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Rezensionen und Reviews
18.11.2016  Sarah Shkoor

Sprache in Kita und Grundschule: Förderpraxis auf dem Prüfstand (Rezension)

Ingrid Barkow, Claudia Müller (Hrsg.): „Frühe sprachliche und literale Bildung. Sprache lernen und fördern im Kindergarten und zum Schuleintritt“. Tübingen, Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG, 2016. Der Band richtet sich an alle, die professionell an sprachlicher Bildung von Kindern interessiert sind.

Spracherwerbsprozesse im mehrsprachigen Kontext:

 
Monika Karas: Zum Einfluss unterschiedlicher Einführungskontexte auf die Fast-Mapping-Leistungen von Vorschulkindern mit Deutsch als Zweitsprache

Der Beitrag von Karas stellt Ergebnisse einer Studie zum Wortschatzerwerb von Vorschulkindern mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) vor. Die Studie aus dem Jahr 2010 untersucht, ob die Form, in welcher ein neues Wort einem Kind präsentiert wird, den Lernerfolg beeinflusst. Es werden zwei Ebenen des Wortschatzerwerbs unterschieden: die rezeptive und die produktive Kompetenz. Dabei wurde festgestellt, dass die Kinder den neuen Begriff eher zuordnen konnten, wenn sie den entsprechenden Gegenstand davon sehen konnten (z.B. ein Stofftier) und dieser explizit benannt wird. Andererseits konnten die Kinder in der Studie das Wort am besten nachsprechen, wenn sie der Geschichte lauschen konnten, in der das Wort mehrmals genannt wurde und zwar am besten, wenn kein Bild dabei gezeigt wurde. Es wird im Beitrag genau analysiert, weshalb die Ergebnisse so ausgefallen sein könnten. Abschließend verweist die Autorin auf den Bedarf weiterer Forschung im Bereich des frühen Wortschatzerwerbs im Zusammenhang mit DaZ.
 
Zeynep Kalkavan-Aydın: Frühes schriftsprachliches Lernen in Vorleseinteraktionen beim Übergang von der Kita in die Grundschule – Eine Untersuchung in mehrsprachigen Kontexten unter besonderer Berücksichtigung metasprachlicher Äußerungen

Dieser Beitrag berücksichtigt metasprachliche Kompetenzen von DaZ-Kindern, die sich am Beispiel zweier Vorschulkinder beim gemeinsamen Betrachten und Vorlesen von türkisch- bzw. deutschsprachigen Bilderbüchern mit den Eltern zeigten. Die Autorin plädiert für mehrsprachige Lektüre in Kitas, wobei alle Kinder zugunsten ihres Sprachbewusstseins profitieren würden.

Förderung bildungssprachlicher und schriftbezogener Fähigkeiten im Elementarbereich

 
Ulrike Sell: Kompensation sozialer Ungleichheit durch frühe Förderung der phonologischen Bewusstheit?
Hier geht die Autorin der Frage nach, ob und in welchem Maß die vorschulische Förderung phonologischer Bewusstheit einen Einfluss auf die Schriftspracherwerbsentwicklung und auf soziale Unterschiede hat. Es zeigen sich jedoch  beim Lesen- und Rechtschreibenlernen keine nennenswerte Effekte. Demnach ist eine umfassende Sprachförderung sinnvoller. Im Zusammenhang mit sozialer Ungleichheit zeigt Sell, dass, begünstigt durch bestimmte Diskurse um Frühkindliche Bildung, pädagogische Fachkräfte zu sozialen Bewertungs- und Zuschreibungsweisen neigen können, die gesellschaftliche Unterschiede eher zementieren. Sell spricht sich stattdessen für ein inkludierendes und stärkenorientiertes berufliches Selbstverständnis von Lehrkräften aus, statt auf einzelne Aspekte hinzuweisen, die ein Kind (noch) nicht beherrscht.
 
