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Digitale Bildung
21.02.2017  Jörg Dräger im Interview mit Tina Sprung

Durch digitale Bildung mehr Gerechtigkeit

Bildungsexperte Jörg Dräger ist sich sicher: Digitalisierung im Unterricht kann zu mehr Bildungsgerechtigkeit führen. Warum es dafür mehr braucht als Computer und Handys, erklärt er im Interview.
didacta: Was muss passieren, damit die Bildungslandschaft „revolutioniert“ wird?

Jörg Dräger: Bei der digitalen Bildungsrevolution handelt es sich nicht um eine technische, sondern um eine pädagogische Revolution. Zuerst sollten Pädagogen zu mehr individueller Förderung weitergebildet werden, bevor Technik im Unterricht eingesetzt wird. Neben der Weiterbildung bedarf es einer funktionierenden Infrastruktur und natürlich der grundsätzlichen Offenheit der Schule gegenüber neuen Medien. Handys gehören für mich im Unterricht nicht verboten, sondern auf den Tisch. Schulen brauchen WLAN genauso wie fließend Wasser und Strom.

Bildungsministerin Johanna Wanka will dafür in den nächsten fünf Jahren fünf Milliarden Euro investieren …

Jörg Dräger: Es ist ein guter Anfang. Daraus muss jetzt schnell ein echter Digitalpakt mit den Ländern und Kommunen werden, der regelt, wie und wofür das Geld eingesetzt wird. Auf jahrelange Verhandlungen können die Schüler nicht warten.

Der Deutsche Lehrerverband warnt vor einer „totalen Zwangsdigitalisierung“.

Jörg Dräger: Mich macht die Aussage ratlos. Wo, wenn nicht in der Schule, sollen Kinder und Jugendliche lernen, wie sie vernünftig mit digitalen Angeboten umgehen, wie sie digital lernen und digital kreativ sein können? Dazu gehört auch, zu verstehen, wann man das Smartphone abschaltet. Diesen Umgang lernen Schüler nicht durch ein Komplettverbot, sondern nur als integralen Bestandteil im Unterricht. Sie müssen einschätzen können, wann es nötig ist, ein dickes Buch zu lesen und wann eine Google-Suche genügt. Sie sollen beim Surfen selbstständig die Qualität von Quellen einschätzen können: Was verrät das Impressum einer Internetseite? Wie finde ich heraus, wer die Domain registriert hat und auf welchen Servern die Daten liegen? Wie recherchiere ich die Aktualität und die Entstehungsgeschichte eines Wikipedia-Artikels? Diese Medienkompetenz sollten Schulen vermitteln.

In Großbritannien wurde Informatik in der ersten Klasse als Schulfach eingeführt, in Estland bekommt jeder Schüler einen PC zur Verfügung gestellt. Ist das der richtige Weg?

Jörg Dräger: Technik kann Pädagogik unterstützen, nicht ersetzen. Es kommt darauf an, wie Schüler Technik nutzen. Ein Laptop alleine macht den Unterricht nicht besser. In Ländern wie Dänemark, Norwegen oder den Niederlanden unterrichten Lehrer im internationalen Vergleich häufig mit digitalen Medien, Schüler werden so systematischer an Digitales herangeführt. Der Umgang mit IT muss auch bei uns einen ähnlichen Stellenwert haben wie das Erlernen einer Fremdsprache. Jeder braucht einen Grundkanon an Fähigkeiten, aber nicht jeder muss Programmierer ­werden.

Wie lässt sich digitales Lernen am besten in den Schulen umsetzen?

Jörg Dräger: Es gibt unterschiedliche Konzepte. Der Flipped Classroom ist eines: Die Schüler lernen zu Hause neue Inhalte mit digitalen Medien, beispielsweise mit einer Lernsoftware oder mit Videos. Den Unterricht nutzen sie, um mit den Lehrkräften über den neuen Stoff zu diskutieren. Durch den Einsatz von Lernsoftware, bei dem auch Stoff aus vergangenen Jahrgangsstufen wiederholt werden kann, wird kein Schüler über- oder unterfordert. Digitale Bildung ermöglicht Personalisierung für alle, also individuelle Förderung und damit mehr Chancengerechtigkeit im Bildungssektor.

