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Aus- und Weiterbildung
09.08.2016  Detlef Diskowski im Interview mit Betrifft KINDER

​ »Erziehen lernt man nicht auf der Schulbank …«

»Wie kann es sein, dass wir von individueller Bildungsplanung überzeugt sind, bei der Erzieherausbildung aber strikt auf Abschlüsse pochen?«, fragt sich der seit März pensionierte Referatsleiter Detlef Diskowski im Interview mit Betrifft KINDER. Mit seiner 24-jährigen Erfahrung im brandenburgischen Referat steht er dem Thema Seiteneinstieg sehr aufgeschlossen gegenüber.
Von Ihnen gibt es einen Beitrag mit dem Titel »Seiteneinsteiger – Notlösung oder Chance?« und deutlich war vernehmbar, dass Sie die Chancen betonen. 

Wir haben durch die unpopuläre anteilige Anrechnung der tätigkeitsbegleitend Ausgebildeten auf die Personalausstattung eine erhebliche Ausweitung dieser Qualifizierungsform erreicht – was ich für einen großen Erfolg halte. Man lernt auch nicht Schwimmen auf dem Trockenen und Erziehen lernt man nicht auf der Schulbank.


Entsprechend gestalteten Sie in Brandenburg Wege für den Seiteneinstieg mit – zum einen mit neuen Ausbildungsformen wie »Profis für die Praxis«, zum anderen, indem individuelle Bildungsgänge zur Fachkraft gefördert wurden. Können Sie diese beiden Wege beschreiben und welche Erfahrungen Sie in den letzten Jahren damit gemacht haben?

Ich bin der Überzeugung, dass wir Qualifikation im formalen Rahmen Schule und Hochschule brauchen. Aber gerade wir Kindheitspädagogen sind doch vom Wert informeller Bildungsprozesse überzeugt. Gilt das nicht auch für die Ausbildung? Wenn das nicht nur Scheinbekenntnisse sind – und wir im Grunde doch denken, dass man nur in der Schule klug wird – dann muss man für solche Bildungsprozesse Wege öffnen. Dagegen gab es in der Vergangenheit massive Widerstände, aber inzwischen spricht sich das auch in anderen Bundesländern rum.

Ja, wir haben Ausbildungsmodelle entwickelt, »Profis für die Praxis«, die eine Rhythmisierung von Seminar- und Praxisphasen vorsehen, die nicht nach dem Dienstplan der Kita oder den Organisationsmöglichkeiten der Oberstufenzentren, sondern von den Lernprozessen der Ausbildenden her konzipiert sind. Und – auch weil diese Kurse bisher nur über die Arbeitsförderung finanziert wurden – werden hiermit Arbeitslose angesprochen. Das hat uns in der Vergangenheit Hohn und Spott eingebracht. Auf einer Tagung habe ich gehört, in Brandenburg kann jetzt jeder Gerüstbauer Erzieher werden, weil im ersten Kurs ein Gerüstbauer dabei war. Das ist ebenso arrogant und ignorant wie die Kritik an den »Schlecker-Frauen«. Sind Menschen für Erziehungsaufgaben disqualifiziert, wenn sie mal Gerüste aufgebaut haben oder bei Schlecker gearbeitet haben? Welches Misstrauen an der Bildsamkeit von Erwachsenen wird an einer solchen Kritik deutlich?

Und die individuelle Bildungsplanung: Ist nicht die Individualisierung von Bildungsprozessen Stand der Fachdiskussion? Wenn ja, warum dann nicht auch für die Ausbildung? Warum wollen wir Menschen mit relevanten Vorkenntnissen und Vorerfahrungen noch einmal in eine Schulausbildung schicken, statt anknüpfend an dem, was sie wissen und können, den individuell zugeschnittenen Bildungsweg als Zugang zu erlauben?


Was ist der aktuelle Stand in Brandenburg?

