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Perspektiven
16.01.2017  Hilde von Balluseck

Störenfriede. Oder: Der Umgang mit Ambivalenz

Schon im Kindergarten sind manche Kinder aufgrund ihres Verhaltens von Ausschluss aus der Gruppe bedroht. Sie werden nicht zu Spielkameraden erklärt, die Erzieherin ermahnt sie häufig: Sie sind Störenfriede. Kinder identifizieren sich mit den Zuschreibungen anderer Kinder und Erwachsener, wenn es keine starken Gegengewichte, wie z.B. Erfolg in einem Sportverein oder Freude im Einzelmusikunterricht gibt.
Beim Übergang in die Schule kann ein Umschwung erfolgen, aber ebenso ist es möglich, dass ein Kind die Rolle des Störenfriedes beibehält und damit in eine schwierige Lebenssituation kommt.

Die Gründe für destruktives Verhalten von Kindern sind zumeist im Elternhaus, selten in ihrer Persönlichkeit (Petermann 2017) zu finden. Aber die Suche nach den Ursachen führt die Fachkraft nicht viel weiter. Sie muss vielmehr Methoden finden, wie sie die Exklusion des Kindes und eine Verfestigung seiner Außenseiterposition verhindern kann. Hilfreich dafür ist die Annahme, dass jedes störende Verhalten auch kreative Elemente enthält und den Wunsch, dazu zu gehören. Das störende Verhalten beruht dann auf Hilflosigkeit, vielleicht sogar Verzweiflung,  weil das Kind subjektiv keine andere Möglichkeit sieht, um sich einzubringen.  Diese Ambivalenz gilt es zunächst einmal  zu erkennen, und dann so zu wenden, dass das Kind eine Chance sieht, doch dazu zu gehören.

Als hilfreich für den Umgang mit Ambivalenz erweist sich der Einstieg in eine Spielwelt aus Literatur Sie kann auf einer literarischen Vorlage beruhen, die von den Kindern und der Fachkraft gemeinsam neu gestaltet wird,  ohne dass die Form der Teilnahme, der Handlungsstrang oder das Ende festgelegt wären. Kinder und Fachkraft haben gleiche Rechte bei der Gestaltung des Spiels.

Beth Ferholt vom Brooklyn College im Staat News York der USA und Anna Pauliina Rainio legen in der Dezember-Ausgabe von Early Years Ergebnisse einer Fallstudie vor, mit der sie zeigen, wie eine Fachkraft mit der Ambivalenz eines Kindes unter solchen Rahmenbedingungen umgeht.

Der "Fall" bezieht sich auf einen Jungen, hier Milo genannt, in einer Gruppe von Kindergarten- und Grundschulkindern der ersten Klasse. Obwohl der Junge auffällig ist und Kinder stört, wird er von den anderen Kindern nicht ausgeschlossen.  Die Autorinnen vermuten, dass die Kinder aufgrund eigener traumatischer Erfahrungen Toleranz entwickelt haben - dies wird allerdings nicht belegt.

Die Spielwelt, in die Kindergarten- und Grundschulkinder der ersten Klasse mit ihrem Lehrer das Buch von C.S. Lewis "The Lion, the Witch and the Wardrobe" gestalteten, fand 14 Mal in zweistündigen Sitzungen  innerhalb eines Jahres statt. Eingebunden in das Spiel waren auch die vier Forscherinnen. Jede Sitzung wurde begleitet von Requisiten, die die Akteure selbst gebastelt oder verfasst hatten.

Die Autorinnen beschreiben, wie Milos immer wieder die Rolle des mit spielenden Kindes verlässt und Störaktionen startet. Diese werden aber von dem Lehrer in Angebote, doch mitzuspielen, Verantwortung zu übernehmen, Ideen zu entwickeln, umformuliert. Der Lehrer ermutigt das Kind auch, seine abweichenden  Urteile über das Stück malerisch darzustellen und erhält damit Zugang zum Inneren des Jungen. Dieser wiederum fühlt sich angenommen und kann immer stärker positiv gestaltend Teil der Gruppe sein.

Die These der Autorinnen ist überzeugend. Es fragt sich nur, wie eine Fachkraft - Erzieherin oder Lehrerin - mit mehreren Störenfrieden in der Gruppe zurechtkommen kann. Das intensive Eingehen auf mehrere Kinder, die ein problematisches Verhalten zeigen, kostet mehr Zeit, als manche ErzieherIn und Lehrerin zur Verfügung hat. Von daher ist auch das Forschungssetting, das die Autorinnen beschreiben, schwer in der alltäglichen Praxis umzusetzen.

Wir können allerdings zwei Erkenntnisse aus diesem Bericht mitnehmen: Zunächst den positiven Blick auf störendes Verhalten, das nicht nur eine Ablehnung der Fachkraft und der Gruppe, sondern auch den Wunsch enthält, dazu zu gehören.

Zum Zweiten zeigt sich die befreiende Wirkung des nicht gelenkten Spiels, in dem die Kinder ihre eigenen Vorstellungen zur Handlung, zur Gestaltung der Rollen und zum Ende der Geschichte einbringen können. Theater als Inklusionsmethode - das lässt sich auch mit Kindern realisieren, die noch nicht fließend Deutsch sprechen.  

Quellen:
 
Ferholt, Beth/Rainio, Anna Pauliina: Teacher support of student engagement in early childhood: embracing ambivalence through playworlds. In: Early Years, 36 (2016): 413-425.

Petermann, Franz: Schlagen ist nicht cool - Gewalt unter Kindern. In: von Balluseck, Hilde (Hrsg., 2017): Professionalisierung der Frühpädagogik. Perspektiven - Entwicklungen - Herausforderungen. 2. aktualisierte und überarbeitete Auflage. Opladen, Berlin Toronto: Verlag Barbara Budrich: 295-307
 
Foto: Sergey Novikov/Fotolia
 

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