nicht sehr groß ist, reicht das als Erklärung alleine nicht aus.
 
Welcher Faktor könnte außerdem eine Rolle spielen?
 
Eva Lang: Wir führen den großen Zuspruch von Seiten der Männer auf das moderne Lehr- und Lernkonzept unserer Fachschule zurück. Jeder Fachschüler und jede Fachschülerin erhält einen Lernpass, der auf der Basis des Lehrplans die relevanten Lernfelder transparent macht. Die Bezugslehrkräfte begleiten „ihre“ Fachschülerinnen und Fachschüler über die gesamte Ausbildungsdauer und sprechen in monatlichen Einzelgesprächen mit ihnen über ihre Lernfortschritte. Der Unterricht basiert auf modernen Lernmethoden. Beispielsweise bieten unsere Lehrerinnen und Lehrer vermehrt selbstorganisierte Lernformen und Projektlernen an. Die Lehrkräfte übernehmen dabei die Rolle von Lernbegleiterinnen und -begleitern. Eine den Unterricht begleitende Wissens- und Austauschplattform im Internet macht Informationen für alle einfach zugänglich und fördert die Vernetzung untereinander. Die Verzahnung von Theorie und Praxis ist uns besonders wichtig. Schule und Praxisstelle arbeiten in engem Austausch. Ein eigenes, zusätzliches Unterrichtsfach „Theorie-Praxis-Transfer“ macht Praxiserfahrungen für das theoretische Lernen fruchtbar.
 
Wer sich bei uns bewirbt, hat sich in aller Regel mit unserem Konzept vertraut gemacht und sich ganz bewusst dafür entschieden. Viele unserer Bewerberinnen und Bewerber haben vorher bereits einen Beruf ausgeübt oder hatten ein Studium begonnen. Sie schätzen dann das begleitete Selbstlernen an der Freien Dualen Fachschule für Pädagogik. Da sich Männer vielfach erst im „zweiten Anlauf“ für den Erzieherberuf entscheiden, ist ihr Anteil an dieser Gruppe überdurchschnittlich hoch.
 
Haben Sie Ihr didaktisches Konzept bewusst auf diese Zielgruppe abgestimmt?
 
Eva Lang: Unser Konzept hat eigentlich einen anderen Hintergrund: Es korrespondiert mit dem pädagogischen Konzept element-i, das die Kindertagesstätten umsetzen, mit denen wir vor allem zusammenarbeiten und die den Großteil der Praxisstellen bieten. Im element-i-Kita-Konzept, ähnlich wie in anderen aktuellen elementarpädagogischen Konzepten, begleiten Erzieherinnen und Erzieher die Lernprozesse der Kinder und unterstützen sie in ihrer Forschungsfreude und ihrem Entdeckungsgeist. Dies können angehende Fachkräfte am besten lernen, wenn sie selbst Erfahrungen in einem vergleichbaren Lernumfeld machen. So wird theoretisches mit praktisch-persönlichem Lernen verknüpft. Das ist besonders effektiv. Karlheinz Geissler hat dafür den Begriff „pädagogischer Doppeldecker“ geprägt.
 
Dass wir mit diesem Konzept Männer sowie Menschen mit umfangreicherer Lebens- bzw. mit Berufserfahrung besonders ansprechen, ist durchaus ebenfalls gewollt. Die element-i-Kinderhäuser legen großen Wert darauf, möglichst vielfältige Kita-Teams zu bilden. Geschlecht, Alter, kultureller und beruflicher Hintergrund, besondere Interessen: Das sind dabei alles wichtige Aspekte. Eine solche Vielfalt unter den Erzieherinnen und Erziehern macht breiter gefächerte Bildungsimpulse möglich. Davon können die Kinder sehr profitieren.
 
Für die Zielgruppe der Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger mit anderweitiger Berufserfahrung machen übrigens die element-i-Kinderhäuser ein besonderes Angebot: Sie können ein erhöhtes Ausbildungsgehalt beziehen. Etwa ein Viertel der Fachschülerinnen und Fachschüler an der FDFP nutzt diese Möglichkeit. Manche sind sogar extra deswegen aus einem anderen Bundesland nach Stuttgart bzw. Karlsruhe gezogen.
 