Der Stand Ende 2015 war höchst erfreulich. Bis dahin waren im Ministerium knapp 3.000 Anträge von Seiteneinsteigern positiv beschieden worden, seitdem Ende 2010 die Möglichkeiten über die Kita-Personalverordnung geschaffen worden waren. Das ist bei insgesamt gut 18.000 Pädagogen in den Kitas doch eine bemerkenswerte Anzahl. Mehr als die Hälfte waren natürlich Fachschüler in der tätigkeitsbegleitenden Ausbildung, gut 1.700. Aber dazu kamen mehr als 200, die mit ihrer Kita eine individuelle Bildungsplanung vereinbart hatten. Diesen Weg zur Gleichwertigkeit finde ich besonders wertvoll, weil hier an den vorhandenen Kompetenzen angesetzt ein individueller Bildungsplan entwickelt wird. Das ist doch eigentlich der Weg, wie wir uns in der Kindheitspädagogik Bildung vorstellen, oder? 

Bei gut 400 BewerberInnen konnte das Ministerium feststellen, dass zwar der Formalabschluss fehlte, aber die entsprechenden gleichartigen und gleichwertigen Kompetenzen nachgewiesen wurden. Als sehr wertvoll für die Kitas schätze ich die Kräfte ein, die zur Profilergänzung der Einrichtung dienen. Das sind Handwerker, Künstler ... eben Menschen, die für die Kinder wichtig sind, weil sie eine Sache, eine Kunst, ein Handwerk gut beherrschen. Im beschränkten Umfang und mit Begründung im Antrag, was diese Menschen zur Profilergänzung der Kita beitragen, können sie ebenfalls anteilig auf den Personalschlüssel angerechnet werden.

Gerade die Träger waren anfangs skeptisch bei dieser Öffnung. Aber inzwischen haben das alle grundsätzlich akzeptiert und sehr viele nutzen diese Möglichkeit zur Entwicklung eines kompetenten Teams. Missbrauch konnte ich dabei nicht entdecken.


Mit welchen Aufgaben werden Seiteneinsteiger tatsächlich betraut?

Das kommt auf ihren konkreten Ausbildungsstatus an, wie bei allen anderen Auszubildenden. Würde man eine Drei-Monats-Praktikantin mit einer Gruppe alleine lassen? Vermutlich nicht. Was macht die Bewertung dieser Situation anders, wenn es sich um einen Menschen handelt, der zuvor einen anderen Beruf hatte? In der Zeit ihrer Qualifizierung tun sie schon das, was sie können; wenn die Ausbildung beendet ist, sind sie Fachkräfte, so einfach ist das. Wir kennen in Brandenburg gegenwärtig noch keine Hilfskräfte oder Ergänzungskräfte oder wie man das in anderen Bundesländern nennt. Ich schließe nicht aus, dass man sich auch in Brandenburg klug dieser Frage stellen muss, aber bisher gibt es das nicht und das ist auch schwierig angesichts der noch sehr knappen Personalausstattung.


Wie offen würden Sie Brandenburger Kitas für »frisches Blut« beschreiben?

Vermutlich ebenso offen, wie sie für Veränderungen der Gesellschaft, veränderte Ansichten zur Kindererziehung usw. sind. Sicherlich gibt es Kitateams, die innerlich die Arme verschränken und sich denken, das sitzen wir auch noch aus. Aber was die Menschen in Brandenburg, wie in den anderen östlichen Bundesländern, an Veränderungen hingenommen und mitgestaltet haben, ist erst einmal nur größten Respekt wert.


Wie sehr sind in den Kitas in Brandenburg Verbesserung des Personalschlüssels, »Überalterung« und Fluktuation Themen – bevor jetzt neu Kinder mit Fluchterfahrung betreut werden müssen?

Das sind natürlich Themen. Zum August dieses Jahres gibt es die nächste Schlüsselverbesserung und das geht in den nächsten Jahren weiter. Sehr erfreulich, aber die erforderli-chen Kräfte müssen erst einmal gefunden werden. Auch ist die Altersverteilung in den Teams in Brandenburg eher ungünstig, so dass an dieser Stelle ebenfalls ein Personalbedarf entsteht. Bei der Arbeit mit Kindern mit Fluchterfahrungen scheint es mir weniger ein quantitatives Problem zu sein.


