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Familie
18.08.2016  

Bertelsmann-Studie: Sechs von zehn Familien in NRW fühlen sich belastet

Der Bedarf nach präventiver Unterstützung in Nordrhein-Westfalen ist hoch. Sechs von zehn Familien (57 Prozent) leben in Belastungssituationen. Das heißt, sie sind in ihrer Elternrolle unsicher, empfinden Dauerstress oder andere subjektive Belastungen. Diese Familien werden vergleichsweise gut von sozialmedizinischen Präventionsangeboten erreicht, wie die Studie aus der Begleitforschung zum Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ zeigt.
Die repräsentative Familienbefragung zeigt gleichzeitig: Die Angebote zur Stärkung der Elternkompetenz erreichen gerade strukturell belastete Familien unzureichend.

Strukturelle Faktoren sind ebenso entscheidend für die Wahrnehmung von Unterstützungsangeboten wie das persönliche Erkennen von Belastungen durch die Eltern. Sechs von zehn Familien (57 Prozent) berichten von verschiedenen, subjektiven Belastungssituationen, wie dauerhaftem Stress (12 Prozent), fehlenden privaten Netzwerken zur Unterstützung (15 Prozent), Sorgen (16 Prozent), Unsicherheit in der Elternrolle (17 Prozent), nichtdeutscher Familiensprache (16 Prozent) oder dem Problem, mit dem Geld nicht über die Runden zu kommen (27 Prozent). Alleinerziehende, einkommensarme Familien und niedrig qualifizierte Eltern, aber auch Familien mit Migrationshintergrund sind besonders häufig mit mehreren dieser einzelnen Belastungen konfrontiert.

„Für belastete Eltern besteht die Gefahr, dass ihnen der Alltag entgleitet und sie resignieren. Am Ende leiden vor allem die Kinder darunter“, sagt Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. „In ihren Elternkompetenzen gestärkte Eltern sind einer der wichtigsten Schutzfaktoren für das gelingende Aufwachsen von Kindern.“ Das Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ des Landes Nordrhein-Westfalen und der Bertelsmann Stiftung hat wichtige Erkenntnisse darüber gebracht, was Kommunen konkret machen und beachten müssen, um eine erfolgreiche Präventionspolitik vor Ort zu entwickeln. Um den Zugang zu Präventionsangeboten für Familien in strukturellen Risikolagen weiter zu verbessern, müssen diese Angebote vor allem leicht verständlich, einfach zu erreichen, möglichst kostenfrei und von erkennbarem Nutzen sein.
Genau hier will die nordrhein-westfälische Familienministerin Christina Kampmann ansetzen und Familien noch besser unterstützen, um negative Folgen für die Entwicklung von Kindern so früh wie möglich zu verhindern: „Es geht in erster Linie darum, vor Ort tätig zu werden und die konkreten Belastungen der Familien zu benennen und aufzugreifen. Das legt den Grundstein dafür, dass Eltern sich überhaupt der Veränderbarkeit ihrer eigenen Lage bewusst werden und bei Bedarf weitere Unterstützung suchen.“

Erziehungsberatung entlastet


Nach eigenen Angaben sind zwar die meisten Eltern trotz der Risikofaktoren ihrem Familienleben im Alltag überwiegend gewachsen, aber zu viele Belastungen schwächen die elterlichen Kompetenzen. Insbesondere Elternbildungsangebote können dazu beitragen, dass Eltern den Umgang mit den auf sie einwirkenden Belastungen lernen. Ein positives Beispiel ist das Angebot der Erziehungsberatung, die kostenlose Unterstützung bei familienbezogenen Problemen anbietet. Junge Familien mit vielfältigen Sorgen und Problemen werden doppelt so gut von Erziehungsberatungen erreicht wie der Durchschnitt der Familien (14 Prozent im Vergleich zu sieben Prozent der Familien mit dreijährigen Kindern). Solche ressourcenstärkenden Angebote entlasten die Eltern und können zum gelingenden Aufwachsen der Kinder beitragen.

Familien in Risikolagen sind schwer zu erreichen. So ziehen nur 46 Prozent der einkommensarmen Familien und 43 Prozent der niedrig qualifizierten Familien die Informationen aus Willkommens- und Begrüßungsdiensten zu Rate. Bei Alleinerziehenden sind es 47 Prozent (gegenüber 53 Prozent aller Familien mit dreijährigen Kindern).

Den Familien, die bisher nicht erreicht werden, sollte der Zugang zu Prävention über andere Angebote erleichtert werden. Einen Anknüpfungspunkt stellen sozialmedizinische Angebote dar. Sie werden unterschiedslos von praktisch allen Familien in Anspruch genommen: 97 Prozent der Eltern mit dreijährigen Kindern geben an, mindestens eine Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt mit ihrem Kind besucht zu haben. Sie ist Teil einer so genannten „Präventionskette“, die entlang der Lebensphasen eines Kindes angelegt ist. Ein breites Spektrum von Trägern bietet hierfür vor Ort vielfältige Angebote wie beispielsweise Geburtsvorbereitungskurse, Erziehungsberatung, Eltern-Kind-Programme oder Ausbildungsberatung an.
Ziel ist es, Eltern in ihrer Überzeugung zu stärken, Situationen durch ihr eigenes Handeln verändern und Belastungen auf diese Weise bewältigen zu können. Die Landesregierung wird daher den Aufbau kommunaler Präventionsketten, der im Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen!“ über einen Zeitraum von vier Jahren in 18 Modellkommunen erprobt wurde, schrittweise auf andere Kommunen in NRW übertragen. Die Bertelsmann Stiftung bleibt dabei Partner des Landes für die Begleitforschung.

Zusatzinformationen: Die Familienbefragung für das Modellvorhaben „Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ des Landes Nordrhein-Westfalen und der Bertelsmann Stiftung stützt sich auf eine repräsentativ zusammengesetzte Stichprobe von 4.409 Eltern mit Kindern im Alter von drei, sechs oder elf Jahren aus sieben Kommunen in NRW. Die Familien wurden zu ihrer Lebenssituation, zu Entwicklung und Wohlergehen ihres Kindes sowie zur Inanspruchnahme präventiver Angebote schriftlich befragt. Die Erhebung fand auf Grundlage eines standardisierten Fragebogens von September bis Oktober 2014 statt und wurde von Annette Franzke und Annett Schultz von der Faktor Familie GmbH wissenschaftlich begleitet. Im Rahmen einer ergänzenden Studie durch das Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung (ZEFIR) der Ruhr-Universität Bochum wurden zusätzlich 45 vertiefende qualitative Interviews mit Eltern durchgeführt und analysiert.

Quelle: Pressemitteilung der Bertelsmann Stiftung vom 17.8.2016

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