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Personal/Team
19.09.2016  Bernhard Eibeck im Interview mit Herbert Vogt

Bernhard Eibeck zur gewerkschaftlichen Sicht aufs Thema

Arbeitsbedingungen, Vergütung und politische Anerkennung von frühpädagogischen Fachkräften sind auch und besonders originäre gewerkschaftliche Themen. Herbert Vogt von der Fachzeitschrift TPS sprach mit Bernhard Eibeck von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) darüber.

TPS: Welche Rahmenbedingungen sind denn die wesentlichen, bestimmen also die Auftragserfüllung und den Handlungsspielraum der pädagogischen Fachkräfte am meisten?



Das sind die beiden Kategorien Fachkraft-Kind-Relation und die Bemessung der Arbeitszeit. Die erste sagt etwas darüber, mit wie vielen Kindern hat eine Fachkraft zu tun hat, bzw. andersherum, wie lange ein Kind die ungeteilte Aufmerksamkeit der Erzieherin für sich beanspruchen kann. Hier liegt vieles im Argen. Von den Orientierungsgrößen, auf die sich die Fachwelt geeinigt hat, ist die Realität weit entfernt. Bei den unter Dreijährigen ist eine Relation von 1:3, bei den Kindern im Kindergartenalter von 1:8 und ab sechs Jahren von 1:10 erforderlich.
Bei der Arbeitszeit ist leider immer noch festzustellen, dass die sogenannte mittelbare pädagogische Arbeitszeit, also die Vorbereitungszeit, die Teamarbeit, Fortbildung und Zusammenarbeit mit den Eltern, nur zu einem Bruchteil des realen Zeitaufwandes in der vertraglichen Arbeitszeit enthalten ist. Wir fordern seit Langem hierfür eine Messgröße von 25 % der gesamten Arbeitszeit.



Geht es den Fachkräften in der Kita insgesamt besser oder schlechter als anderen sozialpädagogischen Berufsgruppen?



Zum einen gibt es eine Menge Hinweise darauf, dass Erzieherinnen sich mit ihrer Arbeit identifizieren, sich wohlfühlen, sich engagieren, dass es in den Teams recht gut läuft. Das birgt die Gefahr, dass Symptome von Erschöpfung übergangen werden. Arbeitsmedizinische Untersuchungen zeigen, dass wir es mit einem hoch risikobehafteten Beruf zu tun haben, gerade in Bezug auf psychosomatische Leiden, Burnout und Erkrankungen des Skeletts. Der Beruf gehört im Vergleich zu anderen sozialpädagogischen Arbeitsfeldern zu den stark belasteten.



Wie sieht die politische und gesellschaftliche Anerkennung des Berufsstandes heute aus? Haben wir es immer noch mit einer „Gratifikationskrise“ zu tun?



Die gesellschaftliche Anerkennung ist durchweg sehr hoch. Vor allem die Eltern von betreuten Kindern schätzen das Engagement und die Qualifikation sehr hoch ein; man wird nirgendwo finden, dass Erzieherinnen nicht wertgeschätzt würden. Eine andere Frage ist die der politischen Wertschätzung, und da ist es in der Tat so, dass die Politik sich das Engagement der Erzieherinnen gern zu eigen macht, ohne dies angemessen zu gratifizieren. Man scheut die Mehrausgaben, die für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen investiert werden müssen. Man kann das natürlich nicht alles den Kommunen aufladen, die ja die Gewährleistungsverpflichtung haben. Der Bund muss mit ins Boot. Es hapert nach wie vor an einer politischen Anerkennung, die real sichtbar und messbar ist.



Die AQUA-Studie hat herausgefunden, dass frühpädagogische Fachkräfte besonders resilient sind, weil sie ihren Beruf als Berufung erleben und sich in schlechten Rahmenbedingungen einrichten. Soll man das anerkennen oder stillschweigend hinnehmen, um nicht zu sagen ausnutzen?