Hat sich durch Quereinsteiger die Statistik über das Qualifikationsniveau des in Kitas pädagogisch tätigen Personals auffällig verändert?

Nicht wesentlich. Immer noch sind weit über 90 Prozent aller pädagogisch Beschäftigten staatlich anerkannte Erzieherinnen. Da täte etwas Mischung schon gut. Aber für alle Bun-desländer gilt, dass die Frage ja wohl nicht unanständig ist, ob wirklich nur staatlich anerkannte Erzieherinnen den Kindern gut tun. Ich wiederhole gerne noch einmal: Ein Bereich, der seinen Anspruch auf der Beiläufigkeit des Lernens, auf informellen Bildungsprozessen und dem nonformalen Rahmen begründet, sollte etwas differnzierter urteilen und die Bewertung der Qualifikation des eigenen Personals nicht ausschließlich von den erlangten schulischen oder hochschulischen Bildungsabschlüssen abhängig machen. Wer daraus den Schluss zieht, ich halte Qualifikation für unnötig, sollte noch einmal genauer lesen. Ich halte aus eigener Erfahrung den Erzieherberuf für den schwierigsten, den ich in meiner beruflichen Laufbahn gehabt habe. Ich denke nur, dass wir uns noch nicht gründlich und radikal genug mit der Frage befasst haben, was einen Menschen zu einem guten Pädagogen macht und wir er dazu wird. (Als Mann erlaube ich mir übrigens die männliche Form und halte es für angemessen, wenn Frauen in der weiblichen Form reden und schreiben.)


Wie viele Seiteneinsteiger verträgt die Kita?

Das hängt von den Seiteneinsteigern, von dem Team und vielem anderen ab. Von Katrin Bock-Famulla übernehme ich gerne die sehr richtige Aussage: Qualifikation ist weniger ein Merkmal des Einzelnen als eines des Teams.


Wie wird in Brandenburg angesichts des neuen Personals die Qualität der Kitabetreuung gesichert bzw. wie Willkür verhindert?

Gegenfrage: Wie sichern wir die Qualität denn sonst? Durch das Abschlusszeugnis der Fachschule oder der Hochschule und die staatliche Anerkennung!? Aber ich will darauf ernsthaft eingehen. Für die Beschäftigung von Seiteneinsteigern braucht es in Brandenburg einen begründeten Antrag des Trägers und die Zustimmung des Ministeriums als der Behörde, die die Erlaubnis zum Betrieb erteilt. Für die individuelle Bildungsplanung muss der Träger einen solchen Plan vorlegen, was übrigens eine ziemliche Anforderung an den Träger ist.

Personalentwicklung nennt man das sonst und es ist eigentlich eine Regelaufgabe des Trägers oder seiner Leiterin. Hält er eine Kraft für gleichwertig, muss er das begründen. Für die tätigkeitsbegleitende Ausbildung ist ein solcher Antrag Routine. Im Ministerium werden die Anträge daraufhin geprüft, ob sie begründet sind und ob in der Einrichtung schon zu viele Seiteneinsteiger sind.


Vor allem von den Early-Exellenz-Zentren sind mir die multiprofessionellen Teams in der Kita bekannt. Diese arbeiten in den guten Brennpunktschulen, in der Kita bleiben sie oft ein Wunschtraum. Sind die Seiteneinsteiger-Programme eine Möglichkeit, zu diesen multiprofessionellen Teams zu kommen und was können sie, was »normale« Kitateams nicht können?

Solche Teams kennen wir aus Reggio, mit den Atelierleitern. Generationen von deutschen Pädagogen sind nach Reggio gepilgert und haben feuchte Augen bekommen angesichts der Ateliers, und was dort möglich ist. Sie haben vergessen, dass die dort arbeitenden und in Reggio als wertvoll erkannten Kräfte bei uns überhaupt nicht oder höchstens als Hilfskräfte arbeiten dürften. Das ist für mich ein Beispiel einer kurzschlüssigen Fachdiskussion. Deshalb stimme ich Ihnen voll zu. Ja, das wäre der Weg.


