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Personal/Team
17.05.2016  Franziska Böl, Svea Carsten, Anja Heinrich, Julia Nagel

Gesundheitsförderung im Fokus - Ein Praxisprojekt

Für viele Erzieherinnen steht die Gesundheit der Kinder vor der eigenen – ein Standpunkt, der revidiert werden muss: Die Gesundheitsförderung der Fachkräfte muss mehr Beachtung finden, wir brauchen zufriedene, langfristig einsatzfähige und belastbare Erzieherinnen in den Kitas! Im Rahmen eines Praxisprojektes führten wir therapeutische Maßnahmen mit den Erzieherinnen einer Kita durch und informierten über finanzielle Förderungen für gesundheitsfördernde Projekte.


„Change Management“ – so hieß das interdisziplinäre Praxisprojekt mit dem Motto „Veränderungen anregen und Neues ausprobieren“, welches wir im Rahmen unseres Studiums zum Bachelor of Science im Studiengang Ergo-/Physiotherapie durchführten. Wir vier waren bereits mit der Arbeit pädagogischer Fachkräfte in Kitas vertraut und uns interessierte zudem der interdisziplinäre Ansatz zwischen der Physio- bzw. Ergotherapie und der Arbeitspraxis der Erzieherinnen. So entstand unsere Projektidee, im Feldversuch zu erproben, wie die Gesundheit von pädagogischen Fachkräften durch therapeutisch angeleitete Maßnahmen in den Einrichtungen unterstützt und gefördert werden kann.
 

Das Projekt
Vorbereitungen

Unser Projekt, das wir nun beschreiben, führten wir mit einem Kita-Team durch. Aus unseren verschiedenen Angeboten – Maßnahmen zur Entspannung, Rückenschule sowie Wahrnehmungsschulung und Ergonomie am Arbeitsplatz – suchte sich das Team das Entspannungsangebot aus; ihr Bedürfnis nach Stressreduzierung war am größten. Gemeinsam entschieden wir uns für die Räumlichkeiten, die uns im Verlauf des Projektes zur Verfügung stehen sollten, und vereinbarten dann drei Treffen für je eine Dreiviertelstunde im Rahmen der monatlichen Teambesprechungen.
 

Die Treffen

An den drei Terminen nahmen zwischen neun und vierzehn Erzieherinnen teil. In der ersten Einheit vermittelten wir zunächst einige notwendige Grundlagen zu den Themen „Stress“ und „Entspannung“ anhand der Fragen: Welche stressauslösenden Faktoren gibt es im Allgemeinen und welche speziell im frühpädagogischen Berufsalltag? Was kann man dagegen tun, welche Entspannungsmöglichkeiten gibt es? Anschließend zeigten wir den Teammitgliedern ausgesuchte Übungen, die zwischendurch, im Kita-Alltag durchgeführt werden sollten.
Zu Beginn unseres zweiten Treffens wollten wir in einer Feedbackrunde zunächst erfahren, ob und wie die Teammitglieder die gezeigten Übungen in den Alltag integrieren konnten. Hier wurde berichtet, dass die Zeit im Kita-Alltag meist zu knapp ist um an seine eigene Gesundheit zu denken bzw. auf sein eigenes momentanes Wohlbefinden zu achten. Die Teilnehmer berichteten jedoch auch, zumindest in den Schlafpausen oder wenn alle Kinder beim Essen versorgt waren, einmal kurz aber bewusst durchgeatmet zu haben. Zudem wünschten sich die Erzieherinnen einige Anleitungen für Entspannungsübungen für die Kinder, welche nur im Gespräch kurz zusammengetragen wurden.


Im Mittelpunkt dieses zweiten Treffens stand jedoch die Vorstellung der Progressiven Muskelrelaxation (PMR) in Anlehnung an Jacobsen (Stressreduzierung durch An- und Entspannung einzelner Muskelpartien). Nach einer kurzen Einführung teilten wir die Gruppe und führten mit den Erzieherinnen die kurze Variante der PMR durch (sieben Übungen). Da dieser Ansatz etwas mehr Zeit und Ruhe erfordert, als im normalen Kita-Alltag möglich ist, wurden die Erzieherinnen angehalten z. B. nach einem stressigen Tag dies vor dem Schlafengehen bewusst anzuwenden um zur Ruhe zu kommen. Nach Möglichkeit sollten die Erzieherinnen nun die verschiedenen Übungen aus den zwei Treffen in ihren Alltag integrieren. Eine Feedbackrunde zu den gemachten Übungen beendete diese Sitzung.


