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Rezensionen und Reviews
19.12.2016  Meike Sauerhering

Grundschule – ein Ort, der Kinderarmut entgegen wirkt? (Review)

Kinderarmut ist ein vielschichtiges Problem. Im weiteren Lebensverlauf kann sie zu Einschränkungen der Entwicklungsmöglichkeiten sowie zu problematischen Bildungs-, Berufs- und Lebenschancen führen. Auszüge einer Studie, die sich damit befasst, wie GrundschullehrerInnen auf arme Kinder schauen, werden in dieser Review vorgestellt.
Die aktuelle Ausgabe (2/2016) der Zeitschrift für Grundschulforschung. Bildung im Elementar- und Primarbereich widmet sich mit ihren Beiträgen dem Thema Bilder vom Kind / Kindheitsbilder. Hier wird der Beitrag von Doris Lindner zusammengefasst. Sie stellt in ihrem Beitrag (Bilder von Grundschullehrenden über arme Kinder. Konturen einer wissenssoziologischen Betrachtung S. 40-52). Teilergebnisse aus dem Projekt „Arme Kinder stärken: Wahrnehmungen, Deutungen und Handlungsorientierungen von Lehrenden an Grundschulen“ vor und greift dabei auf Datenmaterial aus Leitfaden-gestützten Interviews mit 15 GrundschullehrerInnen von 6 Schulstandorten in Wien zurück.

Armut ist ein vielschichtiges soziales Phänomen und wirkt sich in verschiedenen Lebensbereichen aus. Es umfasst nicht lediglich materielle Ressourcen Einzelner sondern auch kulturelle und gesamtgesellschaftliche Perspektiven. Armut und Armutserfahrungen sind Teil der Lebenswelt einer steigenden Anzahl von Kindern und somit auch Realität in der Grundschule. Dennoch „scheinen Grundschule und Grundschulpädagogik Kinderarmut bislang eher als Randphänomen wahrzunehmen und zu thematisieren“ (S. 41). Auftrag der Schule ist es, armutsbedingte Benachteiligungen abzufedern, doch das gelingt nach wie vor nicht. Der Aspekt, der in dem Beitrag von Doris Lindner zum Tragen kommt, ist der, dass neben den Bedingungen des Schulsystems das Handeln von LehrerInnen soziale Ungleichheiten (re-)produziert. Es wird dargestellt, auf welche Deutungsmuster GrundschullehrerInnen zurückgreifen, um Kinderarmut zu bewerten.

Die Autorin hebt heraus, dass Armut im Wesentlichen als soziale Tatsache beurteilt wird, und dass LehrerInnen viele aktuelle Forschungsergebnisse zu diesem Bereich bekannt scheinen. Zugleich werden jedoch die strukturellen Bedingungen von Kinderarmut ausgeblendet. Dies ist ein sehr interessantes Phänomen und geht damit einher, dass die Befragten Lehrkräfte sehr emotional mit dem Thema Armut umgehen und es in einen moralisch-ethischen Kontext setzen. Diese Befunde werden im Folgenden weiter aufgefächert.

Kinderarmut wird nicht in erster Linie als materielle Armut verstanden

Wenngleich LehrerInnen Armut auch als Mangel an Ressourcen definieren und diesen auch am äußeren Erscheinungsbild von Kindern festmachen, wird zugleich auf Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltensweisen verwiesen. Dabei wird ein Bild „innerer Verarmung“ (S. 44) gezeichnet, die dadurch gekennzeichnet ist, dass fürsorgliche Eltern fehlen und ein Mangel an emotionaler Wärme herrscht. Hintergrundfolie bildet dabei die Orientierung an einem traditionellen Mutterbild, dass der Frau die Rolle der fürsorglichen, liebevollen Umsorgerin zuweist.

