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Ästhetische Bildung
29.05.2016  Gabriele Kubitschek

Farbe fühlt sich gut an! Kinderkunst in der Krippe

Malen, Kneten – Matschen! Mit den Kindern werkeln und basteln hat mir schon immer viel Freude gemacht. Dann, nach mehr als 15 Jahren als Erzieherin im Kindergarten und Hort, einer sprachtherapeutischen Zusatzausbildung und vielen Jahren als Malerin habe ich mich 2001 mit einem kreativen Sprachförderkonzept der Kinderwerkstatt für Kinder von 3-9 Jahren selbstständig gemacht. Meine Erfahrungen mit U3 Kindern waren bis dahin eher oberflächlich. Und so konnte ich mir lange nicht vorstellen mit ihnen zu arbeiten, für sie ein Konzept zu gestalten. Doch unverhofft kommt eben oft.
Ursprünglich waren Inhalt und Methodik des BIM-BAM-BINI® Konzepts stark an meine Logopädieausbildung angelehnt. Doch mit den Jahren ist das Konzept gewachsen und hat sich dabei erweitert. Vom gezieltem therapeutischen Sprachförderansatz, hin zu fantasievoller und bewegungsreicher Projektarbeit, eingebettet in ein Basisgerüst mit viel Freiraum für Fragen, Wünsche und Ideen der Kinder und mit ko-konstruktivem Grundgedanken.

So entdecken wir beispielsweise Schnecken im Park, überlegen, was sie wohl gerne fressen und wo sie wohnen, wenn es regnet.  Daraus entstehen dann direkt im Park oder auch später im Atelier Zeichnungen, Schneckenhäuser aus Salzteig, Pläne für Schneckenaufzüge und oder wir entwickeln eine eigene Schneckengeschichte und basteln ein Buch daraus und vieles mehr. 

Ähnlich wie in den Lernwerkstätten geht es darum, die Kinder Materialien/Themen zuerst selbst entdecken und auswählen zu lassen, ihre Impulse aufzugreifen und sie im Schaffensprozess, zu begleiten. Wortschatzerweiterung, richtige Satzbildung und die Freude an der Sprache und an Kommunikation ergeben sich so ganz leicht und wie selbstverständlich.

Dann, vor ca. einem Jahr, erhielt ich eine Anfrage für ein Kinderkunstprojekt in einer Krippe. Das Krippenteam wünschte sich den aktiven Wortschatz der Kinder zu erweitern; Sinne und Geschicklichkeit insgesamt zu stärken sowie die Kinder in ihrer Gesamtpersönlichkeit (Resilienz) zu stärken. Wichtig war auch, den Eltern anhand der Aktionen im Kinderatelier den hohen Stellenwert von Kreativität, Ästhetischer Erziehung und Gestalten als Bildungsbausteine nahe zu bringen.

Dass Krippenkinder gerne Matschen war mir klar, doch ich hatte keine wirkliche Vorstellung davon wie lange sich Kleinstkinder auf ein Thema/Material konzentrieren können und wie lange ihre Ausdauer ist,. welche Fragen sie interessieren oder welche Basteltechniken in diesem Entwicklungsalter überhaupt sinnvoll eingesetzt werden sollen. Im Grunde war es für mich selbst ein spannendes Experiment mit offenem Ausgang!

Doch schon beim ersten Termin haben mir die Kinder schnell klar gemacht, was so alles in ihnen steckt. Und das war viel mehr, als ich erwartet hatte! Ihre große Freude am Werkeln und Basteln haben mich überrascht, aber vor allem, habe ich nicht mit der großen Bereitschaft gerechnet, mit der sie an neue Anregungen herangehen und sie ruckzuck aufnehmen können. Spontan – spielerisch und sehr kreativ finden sie Ideen und Lösungen, die manchmal sogar beinahe wissenschaftlich methodisch anmuten. Ich war und bin begeistert! Und so möchte ich von einem der ersten Vormittage berichten. Ein Vormittag, der für mich zu einem unerwarteten Schlüsselerlebnis geworden ist. 

Unser Thema war der Versuch, eine erste „Gemeinschaftsarbeit“ zu gestalten - was an sich schon eine Herausforderung für die Kleinen ist. Geplant war das Thema Malen auf Papier mit zwei Grundfarben: Rot und Gelb! Dazu gab es dicke kurze Pinsel, Temperafarben und Tapetenkleister, den ich gemeinsam  mit den Kindern anrühren wollte. Eine also insgesamt komplexe Aufgabenstellung! Mitgemacht haben zwei Gruppen mit jeweils 4-5 Kindern im Alter zwischen 2:1 bis 2:9 Jahren.

