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Perspektiven
14.01.2017  Ernst Rösner

Welche Themen der Bildungspolitik werden warum diskutiert?

Fraglos bieten Bildungsthemen ein großes Versuchungspotenzial zur politischen Profilierung, schließlich kann hier von einem besonders starken öffentlichen Interesse ausgegangen werden.
 Das lässt sich am leichtesten durch Festhalten am vermeintlich Bewährten bedienen, was vor allem das kampagnenfähige Bürgertum goutiert. Der Respekt vor dieser Klientel kann zu absurden politischen Forderungen führen. „Das Gymnasium muss bleiben!“ plakatierte die FDP im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf 2011. Dass jemand das Gymnasium abschaffen wollte, ist nicht überliefert.

Maßstab Elternwünsche?

Es wäre allerdings ein Fehler, solche rhetorischen Kniefälle vor einer bestimmten Klientel als Beitrag zur eigenen Profilierung zu verstehen. Die Verhältnisse sind leider komplizierter. Da gibt es die öffentliche und veröffentlichte Meinung von Eltern, deren Wünsche im Zweifel ignoriert werden. Beispiele sind das Festhalten am unpopulären achtstufigen Gymnasium oder die Unantastbarkeit des dysfunktionalen deutschen Bildungsföderalismus, gegen den es stark verbreitete Elternvorbehalte gibt. Dass die Mehrheit der Eltern keine Schulformaufteilung nach vier Grundschuljahren wünscht, spielt in der bildungspolitischen Agenda allenfalls eine Nebenrolle. Mit hinreichender Gewissheit sind das drei prominente Profilierungschancen, die von politisch Verantwortlichen gemieden werden. Es wäre indes ein heikles Unterfangen, Elternwünsche zum alleinigen Maßstab politischen Handelns zu machen. Wäre das der Fall, hätte es den Ausbau der Ganztagsschulen oder die Umsetzung der UN-Konvention zur Inklusion kaum gegeben.

 


© privat

Dr. Ernst Rösner arbeitete bis zu seiner Pensionierung als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund. Bereits 1989 prognostizierte er in seinem gleichnamigen Buch den „Abschied von der Hauptschule“. 2006 entwickelte er für Schleswig-Holstein das Konzept der Gemeinschaftsschule.

Bildungsforschung und Politik

Noch schwerer als mit Elternwünschen tut sich die Bildungspolitik mit Befunden aus der Bildungsforschung. An Beispielen herrscht kein Mangel: Der Abbau herkunftsbedingter Bildungsungerechtigkeiten gelingt nur suboptimal, der Übergang von der Grundschule ins weiterführende Schulwesen ist zwar von erbrachten Leistungen abhängig, aber auch sehr stark auch von Willkür und Vorurteilen geprägt. Später kann sich der gewählte Bildungsgang als Falle erweisen, denn auch dies ist wissenschaftlich gesichert: Nach Herkunft und Kompetenz identische Kinder entwickeln sich abhängig vom Anspruchsniveau ihres Bildungsgangs. Schulformen und Einzelschulen seien eben „differenzielle Entwicklungsmilieus“ befand der frühere PISA-Chef Jürgen Baumert bereits 2002. Hat das jemand zur politischen Profilierung herangezogen?

Es gibt wie so oft keine einfachen Antworten. Ausgeprägt erscheint die Neigung, mutige Entscheidungen zu vermeiden, an getroffenen Entscheidungen beharrlich festzuhalten oder Zuständigkeiten zu verlagern – so entscheiden beispielsweise die Schulträger über Schulstrukturreformen. Das lässt sich dann im politischen Geschäft als Verlässlichkeit oder Kontinuität verkaufen. Problemlösungskompetenz sieht anders aus.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 4-2016 veröffentlicht. Wir haben ihn von bildungsklick.de übernommen.



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