Beschreiben LehrerInnen welche Verhaltensweisen sie bei armen Kindern beobachten, zeigen sich zwei Extreme. Einerseits werden diese Kinder als aggressiv, impulsiv und dominant beschrieben und zeigen sich respektlos und derb im sprachlichen Ausdruck. Andererseits wird auch von geringem Selbstvertrauen, Minderwertigkeits- und Schamgefühlen armer Kinder berichtet. Im Unterricht fallen arme Kinder – in der Wahrnehmung der LehrerInnen – durch Impulsivität, Unkonzentriertheit und motorische Unruhe auf. Als Gründe dafür werden mangelnder Schlaf wegen hohem Fernseh- oder Computerkonsums, sowie ein Mangel an elterlicher Fürsorge antizipiert. Oftmals wird dieses als Indiz für ein niedriges formales Bildungsniveau der Eltern betrachtet. GrundschullehrerInnen weisen Eltern eine zentrale Rolle hinsichtlich der Ursachen von Kinderarmut zu.

(Kinder-)Armut ist aus LehrerInnenperspektive eine Frage des Schicksals oder der Schuld von Eltern

LehrerInnen betrachten verschiedene Problemgruppen als relevant für Armutslagen:
  • Eltern mit Migrationshintergrund
  • Eltern mit niedrigem Bildungsniveau, die in sozialen Brennpunkten leben
  • Eltern mit schlecht bezahlter oder ohne Arbeit
  • Eltern, die kein oder wenig Interesse an der der Schule zeigen
  • Oder Eltern, die aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse kein Interesse an der Schule zeigen können
Aus geschlechtsspezifischer Perspektive lassen sich ergänzend beispielsweise die geschiedene alleinerziehende Mutter, die nicht über ein ausreichendes Einkommen verfügt oder der arbeitsunfähige oder gar -unwillige Mann nennen, der die Armut der Kinder mit zu verantworten hat. Vielfach betrachten LehrerInnen Armut als Folge mehrerer der genannten Aspekte – gesellschaftliche Bedingungen bleiben dabei ausgeblendet. Armutsverhältnisse können unverschuldet sein, aber auch aus unerwünschten Handlungsweisen entstehen – so die Deutungsmuster der Befragten. Wer unverschuldet in Armutslagen lebt, verdient Anerkennung. „Werden Betroffene hingegen für ihre Lebenslage verantwortlich gemacht, bedeutet dies für sie zumeist gesellschaftliche Sanktionen in Form von Statusverlust und sozialer Ausgrenzung" (S. 48). Aus Sicht der befragten GrundschullehrerInnen kann persönliches Fehlverhalten in Form von mangelnden Fähigkeiten, fehlenden Fertigkeiten oder Kenntnissen, Faulheit oder schlechter Umgang mit Geld die Ursache von Armut sein. Diese stark individualisierte Problemdeutung resultiert auch aus einer „moralisch überlegenen“ (S. 50) Mittelschichtsorientierung der LehrerInnen.

Kinderarmut führt zu Frustration und Hilflosigkeit

Kinder geraten immer unverschuldet in Armut und bedürfen daher der Unterstützung – dies ist ein kulturell etabliertes Deutungsmuster von Kinderarmut. Hierauf gründen ein Idealismus und der Wunsch von LehrerInnen, jedes Kind pädagogisch zu fördern und in seiner Entwicklung zu unterstützen. Doch weicht dieser Wunsch oft der Frustration und Hilflosigkeit und wird durch die Überzeugung ersetzt (armen) Kindern nicht mehr helfen zu können (vgl. S. 49). In Schulen mit einer hohen Anzahl von armen Kindern wird das Anspruchsniveau gesenkt und der Leistungsfähigkeit der Kinder angepasst. Lindner verbindet dieses mit dem Standpunkt der Lehrenden, dass Unterrichten die primäre Aufgabe von Schule ist (S. 48). An dieser Stelle ist die Argumentation im Beitrag etwas brüchig, sodass sie nicht vollständig nachzuvollziehen ist. Sie führt jedoch zu der überzeugenden Aussage, dass „gerade die Grundschule als eine Schule für alle Kinder mehr sein müsste als eine Institution formaler Bildung. Grundschulen könnten eine Art Entwicklungs- und Gestaltungsraum zur Kompensation aber auch Förderung armer Kinder sein, sofern es Lehrenden gelingt, armen Kindern das Gestaltungsvermögen von Schule zugänglich zu machen“ (S. 49)). Diesem Anspruch genügt die Grundschule im allgemeinen jedoch  (noch) nicht.

Foto: Fotolia Petro Feketa

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