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Pädagogische Praxis
14.10.2016  Tina Sprung

Erst Hausaufgaben, dann Luftabkrobatik

In der „Schule für Kinder beruflich Reisender“ gehen die Kinder nicht zur Schule, sondern die Schule kommt zu den Kindern. Beispielsweise zu Zirkuskindern. Der Unterricht findet im Wohnwagen neben dem Zirkuszelt statt.
Aloma und Alice Frank leben dort, wo Kinderaugen strahlen: Im warmen Licht wechselnder Scheinwerferlichter. Wo Clowns Torten um sich werfen und in der Manege Artistinnen durch die Luft wirbeln. Aloma und Alice mit den langen braunen Haaren sind Zirkuskinder. Verbiegen auf einem Tisch, das ist das Talent der 13-jährigen Aloma. Die 16-jährige Alice fliegt durch das Zirkuszelt an zwei Ringen und zwei Tüchern. Zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder Marcello reisen die beiden das ganze Jahr quer durch Hessen. Mit dabei sind ihre sieben Hunde und zehn Ziegen.

Egal, wo sich die Familie aufhält, zwei Tage in der Woche kommt bei ihnen das mobile Klassenzimmer der Schule für Kinder beruflich Reisender (SfKbR) in Hessen vorbei. Auch Kinder von Artisten, Theaterschauspielern und Künstlern müssen zur Schule gehen. Ohne mobile Schule müssten sie bis zu 20-mal im Jahr die Schule wechseln. „Das sind 200 Schulen bis zum Schulabschluss“, rechnet Alfred Spitz vor. „Das ist für die Kinder eine enorme Belastung.“ Spitz ist seit sechs Jahren Lehrer bei der SfKbR und unterrichtet alle Fächer.

Das Hessische Kultusministerium hat den Evangelischen Verein für Innere Mission (EVIM) in Nassau zum Beginn des Schuljahres 2010 mit dem Aufbau und Betrieb einer Schule für Kinder beruflich Reisender als Pilotprojekt beauftragt. Seitdem fahren insgesamt elf Lehrkräfte zu den schulpflichtigen Kindern an Zirkusstandorte, die in ganz Hessen verteilt sind. Mittlerweile verfügt die mobile Schule über neun Lernmobile, als Klassenzimmer ausgebaute Wohnmobile. „Die Lehrkräfte kommen aus allen Bereichen: „Förder-, Grund-, Haupt-, Real- und Berufsschule sowie Gymnasium“, sagt Torsten Rudloff, Rektor der Schule für beruflich Reisende. Die Schule finanziert sich mit Projektmitteln vom Hessischen Kultusministerium.

Alice und Aloma Frank besuchen seit 2010 die mobile Schule. Der Unterricht beginnt um 9 Uhr. An der Wand im Wohnwagen ist eine Tafel eingebaut, die Lehrer Spitz herausziehen kann. Die Schreibtische haben Alice und Aloma selbst gestaltet, mit Bildern und kleinen Plakaten. „Ich unterrichte in dem umgebauten Wohnwagen beide gleichzeitig“, sagt Spitz. Bis vor zwei Jahren war auch ihr heute achtzehnjähriger Bruder Marcello im Unterricht mit dabei. Auf seinen Hauptschulabschluss, den er erreicht hat, ist er stolz. „Ich habe gemerkt, dass ich an der Zirkuskasse durch den Matheunterricht bei Herrn Spitz schneller rechnen kann“, sagt er.

Familie Frank ist hauptsächlich in Hessen unterwegs. Bianca Frank, Mutter von Marcello, Alice und Aloma ist der Unterricht an der mobilen Schule wichtig. „Ich hätte auch gern die Möglichkeit gehabt, dass ich die gleiche Schule besuchen kann“, sagt sie. Außerdem hätten ihre Kinder durch den Schulbesuch neue Perspektiven. „Für uns gibt es nur den Zirkus. Meine Kinder können mit dem Schulabschluss auch andere Berufe ­erlernen.“

Falls die Zirkusfamilie doch in benachbarte Bundesländer reisen muss, lernen die Schülerinnen mit ihrem Lehrer Spitz via Skype. Das wird auch Kindern ermöglicht, die sich im Ausland befinden. Über „Open-Distance-Learning“ werden Unterrichtsinhalte über eine Lernplattform zur Verfügung gestellt. Der Lehrer unterrichtet mit einer virtuellen Tafel. Per Videokonferenz können sie sich austauschen. Über tausende Kilometer können Lehrer und Schüler dadurch getrennt sein und trotzdem die Lernziele der Lernpläne einhalten. „Vor kurzem lebte eine Artistenfamilie aus Hessen für ein paar Monate in Schweden. Eine Zaubererfamilie aus Frankfurt ist gerade noch in Finnland“, sagt Spitz. „Da kommt die Technik zum Einsatz.“
 

Unterstützungsangebote deutschlandweit


Rund 10 000 schulpflichtige Kinder beruflich Reisender gibt es in Deutschland. Alle Bundesländer bieten Unterstützungs­angebote an. „Die anderen Bundesländer haben noch das Bereichslehrerprinzip“, erklärt Rektor Rudloff. Die Bereichslehrkräfte begleiten die häufigen Schulwechsel der Kinder, stellen Kontakte zu Schulen her und betreuen die Kinder vor Ort, beispielsweise durch eine Hausaufgabenbetreuung. Das Konzept der hessischen mobilen Schule gibt es sonst nur noch in Nordrhein-Westfalen. „Unsere Besonderheit ist, dass wir neben der ­Schule für Zirkuskinder in Nordrhein-Westfalen das einzige Bundesland sind, das Schüler als Stammschüler aufnimmt und mit Lernmobilen zum Aufenthaltsort der Kinder fährt. Zu den Stammschülern in Hessen zählen Kinder von Schaustellern, Opernsängern, Künstlern, Artisten und Puppentheaterspielern. „Das Ziel ist, dass alle Schüler einen Schulabschluss machen“, sagt Lehrer Spitz.

Auch Alice und Aloma wollen ihren Abschluss schaffen. Die 16-jährige Alice schon dieses Jahr. Was sie nicht mag, ist Mathe. Ihre Lieblingsfächer sind Englisch und Deutsch. „In den vergangenen Wochen haben Aloma und ich im Deutschunterricht ‚Bloß nicht weinen, Akbar!‘ gelesen. Es geht um einen Flüchtling. Aus Afghanistan“, erzählt sie. Lehrer Spitz ergänzt: „Den Deutschunterricht können wir zusammen gestalten. Bei Mathe und Englisch müssen wir die Jahrgangsstufe unterscheiden und den Stoff anpassen. Aber das funktioniert gut.“ Er lächelt: „Für andere Schüler mag das vielleicht nicht nachvollziehbar sein, aber unsere Zirkuskinder freuen sich auf eines besonders: ihre Zeugnisse.“ Auch Alice: „Bei den anderen Schulen haben wir nie eines bekommen.“ Für sie wird es dieses Jahr ein ganz besonderes. Ihr ­Abschlusszeugnis.

Quelle: http://didacta-magazin.de/
 

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