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Perspektiven
03.03.2017  Marion von zur Gathen und Jana Liebert

Bildung schützt vor Armut nicht

Der neue Armutsbericht des Paritätischen Gesamtverbandes informiert über die Entwicklung der Armut in Deutschland und die Verteilung der Armut nach Bundesländern und speziellen Gruppen wie Alleinerziehenden. Wir veröffentlichen einen Ausschnitt, der uns für die Frühe Bildung besonders relevant zu sein scheint.

Bildung als zentrale Determinante für Verwirklichungschancen und Teilhabe

Bildung ist eine wichtige Determinante für die Verwirklichung individueller Lebenschancen sowie von sozialer und kultureller Teilhabe. In Deutschland besteht trotz beträchtlicher Bemühungen in Bildungspraxis und Bildungspolitik auch bei erkennbaren Fortschritten weiterhin eine starke Abhängigkeit zwischen der sozialen Herkunft und der Verwirklichung von Bildungschancen.12 Noch immer verlassen jedes Jahr rund 50.000 junge Menschen die Schule, ohne zumindest über einen Hauptschulabschluss zu verfügen, jeder zweite hat davon eine Förderschule besucht.13 In Deutschland verfügten 2015 rund 3,7 Prozent der Bevölkerung über 15 Jahren über keinen entsprechenden Schulabschuss, 16,8 Prozent waren ohne beruflichen Bildungsabschluss oder befanden sich in einer schulischen oder beruflichen Bildungsmaßnahme.

Auch wenn Schul- und Berufsabschlüsse in beinahe jeder Lebensphase nachgeholt werden können, darf
die für Deutschland mehrfach attestierte starke Abhängigkeit zwischen der sozialen Herkunft und der Verwirklichung von Bildungschancen und dem damit zusammenhängenden später zu erzielendem Einkommen nicht vernachlässigt werden. Dies zeigt eine starke Pfadabhängigkeit, die den individuellen sozialen Aufstieg enorm erschweren kann. Bildung spielt neben einer ausreichenden materiellen Ausstattung die zentrale Rolle für die Verwirklichung von Lebenschancen und bei der Überwindung von Armut.

Dieser Befund ist nunmehr seit Jahrzehnten unbestritten, hinreichend belegt und bleibt als eine der drängendsten strukturellen Herausforderungen bestehen. Er verweist erneut auf den besonderen Handlungsbedarf, der es erforderlich macht, Lösungsansätze über die verschiedenen Bildungsbereiche und der Übergänge von Schule in das Berufsleben hinweg zu konzipieren.
 

Möglichkeiten und Grenzen des Bildungssystems

Die Veränderungen im Bildungssystem, wie der forcierte Ausbau der frühkindlichen Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsangebote kann – bei aller Wertschätzung für diesen Bildungsbereich – nicht verhindern, dass in Armut aufgewachsene Kinder auch in ihrem weiteren Lebensverlauf als Jugendliche und junge Erwachsene schlechtere Bildungschancen und damit größere Schwierigkeiten beim Einstieg in das Berufsleben haben. Kinder, die in Armut aufwachsen, entwickeln nach El-Mafaalani als Denk- und Handlungsmuster einen sogenannten „Habitus der Notwendigkeit“.

Die grundlegende Prägung erfolgt demnach oft in einem familiären Umfeld, das durch Knappheit an ökonomischen (Geld, Besitz) und kulturellen Ressourcen (Wissen, Bildung), aber auch sozialem Kapital (soziale Netzwerke, Anerkennung) gekennzeichnet ist. Daher steht meist bei den eigenen Anstrengungen die Frage nach einem kurzfristigen Ergebnis bzw. Nutzen stärker im Vordergrund als langfristige oder auf Zukunft angelegte Bemühungen. Erfolge bei schulischen Lerninhalten sind kurzfristig oft nicht zu erreichen, so dass die gegenwärtige Bedeutung oftmals nicht erkennbar ist. Beispiel ist hier u. a. die Wahl der späteren Schulform. Demnach tragen auch typische milieuspezifische Denk- und Handlungsmuster dazu bei, dass beruflicher Erfolg und soziale Mobilität erschwert werden. Wer demnach wirksam gegen Armut von Kindern und Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorgehen will, muss die gesamte Familie und deren Lebensbedingungen stärker in den Blick nehmen. Damit einhergehen sollte auch eine kritische Reflexion bestehender monetärer und infrastruktureller Förderung und Unterstützung von Familien. Ein Beispiel hierfür ist das Budget für Schulbedarfe aus dem Bildungs- und Teilhabepaket. Alle Kinder, die Sozialgeld erhalten, haben Anspruch auf 100 Euro (70 Euro zum Schuljahresbeginn, 30 zum zweiten Halbjahr) zur Deckung des Bedarfs an Schulmaterialien und Lernmitteln wie Bücher, Hefte oder Schulranzen. Verschiedene Studien16 zeigen jedoch, dass der Bedarf dieses Budget deutlich übersteigt. Tatsächlich werden für Bücher oder für Verbrauchsmaterialien deutlich höhere Ausgaben getätigt. So werden Kinder und Jugendliche schon früh abgehängt und Armutsfolgen im Bildungsbereich eher weiter verstärkt statt abgebaut.