Neben Farben, Pinseln, Wasser ect. gab es für jede Gruppe ein großes Blatt (70 x100cm) festes, weißes Papier. Die für mich spannendste Frage dabei war zunächst, wie die Kinder wohl mit der gemeinsamen Aufgabe zurecht kommen würden. Zur Sicherheit habe ich noch Ersatzblätter mitgebracht für den Fall, dass die Kinder mehr malen möchten als gedacht oder einfach in zweier Gruppen aufgeteilt werden, weil es in der großen Gruppe doch nicht funktioniert.
 

Der Tapetenkleister wird angerührt

 
Es ist Dienstag und draußen schneit es! Die Kinder und ich sitzen gemeinsam um einen viereckigen Tisch.
 
Zur Begrüßung erzähle ich ihnen, dass ich heute für sie Kleister, Farben und Papier mitgebracht habe.
„Was möchtet ihr damit machen?“.  „Malen!“.  Wieso man dazu Kleister braucht, ist ihnen erwartungsgemäß noch nicht klar. Ich erzähle ihnen, dass Kleister die Farben noch leuchtender macht und sie mehr glänzen werden als ohne.
 
Wir beginnen damit, den Tapetenkleister anzurühren. Jedes Kind macht mit und betrachtet, was sich mit der Zeit verändert, wenn sich Wasser und Kleisterpulver miteinander verbinden.
 
Jetzt hole ich das Papier. Es hat zwei Seiten, eine glänzende und eine matte. „Welche Seite wollt ihr zum Malen“. „Die glänzende!“. Die Kinder betrachten die glänzende Oberfläche genauer. „Wie Schnee!“ meint Jonas und alle beginnen spontan mit Händen und Fingern sachte über die glitzernde Seite des Papiers zu streichen.
 
Mit halbierten Küchenschwämmen tragen die Kinder zuerst den Tapetenkleister auf das Papier auf. „Da noch!“,, bestimmt Jimmy, und Mila macht sofort mit. Bald ist das ganze Blatt mit Kleister voll. Teils mit dicken, teils mit dünnen Kleisterschlieren.
 

Was brauchen wir jetzt?


„Farben, da!“. Sie zeigen auf das Regal.  Gut, wir haben rote Farbe und gelbe Farbe. Doch Maliah möchte „Blau!“.  Das war zwar so nicht geplant, aber ein Versuch kann ja nicht schaden denke ich mir. Jedes Kind darf sich nun seine erste Lieblingsfarbe wählen, mit der es startet. Ich gebe die Farben in kleine Plastikschüsselchen und reiche sie dann dem jeweiligen Kind.  Geplant ist, dass jedes Kind soviel von der Farbe nutzt wie es möchte und anschließend seine Farbschüssel samt Pinsel in die Mitte des Tisches stellt, um sich eine andere Farbe auszuwählen. Doch das Töpfchen umzuwechseln fällt ihnen schwerer als ich dachte. „Jetzt Rot!“ fordert Maliah und auch die anderen halten ihren Pinsel und Farbtopf fest. So gebe ich ihnen ihre neue Lieblingsfarbe direkt in das Töpfchen. Die Folge ist, dass Mischfarben entstehen.
 
Franca jauchzt „Schau braun!“ Mir war bis dahin nicht klar, dass sie diese Farbe überhaupt kennt. Die anderen möchten wissen, wie sie das geschafft hat und beginnen die noch feuchten rot-gelb blauen Farbflächen auf dem Papierblatt mit ihren Pinseln intensiv zu verbinden und zu vermischen. Bald ist das Blatt voller orangeblauer Brauntöne, mit kleinen roten und gelben Farbinseln dazwischen. 
 
Franca drückt nun ihre beiden Hände in die dicke Farbkleisterschicht und reibt sie hin und her und im Kreis. „Farbe fühlt sich gut an!“ jauchzt sie und sieht mich glücklich an.
 
Sebastiano bemalt währenddessen intensiv seine beiden Hände mit blauer Farbe und drückt sie anschließend fest in den Farbbrei, Maliah macht mit und ich hoffe, dass die Ärmel der Kinder dabei nicht doch noch nach vorne Richtung Schürzenbündchen rutschen.
 
