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Ariadnes Blog
24.02.2017  Ariadne Morgenrot

Gefahren für die Bildung in den Vereinigen Staaten von Amerika

Es gibt viele Gründe, warum Kinder zu wenig Bildung erhalten. Kriege, korrupte Regime und Armut verhindern oder zerstören ein gutes Bildungssystem. In den USA sind es jedoch andere Faktoren, die in vielen Bundesstaaten eine wissenschaftlich fundierte Bildung verhindern.

Wissenschaft als Grundlage für Bildung wird in Frage gestellt

Die USA sind das mächtigste Land der Welt. Gradmesser dafür ist ein Index, der Verteidigungsausgaben, Bruttoinlandsprodukt, Technik und Bevölkerung zusammenfasst (weitere Belege).
Bei diesen Indizes wird weder die Bildung der Bevölkerung noch die des Präsidenten gemessen. Wie es darum in den USA bestellt ist, zeigen uns die Einstellungen von Donald Trump und seinen Entscheidungsträgern. Der neue Präsident der USA und manche seiner Berater zeichnen sich durch eine tiefe Wissenschaftsfeindlichkeit aus. Fakten, die durch die Wissenschaft erforscht und belegt wurden, zählen für sie nicht. Der Präsident kann sich dabei in den USA auf  mehrere Strömungen gegen die Anerkennung wissenschaftlicher Erkenntnisse stützen. Drei von ihnen sollen hier kurz vorgestellt werden: Die Ablehnung der Evolution und des Klimawandels sowie die Sicht auf die USA selbst.
 

Vorab: Amerikaner in Texas sind nicht "die" Amerikaner, sondern texanische, und die USA sind nicht Amerika

Die USA sind wie die Bundesrepublik Deutschland ein föderaler Staat, in dem die Länder die Bildungshoheit haben.  Man kann also nicht sagen „die“ US-amerikanischen Kinder. Es gibt aber wohl keine Kultusministerkonferenz wie in Deutschland, so dass die Unterschiede zwischen den Bildungsinhalten der Staaten größer sind als in Deutschland.  Man müsste korrekterweise von den Kindern in Texas oder Washington oder oder oder sprechen. Die USA als Amerika zu bezeichnen ist falsch. Die USA gehören zum amerikanischen Kontinent, aber Kanada, Mittel- und Südamerika gehören auch dazu. "America first", Trumps Devise, müsste also eigentlich den Aufstieg Mexikos mit einschließen....
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Biologie: Religion gegen Erkenntnis duch Bildung

"Eine biologische Evolutionstheorie beschreibt und erklärt die Entstehung und Veränderung der Arten als Ergebnis der organismischen Evolution, d. h. eines Entwicklungsprozesses im Laufe der Erdgeschichte, der stattgefunden hat und andauert." (https://de.wikipedia.org/wiki/Evolutionstheorie)  Die Evolutionstheorie Darwins, ist heute unter WissenschaftlerInnen unbestritten.Sie enthält Erkenntnisse aus einer Vielzahl von Teildisziplinen der Biologie (ebenda).  Der Evolutionsbiologe Theodosius Dobzhansky formulierte das 1973 zusammenfassend mit dem Satz "Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution" (ebenda).

Die Ablehnung der Evolutionstheorie wird durch manche Christen religiös begründet. Die Aussage der Bibel über die Erschaffung der Erde und des Menschen wird von ihnen wörtlich genommen, eine Theorie der langsamen Entwicklung wie die Darwinsche wird für unvereinbar mit dem Christentum gehalten. In den USA beginnt mit ihrer allgemeinen wissenschaftlichen Anerkennung im 19. Jahrhundert der Kampf gegen die Evolutionstheorie in einigen Staaten, sie hat bis heute eine lange Geschichte.1967 z.B. entschied der Oberste Gerichtshof der USA, dass das Verbot in Arkansas, die Evolutionstheorie zu lehren, verfassungswidrig sei. Ein weiteres Urteil des Gerichtshofes verbot 1987 dem Staat Louisiana, die kreationistische Lehre gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie in Schulen zu lehren. Im Jahr 2005 entschied das Bundesbezirksgericht (US District Court), Kreationismus und Intelligent Design seien religiöse Inhalte und gehörten nicht in die Schule (weitere Belege)

Die Evolutioonstheorie wird von ihren Gegnern als Religion behandelt. Dabei verträgt sich Darwin durchaus mit der christlichen Lehre.   Papst Franziskus sieht keinen Widerspruch zwischen der Evolution und dem Glauben an den Schöpfer. Wohl aber tun dies die Leugner der Evolution.