Inwiefern?

Jörg Dräger: Früher hatten die Kinder, deren Eltern Nachhilfelehrer oder einen Sprachurlaub nach England bezahlen konnten, erhebliche Vorteile. Heute kann Digitalisierung Schülern, die sich das nicht leisten können, zumindest etwas helfen. Beispiel Mathematik: Wenn einem Schüler für den Unterricht in der 7. Klasse der Stoff der 5. Klasse fehlt, hat er die Möglichkeit, mittels Lernsoftware die Inhalte nochmals individuell zu wiederholen. Das kann ein Lehrer auch im Einzeldialog, aber bei 30 Schülern in einer Klasse schafft er das häufig nicht. Bildung für alle, personalisiert für jeden – früher war das ein Widerspruch, jetzt nicht mehr.

Das deutsche Bildungssystem steht wegen der Chancenungerechtigkeit oft in der Kritik. Kann das Investitionsprogramm des Bundes zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen?

Jörg Dräger: Vorweg: Unser Bildungssystem ist keine Katastrophe, sondern im Grundsatz vernünftig. Was uns jedoch nicht gut genug gelingt, ist der Umgang mit Heterogenität. Die Schwächeren in den Klassen bleiben zurück, beziehungsweise werden nicht genügend gefördert. Das führt zu bekannten Problemen: Bildungschancen sind an die soziale Herkunft gekoppelt, es mangelt an individueller Förderung, die diese soziale Ungerechtigkeit lindern könnte. Individuelle Förderung muss als pädagogisches Konzept trainiert werden, Digitalisierung ist dafür ein Hilfsmittel. Ein Investitionsprogramm ist also ein guter Start, aber nicht genug.

Sebastian Thrun, ehemaliger Professor für künstliche Intelligenz an der Stanford Universität und Wegbereiter der Online-Vorlesungen MOOCs, rudert bereits zurück.

Jörg Dräger: Das erste an digitaler Bildung, was die Öffentlichkeit wahrgenommen hat, waren die MOOCs – die offenen Online-Vorlesungen. Über 160 000 Studierende nahmen an einem Kurs teil. Solche Kurse eignen sich allerdings nur für Studierende, die eine hohe Eigenmotivation mitbringen. Nichtsdestotrotz haben damals 23 000 Menschen ein Online-Abschlussexamen abgeschlossen – mehr, als Thrun je in einem Hörsaal erreicht hätte. Inzwischen ist die Diskussion weiter: Wir müssen nicht nur die Masse der Lerner erreichen. Im Mittelpunkt sollte das personalisierte Lernen stehen.

Lernen mit digitalen Medien heißt gleichzeitig, dass Unmengen an Daten gesammelt werden, die auch in falsche Hände geraten können.

Jörg Dräger: Die Daten müssen geschützt werden, ähnlich wie im Gesundheits- und Finanzbereich. Auch muss geregelt werden, wem die Daten gehören. Es sollte sichergestellt werden, dass beispielsweise Daten aus Nachhilfeprogrammen nicht an potenzielle Arbeitgeber weitergegeben werden. Hier ist der Gesetzgeber gefragt. Die Bereitstellung von Infrastruktur und die Modernisierung des Datenschutzes und der Lehrerausbildung sind die ersten Schritte, damit sie gelingt: die digitale ­Bildungsrevolution.

Dr. Jörg Dräger ist Vorstand der Bertelsmann Stiftung und Autor des Buches „Die digitale Bildungsrevolution“.

Quelle: didacta – das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 1/2017, S. 52-54, www.didacta-magazin.de.

Foto: Jovannig/Fotolia

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