Welche strukturellen Voraussetzungen braucht es im Team bzw. vom Träger, damit ein Seiteneinsteiger tatsächlich zur Bereicherung für eine Kita wird? Welche Erfahrungen haben Brandenburger Teams dabei gemacht?

Es braucht vor allem ein professionelles Selbstverständnis und Selbstbewusstsein. Selbstverständnis, damit den Menschen, die aus anderen Berufsfeldern kommen, die Aufgabe und ihre Besonderheiten vermittelt werden können. Und Selbstbewusstsein, damit sie sich nicht gefährdet fühlen durch die Erfahrung, dass auch Nicht-Pädagogen Kindern gut tun.
Es braucht aber auch Zeit für die Ausbildungsaufgaben, für Seiteneinsteiger wie für alle anderen Praktikanten. Die Kita ist ein unverzichtbarer Ausbildungsort, die aber diese Aufgabe in der Regel nicht mit der Standardausstattung bewältigen kann. Ich war daher sehr froh, dass wir für die Anleitung jedes Seiteneinsteigers in Brandenburg eine Erzieherwochenstunde finanzieren konnten. Das deckt nicht den gesamten Zeitaufwand ab, ist aber ein Einstieg – und vor allem eine Anerkennung der Ausbildungsleistung in der Praxis.


Welche Auswirkungen haben Seiteneinstiege auf das kindheitspädagogische Feld? Ist eine befürchtete Abwertung erkennbar?

Die Abwertung passiert vor allem in den Köpfen. Es sind nach meiner Erfahrung auch weniger die Erzieherinnen und Erzieher, die eine solche Abwertung erleben als die Professoren und Fachschullehrer. Bemerkenswert, oder?


Wie wirkt das auf die reguläre ErzieherInnenausbildung aus? Auf das Verhältnis Theorie – Praxis und den Wunsch, tätigkeitsbegleitend zu wirken?

Ich würde mir wünschen, dass die reguläre Erzieherausbildung grundsätzlich tätigkeitsbegleitend erfolgt. Dann geht es um die Klärung der jeweiligen Ausbildungsaufgabe von Schule und Praxis und wie diese sich aufeinander beziehen. Handlungskompetenz erwirbt man allein in der Praxis und die Schule ist unverzichtbar zur Relativierung der Praxiserfahrung, zur Reflexion und zur Aufarbeitung biografischer Prägungen. Aber die Praxis ist der Ausgangs- und der Zielpunkt der Ausbildung. Übrigens, mir scheint das Verhältnis der Lernorte in dem Begriff »Theorie-Praxis-Verhältnis« nicht passend abgebildet. Nicht jedes Reden über irgendetwas ist Theorie und die Praxis ist kein theoriefreier Raum.


Als Resümee: Dienen die in Brandenburg beschrittenen Wege dazu, als selbstbewusste Kindheitspädagogik auch eigene Qualifikationsmaßstäbe zu entwickeln?

Ich hoffe das sehr und dann wären wir einen großen Schritt weiter. Wir müssen die Bildungsdiskussion der Kindheitspädagogik auf die Qualifizierung der kindheitspädagogischen Fachkräfte anwenden und uns nicht durch schulpädagogische Maßstäbe definieren.

Detlef Diskowski studierte Erziehungswissenschaft an der FU Berlin, arbeitete als Horterzieher und Leiter einer Kindertagesstätte, als Dozent in der Aus- und Fortbildung von ErzieherInnen, als Praxisberater für Kindertagesstätten, war Referent in der Berliner Senatsjugendverwaltung und von 1991 bis 2016 Referatsleiter für Kindertagesbetreuung im MBJS des Landes Brandenburg. 

Kontakt: detlef@diskowski.de

Quelle: Betrifft KINDER Heft 06-07/16, Seite 12-14

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