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Perspektiven
07.03.2017  Meike Sauerhering

Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen

Rezension: Martin Kühn & Julia Bialek (2017). Fremd und kein Zuhause. Traumapädagogische Arbeit mit Flüchtlingskindern. Göttingen.
Martin Kühn und Julia Bialek gelingt es zugleich wissenschaftlich-theoretisches Wissen und praktische Tipps für die Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen zu liefern sowie diese mit gesellschaftskritischen oder (bildungs-)politischen Aspekten zu verknüpfen. Ausgehend von aktuellen Zahlen und Daten zum Thema Flucht und Vertreibung, bereiten sie die Themen Trauma, Gewalt und Fremdheit vielschichtig auf. In einem zweiten Schritt werden Konzepte und Methoden der Traumapädagogik dargestellt. Anschließend geben Kühn und Bialek für die Praxisfelder Kindertagesstätte, Schule und Jugendhilfe Anregungen und Tipps. Abgerundet wird das Buch mit Ausführungen zum Thema Selbstfürsorge für traumapädagogische Fachkräfte. Zu den verschiedenen Bereichen sind jeweils Praxistipps, Link- und Literatursammlungen sowie veranschaulichende Grafiken und Tabellen beigefügt.

Bewusst entscheiden sich die Autoren gegen den Gebrauch gängiger Sprachbilder. Kritisch setzen sie sich mit Begriffen wie der ‚Flüchtlingswelle‘ oder Fokussierungen auf Ängste der Exilgesellschaft auseinander, mit denen Personen zu „Problemen“ werden (S. 26). „Es sollte also nicht über Angst gesprochen werden, sondern über den Umgang mit Fremdheit“ (S. 132). Bialek und Kühn verzichten auch auf die Verwendung der Begrifflichkeit ‚Flüchtlinge‘, „weil es hier um Menschen geht und Menschen keine ‚-linge‘ sind. Es geht um Kinder und Jugendliche, die lebensbedrohliche Strapazen auf sich genommen haben, weil sie existenziellen Bedrohungen entkommen mussten“ (S. 9). Nur schade, dass gerade im Untertitel des Buches doch von Flüchtlingskindern die Rede ist und nicht von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung – was zugegebenermaßen eine deutlich sperrigere Formulierung ist.
Lesenswert ist das Buch für PädagogInnen, die sich praktisch nutzbares Wissen aneignen wollen, um sich ihre Handlungsmöglichkeiten zu erhalten oder diese zu erweitern.

Aktuelle Zahlen zum Thema Flucht und Vertreibung

Laut des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen sind derzeit 50 bis 60 Millionen Menschen von Flucht und Vertreibung betroffen, davon sind mehr als die Hälfte unter 18 Jahren (S. 15). Demnach kamen im Jahr 2015 rund 267. 000 Kinder nach Deutschland. Der Anteil der unbegleiteten Kinder und Jugendlichen beträgt dabei mehr als 57 000 Jungen und Mädchen (ebd.).

Nicht alle junge Menschen mit Fluchterfahrung sind traumatisiert, doch weisen sie häufig vielschichtige somatische Erkrankungen auf (S. 17). Martin Kühn und Julia Bialek unterstreichen, dass nicht nur durch Flucht oder Vertreibung selbst schwerwiegende körperliche und oder psychische Beeinträchtigungen entstehen können, sondern auch aufgrund der Situation in dem Land, in dem Asyl gesucht wird. Beispielsweise stehen zwar für unbegleitete Kinder und Jugendliche die vom Jugendamt in Obhut genommen werden, medizinische oder psychologische Hilfen zur Verfügung. Doch ist beispielsweise das Alter (unter 18 Jahren) nicht eindeutig, bleibt ihnen der Zugang verwehrt (S. 19).

Eine Traumatisierung kann auch dadurch entstehen, dass die Betroffenen Angst vor einer Abschiebung haben, von Angst oder Schuldgefühlen gequält werden, die Trauer um den Verlust der Heimat kaum bewältigen können, Anpassungsprobleme haben oder Diskriminierung in dem Exilland ausgesetzt sind (S. 19). Bei unbegleiteten Minderjährigen wird im Sinne des Kindeswohls manchmal davon abgesehen, ein Asylverfahren zu initiieren, weil sie in diesen Verfahren ihre Asylgründe nachvollziehbar darstellen müssen – das aber gerade Kindern und Jugendlichen oft schwerfällt. Zudem können Kinder und Jugendliche auch ohne Asylantrag Abschiebungsverbote geltend machen (S. 23). „So ist festzuhalten, dass es im bundesdeutschen Feststellungsverfahren aus psychosozialer Betrachtung gravierende Mängel im Sinne einer humanistischen Grundlage gibt […]“ (S. 20).

