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Digitale Bildung
30.05.2016  Gerd Lehmkuhl

Verlieren sich unsere Kinder im virtuellen Raum?

Die öffentliche Diskussion über die negativen Auswirkungen eines immer stärker zunehmenden Medienkonsums wird leidenschaftlich und kontrovers geführt. Werden unsere Kinder von den digitalen Medien um den Verstand gebracht?
Die Sorge ist nicht neu. Bereits 1983 beklagte Neil Postman „Das Verschwinden der Kindheit“ und Sabine Yörg postulierte 1987 in ihrem Buch „Per Knopfdruck durch die Kindheit“, dass die Technik unsere Kinder betrügt und ihre Zeiten von ihrer Freizeit beherrscht.

Was machen moderne Medien aus und mit unseren Kindern?

Die Antwort fällt nicht leicht und Müller-Lissner (2012) gelangt zu der lapidaren Feststellung: „Fernsehen, Smartphone, Computerspiele: elektronische Bilder können Quelle von Bildung sein. Allerdings nicht unter allen Umständen. Und nicht für Jeden.“ Sie spricht vom „Fluch und Segen des medialen Fortschritts“.
Inzwischen wissen wir einiges über die Auswirkungen des Medienkonsums auf körperliche Gesundheit, den Schlaf, die schulische Leistungsfähigkeit und den Zusammenhang mit psychischen Störungen. Ausgeprägter Medienkonsum bedingt einen deutlichen Bewegungsmangel, führt zu Übergewicht und erhöht langfristig das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes mellitus und Fettstoffwechselstörungen. Es besteht eine eindrückliche Beziehung zwischen der Medienausstattung von Viertklässlern und der Entwicklung von Übergewicht oder Adipositas. Darüber hinaus beeinflusst der Medienkonsum die Schlafqualität der Kinder. Sie berichten über längere Einschlafdauer, vermehrtes nächtliches Aufwachen, eine Verkürzung der Schlafdauer sowie über nächtliche Ängste. Auch die Leistungsfähigkeit ist betroffen: Je mehr ein Konsum digitaler Medien stattfindet, desto schlechter die späteren Leistungen. Als höchster Risikofaktor für schlechte Schulleistungen gilt der Konsum von Mediengewalt. Der Zusammenhang zwischen Medienkonsum und psychischen Störungen lässt sich nicht so eindeutig belegen.

Was ist Henne und was ist Ei?

Die Ergebnisse einiger Studien sprechen für höhere Raten von internalen Störungen wie Depressionen, Ängsten, aber auch Aufmerksamkeitsdefizitstörungen. Offen bleibt jedoch die Frage, in welche Richtung die Einflüsse wirksam sind: Führt beispielsweise eine Internetsucht zu mehr depressiven Symptomen oder zu Symptomen einer ADHS oder liegen die genannten Erkrankungen bereits vor und stellen möglicherweise spezifische Krankheitseigenschaften einen besonderen Risikofaktor für das Entstehen einer Internetsucht dar? Belegt ist allerdings der aggressionsfördernde Effekt von gewalthaltigen Filmen und Computerspielen. Es ist davon auszugehen, dass es durch exzessiven Gewaltkonsum zu Gewöhnungseffekten kommt, die zu Empathieverlust und Senkung von Hemmschwellen sowie zu aggressivem Verhalten führen.

Da sich die neuen Medien nachhaltig auf kognitive, soziale und emotionale Prozesse auswirken und sie die alltäglichen Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen wesentlich mit beeinflussen, kommt es darauf an, ihnen eine Anleitung zum kritischen Gebrauch und zur notwendigen Reflexion von „Kosten“ und „Nutzen“ zu geben.

Wie könnte also ein „gesundes inhaltliches und zeitliches Maß“ an Medienkonsum aussehen? Diese Frage ist umso mehr von Bedeutung, weil die digitalen Medien zum unverzichtbaren Bestandteil des täglichen Lebens geworden sind.

Wie können Eltern erfolgreich steuern und eingreifen?

Der Zeitpunkt eines sinnvollen Einstiegs ins Internet/Medien ist abhängig vom Entwicklungsstand des Kindes. Grundsätzlich gilt: die selbstständige Nutzung sollte erst in mehreren Lernschritten erfolgen. Die Eltern sollten alle Schritte begleiten und wissen, was ihr Kind mit den Medien macht und durch sie erfährt. Im nächsten Schritt empfiehlt sich die Heranführung an ausgesuchte Kinderseiten mit zeitlich begrenzter Nutzung. Das Einrichten eines Benutzerkontos mit eingeschränkten Zugangsrechten für das Kind ist hilfreich. Der Austausch und die Diskussion über die im Netz erlebten Inhalte sollte immer wieder gesucht werden. Wichtig ist, möglichst frühzeitig festzustellen, ob das Kind zu viel Zeit mit den Medien verbringt und ob hierdurch andere Freizeitaktivitäten vernachlässigt werden oder gar Leistungs- und Verhaltensprobleme auftreten.

Ein totales Medienverbot erweist sich häufig als wenig wirksam, weil die Kinder dann z.B. bei ihren Freunden spielen oder sich sonst Zugang zum Medienkonsum verschaffen. Und es kommt vor allem darauf an, dass sie in der Lage sind, ihren Medienkonsum eigenverantwortlich zu regeln. Und es darf nicht vergessen werden, dass auch die Erwachsenen, insbesondere die Eltern, ein wichtiges Modell für die Kinder und Jugendlichen darstellen, wie mit Medien umgegangen werden sollte.

Eltern und Bezugspersonen haben Vorbild-Funktion auch im Bereich Medien!

Wenn sich Vater und Mutter ständig mit dem Smartphone oder Laptop beschäftigen und ihren Medienkonsum selbst nicht kontrollieren können, stellen sie kein gutes Modell für ihre Kinder dar. Denn Zugang und Umgang von Kindern mit den modernen Medien ist in der Hauptsache von der Einstellung der Erwachsenen geprägt, vor allem derjenigen der Eltern und deren eigener Medienpraxis.
 
Literatur:
Frölich, J., Lehmkuhl, G. (2012): Computer und Internet erobern die Kindheit. Schattauer Verlag Stuttgart
 
Lehmkuhl, G., Frölich, J. (2013): Neue Medien und ihre Folgen für Kinder und Jugendliche. Z.Kinder-Jugendpsychiatr.Psychother.83-86         

© Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl für die Stiftung „Achtung!Kinderseele“
Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Achtung!Kinderseele“ und engagiert sich für die seelische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. www.achtung-kinderseele.org
 
                             


 

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