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Perspektiven
03.01.2017  Anja Katrin Orth

Die Bildungsintegration geflüchteter Kinder

Welche Rechtsansprüche Kinder, die nach Deutschland mit oder ohne Eltern, geflüchtet sind, haben bzw. haben sollten und welche Maßnahmen die Länder ergreifen müssen, um den Herausforderungen gerecht zu werden, wird im Folgenden für Kita und Schule beschrieben.

Frühkindliche Bildung stärken

Auch für Flüchtlingskinder gilt nach Vollendung des ersten Lebensjahres der Rechtsanspruch auf einen Platz in der Kindertagesbetreuung, wenn ein gewöhnlicher Aufenthalt nachgewiesen werden kann. Belastbare Zahlen zur Teilnahme von Flüchtlingskindern an frühkindlicher Bildung liegen bislang nicht vor. Da jedoch fortlaufend zu wenig Kitaplätze vorhanden sind, ist der Zugang zu diesen Plätzen gerade für Flüchtlingskinder schwierig.2 Zusätzlich kann insbesondere bei Flüchtlingen in Erstaufnahmeeinrichtungen davon ausgegangen werden, dass Kinder, wenn sie lange in Sammelunterkünften wohnen, selten in einen Kindergarten gehen.
Daher ist es erforderlich, bei der regionalen Verteilung der Flüchtlingskinder und ihrer Familien innerhalb Deutschlands auf vorhandene Betreuungsplätze, Betreuungsrelationen und gute Förderbedingungen zu achten, um eine gute Integration zu gewährleisten.

Der Anteil der betreuten Kinder an allen Kindern der Altersstufe und die Betreuungsrelationen sowie die Gruppengrößen in den jeweiligen Bundesländern verdeutlichen, dass vor allem Nordrhein-Westfalen im Vergleich zu anderen Bundesländern Nachholbedarf bei der Ausstattung mit Kinderbetreuungsplätzen hat.
Gleichzeitig befinden sich aber über 27 % aller Asylbewerber/innen, Geduldeter und anerkannter Flüchtlinge unter sechs Jahren in diesem Bundesland, obwohl hier nur 22 % der Gesamtbevölkerung leben.

Wird der Personalschlüssel betrachtet, so besteht vor allem in den ostdeutschen Bundesländern noch Nachholbedarf. Für Flüchtlingskinder ist oftmals ein höherer Betreuungsaufwand nötig, sodass es wichtig ist, dass ein Erzieher möglichst wenige Kinder betreut. Eine gute regionale Verteilung von Flüchtlingen ist auch deshalb notwendig, damit nicht zu viele Migranten- und Flüchtlingskinder in den einzelnen Kindertageseinrichtungen sind und das Erlernen der deutschen Sprache dadurch nicht behindert wird. Aktuelle Studien geben einen Hinweis darauf, dass die Anregungsqualität überproportional abnimmt, wenn der Anteil der Kinder mit einer nichtdeutschen Familiensprache in den einzelnen Kindergartengruppen den Wert von 40 % übersteigt.

Damit auch die Flüchtlingskinder schnell von den positiven Wirkungen der Kindertagesbetreuung profitieren, ist zunächst ein Ausbau der Kinderbetreuungsplätze erforderlich. Zudem müssen die Flüchtlingsfamilien für die Bedeutung der frühkindlichen Betreuung für die Entwicklung ihrer Kinder sensibilisiert werden. Darüber hinaus sollten die Fortbildungsangebote für Erzieher/innen (Deutsch als Fremdsprache [DaF] und Deutsch als Zweitsprache [DaZ]), in denen auch kulturelle Werte vermittelt werden, ausgebaut werden.

Spezielle Maßnahmen zur Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund gibt es schon einige. Wie Kitas bei der Integration von Flüchtlingskindern unterstützt werden können, zeigt das Programm der Willkommenskitas in Sachsen und Sachsen-Anhalt, bei dem ausgewählte Kitas bedarfsorientierte Fortbildungen erhalten.
Die Förderung von Flüchtlingskindern ist mit zusätzlichen Ausgaben verbunden. Für schätzungsweise 54.000 Kinder im potenziellen Vorschulbereich und rund 44.460 Kinder im Alter unter vier Jahren sollten Betreuungsplätze bereitgestellt werden. Hierbei wird angenommen, dass von den 117.000 Kindern im Alter unter vier Jahren die Teilnahmequote in Kitas bei 38 % liegen dürfte. Laut Berechnungen zum nationalen Bildungsbericht ist davon auszugehen, dass sich die laufenden Personal- und Sachkosten pro Platz 
jährlich auf etwa 7.000 € belaufen.7 Für 98.460 Kinder würden jährliche Kosten von 689,2 Millionen € anfallen.