Konzepte und Methoden in der Traumapädagogik

Als Trauma werden tiefgreifende, starke seelische Erschütterungen verstanden, die mit Gefühlen der Hilflosigkeit einhergehen und zu einer nachhaltigen Beeinträchtigung der Selbst- und Weltsicht führen – das Kohärenzgefühl ist gestört. Traumatische Erfahrungen sind von Kontrollverlust, Entsetzen und (Todes-)Angst durchdrungen (S. 31). Die Widerherstellung von Sicherheit ist unabdingbar, um traumatische Erlebnisse zu überwinden. Vertrauen in soziale Beziehungen muss erneut aufgebaut werden, um die traumatischen Erfahrungen durch positive zu überlagern (S. 42).

Die Entstehung von Traumata ist im Kontext körperlicher Schutzfunktionen zu verstehen. In extremen Stresssituationen schaltet der Körper reflexhaft auf Überlebensreaktionen (Kampf oder Flucht) um (S. 33). Dieses – willentlich nicht steuerbare – Notfallprogramm soll den effektiven Umgang mit Gefahrensituationen ermöglichen. Wenn jedoch Kampf und Flucht weder möglich noch sinnvoll sind, kommt es zu einer extremen Ohnmacht oder Hilflosigkeit. Dieses wird als kompletter Verlust über die Kontrolle in der Situation erlebt – der Körper reagiert mit Erstarrung und die Wahrnehmung zersplittert und wendet sich nach innen (Dissoziation). Durch eine energetische Überversorgung – Ausschüttung körpereigener Opiate – wird der Körper sediert, vergleichbar mit einem Schockzustand (S. 34). Als Folgen traumatischer Erlebnisse ist die Einschränkung der Selbst-Steuerungs-Fähigkeiten zu betrachten (S. 43). Diese führt dazu, dass die Betroffenen in sozialen Situationen Verhaltensweisen zeigen, die mitunter von der Umwelt als dysfunktional bewertet werden.
Bialek und Kühn unterstreichen, dass ein klinisches Erklärungsmodell nicht hinreichend ist, um ein umfassendes Verständnis von Traumatisierung – insbesondere bei chronischen Gewalttraumata, wie sie auch im Kontext von Flucht und Vertreibung entstehen können – zu entwickeln. Daher stellen sie das Konzept der „Sequentiellen Traumatisierung“ (S. 47ff) vor. Dabei wird Trauma als Prozess verstanden, bei dem auch die kontextuellen Faktoren mit einbezogen werden. Dieses ist wichtig, „um zu verhindern, dass die Anerkennung einer Traumatisierung zu einem individuellen Stigma für das betroffene Mädchen oder den betroffenen Jungen führt“ (S. 52).

Offenheit und Neugier sind gute Voraussetzungen um Kindern und Jugendlichen, die von Zwangsmigration, Flucht oder Vertreibung betroffen sind, kultursensibel zu begegnen. Es ist für PädagogInnen von „grundlegender Bedeutung zu begreifen, welche Auswirkungen die traumatischen Erfahrungen der Flucht und deren Auslöser auf die psychische Gesundheit in Bezug auf Kultur, Migration, Ankunft im Exil und Integration in einer fremden Kultur, in einem fremden Land haben“ (S. 52). Kulturelle Unterschiede zeigen sich beispielsweise auch darin, wie über Traumatisierungen gesprochen werden kann. Weil Trauma eine westliche Konstruktion ist und sie nicht einfach in eine andere Kultur übertragen werden kann, empfehlen die Autoren als Praxistipp die Verwendung der ‚Herz-Metapher‘: Anstatt von Psyche oder Gehirn zu sprechen, bietet es sich an, Bilder wie „mein Herz weint“ oder „mein Herz blutet“ zu verwenden (S. 53).