Zudem segregiert das bestehende (mehrgliedrige) Schulsystem oft in doppelter Hinsicht: weil es gerade in Armut aufgewachsene Kinder und Jugendliche zu früh in bestimmte Bildungswege zwingt. Sie haben oft keine Möglichkeit, bestimmte Denk- und Handlungsmuster in der kurzen Zeit vor der Entscheidung der späteren Schulform zu erlernen oder zu verändern. Die aktuelle World Vision Studie zeigt, dass Kinder in völlig unterschiedlichem Umfang die verschiedenen Schulabschlüsse anstreben. Mehr als vier Mal so viele Kinder aus Familien mit einem hohen sozioökonomischen Hintergrund nennen im Vergleich zu Kindern mit niedrigem sozioökonomischen Hintergrund das „Abitur“ als angestrebten Bildungsabschluss.17 Auch weil ein längerer Schulbesuch mit einem deutlich späteren – wenn auch möglicherweise höheren – Einkommen verbunden ist. Ungeachtet dessen blicken, laut der Shell-Jugendstudie, mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen mit niedrigem sozioökonomischen Hintergrund weder optimistisch in die Zukunft noch glauben sie an die Realisierbarkeit ihrer beruflichen Wünsche. Dabei nehmen die Jugendlichen die Schlüsselrolle von Bildung für ihren weiteren Lebensweg über alle Schichten hinweg durchaus wahr.18 Die milieuspezifische Sozialisation befördert schon früh ein „Management von Knappheit“, das in seiner Folge die Vererbung von Armut als strukturelles Problem die Bildungs-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik vor große Herausforderungen stellt.
Dieser strukturelle Zusammenhang ist bereits früh sichtbar. Mit der Wahl der Schulform verbinden sich bestimmte Bildungswege und spätere Einkommenserwartungen. Diese sind umso günstiger, je höher der Schulabschluss ausfällt. Damit einhergehend hat der geringste Schulabschluss in den letzten Jahrzehnten einen großen Bedeutungsverlust erfahren. Die Zahl der Schüler/-innen, die die Schule mit einem Hauptschulabschluss verlassen, ist seit Jahren rückläufig. Erwarben im Jahr 2006 noch 27 Prozent diesen Abschluss, waren es 2014 nur noch 21 Prozent. Der mittlere Abschluss hingegen gewinnt weiter an Bedeutung.19 Auch die Zugänge in die verschiedenen Ausbildungsbereiche segmentieren sich deutlich. Mit einem Hauptschulabschluss ist es zunehmend schwieriger, eine Ausbildung außerhalb handwerklicher, landwirtschaftlicher oder hauswirtschaftlicher Berufe aufzunehmen. Diese Verschiebung zeigt, dass die Notwendigkeit einer höheren Qualifizierung zunehmend wichtiger wird und sich die beruflichen Optionen für diejenigen kontinuierlich verengen, die mit einem geringen Abschluss die Schule verlassen. Darauf hat die Bildungspolitik bis heute keine ausreichenden Antworten gefunden.
Chancenlos bleiben damit oft diejenigen zurück, die ohne Abschluss geringe Aussicht auf einen Ausbildungsplatz haben und oft – zumindest kurzfristig – im Übergangssystem zwischen Schule und Ausbildung verbleiben.

Den ganzen Bericht können Sie hier herunterladen.

Foto: _nmann/fotolia
 

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