Aline Lenel & Monika Knopf: Lernen mehrsprachige Kinder anders lesen? Die Bedeutung alltäglicher Schriftpraxis im Kindergarten für den Leseerwerb in der Zweitsprache
 
Der Beitrag von Lenel und Knopf bezieht sich auf eine drei Jahre währende Studie. Es wurden 91 Kinder vom Beginn ihres letzten Kitajahrs bis zum Ende der zweiten Klasse beobachtet, davon 79% mehrsprachig aufwachsend. Es gab drei Interventionen: Förderung des mündlichen Erzählens, des entdeckenden Schreibens und mathematische Angebote in der Kontrollgruppe.
Nach Abschluss der Studie zeigte sich, dass entdeckendes Schreiben den Kindern zunehmend bei der Leseentwicklung hilft, mehr noch als die mündliche Förderung. Schriftlichkeit in Kitas fördert insbesondere mehrsprachige Kinder mit der Familiensprache als Erstsprache, bereits bekannte Konzepte von Schrift in die Zweitsprache, in dem Fall also Deutsch, zu übertragen. Die Studie zeigt auch, dass bei fehlenden Angeboten in vorschulischen Institutionen das fördernde Elternhaus einen umso wichtigeren Beitrag leistet.
Nichtsdestotrotz fordern die Autorinnen im besten Sinne alltägliche Schriftpraxis in Kitas.
 
 
Dieter Isler & Gabriela Ineichen: Gespräche im Kindergarten – Erwerbskontexte  schulisch-bildungssprachlicher Fähigkeiten
Dieser Beitrag analysiert Alltagsgespräche in Deutschschweizer Kindergärten. Die Studie ist Teil des Nationalfondsprojekts ProSpiK. Forschungsziel ist es, schulisch-bildungssprachliche Kompetenzen im Vorschulalter genauer unter die Lupe zu nehmen: Welche kommunikativen Formen kommen hier vor? Wie werden diese interaktiv hergestellt und welche Rolle spielt hier soziale Ungleichheit?
Einerseits zeigen die Auswertungen, dass Gespräche im Kindergarten zeigen können, welche bildungssprachlichen Fähigkeiten die Kinder bereits haben. Es wird auch deutlich, dass bewusst geführte Gesprächsfäden in Interaktion mit dem/ der Erzieher/in wichtige Grundlage des Modelllernens und des eigenen Erprobens sind. Die Frage nach der Rolle von sozialer Ungleichheit bleibt jedoch ungeklärt.
Die Autoren sprechen sich für spezielles linguistisches Wissen und Können von Fachkräften aus und betonen die Vorzüge des videobasierten Coachings bei deren Professionalisierung.
 
Nicole Neumeister: Sachtextkompetenz im Vorschulalter
2011/12 untersuchten Studierende des Studiengangs „Frühkindliche Bildung und Erziehung“ an der PH Ludwigsburg, wie insgesamt 36 Kinder ohne Zweitsprache eigene Sachtexte generieren. Ausgangspunkt der Diktiergespräche waren Vorlesegespräche und freie Lesezeiten mit vier verschiedenen Bänden einer Sachbilderbuchreihe. Dabei wurde aus dem jeweils gewählten Buch ein Bild als Impuls genutzt. Es zeigte sich, dass die durchschnittliche Wörteranzahl bei 73 Wörtern lag. Bis auf ein Kind verfassten alle jeweils vier Diktiertexte, in denen sich Wortschatz, Syntax und andere stilistisch-rhetorische Mittel bei den Fünf- bis Sechsjährigen Kita-Kindern doch sehr individuell unterschieden. Hintergründe dazu gehen jedoch nicht aus dieser Studie hervor. Abschließend plädiert die Autorin nochmals für einen breiteren vorschulischen Einsatz von Sachbilderbüchern in der Kita, nicht zuletzt, um die schulischen Kompetenzen der Kinder frühzeitig zu fördern.
 

Professionalisierung von pädagogischen Fachkräften

 
Barbara Geist: Sprachförderempfehlungen der Grundschule. Vergleich der sprachlichen Fähigkeiten und sprachbiografischen Faktoren von mehrsprachigen Kindern
Der Text gibt Einblicke in die Praxis der vorschulischen Sprachdiagnostik bei mehrsprachigen Kindern, wie sie das hessische Bildungsministerium verordnet. Dabei stellt die Autorin fest, dass einheitliche Vorgehensweisen hinsichtlich der Diagnostik und Förderung fehlen. Weiterhin werden, trotz des Anspruchs, diese zu vermeiden, selektive Effekte im Einschulungsverfahren beobachtet. Weshalb nicht alle Kinder unterstützt werden, kann entweder auf fehlende Ressourcen oder mangelnde Qualifizierung der Prüfer zurückgeführt werden. Wie genau das Verfahren von Bedarfsentscheidung und Förderempfehlung der Lehrer aussieht, ist  weitgehend unbekannt. Hier empfiehlt die Autorin eine gezielte Ausbildung der Lehrer auf dem Gebiet der Sprachdiagnostik.
 