Wie viele Fachschulplätze haben Sie jährlich zu vergeben und wie gestalten Sie die Auswahl?
 
Eva Lang: Wir haben insgesamt 40 Plätze pro Jahrgang: 20 in Stuttgart und 20 in Karlsruhe. Auf jeden Platz kommen etwa fünf Bewerbungen. Wir führen ein mehrstufiges Auswahlverfahren mit Assessmentcenter, Gruppenarbeit und Einzelgesprächen durch und entscheiden uns für die Menschen, die uns fachlich und persönlich am geeignetsten erscheinen.  Dabei achten wir auf Vielfalt in der Klassenzusammensetzung.
 
Wie ist Ihr Eindruck: Bleiben die Männer, die an Ihrer Fachschule die Ausbildung zum Erzieher abgeschlossen haben, längerfristig in diesem Arbeitsfeld? Oder beobachten Sie Abwanderungstendenzen?
 
Eva Lang: Ohne das durch genaue Zahlen belegen zu können, würde ich aus unserer Erfahrung heraus sagen, dass die Mehrzahl der Männer nach dem Ausbildungsabschluss ihren Kitas bzw. dem Arbeitsfeld treu bleiben. Wir fragen seit einiger Zeit in den Bewerbungsgesprächen immer nach den weiteren Zukunftsplänen. Auch dort zeigt sich: Die Männer haben sich vielfach – oft nachdem sie andere Ausbildungs- und Berufs-Möglichkeiten für sich getestet und verworfen haben – entschieden, mit Kita-Kindern zu arbeiten und möchten das auch langfristig beibehalten. Interessanterweise sind es eher die Frauen, die zum Beispiel planen, im Anschluss an eine Arbeitsphase als Erzieherin noch zu studieren.
 
Wie beurteilen Sie die aktuellen Rahmenbedingungen für freie pädagogische Fachschulen? Haben Sie Veränderungswünsche?
 
Eva Lang: Dass es das PIA-Modell in Baden-Württemberg gibt, finde ich sehr positiv. Es hat sich aus unserer Sicht voll bewährt und sollte verstetigt werden. Was freie Schulträger jedoch bei der Umsetzung vor große Schwierigkeiten stellt, sind die Anforderungen an die Lehrkräfte. Zwei Drittel von ihnen benötigen eine schulpädagogische Qualifikation, sprich das zweite Staatsexamen oder eine - schwer zu erlangende - gleichwertige Ausbildung. Entsprechendes Personal ist jedoch quasi nicht zu finden. Außerdem habe ich eine Forderung, die wohl so alt ist, wie das freie Schulwesen: Staatliche und freie Schulen erfüllen die gleichen Aufgaben und sollten auch die gleichen Zuschüsse bekommen. Zurzeit liegt der Fördersatz für freie Schulen noch bei ca. 80 Prozent dessen, was staatliche Einrichtungen erhalten.
 
Bedeutet das, dass die Fachschülerinnen und Fachschüler an der FDFP Schulgeld zahlen müssen?
 
Eva Lang: Nein, unsere Schule erhebt keinerlei Gebühren bei den Schülerinnen und Schülern. Das würde Hürden aufbauen. Die Praxisstellen erbringen dafür einen Beitrag zum Schulbetrieb. Wir finden es wichtig, dass die Ausbildung zur Erzieherin bzw. zum Erzieher möglichst allen Interessierten offensteht.
 
Frau Lang, wir danken Ihnen für das Gespräch.
 
 
Hintergrund:
Freie Duale Fachschule für Pädagogik, Website
www.freiedualefachschule.de
Männeranteil in Fachschulen für Sozialpädagogik nach Bundesländern, Informationen auf der Website der Koordinationsstelle Männer in Kitas
http://mika.koordination-maennerinkitas.de/forschung/maenneranteil-fachschulen/
 
 

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