Anmelden
Perspektiven
20.02.2017  Karsten Herrmann

Fachberatung zwischen Wunsch und Wirklichkeit

Die aktuelle Situation sowie die Perspektiven der Fachberatung in Deutschland standen im Fokus einer gemeinsam von der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Entwicklung in der Kindheit (BAG BEK), der GEW Baden-Württemberg und dem nifbe durchgeführten Fachtagung auf der didacta in Stuttgart.
Zur Begrüßung umriss Maria Korte-Rüther vom nifbe die zentrale Bedeutung der FachberaterInnen für die qualitative Weiterentwicklung von KiTa und Kindertagespflege. Gleichzeitig sei sie durch eine ungeheure Heterogenität in Struktur, Aufgabenspektrum und Selbstverständnis gekennzeichnet. In Niedersachsen begleite das nifbe daher den Prozess zur Entwicklung eines gemeinsamen Professionsverständnissen mit Arbeitsgruppen und landesweiten Tagungen. Im Ergebnis sei ein Positionspapier entstanden, das jetzt in einem nächsten Schritt mit Trägern und dem Kultusministerium diskutiert werden solle.

Daran anknüpfend erläuterte Elke Alsago, wie die BAG-BEK mit der AG Fachberatung den Professionalisierungsprozess der Fachberatung auf Bundesebene begleite und eine Plattform für Austausch und Vernetzung biete. Gemeinsam würden hier auch Bestandsaufnahmen beispielsweise zur rechtlichen Verankerung der Fachberatung auf Bundes- und Landesebenen oder auch zu Aus- und Weiterbildung von FachberaterInnen durchgeführt. Ziel sei es in der AG Fachberatung die Bundesländer und Träger von Fachberatung repräsentativ zu spiegeln.
 

Fachberatung als Schlüssel für Qualitätsentwicklung und -sicherung

Im Auftaktvortrag beschrieb Gabriele Berry die Ausgangslagen und Perspektiven von Fachberatung. Grundlage dafür bot dabei ihre gemeinsam mit Christa Preissing für das Familienministerium im Rahmen des geplanten Bundesqualitätsgesetzes verfasste Expertise zur „Fachberatung im System der Kindertagesbetreuung“.

Fachberatung, so Berry, bilde eine Schnittstelle zwischen den verschiedenen Ebenen des Feldes der frühkindlichen Bildung. Zentral sei sie sowohl für die Qualitätsentwicklung von Trägern wie von KiTas zuständig, sorge für den Transfer von neuen Erkenntnissen aus der Forschung in die Praxis, entwickle fachpolitische Empfehlungen und fördere die Vernetzung. Sie unterstrich, dass Fachberatung der „Reformmotor und Schlüssel für die Qualitätsentwicklung und –sicherung in den KiTas und der Kindertagespflege ist“.

Allerdings, so konstatierte sie die Sichtung von Forschungsergebnissen im Rahmen der Expertise, fehle es an gesicherten Erkenntnissen zur Realität von Fachberatung, über ihre tatsächliche Wirkung und einzelne Wirkfaktoren. Insgesamt zeige sich das Feld als „äußerst heterogen und ungeregelt“ und die konkrete Ausgestaltung der Fachberatung liege in der alleinigen Verantwortung der Träger. Deutlich sei auch, dass die die strukturellen Rahmenbedingungen für die Fachberatung „zumeist nicht ausreichend und zwischen den Bundesländern höchst unterschiedlich sind“. So schwanke beispielsweise die Betreuungsquote von FachberaterInnen geradezu dramatisch zwischen 1:1 und 1:600 KiTas. So könne das Ziel, allen Kindern die gleichen Chancen zu bieten, nicht verwirklicht werden. Daher brauche es einer rahmengebenden Bundesgesetzgebung unter dem Grundsatz „Anerkennung von Verschiedenheit auf der Basis relevanter Gemeinsamkeiten“.

In diesem Sinne sprach Gabriele Berry folgende acht Empfehlungen aus:
  • Rechtsanspruch der Fachpraxis und der Träger auf Fachberatung im SGB VIII verankern und die Finanzierung von Fachberatung auf Länderebene verbindlich regeln
  • Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung als Kernaufgabe von Fachberatung
  • Angemessene personelle Ausstattung für die unmittelbaren Fachberatungsaufgaben und eine Relation von 1 Fachberaterin auf 20 Kitas oder auf max. 40 Kindertagespflegeverhältnisse
  • Sicherstellung von Fachberatung für alle Kitas und Träger
  • Die Wahrnehmung von Fachberatung als Verpflichtung bundesweit regeln
  • Mittelfristig: Einschlägiges praxisorientiertes Hochschulstudium und mehrjährige Berufspraxis im Arbeitsfeld Kindertagesbetreuung
  • Fort- und Weiterbildung der Fachberatung auf Länder- und Verbandsebene als Verpflichtung
  • Qualitätsentwicklung in der Fachberatung als verbindliche Regelung auf Bundes- oder Länderebene
  • Daten und Fakten zur Fachberatung über die Kinder- und Jugendhilfestatistik erfassen


Fachberatung "auf dünnem Eis"

In ihrem Vortrag „FachberaterInnen zwischen Wünschen und Wirklichkeit“ skizzierte Elke Alsago zunächst die gesetzlichen Grundlagen für FachberaterInnen auf Bundesebene (SGB VIII) und in den Landesgesetzen. Bis auf wenige Ausnahmen wie in Thüringen unterstrichen die Gesetzgebungen zwar, dass Praxisberatung sicherzustellen ist, ließen aber die Finanzierung und die Inhalte der Fachberatung weitestgehend ungeklärt. „In diesem Sinne bewegt sich Fachberatung rechtlich auf dünnem Eis“ resümierte sie.

