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Perspektiven
09.03.2017  Karsten Herrmann

Ausgangslage und Perspektiven der KiTa-Leitung

Unter dem Titel „KiTa-Leitung unter Druck“ stellte die Bertelsmann-Stiftung auf einer Tagung in Berlin jetzt „Strukturen und Strategien für das professionelle Führen und Leiten von Kindertageseinrichtungen“ vor.
Grundlage dafür bildeten, wie Annette Stein, Direktorin für wirksame Bildungsinvestitionen bei der Bertelsmann-Stiftung, zur Begrüßung erläuterte, detaillierte statistische Erhebungen sowie vier Forschungsprojekte. Ziel sei es, die Position von Kita-Leitung als Schlüssel zur Qualitätsentwicklung zu stärken und allen Kindern gute Entwicklungschancen zu bieten. Bis zu diesem Ziel, so räumt Annette Stein ein, „brauchen wir aber noch viel Bewegung und viele Reformen“.

Auf die grundsätzlichen Erfolgsaussichten und Logiken von Veränderungsprozessen ging in der Folge Moderator Dr. Klaus Doppler ein: „Wir wissen, was wir wollen und sollten, kriegen aber nichts gebacken“ sagte er salopp und unterstrich die Notwendigkeit „nicht nur immer von innen nach außen, sondern auch von außen nach innen zu gucken“. Um die „völlig unterschiedlichen Logiken der unterschiedlichen Akteure im Feld“ zu berücksichtigen, sei ein echter Dialog notwendig, „ein gegenseitiges Einlassen und zur Kenntnis nehmen“. Im Sinne der Ganzheitlichkeit plädierte Doppler dafür, „gleichzeitig an allen Stellschrauben zu drehen“, warnte jedoch zugleich: „Veränderung gelingt nie ohne Widerstand!“.
 

„Zu wenig Zeit für Leitung und Führung gefährdet Kita-Qualität!“

Zusammen mit ihrem Team stellte Kathrin Bock-Famulla von der Bertelsmann-Stiftung die zentralen Erkenntnisse und Schlussfolgerungen aus den Forschungsprojekten rund um die Kita-Leitung dar. „Gute KiTa“, so resümierte sie, „braucht Führung und Leitung“. Wie dies konkret realisiert werde, hänge jedoch stark vom jeweiligen Organisations-Kontext ab. Im Kern müsse aber die Pädagogik stehen, „der Blick auf den Bildungs- und Erziehungsauftrag“.

Kita-Leitung sei dabei eingebettet in ein komplexes professionelles Gesamtsystem mit Wechselwirkungen und Abhängigkeiten sowie einer „hohen Instabilität“. In diesem Sinne müsse Kita-Leitung auch von einer „Verantwortungsgemeinschaft“ getragen werden.

Ein zentraler Aspekt und Voraussetzung für eine gute Kita-Leitung seien Zeitressourcen. Doch knapp elf Prozent der KiTas in Deutschland hätten noch immer keine ausgewiesenen Leitungsressourcen. Betroffen seien hiervon insbesondere kleinere Kitas und es „es gibt gravierende Unterschiede zwischen den Bundesländern“. Ursache seien auch die unterschiedlichen landesgesetzlichen Regelungen: So hätten nur sieben Bundesländer konkrete gesetzliche Regelungen hierzu, sieben weitere blieben unkonkret und zwei Bundesländer hätten hierzu gar keine gesetzliche Regelung. Doch, so warnte Kathrin Bock-Famulla: „Zu wenig Zeit für Leitung und Führung gefährdet Kita-Qualität!“

Als Schlussfolgerung aus ihren Erkenntnissen zur Kita-Leitung gibt die Bertelsmann-Stiftung vier zentrale fachpolitische Empfehlungen:
  • Leitbild des Führens und Leitens von Kitas auf allen Ebenen verankern
  • Berufsbegleitende Weiterbildung und -beratung von Kita-Leitung
  • Zusätzliche Verwaltungskräfte und ständige stellvertretende Leitungen
  • Ausreichende zeitliche Ressourcenausstattung nach bundeseinheitlichem Standard

Fast 22.000 KiTa-LeiterInnen zusätzlich notwendig

Für die Ressourcenausstattung stellte das Bertelsmann-Team ein eigenes „Leitungsbemessungsmodell“ vor. Dieses sieht unabhängig von der Größe eine Grundausstattung von 20 Stunden pro Kita vor. Dazu kommt ein variabler Anteil von 0,35 Wochenstunden pro Ganztagsbetreuungsäquivalent.

Diese Sollgröße erreichten aktuell jedoch nur rund 15% der Kitas in Deutschland. Bei bisher rund 29.000 vorhandenen Kita-Leitungskräften seien weitere 21.770 mit einem Finanzvolumen von 1,3 Milliarden jährlich notwendig.

Der Ist-Zustand und die fachpolitischen Empfehlungen der Bertelsmann-Stiftung standen auch im Zentrum einer großen Podiumsdiskussion mit VertreterInnen der Praxis, der Träger, von Bund und Ländern sowie der Gewerkschaft.