Die Pädagogik des Sicheren Ortes

Grundgedanke dieses Konzeptes ist es, dass ohne äußere Sicherheit keine innere Sicherheit zu gewinnen ist. Wird diese nicht aufgebaut, bleibt das neuronale Notfallsystem aktiviert und die Kinder bzw. Jugendlichen versuchen, den traumabedingten Belastungen durch bestimmte Strategien entgegen zu wirken. Diese Versuche der Selbstbehandlung führen mittelfristig zu einer Stabilisierung der Teufelskreise, nur kurzfristig betäuben sie und helfen, der Überflutung durch die traumatischen Erinnerungen zu entfliehen (S. 47). Das traumasensible Konzept der Pädagogik des Sicheren Ortes bietet eine gute Orientierung für die Gestaltung von Hilfs-, Betreuungs- und Bildungsangeboten. Konzeptionelle Bestandteile sind die pädagogische Triade (Sicht auf die Kinder und Jugendlichen selbst, auf die zuständigen pädagogischen Fachkräfte sowie auf die organisatorisch-institutionellen Bedingungen) und der geschützte Dialog (Ziele und Anforderungen, die auf die Kinder und Jugendlichen zukommen, müssen erfüllbar sein). Um Kommunikation aufzubauen und eine gemeinsame Sprache zu finden, ist es hilfreich, sich an der Eigenaktivität des Kindes zu orientieren. Beispielsweise ist es besser zu fragen: „Was hast Du gemacht, als du so große Angst hattest? anstatt „Wie hast du dich da gefühlt?“ (S. 72).

Traumapädagogische Aufträge

Der psychosoziale Auftrag der Traumapädagogik liegt in der Begleitung der Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg in die Eigenaktivierung (S. 73). Um den Kindern einen Ausweg aus den krisenhaften Situationen zu weisen, braucht es Wissen und Verstehen darum, dass sie
  • möglicherweise beeinträchtigt sind in der Wahrnehmung ihres Körpers, ihrer Emotionen, der Zeit und des Raums,
  • unter Reinszenierungen, Amnesien und Dissoziationen leiden können,
  • wechselnde Entwicklungsniveaus und Selbstzustände zeigen können und
  • in ihrer Aufmerksamkeit, ihrer Konzentration und ihrer Lernfähigkeit beeinträchtigt sein können.
So sind Stabilisierung (Stressreduktion), Dialog (mit den Betroffenen reden, nicht über sie), Teilhabe (Wiederherstellung von Beteiligung, Vermeidung jeder Form von Nichtbeteiligung, um Vertrauensbrüche zu verhindern) und Perspektiventwicklung (Spielräume der Zukunftsplanung ausreizen) die zentralen traumapädagogischen Aufträge. Zu diesen vier Bereichen geben Kühn und Bialek jeweils mehrere Praxistipps und zum Teil auch Literaturempfehlungen sowie Links, um sich weiter zu informieren.

Innerfamiliäre Arbeit

Die Autoren unterstreichen, dass bei der Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen auch immer deren Eltern mitgedacht werden müssen. Diese stehen durch die Begegnung mit der zunächst fremden Kultur im Exil oft vor der Herausforderung, sich in neue familiäre Rollen und Hierarchien einfinden zu müssen (S. 80). Sie stehen vor Aufgaben des Elternseins, die ihnen zum Teil nicht vertraut sind (S. 82). Selbst bei unbegleiteten Kindern und Jugendlichen wirken die Eltern im Hintergrund – beispielsweise kommen Kinder und Jugendlichen nach Deutschland und haben einen Auftrag ihrer Familie im Gepäck. „Die familiäre Interaktion findet auch dort statt, wo die wichtigsten Bezugspersonen physisch nicht erreichbar sind“ (S. 81).
In diesem Zusammenhang ist es für betreuende und beratende PädagogInnen wichtig, sich bewusst für eine kultursensible Haltung zu entscheiden, um ein Bewusstsein für migrationsbedingte Erziehungsprobleme und deren Ursachen zu entwickeln und nach interkulturellen Lösungen suchen zu können.

