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21.02.2017  Kerstin Trüdinger

Andere Länder, andere Toiletten

Kommt man in ein fremdes Land, ist vieles anders. Eine Schule in Schwaben zeigt, wie sie ihren neuen Schülern beim Ankommen hilft.
Auf der Toilette in der Grund- und Mittelschule in Asbach-Bäumenheim kann man nichts mehr falsch machen. Jetzt. Noch vor einem Jahr konnte Konrektorin Elisabeth Trüdinger nicht fassen, was sie in den Toiletten im Erdgeschoss sah. Ein Haufen Exkremente befand sich auf dem Boden vor einer der Toilettenschüsseln. Zugedeckt mit ein paar Lagen Toilettenpapier.

Anfang 2016 kamen rund zwanzig neue Schüler aus Syrien, Afghanistan und dem Iran an die Grund- und Mittelschule ins schwäbische Asbach-Bäumenheim. Aus Kulturkreisen, in denen man sich nicht wie bei uns auf eine Toilettenschüssel setzt, Klopapier und eine Wasserspülung benutzt. Selbstverständliches, Alltägliches kann in einem fremden Land zur Herausforderung werden, wenn es niemanden gibt, der einen an die Hand nimmt, Dinge erklärt und zeigt, wie etwas funktioniert. Elisabeth Trüdinger und ihre Kollegen nehmen sich die Zeit. Neue Begriffe wie Papierhandtuch, Toilettendeckel und sich sauber machen, besprechen und erarbeiten sie gemeinsam mit den Schülern im Unterricht. Eine Lehrerin recherchiert nach Bildern, die zeigen, was auf der Toilette zu tun ist. Vom Hose herunterziehen bis zum Händewaschen. Sie stellt sie auf einem DIN A4-Blatt als Schaubild zusammen, laminiert sie und hängt sie in jedes Toilettenabteil.

Mehr als 100 000 Kinder zwischen 6 und 16 Jahren beantragten laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016 Asyl in Deutschland und besuchen heute hier eine Schule. Christen und Muslime, Syrer und Afghanen, jeder bringt seine Geschichte, seine Religion und Kultur mit. Für Gülhan Efkar bedeutet Vielfalt im Klassenzimmer Kulturen zusammenzubringen. „Bei mir im Unterricht werden christliche und muslimische Feiertage gefeiert. Damit die Kinder auch toleranter werden“, erzählt die türkischstämmige Lehrerin, die seit neun Jahren Türkisch an unterschiedlichen Schulformen in Mönchengladbach unterrichtet. Erst kürzlich besuchte sie das Deutsche Lehrerforum in Königswinter bei Bonn, um sich mit anderen Lehrern zum Thema Vielfalt in der Schule auszutauschen und sich Anregungen für den Schulalltag zu holen. Um Konflikte zwischen unterschiedlichen Gruppen zu vermeiden, initiiert sie nun gemeinsame Projekte mit Eltern und Schülern. Gemeinsames Spenden sammeln für den Bau von Kitas und Schulen in Benin oder Bilder verkaufen auf dem Weihnachtsmarkt. „Zusammen etwas zu machen und Spaß zu haben, bringt die Kulturen zusammen. Selbst kleine Aktionen bewirken viel“, ist Efkar überzeugt. Es sei wichtig, dass auch die Eltern mitmachen dürften. „So fühlen sie sich mit einbezogen.“

Als die ersten Flüchtlingskinder die Schule in Asbach-Bäumenheim betraten, war das Kollegium anfangs noch unsicher. Wie werden wir uns mit Kindern und Eltern verständigen? Wie integrieren wir die Kinder? Ein ­Dolmetscher wurde engagiert. „Als Afghane kennt er die arabische und die deutsche Kultur und übersetzt nicht nur, sondern vermittelt auch zwischen den Kulturen“, erzählt Elisabeth Trüdinger. Eine Schulpsychologin ist zudem ständige Ansprechpartnerin für die Eltern und hilft bei Problemen. Eine zusätzliche Übergangsklasse, jeweils in der Grund- und in der Mittelschule, erleichtern das Einleben. Dort werden die neuen Schüler täglich vier Stunden von einer Lehrkraft unterrichtet. „Diese beiden Lehrkräfte halfen viel und integrierten die Schüler sehr gut, weil sie auch auf ihre sprachlichen Bedürfnisse eingehen konnten. Sie erarbeiteten gemeinsam einfache Regeln, wie zum Beispiel Verkehrsregeln mit den Kindern, oder gingen mit ihnen einkaufen“, berichtet Elisabeth Trüdinger.

Auch die Gemeinde unterstützt die Schule mit einer Asylantenbeauftragten. Kommt ein Kind nicht zur Schule, ruft die Konrektorin sie an. „Sie ist auch bei uns in der Mittagsbetreuung und beaufsichtigt die Kinder bei den Hausaufgaben. So ist ein enger Kontakt entstanden“, sagt die Konrektorin. „Das erleichtert auch die Kommunikation mit Eltern und Schülern.“

Dass sich die neuen Kinder inzwischen so gut in der Schule mit rund 320 Schülern und 15 Klassen eingelebt haben, sei aber vor allem dem Einsatz der Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken. „Alle Kollegen waren von Anfang an sehr hilfsbereit. Aber auch die Mitschüler kümmerten sich um die Neuen. Sie zeigten ihnen, wie das mit der Pause geht, wo sie hin müssen und was man da macht,“ berichtet Elisabeth Trüdinger. Und die Sache mit der Toilette? „Das klappt inzwischen“, sagt sie erleichtert.

Quelle:
didacta – das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2017, S. 14-16, www.didacta-magazin.de.

Foto: Robert Kneschke/Fotolia

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