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08.03.2017  Samira Hamid

Als muslimische Erzieherin in Deutschland

Wie geht es muslimischen Erzieherinnen in Deutschland? Das ist eine schwierige Frage. Denn erstens gibt es nicht einen Prototyp der muslimischen Erzieherin und zweitens wohl auch keine wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Thema, auf die ich mich stützen könnte. Ich kann also nur davon berichten, wie es mir als muslimischer Erzieherin in Deutschland geht.
Ich trage außerhalb des Jobs mein Kopftuch und lebe meinen Glauben (Gebete, Fasten, Zakat,…  Hadscha,  auf Pilgerfahrt in Mekka bin ich allerdings noch nicht gewesen). Aber ich bin im Laufe meiner Ausbildung und kurzen Berufserfahrung noch nicht diskriminiert worden.

Mich verbindet auch mehr mit Deutschland, als dass ich mich - etwa durch meinen Glauben -  davon getrennt fühlte.

Ich bin in einer westlichen Landeshauptstadt geboren und aufgewachsen. Deutschland ist nicht nur „einfach“ Heimat für mich. Dieses Land schenkt mir Geborgenheit, das Gefühl verstanden zu werden, gibt mir Freiheiten, alles Dinge, die für viele Menschen zeitgleich aber anderswo nicht selbstverständlich sind. Diese Erfahrungen wiederum wecken in mir den Wunsch, etwas  zurückgeben zu wollen oder auch Erwartungen an mich ungern zu enttäuschen. Als Enkelin von Gastarbeitern hat sich die Freude, in diesem Land zu leben, auch in der dritten Generation meiner Familie, also bei mir, nicht geändert. Ja, es ist, trotz meines Hier-Geboren-Seins, nicht einmal die Dankbarkeit verschwunden, die meine Großeltern hatten, als sie Mitte der 60er Jahre nach Deutschland kamen.

Andererseits erlebten sie aber auch die bittere Enttäuschung, als manche Einheimische an ihrem neuen Heimatort ihnen ihre Abneigung zeigten. Jene empfinde ich ab und an, wenn manche Menschen auf die Frage, welche Nationalität ich habe, die Antwort angesichts meines, ihrer Meinung nach, „undeutschen“ Aussehens sehr zu verwundern scheint. Oder wenn manche erstaunt sind,  dass ich so gut Deutsch spreche. Dann antworte ich: "Meine Muttersprache ist doch Deutsch! "Komischerweise gibt es dann nicht den erwarteten AHA-Effekt, sondern eher ein Achselzucken, nach dem Motto: „Egal, kannst trotzdem gut sprechen- für eine mit Migrationshintergrund!“ Als könnte man mir nichts zutrauen, nur weil ich um so viele „Ecken“ hierhergelangt bin?
Diese Erfahrungen gibt es also auch. Aber  im Kontakt mit Kolleginnen erlebe ich keine Fremdheit, sondern gleiche Interessen. Vor einigen Tagen erzählte ich zwei deutschen Kolleginnen von meinen Heimatgefühlen. Zugehört, gelächelt und zustimmend genickt haben sie. Auch in der Kritik an der deutschen Außenpoliitik - Exportieren von Waffen in Kriegsgebiete - waren wir uns einig.

Bei mir kommt ein weiterer Kritikpunkt hinzu. Ich bin durch meine Verwandten und Freunde mit einem arabischen Land verbunden. Die dortigen Zustände sind auch beängstigend und finden in Deutschlands Medien und Politik im Moment überhaupt keine Erwähnung. Im Zittern vor dem Platzen des Flüchtlingsdeals sind alle auf die Türkei fixiert. Aber was ist mit den anderen Ländern, in denen sich die Menschen nach Freiheit und Fortschritt sehnen, deren Ressourcen machthungrige Politiker allerdings ohne Unterlass schröpfen wie in einem Selbstbedienungsladen,wo jedes kritische Stimmchen sofort im Keim erstickt wird und kaum eine politische Entscheidung durch das Wohl des Volkes motiviert ist?

Was nun meine Kolleginnen betrifft, so finde ich - und versuche es -  dass  wir auch von den Dingen sprechen sollten, die wir an diesem Land lieben.  Hier  können wir doch  Änderungen  selbst in die Hand  nehmen, zum Beispiel  in der Freizeit in eine Partei oder NGO eintreten oder in der Einrichtung pädagogische Angebote zu  wichtigen Themen bearbeiten.

Wir  können versuchen, das Beste aus unserer Rolle  und der Situation im Team zu machen. Wir können  allen Kindern und ihren Familien zu verstehen geben, dass wir vor allem Augen haben für das Beste an und in ihnen.
Ich denke, dass mich da nicht viel - oder gar nichts - von meinen bio-deutschen Kolleginnen unterscheidet.

Foto: Robert Kneschke/Fotolia
 
 
 

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