Traumapädagogische Praxis in Kindertagesstätten

Für die Arbeit mit Kindern in der Kita ist zu bedenken, dass Flucht und Vertreibung sich altersspezifisch äußern können. Für Kinder stellen nicht nur eigene traumatische Erfahrungen ein hohes Risiko dar, sondern auch die Belastungen ihrer Eltern durch Krieg, Verfolgung oder Gewalt (S. 89). In der Folge zeigen die Kinder häufig Verhaltensweisen, die (in manchen Bereichen) nicht altersgerecht sind oder auch von den Fachkräften ohne zusätzliche Informationen nicht verstanden werden können. Denn traumabedingtes Verhalten ist häufig nur aus der Innensicht des Traumatisierten logisch und konsistent, beispielsweise wenn Verhaltensweisen beibehalten werden, die sich auf der Flucht als zweckdienlich erwiesen haben. Hier ist etwa das ständige ‚Scannen‘ der Umgebung oder auch überangepasstes Verhalten zu nennen. Oft weisen sich die Kinder auch selbst die Schuld an dem Erlebten zu, dieses führt zu Schwierigkeiten bei der Regulation psychophysischer Prozesse und Unsicherheiten im Bindungs- und Beziehungssituationen (S. 90). Daher gilt es den Blick immer auf die Überlebensleistung der Kinder zu richten und darauf, was sie in der neuen Situation zu leisten vermögen (S. 91).
Die Gestaltung der Eingewöhnungsphase in der Kita ist im Kontext von Flucht und Zwangsmigration eine spezifische Herausforderung. Einerseits gibt es kulturspezifische Unterschiede, die es den Eltern und Kindern möglicherweise schwer machen, die Anforderungen zu erkennen, zu verstehen und zu erfüllen, die der Einstieg in das deutsche Bildungssystem verlangt. Andererseits sind auch die Fachkräfte gefordert, individuell und kultursensibel auf die jeweiligen Bedingungen einzugehen. Zudem müssen die PädagogInnen aushalten, dass oftmals der Bleibestatus nicht gesichert ist – das geht mit Unsicherheiten auf beiden Seiten einher. Dramatisch ist das, weil darunter die Beziehungsgestaltung leiden kann, die gerade im Zusammenhang von Endtraumatisierungen außerordentlich wichtig ist. Zur Gestaltung der Eingewöhnung in die Kita geben Kühn und Bialek verschiedene Praxistipps. Zudem stellen sie einen Leitfaden für den Umgang mit unerwarteten Abschiebungen (S. 99ff) bereit.

Traumapädagogische Praxis im Handlungsfeld Schule

Schule kann für traumatisierte Kinder oder Jugendliche sowohl eine Chance als auch ein Risiko darstellen (S. 103). In dem Kapitel zur Schule setzen die Autoren sich damit auseinander, wie sie „für Mädchen und Jungen mit Fluchterfahrungen zum integrativen Lernraum im Exilland werden kann“ (S. 102). Von besonderer Bedeutung ist hier, dass Lernen unter Stress kaum möglich ist. Lernen setzt die Fähigkeit voraus, mit Ungewissheiten umgehen zu können – das ist jedoch gerade für traumatisierte Menschen schwer. So müssen in der Schule Räume geschaffen werden, die das Erleben von Sicherheit, Beruhigung und Stabilisierung ermöglichen.
Auch die herrschenden Macht- und Gewaltstrukturen im System Schule können das erfolgreiche Lernen von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterfahrung beeinträchtigen. Diese Strukturen stellen die Lehrkräfte vor die Herausforderung, sich didaktische Alternativen zu suchen, die sich an sinnlich bzw. körperlich erfahrbaren Aspekten orientieren (S. 107). Auch hier geben die Autoren Praxistipps als Hilfestellungen für den Schulalltag.

Traumapädagogische Praxis in der Jugendhilfe

Das Feld der Jugendhilfe zeichnet sich durch eine Vielzahl von Widersprüchlichkeiten aus (z.B. Kollision von Aufenthaltsrecht und Kindeswohl oder die vorgeschriebenen Clearingverfahren). Daher brauchen die dort tätigen Fachkräfte „regelmäßig begleitende Fachberatung, Supervision sowie fachliche Schulungen, um kompetent und parteilich im Sinne ihre AdressatInnen handeln zu können“ (S. 110). Im Zentrum stehen dabei Stabilisierungshilfen für die Betroffenen. Bialek und Kühn unterstreichen an dieser Stelle, dass Jugendhilfepraxis politisch ist (S. 117) und beziehen sich dabei beispielsweise auf die Kinderrechte.

Selbstfürsorge traumapädagogischer Fachkräfte

Mitunter werden HelferInnen selbst Opfer von Ressentiments gegen das Fremde und haben mit eigenen Ängsten vor Fremdheit und Trauma zu tun (S. 29). Weil sie dabei „oft ganz reale Ohnmachtserfahrungen machen [… und von] himmelschreiende[r] Ungerechtigkeit erschüttert“ (S. 123) werden, ist Psychohygiene oder Selbstfürsorge für PädagogInnen, die mit traumatisierten Menschen arbeiten, besonders wichtig. Als zentrale Säulen der Selbstfürsorge pädagogischer Fachkräfte identifizieren die Autoren: Selbstregulation, Selbstannahme sowie Selbstwirksamkeit. Zu diesen Bereichen stellen sie jeweils zahlreiche Praxistipps zur Verfügung.

Insgesamt ist das Buch sehr gelungen, gut zu lesen und hält neben vielen Informationen zahlreiche Impulse für die Umsetzung in der eigenen Praxis bereit.

Bild: Cover - Fremd und kein Zuhause. Traumapädagogische Arbeit mit Flüchtlingskindern
 

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