Man kann jedem Menschen nur wünschen, dass er seine Arbeit gern macht, und sei es unter miesen Bedingungen. Das geht aber nicht lange gut. Die Arbeitgeber dürfen sich nicht darauf ausruhen, mit der Einstellung: Die Erzieherinnen sind ja leidensfähig, also müssen wir gar nichts weiter tun. Ich glaube im Übrigen, dass sich die Stimmung in den Kitas in den letzten Jahren sehr geändert hat. Das haben die Tarifauseinandersetzungen deutlich gezeigt. Die Erzieherinnen sind nicht mehr bereit, jede Zumutung zu schultern. Sie sagen: Jetzt ist auch mal Schluss, wir haben bildungspolitische Innovationen mitgetragen, uns in Fortbildungen engagiert, den U3-Ausbau bewältigt, Inklusion möglich gemacht, den Fachkräftemangel kompensiert. Jetzt ist die Zeit gekommen, wo sich an den Arbeitsbedingungen substanziell etwas ändern muss.



Welche Bedeutung hat die Bezahlung der Fachkräfte in diesem Zusammenhang? Ist sie vergleichsweise angemessen?



Die Tarifrunde im Jahr 2015 hat bei Weitem nicht das gebracht, was für die Berufsgruppe anzustreben wäre. Im Vergleich zu Grundschullehrerinnen und Sozialarbeitern liegen die Erzieherinnen immer noch um rund 300 Euro darunter, eine Kluft, die auf Dauer nicht zu rechtfertigen ist.
Allerdings muss man sehen, dass die Gehälter für Erzieherinnen im Gruppendienst seit der Einführung des geltenden Tarifvertrages für die kommunal Beschäftigten vor sechs Jahren um etwas mehr als 20 % gestiegen sind. Das ist schon ein ganz beachtlicher Schritt, den es so in keiner anderen Branche gegeben hat. Die großen freien Träger, darunter die Kirchen, haben den Kommunaltarif größtenteils übernommen. Ein Problem sind die vielen kleinen Träger, die keine Tarifbindung haben und mitunter dramatisch schlechte Gehälter zahlen.



Ist es legitim und erfolgversprechend, nach möglichen brachliegenden Ressourcen auch intern zu suchen – also bei den Menschen, Teams und Einrichtungsstrukturen selbst – oder läuft das auf zusätzliche Belastungen und Ausbeutung hinaus?



Ich habe den Eindruck, dass man da nicht mehr rausquetschen kann. Die Fachkräfte sind am Rande der Erschöpfung. Die Teams haben sich auch in den letzten Jahren im Zuge des Fachkräftemangels verändert. Kita-Leitungen berichten uns mit immer größerer Verzweiflung, dass sie heute Nachwuchs in die Einrichtung bekommen, den man vor wenigen Jahren nicht genommen hätte. Ich mache mir große Sorgen um die Qualität der pädagogischen Arbeit.



Inwiefern ist die mehr oder weniger einengende Wirkung gegebener Rahmenbedingungen auch abhängig vom praktizierten pädagogischen Konzept?



Wir erleben in unseren eigenen Fortbildungen und Fachtagungen immer wieder, dass Erzieherinnen besonders dann über Belastungen klagen, wenn sie ein sehr stark auf die Erzieherin bezogenes pädagogisches Konzept verfolgen. Wir sind überzeugt, dass es einen Zusammenhang zwischen Konzept und Belastung gibt. Wenn die Erzieherin im Mittelpunkt des Tagesgeschehens und der Kindergruppe steht, plant, organisiert, anleitet und kontrolliert, kurz die Kinder den Vorgaben der Erzieherin nachfolgen, steht sie mehr unter Stress, als etwa in einem offenen Konzept, wo sie den Tag und die Aktivitäten mit den Kindern gemeinsam lebt, die Erzieherin also eher die Partnerin und Begleiterin der Kinder ist. Je direktiver die Pädagogik, desto höher der Stress; Vertrauen in die Selbstorganisationskräfte der Kinder entlastet.



Führt die gesellschaftliche und bildungspolitische Erwartungsfülle – etwa die zahlreichen Bildungs- und Förderprogramme – an frühpädagogische Fachkräfte zu deren Überforderung und ist damit eher kontraproduktiv?


Mein Eindruck ist, dass die Bereitschaft, sich neuen Herausforderungen zu stellen, nicht mehr so euphorisch ist. Das hat mir der überwältigenden Vielfalt an Themen und Herausforderungen zu tun. Die Kitas wollen am liebsten innehalten, sich besinnen, sich neu orientieren. Natürlich mit Beratung, Supervision und Coaching, aber um Gottes Willen nicht wieder mit neuen Programmen.

Quelle TPS 7/2016, Seite 36-37

 

 

 

 

 

 



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