Anmelden
Perspektiven
02.12.2016  

Kultursensitive Frühpädagogik

Die Kita ist heute stärker als je zuvor ein Ort der kulturellen Vielfalt. Auch als Hilfestellung für das Fachpersonal hat Jörn Borke gemeinsam mit Prof. Dr. Heidi Keller das Konzept der „kultursensitiven Frühpädagogik“ entwickelt. Auf der didacta in Stuttgart und im Vorfeld per Interview erläutert er das Konzept.
 
  • Herr Prof. Dr. Borke, die deutsche Gesellschaft wird heterogener, nicht zuletzt durch Geflüchtete. Welche Rolle kommt der Kita bei der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund zu?
Die Gesellschaft wird nicht nur durch die Flüchtlingsbewegung und Migrationshintergründe heterogener. Wir sind selbst eine sehr individuelle Gesellschaft, beispielsweise mit unterschiedlichen Familienmodellen. Vielfalt ist immer schon ein Thema gewesen, wird aber durch die Globalisierung größer. Es war noch nie so leicht zu wissen, wie es woanders ist. Die Kita ist, wie die ganze Gesellschaft, mit dieser Vielfalt konfrontiert. Sie hat aber eine besondere Chance, denn der Kontakt zwischen Eltern, Personal und Kindern ist oft intensiver als in der Schule. Dadurch kann von Anfang an ein gegenseitiges Verständnis für Vielfalt und Toleranz entstehen. Es ist aber auch eine Herausforderung, allen gerecht zu werden und Angebote zu machen, an denen alle Kinder und Eltern teilnehmen können, so dass eine Art von Gemeinschaft entsteht.
  • Sie haben den Begriff „Kultursensitive Frühpädagogik“ mitgeprägt. Was verstehen Sie darunter?
Im Umgang mit kultureller Vielfalt sind verschiedene Blickwinkel und Ansätze notwendig. Man muss ein Bewusstsein für eigene Vorurteile entwickeln. Wo diskriminiert man beispielsweise selbst? Das ist im Wesentlichen eine Haltungsarbeit. Unser Ansatz der kultursensitiven Frühpädagogik soll vor allem auch Strategien für konkrete Kitaschlüsselsituationen liefern. Dahinter stecken Forschungsergebnisse aus der kulturvergleichenden Familien-, Kleinkind- und Säuglingsforschung. Denn es gibt viel Wissen darüber, wie Kinder sich in verschiedenen kulturellen Kontexten entwickeln, was Eltern erwarten, wie pädagogische Prozesse ablaufen und pädagogische Einrichtungen gestaltet sind: Frau Prof. Heidi Keller und ihre Arbeitsgruppe haben in verschiedenen Kontexten der Welt beispielsweise Kinder dahingehend untersucht, wie sie unterschiedliche Entwicklungsaufgaben in verschiedenen Altersstufen bewältigen. Die Grundidee dahinter ist, dass Menschen, die in ähnlichen Umweltbedingungen und Gesellschaftsstrukturen leben, auch ähnliche Überzeugen und Verhaltensweisen zeigen. Beispielsweise darüber, wie Kinder sich entwickeln sollten und wie man mit ihnen umgeht. Aus diesen verschiedenen kulturellen Modellen lassen sich Umgangsweisen bezogen auf die Erwartungen von Eltern und die Erfahrungen von Kindern in einer Schlüsselsituation ableiten.
  • Wie lässt sich Ihr Konzept anwenden?
Wenn man in der Kita etwas über den Hintergrund der Kinder weiß – wie die Familien aufgewachsen sind, ob städtisch oder ländlich, in Groß- oder Kleinfamilien etc. –, dann kann man zumindest einer Leitlinie folgen, um zu verstehen, warum die Eltern beispielsweise bestimmte Erwartungen an die Kita stellen. Oder warum sich die Kinder so oder so verhalten.
  • Könnten Sie ein Beispiel nennen?
Der aktuelle Fokus der Frühpädagogik in Deutschland ist darauf ausgerichtet, dass Kinder sich ihre Bildungsthemen eher selbst suchen, Fachkräfte sich zurücknehmen, nur unterstützen, aber nicht unbedingt Dinge vorgeben. Das hat gute Gründe, aber man muss hinterfragen, ob dies bei allen Kinder passend an ihre Vorerfahrungen anschließt. Es gibt Kinder – zum Beispiel aus eher ländlichen großfamiliär strukturieren Kontexten – für die teilweise andere Modelle besser anschließen können. Modelle, bei denen die Fachkräfte eher Angebote machen und Situationen stärker strukturieren. Kinder, die Freiheit und Auswahl nicht so gewohnt sind, können mit einem pädagogischen Angebot, das eher auf Selbstbildung zielt, oft anfangs nicht so gut umgehen. Nicht weil die Kinder auffällig sind, sondern weil in dem Moment noch keine Passung besteht zwischen dem pädagogischen Angebot und dem Hintergrund des Kindes. Und solche Hintergründe kann eine Fachkraft mit unserem Modell einordnen und eine Lösung suchen. Das ist gerade anfangs wichtig, damit man allen Kindern die gleiche Chance geben kann, an Bildungsprozessen teilzunehmen.


Zur Person:
  • Jörn Borke ist Professor für Entwicklungspsychologie der Kindheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Quelle: www.bildungsklick.de
Foto Jörn Borke:
Jörn Borke (© Kerstin Seela/Hochschule Magdeburg-Stendal)


Tipps zur didacta:



Auf der didacta 2017 in Stuttgart spricht Prof. Jörn Borke bei den Kita-Seminaren am 17. Februar 2017 von 13:00 bis 14:30 Uhr zum Thema „Kultursensitives Arbeiten in der Kita“.

Frühe Bildung

Sonderveranstaltung
Bündnis frühkindliche Bildung: Chancen für Kinder – Frühe Bildung als Hilfe für Familien und Kinder mit Fluchhintergrund
14. Februar 2017
15:00-15:45 Uhr
Halle 5, Stand 5D32
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Kita-Seminar
Kultureller Vielfalt offen und sensibel begegnen
17. Februar 2017
10:30–14:30 Uhr
ICS - Internationales Congresscenter Stuttgart
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Kita-Seminar
Ein starkes Team – Rollenverteilung und Zusammenspiel in Kitas
Auftaktvortrag: Teamentwicklung in multiprofessionellen Teams
Prof. Dr. Dörte Weltzien
14. Februar 2017
10:30-12:00 Uhr
ICS - Internationales Congresscenter Stuttgart, Raum C4
Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Schule/Hochschule

Forum Unterrichtspraxis
Pädagogische Arbeit mit Flüchtlingskindern
Prof. Dr. Hubertus Adam, Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie im Martin Gropius Krankenhaus
15. Februar 2017
11:00 bis 12:00 Uhr
Halle 1, Stand 1E72
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Forum Unterrichtspraxis
Zweitsprache Deutsch und Schriftspracherwerb – für Kinder ohne Deutschkenntnisse
Dipl. Päd. Marlies Koenen, Institut für Image und Bildung, Berlin
17. Februar 2017
11:00 – 12:00 Uhr
Halle 1, Stand 1E72
Veranstalter: Verband Bildungsmedien e. V.

Teilen auf
Teilen auf Facebook