Anja Müller, Sabrina Geyer & Katinka Smits: Sprachförderung im Elementarbereich – eine Herausforderung für pädagogische Fachkräfte
Die Autorinnen berichten über ein Projekt zur Ermittlung von Sprachförderkompetenzen der pädagogischen Fachkräfte, die speziell für diesen Bereich eingesetzt werden. Dabei kommen in dem Beitrag nur die Ergebnisse zum Tragen, die über Fachkräfte in Kitas ermittelt wurden. Erhebungsmethoden sind Fragebogen, Videografie und Interviews. Dabei wird sichtbar, dass viele Fachkräfte wenig spezifisches Wissen über Methoden der Sprachstandserhebung und der daraus abgeleiteten Planung konkreter Fördermaßnahmen haben. Ihre eigenen Unsicherheiten sprechen sie durchaus offen an. Allein die Leitlinien der Bildungspläne reichen nicht aus, um den komplexen Herausforderungen von Sprachförderung gerecht zu werden. Aber auch seitens der Forschung erhoffen sich die Autorinnen weitergehende Studien zu Bedingungen von gelingender Sprachförderung.
 
Daniela Ofner, Christine Roth & Dieter Thoma: Sprachförderkompetenz in der Grundschule messen: Konzeption und Pilotierungsergebnisse
Der Beitrag zeigt, wie SprachKoPF, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte Messinstrument für die Eruierung von Sprachförderkompetenzen der Fachkräfte, aus dem Elementarbereich an den Primarbereich angepasst wird. Durch den Erkenntnisgewinn erhoffen sich die Autorinnen wichtige Informationen für die Effektanalyse von Sprachförderung sowie für die Erfolgskontrolle von Weiterbildungen. Damit soll das Projekt neue Ansätze für die Qualifizierung von Lehrkräften im Primarbereich liefern.
 
Claudia Neugebauer: Fachpersonal qualifizieren – Videocoaching und Weiterbildung zur Prozessqualität der Sprachförderung im Elementarbereich
Die Schweiz verfügt über viele unterschiedliche vorschulische Bildungseinrichtungen. Um dem Bedarf an sachdienlicher Vernetzung Rechnung zu tragen sowie die Prozessqualität von Sprachförderung weiterzuentwickeln, wird im Rahmen mehrerer öffentlicher Weiterbildungsmaßnahmen die Methode des videobasierten Coachings eingeführt. Die Fachkräfte sollen für situative Sprachförderung mit Schwerpunkt auf ko-konstruktiver Rhetorik und für das, durch dekontextualisiertes Sprechen entwickelte, sogenannte „sustained shared thinking“ stärker sensibilisiert werden. Weitergehendes Forschungsinteresse liegt auch auf dem Ermitteln von Orientierungsnormen, die Fachkräfte ihrer pädagogischen Praxis zugrundelegen: Liegt ihrem Handeln die konstruktivistische Vorstellung von Bildung zugrunde oder eher die Verpflichtung zur Kompetenzvermittlung?
 

Fazit:

Der / die Leser/in erfährt viel über den aktuellen Forschungsstand zum Thema Sprachförderkompetenzen von pädagogischen Fachkräften. Obwohl Sprache als Fundament von Bildung einen hohen Stellenwert in der frühkindlichen Forschung einnimmt, ist es überraschend, wie wenig weitergehende fachdidaktische linguistische Kenntnisse beim von Seiten der Träger gefördert werden. Ein kleiner Vorteil bietet sich den LeserInnen, die mit statistischer Auswertung bewandert sind, da die meisten der Diagnose- und Förderungstests in den Beiträgen damit operieren. Dennoch ist der Band sehr gut zu lesen. Er bietet durch die Aufarbeitung vieler linguistische Untersuchungen einen Ansatzpunkt für die Bedarfsermittlung im Bereich Professionalisierung von Fachkräften in Kita und Grundschule, die sich im Bereich frühkindlicher sprachlicher Lernprozesse spezialisieren.
 
 
 
 
 
 

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