Unsere Atelierzeit ist beinahe vorüber, als die Kinder entdecken, dass man mit Fingern Muster ins bemalte Blatt „kratzen“ kann.  Jimmy ist noch immer mit dem Pinsel beschäftigt, mit dem er zielgenau in die  Farbschichten hinein stempelt.
 
„Jetzt noch Glitzer, roten“.  „Nein Blau!“  Sebastiano und Franca sind sich nicht einig und so gibt es beide Glitzerfarben.

Das Ergebnis: Ein Kunstwerk

 
Und schon ist unser Bild für heute fertig, ein wahres Kinderkunstwerk. Und alle fünf haben es wirklich geschafft, gemeinsam das Papier friedlich zu bemalen. Ich nehme mir für unser nächstes Treffen vor, Puddingfarbe mitzubringen, dann können sie die Farben mit ihren Händen noch ausgiebiger verschmieren. Das gemeinsame Aufräumen gelingt nur teilweise. Jedes Kind legt die farbdicken Pinsel in eine große vorbereitete Schüssel und die kleinen Farbtöpfe obendrauf. Mehr geht heute nicht, weil ihre Hände einfach voller Farbe sind.
 
So geht es jetzt erstmal ab zu den Waschbecken! Und anschließend schauen wir uns noch mal ihr Werk kurz an. Mehr Zeit haben wir leider nicht mehr, denn das Mittagessen startet pünktlich. Die Arbeit der Kinder findet wie immer im Eingangsbereich der Krippe ihren Ausstellungsplatz samt dazugehörenden Elternbrief.
 

Nicht nur Malen...

 
Die Erkenntnis mit wie viel Freude die Kinder aus den Atelierstunden gehen und wie ihr Selbstbewusstsein dabei wächst, war für mich schon immer beeindruckend. Als mir klar wurde, wie nachhaltig diese positiven Erfahrungen aus der Atelierwerkstatt auch mit in andere Bildungsbereiche hineinwirken, war das der Auslöser dafür, einen Weg zu suchen, um Kreatives Gestalten gezielt und bewusst mit dem Bereich Sprachbildung zu verknüpfen.
 
Dass dabei auch weitere Bildungsbereiche mit angesprochen werden entspricht der Ganzheitlichkeit der kindlichen Entwicklung.  Bildungsbereiche wie beispielsweise:  Motorische Fähigkeiten, Problemlösungsstrategien, soziales Verhalten und Gemeinschaftsgefühl, Freude an der Natur, an Experimenten und den Naturwissenschaften sowie vieles mehr.  
 
Die Fragen oder Beobachtungen der Kinder während der Atelierstunden bringen immer wieder Spannendes zu Tage das es zu erforschen gilt, nicht nur intellektuell!  „Wie kann man aus Ziegelsteinen rote Farbe machen? " "Warum leben Regenwürmer tief in der Erde und wie fühlen sie sich bei Regen?"  oder: „We viele Beine hat eine Spinne?“. Es gibt unendlich viele interessante Fragen und noch mehr Möglichkeiten, um darauf gemeinsam mit den Kindern eine Antwort zu finden. In der Atelierwerkstatt geht es nicht primär darum ein „ästhetisch schönes“ Kunstwerk mit den Kindern zu erarbeiten. Es geht um das Spiel mit den Materialien, um das Forschen und Entdecken dabei. Und, um die wohl motivierendste Frage überhaupt: „Was passiert wenn…“. 
 
Für die Kinder ist diese Art von Atelierarbeit eine spannende Reise hinein in das Leben, die Sprache und in das Lernen allgemein. Manchmal mit Überraschungen und manchmal mit wunderschönen Kinderkunstwerken, doch stets mit wachsender Freude am selbstbestimmten Experimentieren und Lernen, voller Konzentration und Ausdauer. Das Ergebnis sind glückliche Momente im Tun und Erleben!
 
 Die Autorin war über viele Jahre Erzieherin und ist jetzt als Malerin und  Weiterbildnerin in München tätig. Ihre Kinderkunstprojekte zur alltagsintegrierten Sprachbildung lehnen sich an den Bayerischen Bildungsplan an. Weitere Informationen: http://www.bim-bam-bini.de/Kinderkunst.html
 
 

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