Förderbedingungen in der Schule  verbessern

Wie die zusätzliche Aufnahme der Flüchtlingskinder in den einzelnen Bundesländern gelingt, wird zum Teil davon abhängen, wie sich die Voraussetzungen hinsichtlich der Kapazitäten (Klassen, Lehrkräfte, Versorgung mit Ganztagsplätzen) in den einzelnen Bundesländern darstellen.

Die Altersstruktur der Lehrer/innen an allgemeinbildenden Schulen gestaltet sich in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen besonders positiv. In diesen Bundesländern ist der Bestand an jüngeren Lehrkräften im Vergleich zu älteren verhältnismäßig hoch, sodass die zukünftig aus dem Arbeitsmarkt ausscheidenden Lehrer/innen besser als in anderen Bundesländern ersetzt werden können. Besonders ungünstig fällt die Altersstruktur der Lehrkräfte in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen aus. Hier wird es in den nächsten Jahren ohnehin eine Herausforderung werden, die in den Ruhestand wechselnden Lehrer zu ersetzen. Dementsprechend wird es dort auch umso schwieriger werden, noch zusätzliche Lehrkräfte für die Betreuung von Flüchtlingskindern zur Verfügung zu stellen. Schwierig wird dies auch in Nordrhein-Westfalen, da hier die Klassengrößen und die Schüler-Lehrer-Relationen relativ ungünstig ausfallen, anders als beispielsweise in Sachsen-Anhalt oder Thüringen. Eine gut ausgebaute Ganztagsinfrastruktur an den Grundschulen weisen vor allem Hamburg, Sachsen und Berlin auf.8 Ganztagsbetreuungsplätze haben für die umfangreiche Unterstützung gerade von geflüchteten Kindern eine hohe Bedeutung, da sie im Rahmen der Ganztagsbetreuung in der Regel auch Hilfe bei den Hausaufgaben erhalten und kontinuierlich beim Erwerb der deutschen Sprache unterstützt werden können.

Damit geflüchtete Kinder rasch in das Bildungssystem integriert werden, ist es wichtig, eine bundesweite Schulpflicht für Flüchtlingskinder spätestens nach einer Aufenthaltsdauer von drei Monaten festzusetzen. Darauf aufbauend sollte die Lehrerqualifizierung zu DaF und DaZ landesweit noch weiter ausgebaut werden, um einen flächendeckenden Ausbau der Willkommensklassen zu gewährleisten. Ziel sollte es sein, die geflüchteten Kinder möglichst schnell in Regelklassen zu integrieren.

Es empfiehlt sich, die (Berufs-)Schulpflicht bis zum 21. Lebensjahr auszuweiten, um eine einheitliche Grundbildung für alle Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen.

Um die Sprachförderung zu realisieren und die vielen Flüchtlinge in der Schule optimal zu fördern, sind zusätzliche Lehrerstellen notwendig. Die Kultusministerkonferenz (KMK) geht Anfang September 2015 von rund 300.000 schulpflichtigen Flüchtlingen aus. Setzt man aufgrund des Integrations- und Förderbedarfs von geflüchteten Kindern eine Schüler-Lehrer-Relation von 1 : 10 an, bestünde ein Bedarf an 30.000 zusätzlichen Lehrkräften. Potenzial dafür findet sich bei den Personen, die den Lehrerberuf erlernt haben, aber gegenwärtig nicht erwerbstätig sind. Zudem arbeiten gegenwärtig 260.000 ausgebildete Lehrer/innen nicht im Lehrerberuf, sondern haben einen anderen Beruf ergriffen. Möglicherweise bestehen auch in dieser Gruppe Potenziale, einen Teil der zusätzlich benötigten Lehrkräfte zu gewinnen. Dies wird jedoch stark davon abhängen, welcher alternative Beruf gegenwärtig ausgeübt wird. Auch wird zusätzliches sozialpädagogisches Personal benötigt werden.

Für die schätzungsweise 118.000 Kinder im Alter zwischen sechs und elf Jahren wird ein Kostensatz von 5.600 € für die Grundschulen verwendet und für die 84.000 elf- bis 16-jährigen Kinder ein Kostensatz von 7.360 € (Durchschnitt aus Ausgaben pro Schüler/in von Hauptschulen, Schulen mit mehreren Bildungsgängen, Realschulen, Gymnasien und integrierten Gesamtschulen). Damit ergeben sich anfallende Gesamtkosten von 1,279 Milliarden €.

Dieser Artikel ist Teil eines Beitrages, den die Autorin im NDV 12/2016 veröffentlicht hat. Sie können den ganzen Artikel bei uns downloaden. Dort finden Sie auch Anmerkungen und Angaben zur Autorin.

Foto: Jovannig/Fotolia

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