Gleichzeitig sehe sich Fachberatung aber hohen und vielfältigen Ansprüchen von verschiedenen Seiten ausgesetzt – insbesondere über die Bildungs- und Orientierungspläne der Länder, über die Träger und über die KiTa-Leitungen. Letztere sähen Fachberatung beispielsweise ganz ausgeprägt als ihre Interessenvertretung, wollten Kontrolle vermeiden und erwarteten eine Haltung der Responsivität und Kooperation sowie den Transfer von Inhalten und das Setzen von Reflexionsimpulsen. In diesem Spannungsfeld positioniere sich Fachberatung dann noch mit ihrem Selbstanspruch, der Wert auf eine neutrale Position zwischen KiTa und Träger lege und sich ganz zentral am Wohl des Kindes orientiere. FachberaterInnen gehe es im Verhältnis zur KiTa insbesondere um „Ermöglichen, umsorgen, vermitteln und Kriseninterventionen“.
 

Aktuelle politische Entwicklungen

Die aktuellen Entwicklungen zur gesetzlich-strukturellen Stärkung der Fachberatung auf Bundes- und Länderebenen stellte André Dupuis anhand des Zwischenberichts „Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern“ der Bund-Länder-Kommission vor. Hier wird „Fachberatung als strukturelle Voraussetzung für eine hochwertige Qualität“ benannt und angesichts ihrer derzeitigen heterogenen Ausgestaltung bedürfe es „eines Profils der Fachberatung, angemessener Rahmenbedingungen sowie kontinuierlicher Qualifizierung.“ Als Kernaufgaben der Fachberatung werden die unmittelbare fachliche Beratung von Trägern, LeiterInnen und Fachkräften, die Begleitung von Qualitätsentwicklungsprozessen und der Transfer zwischen Wissenschaft und Fachpraxis sowie Politik und Fachpraxis benannt.

Jede Kindertageseinrichtung hat dem Zwischenbericht zufolge „ein Recht auf Fachberatung“ und Ziel sei es daher „die Fachberatungssysteme der Länder aufbauend auf den bestehenden Strukturen bedarfsorientiert auszubauen und weiterzuentwickeln zu kompetenzorientierten Fachberatungssystemen....“. Der Wille zum Ausbau der Fachberatung wird dabei schon mit Zahlen hinterlegt: So würden für 500 bis 1.000 zusätzliche Stellen jährlich zwischen 33 und 66 Millionen Euro zusätzlich benötigt. André Dupuis wertete den Zwischenbericht in diesem Sinne als „wichtigen Schritt auf dem Weg zur weiteren Steuerung, Finanzierung und Qualitätsentwicklung des System der Fachberatung“.
 

Auf dem Weg zum Professionsverständnis

Im Zentrum einer Plenums- und Podiumsdiskussion stand auf dem Fachtag unter anderem die Frage, ob sich Beratung und das dazu notwendige Vertrauensverhältnis mit einer Dienst- und / oder Fachaufsicht vereinbaren lasse. Waltraud Names, Fachberaterin der AWO in Mecklenburg-Vorpommern forderte eine größtmögliche und möglicherweise sogar trägerunabhängige Neutralität der Fachberatung als „Anwalt des Kindes“ ein und konstatierte: „Ohne Fach- und Dienstaufsicht kommen wir näher an die Menschen ran!“ Soweit wollte Heidrun Janssen von der Evangelischen Kirche in Freiburg nicht gehen, mahnte aber an „transparent die Erwartungen zu klären – und zwar gegenüber sich selbst, gegenüber der KiTa und gegenüber dem Träger.“

Hieran schloss sich die Diskussion um das Professionsverständnis und die Entwicklung einer Profession Fachberatung an. Maria Korte-Rüther vom nifbe hob heraus, dass „für die Professionsentwicklung eine grundständige Berufsausbildung bzw. ein Studium unabdingbar seien“. Elke Alsago machte darauf aufmerksam, dass es „noch keine Theoriebildung für das Feld gebe“ und das für die Entwicklung einer Profession „nicht nur das ‚was‘, sondern auch das ‚wie‘ zu diskutieren und zu definieren“ sei.

Einig waren sich die Diskutanten, dass keine Ausbildung und kein Studium die für die Fachberatung notwendigen vielfältigen Kompetenzen und Wissensbestände vermitteln könnten. Neben der Praxiserfahrung blieben das „lebenslange Lernen“ und ein „forschender Habitus“ unabdingbar – und hierfür müssten die entsprechenden mittelbaren Arbeitszeiten zur Verfügung gestellt werden.

Aufbruchstimmung kam zum Abschluss der Fachtagung durch das von Maria Korte-Rüther vorgestellte Beispiel der vom nifbe begleiteten Vernetzung und Entwicklung eines gemeinsamen Professionsverständnisses von Fachberatung in Niedersachsen auf: „Diesen Weg müssen wir in unseren Bundesländern auch beschreiten“ hieß es dazu aus dem Plenum.


Präsentatioonen

Gabriele Berry

Elke Alsago

André Dupuis



Zum Weiterlesen:

Fachberatung gestaltet ihre Zukunft

Fachberatung im Aufbruch

Fachberatung auf dem Weg zum Professionsverständnis

Quo vadis Fachberatung?

P.S.: Wenn Sie über die Inhalte des Portals Frühe Bildung Online informiert werden möchten, abonnieren Sie doch unseren kostenlosen Newsletter.

 

Teilen auf
Teilen auf Facebook