Rückmeldungen über die gesammelten Erfahrungen der letzten Wochen leiteten unser drittes und letztes Treffen ein. Allgemein berichteten die Erzieherinnen, dass sie sich nun intensiver mit dem Thema Entspannung beschäftigten. Es sei im Kita-Alltag zwar nicht immer möglich viele Übungen zu machen, aber wenn man die Entspannung im Hinterkopf hat, ergeben sich wohl doch einige Situationen, in denen einmal mehr bewusst geatmet wird, wie z. B. beim Gang in den Garten. Anschließend führten wir Übungen zur aktiven Entspannung und Dehnung durch: Lockerungsübungen im Sitzen (Zehenspitzen auf und ab im Sekundentakt bewegen, dazu die Hände öffnen und schließen (bei diesen Übungen kann der gesamte Körper mit einbezogen und der Kreislauf in Schwung gebracht werden); verschiedene, angeleitete Dehnlagen, z. B. die „Mondlage“ sowie die „Rücken-Drehdehnlage“ (hierbei wird die Muskulatur gedehnt und die Atmung vertieft, während die Wahrnehmung auf die veränderte Muskelspannung gelenkt wird). Das Abschlussfeedback der Erzieherinnen zu diesen Übungen war sehr positiv. Zum Weiterüben erhielten sie von uns einen Ordner mit den notwendigen theoretischen Hintergrundinformationen und Übungsbeschreibungen.


Zwei Übungen für Erzieherinnen

An- und Entspannungsübungen:
 Anspannen der Fäuste (gut bei
innerlicher Anspannung, Wut) für 5-7 Sekunden halten
 bewusst locker lassen und ruhig/ bewusst weiteratmen
 1-2 Wiederholungen


Mondlage (rechte Seite):
 Rückenlage
 Füße/Beine in kleinen Schritten nach links führen
 linkes Bein über das rechte schlagen
 Arme über die Seite über den Kopf führen
 linke Hand umgreift das Handgelenk und zieht den rechten Arm nach links
 linke Hand neben den Köper legen, rechte Hand bleibt oben
 in die Flanke und den Bauch atmen
 Lagerung mit Armen und Oberköper beginnend auflösen


Die Integration von Entspannungsübungen in den Berufsalltag der am Projekt beteiligten Erzieherinnen war schwierig, deren Notwendigkeit wurde jedoch von allen Beteiligten bestätigt. Wie diese gesundheitsfördernden Übungen in den Alltag integriert werden können bzw. mit wessen Hilfe, muss jede Einrichtung bzw. jedes Team für sich entscheiden. Wir können Ihnen im Folgenden mit einigen Informationen zur Finanzierung solcher Maßnahmen weiterhelfen.


Finanzierungsmöglichkeiten

Marleen Thinschmidt stellte fest (2009, S. 7), dass Erzieherinnen kaum oder nur indirekt in den vorhandenen gesundheitsfördernden Projekten Beachtung finden. Meistens sind ihre Fort- und Weiterbildungen auf die Themen „Ernährung“ und „Bewegung“ für Kinder beschränkt. Sie wissen, wie gesundheitsförderndes Verhalten aussieht, den meisten fällt es jedoch aus unterschiedlichen Gründen schwer, dieses Wissen in ihren Alltag einzubinden.
Deswegen sind wir der Meinung, dass einrichtungsinterne Gesundheitsförderungen notwendig sind. Dafür sollte sich jedes Kita-Team z. B. im Rahmen einer Teamsitzung bewusst machen, in welchen Bereichen bei ihnen diesbezüglich Handlungsbedarf besteht, und gegebenenfalls externe Unterstützung einfordern.
Die Ziele einer betrieblichen Gesundheitsförderung fassen Albrecht und Thinschmidt (2009, S. 46) zusammen: Krankheitsrisiken sollen durch diese Maßnahmen gesenkt, gesundheitliche Ressourcen gestärkt und gesundheitsfördernde Strukturen entwickelt werden. Dieses könnte auch in Form von „Gesundheitszirkeln“ erfolgen – durch einen Zusammenschluss mehrerer Kitas zu einem anregenden Gruppengespräch mit der Entwicklung von gesundheitsfördernden Maßnahmen für die Mitarbeiterinnen.


Förderungsmöglichkeiten durch die Krankenkassen

Artikel 20 Sozialgesetzbuch (SGB) V bezieht sich auf die Primärpräventionen, welche durch die Krankenkassen erbracht werden müssen, um den Gesundheitszustand eines jeden Versicherten zu verbessern. Dieser individuelle Ansatz besagt also, dass die Gesundheitsvorsorge eines jeden Versicherten durch seine Kasse bezuschusst werden kann.
Welche Kosten genau von einer Krankenkasse übernommen werden, muss bei jeder einzelnen erfragt werden. Den Kassen ist gesetzlich vorgeschrieben, mindestens zwei Kurse pro Jahr aus den Handlungsfeldern Bewegung, Ernährung, Entspannung oder Entwöhnung (z. B. bei Rauchern) finanziell zu unterstützen (weitere Infos z.B. unter: www.gesundheitsbonus.de/kassenzuschuss).