Im Gegensatz zur internationalen WissenschaftlerInnen-Community sieht auch Trumps Vizepräsident Pence keine Belege für die Evolutionstheorie  und stellt sie gleichberechtigt neben den kreationistischen Ansatz des "Intelligent Design". "Demnach ist bei jeder Entstehung einer neuen Spezies ein Schöpfer am Werk“ (ebenda).

Weltweit sind sich WissenschaftlerInnen einig – die Gegner der Evolutionstheorie kümmern sich nicht darum. Ihr  Glaube versteigt sich zur Ablehnung biologischer Erkenntnisse.

Der Klimawandel: Lobbys contra Erkenntnis durch Bildung

Die US-amerikanische Öl- und Kohle-Lobby hat  Gruppen dafür bezahlt, dass sie den Klimawandel leugnen. Dafür wurden immense Summen aufgewendet, allein von den Koch-Brüdern  seit 1997 $88,810,770.
Southern Companies, einer der größten Produzenten von auf Kohlegewinnung aufgebauter Elektrizität hat dem Forscher  Willie Soon am Harvard-Smithsonian Centre for Astrophysics über 14 Jahre lang 1,25 Mio Dollar gezahlt.
Auch weitere Organisationen und wissenschaftliche Institut wurden von der  Öl- und Kohleindustrie finanziell unterstützt, damit sie den Klimawandel leugnen.

Auch vor Klagen schrecken die Öl- und Kohle-Lobbyisten nicht zurück. (SZ, 21.2.17: 16). Es steht zu befürchten, dass politisch unliebsame Forschung nicht mehr gefördert wird (ebenda).

Es ist anzunehmen, dass diese Kampagnen und Strategien der Lobbyisten Wirkung haben. Anders ist es wohl kaum zu erklären, dass nach einer Umfrage im Jahr 2016 fast drei Viertel der US-Amerikaner einen wissenschaftlichen Konsens bezüglich der Ursachen des Klimawandels bezweifeln.  Sie zweifeln auch an der Expertise derjenigen WissenschaftlerInnen, die den Klimawandel diagnostizieren und Lösungen für die damit zusammenhängenden Probleme  entwickeln, und ebenso zweifeln sie an den Medien, die über den Klimawandel berichten.

Die Lobbys haben also ganze Arbeit geleistet.

Nun hat die Desinformation auch Eingang ins Weiße Haus gefunden.  So hat  William Happer von der Princeton University, Trumps Wissenschaftsberater in spe, „Klimaforschung  als weinerlichen Kult bezeichnet, der von kollektivem Wahnsinn aufgerührt werde" (SZ vom 21.2.17:16.

Wegen der Haltung Trumps und seiner Camarilla zum Klimawandel hat der amerikanische Linguist Noam Chomsky die Republikanische Partei als  "die gefährlichste Organisation der Geschichte" bezeichnet. Dramatischer kann man es nicht sagen:: "Die Partei ist entschlossen, so schnell wie möglich auf die Zerstörung des organisierten menschlichen Lebens zuzurasen. Das ist beispiellos."

Geschichte: Die Blickverengung

In Texas wird die Geschichte umgedeutet. In Schulbüchern wird der Krieg zwischen Nord- und Südstaaten auf Abspaltungstendenzen zurückgeführt, während es doch um den Kampf gegen die Sklavenwirtschaft ging „Wäre es nach dem Willen des überwiegend republikanisch besetzten Gremiums gegangen, hätten die Lehrmaterialien weder die Rassentrennungsgesetze noch den Ku Klux Klan erwähnen müssen!“ (http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/schulbuecher-in-texas-moses-der-erste-amerikaner-a-1050338.html)

Präsident Jefferson, der Verfasser der Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident der USA plädierte für die strikte Trennung von Staat und Kirche. „Dies und die Tatsache, dass ihm der kleine Farmer sympathischer war als der Großindustrielle, scheint für die Schulaufsicht in Texas wohl der Grund dafür zu sein, Jefferson für die nächsten zehn Jahre als eher periphere Gestalt ins pädagogische Abseits zu verbannen.“ ( http://www.zeit.de/2010/20/USA-Texas-Schule-Unterricht).