Die PraktikerInnen berichteten von „unglaublich gestiegenen Anforderungen und Erwartungen“, von einer Flut neuer Erkenntnisse und Konzepte. Den Gestaltungsmöglichkeiten auf der einen Seite stellten sie eine Überforderung und mangelnde Ressourcen auf der anderen Seite gegenüber, gaben sich aber „vorsichtig optimistisch“ im Hinblick auf Verbesserungen. Xenia Roth, zuständige Referatsleiterin in Rheinland-Pfalz, konstatierte eine „hohe Dynamik im Feld“ und ein „wachsendes Bewusstsein dafür, dass Quantität und Qualität zusammen gehören und dass Leitung für die Qualitätsentwicklung eine zentrale Rolle spielt“. In diesem Sinne zeigte sie sich zuversichtlich und sah „eine Entwicklungsperspektive“. Manuela Binder, Referatsleiterin im Bundesfamilienministerium, wies daran anschließend auf den fortschreitenden Qualitätsentwicklungsprozess von Bund, Ländern, Trägern und Gewerkschaft und einen entsprechenden Zwischenbericht (s.a. hier: Qualitätsentwicklung in der frühkindlichen Bildung) aus dem November vergangenen Jahres hin. Hier seien auch wichtige Ansätze zur Stärkung der Leitung enthalten.
 

„Wir brauchen Bamboule, sonst wird sich nichts verändern!“

Norbert Hocke von der GEW wertete die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um die frühkindliche Bildung und aktuell zu KiTta-Leitung als „wichtige Grundlage für die qualitative Weiterentwicklung des Feldes“. Der Druck auf die Politik müsse weiter erhöht werden und hier appellierte er an die „Schubkraft von 600.000 frühpädagogischen Fachkräften“. In diesem Sinne pointierte auch Moderator Klaus Doppler: „Wir brauchen Bamboule, sonst wird sich nichts verändern!“

Am Kongressnachmittag wurden den TeilnehmerInnen die vier Forschungsprojekte der Bertelsmann-Stiftung näher vorgestellt (s.a. hier). Neben einer statistischen Bestandsaufnahme zu Leitungskräften und Leitungsstrukturen, einer Studie zu Leitungsaufgaben und Leitungsrolle in Elterninitiativ-Kitas sowie der Entwicklung einer Praxishilfe zu den Führungs- und Leitungstätigkeiten, stellte Prof. Dr. Iris Nentwig-Gesemann auch die „Erfahrungen und Orientierungen von Leitungskräften in Kindertageseinrichtungen“ vor. Grundlage dafür bildeten sechzehn Gruppendiskussionen in den Bundesländern mit jeweils 8 – 11 TeilnehmerInnen.
 

Zwischen "Umsetzungs-Dilemmata" und "Gratifikationskrise"

Nentwig-Gesemann konstatierte zunächst „eine starke Veränderung und Erweiterung des Aufgaben- und Berufsprofils“ sowie „einen hohen Erwartungsdruck“ im Hinblick auf die KiTta-Leitung. Ein Grundtenor in den Gruppendiskussionen sei das „Missverhältnis zwischen Anspruch und Realisierbarkeit“ gewesen. Die Aufgabenfülle und die Komplexität der Aufgaben erzeugten stetig „Umsetungsdilemmata“. Zudem befinde sich Kita-Leitung in einem Spannungsfeld zwischen strukturellen Rahmenbedingungen, dem eigenen professionellen Selbstverständnis, den habituellen und damit nicht immer bewussten handlungsleitenden Orientierungen sowie den Erwartungen von außen. Nentwig-Gesemann beschrieb Kita-Leitung in diesem Sinne als „kunstvollen und kräftezehrenden Spagat“, insbesondere auch zwischen den Polen „Verwaltung / Management“ und dem „Gestalten von Beziehungen im Team und in der Kita-Gruppe“. Viele LeiterInnen fühlten sich mehr als „Getriebene in einem Hamsterrad“ denn als „GestalterInnen“. Grundsätzlich befänden sich Kita-LeiterInnen aufgrund der Erfahrung, sich maximal zu engagieren und dafür nicht adäquat wertgeschätzt zu werden, in einer „Gratifikationskrise“.

In Anbetracht einer von außen erwarteten „Multikompetenz“ und Selbstzweifeln der LeiterInnen selber, plädierte Nentwig-Gesemann dafür, den (sozial-) pädagogischen Part des Berufsprofils als Kern und Basisorientierung zu verstehen. Oftmals wurde so in den Gruppendiskussionen die Arbeit mit den Kindern auch als „Kraftquelle“ und „Resilienzfaktor“ benannt.

Aus den Gruppendiskussionen kristallisierte Nentwig-Gesemann drei Typen des Leitens heraus:
  • Typus der Fürsorglichkeit: Modus der fürsorglichen Allzuständigkeit, nahe am Team, Beziehungsarbeiterin, „immer ein offenes Ohr“. Korreliert mit einer „hohen Verausgabungsneigung“ und stetig schlechtem Gewissen
  • Typus Management: Sphärentrennung zwischen Team und Leitung; Abgrenzung zum bzw. teilweise auch Abwertung vom pädagogischen Kerngeschäft
  • Typus Leadership: Selbstverständnis als pädagogische Leitung und Organisationsentwicklerin; professionelle Autonomie und Verantwortungsübernahme
Resümierend beschrieb Nentwig-Gesemann das „Leitungshandeln als Bündel organisations- und personenbezogener Aufgaben“. Es gebe dabei nicht die eine gute Leitung, sondern es komme jeweils auf die gute Passung („matching“) zwischen Aufgaben- und Kompetenzprofilen sowie zwischen organisatorischen und persönlichen Besonderheiten an. Zudem könne die professionelle Ausgestaltung der Leitung nur „im Rahmen eines unterstützenden Systems“ gelingen.


Download Studie Nentwig-Gesemann

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