Durch § 20a SGB V werden die Krankenkassen zur Unterstützung der betrieblichen Gesundheitsförderung angehalten. Somit kann die gesundheitliche Situation der Mitarbeiter, einschließlich ihrer Risiken und Potenziale, erhoben und Vorschläge zur Verbesserung und Stärkung der individuellen gesundheitlichen Ressourcen und Fähigkeiten entwickelt werden. Das erfolgt durch die Beteiligung der Versicherten und der Verantwortlichen in den Einrichtungen.
[Kasten]
Zu Bedenken ist dabei, dass die Mitarbeiterinnen einer Einrichtung in verschiedenen Krankenkassen versichert sind. Deswegen muss sich jede Kita im Vorfeld einer solchen Maßnahme mit den unterschiedlichen Krankenversicherungen abstimmen, um ein gemeinsames Konzept für die Planung und Finanzierung zu entwickeln. (Albrecht, Thinschmidt 2009, S. 47).
 

Förderungsmöglichkeiten durch die Arbeitgeber

Die Arbeitgeberin kann nach § 3 Nr. 34 des Einkommensteuergesetz (EStG) bis zu 500 Euro für jede Arbeitnehmerin pro Jahr steuerfrei zur Verfügung stellen, so-lange es den Anforderungen der §§ 20 und 20a entspricht. Diese Regelung ist somit ein Vorteil für beide Seiten, denn die Arbeitgeberin kann die Lohnnebenkosten reduzieren, während die Arbeitnehmerin es zu ihrer gesundheitlichen Förderung nutzen kann. Diese Gelder können z. B. für die Inanspruchnahme von innerbetrieblichen Gesundheitsaktivitäten genutzt werden (vgl. EstG).


Ein Beispiel ist die Nutzung des Betrieblichen Gesundheitstickets. Bei diesem Modell kann jede sozialversicherungspflichtig Beschäftigte eines Betriebes ihr eigenes Kontingent (bis zu 500 Euro pro Jahr) ausschöpfen. Es wird ähnlich wie eine Handy-Prepaid-Karte von der Arbeitgeberin aufgeladen und die Mitarbeiterinnen können selbstständig außerhalb des Unternehmens und außerhalb der Arbeitszeit individuelle Kurse bezahlen. Hier stehen nur bestimmte Kooperationspartner zur Verfügung, mit Angeboten von Autogenem Training, über Massagen oder Gruppenangeboten wie Yoga. Dieses Modell ist sowohl für große, als auch für kleine Unternehmen sinnvoll, da jede Teilnehmerin individuell nach ihren Bedürfnissen wählen kann und die Arbeitgeberin einen genauen Überblick über die Ausgaben für das Gesundheitsmanagement hat.
(Weitere Infos: www.betrieblichesgesundheitsticket .de/index.php/das-ticketsystem)


Mit Geduld und Beharrlichkeit zum Ziel

Für die berufliche Zukunft der angestellten Erzieherinnen ist unter anderem das gesundheitsfördernde Bewusstsein der Einrichtungsträger entscheidend. Sie sollten bedenken, dass nicht nur die Gesundheit der Kinder gefördert werden muss, sondern ebenso die des pädagogischen Personals.
Bedacht werden muss auch, und zwar von allen Beteiligten, dass Geduld und Beharrlichkeit erforderlich sind, um ein dauerhaft gesundheitsförderndes Verhalten zu etablieren; alte Gewohnheiten lassen sich oft nur schwer ablegen und bleiben manchmal nicht für immer verschwunden. Deswegen sind es am ehesten die einrichtungsinternen Projekte – die täglichen, beharrlichen Erinnerungen –, die das Etablieren eines gesundheitsbewussten Verhaltens ermöglichen und somit nachhaltig dazu beitragen können, den Stress zu reduzieren.




Franziska Böl, Svea Carsten, Anja Heinrich und Julia Nagel, ausgebildete Ergo- und Physiotherapeutinnen und Studierende des Bachelor of Science an der „Alice-Salomon Hochschule Berlin“ im Studiengang Ergo-/Physiotherapie




Literatur
Albrecht, Regina/Thinschmidt, Marleen: Vom Autogenen Training bis zum Zeitmanagement. Welche Rolle haben die Krankenkassen? In: Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz (Hrsg.): Erzieherinnengesundheit. Handbuch für Kita-Träger und Kita-Leistungen. S. 43-48. Zentraler Broschürenversand der Sächsischen Staatsregierung, 2009.


Thinschmidt, Marleen: Notwendigkeit von Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie Gesundheitsförderung bei Personal in Kindertagesstätten. In: Sächsisches Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz (Hrsg.): Erzieherinnengesundheit. Handbuch für Kita-Träger und Kita-Leistungen. S. 7-12. Zentraler Broschürenversand der Sächsischen Staatsregierung, 2009

Quelle: klein & groß - Das Kita-Magazin, 05/16, Seite 52-55



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