Im Geschichtsunterricht soll auch der amerikanische Exzeptionalismus, also die besondere Rolle der USA gelehrt und diskutiert werden. Wenn dann staatliche Stellen zur Reflexion auch der weniger rühmlichen Taten der USA  - z.B. Invasionen -  anregen, gibt es Protest von den Rechten. Diese haben auch Obama nie akzeptiert, weil er den Exzeptionalismus abgelehnt hat.
 

Folgen für die Bildung

Religiöse Irrwege, wirtschaftliche Interessen und nationalistische Engstirnigkeit zeigen schon für diese drei Bildungsbereiche, wie schnell Bildung zur Fehlinformation, zu Fake News verkommen kann. In einigen US-Staaten finden sie sich schon in den Schulbüchern. Und natürlich sind die Lehrkräfte nicht gegen die Desinformationskampagnen gefeit. Dies zeigt eine Befragung von 926 Biologielehrern an Highschools der USA im Jahr 2010.

Weniger als  30 Prozent der "Experten" folgten "den Empfehlungen des Nationalen Forschungsrats und verdeutlichen ihren Schülern, dass es Beweise für die Evolutionstheorie gibt. 13 Prozent der Lehrer befürworteten im Gegensatz dazu ausdrücklich Kreationismus und Intelligent Design. Obwohl zahlreiche Gerichtsurteile untersagen, diese Theorien in öffentlichen Schulen zu unterrichten, verwenden diese Lehrer mindestens eine Schulstunde dazu, sie in einem positiven Licht darzustellen."
Es verbleiben 60 %, die sich weder für die Evolutionstheorie noch für den Kreationismus entscheiden. Folglich werden sie vermutlich die Grundlagen der Evolution nicht im Unterricht behandeln.
(vgl. http://www.focus.de/wissen/mensch/kreationismus-us-lehrer-zweifeln-an-evolution_aid_594587.html, Abruf 23.2.17).

Wichtige Erkenntnisse der Biologie, der Physik und der Geschichte bleiben also in vielen Schulen der USA auf der Strecke. Wenn die SchülerInnen der High Schools in Colleges und Hochschulen gehen,  werden viele auch
 pädagogische Berufe ergreifen, um Kindern in der Kita oder Schule Bildungsinhalte zu vermitteln. Dazu sind sie allerdings, wenn die Schulbücher schlecht und die Lehrkräfte selbst nur unzureichend gebildet sind, gar nicht in der Lage.

Ist ein solches Bildungsdesaster in Deutschland möglich?

Wir haben in Deutschland eine Kultusministerkonferenz, die die Inhalte von Bildungsplänen und - inhalten grob festlegt. Dann sind es die Länder, die diese Inhalte in Bildungsprogramme für die Kita und Lehrpläne für die Schulen gießen. Im Moment haben wir keine Bundes- oder Länderregierung, die orthodoxe religiöse Inhalte vertritt. Gegen nationalistische Töne sind wir aufgrund der Erfahrungen im und mit dem Zweiten Weltkrieg bislang relativ immun. Aber es gibt Gegenströmungen. Sobald diese die Bildungsinhalte, die wissenschaftlich fundiert sind - sei es in Biologie, Physik, Geschichte oder einem anderen Wissensgebiet - in Frage stellen, gilt es, wachsam zu sein. Nicht gefeit sind wir gegen den Einfluss der Lobbyisten auf die Politik, z.B. wenn Firmen ihre Materialien kostenlos an Kitas und Schulen verteilen. Auch hier gilt es, aufmerksam die Interessenpolitik zu verfolgen und vor Ort persönlich, als Institution, und mit Lobby Control Protest einzulegen.

Aber wir leben im besten Land der Welt, nicht wahr? Packen wir es an, damit wir nicht solche Zustände wie in den USA bekommen.

Foto: Hans-Jürgen Zeller
 
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