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Aus- und Weiterbildung
04.06.2017  Hilde von Balluseck

Quereinstieg und berufsbegleitende Ausbildung - Modelle und Bewertungen

Die Förderung von Quereinstiegen ist ein Versuch, des Fachkräftemangels im frühpädaogischen Berufsfeld Herrin zu werden. Der Umgang mit dem Thema ist allerdings pro Bundesland höchst unterschiedlich.
Im neuen Newsletter der Koordinationsstelle Chance Quereinstieg finden sich eine Reihe von Fakten und Aussagen zu diesem Thema, die wir hier gegenüberstellen wollen. Denn die Meinung über und der Umgang mit Quereinstiegen sind keineswegs einheitlich.

Eine Studie zum Quereinstieg

Zunächst sei eine empirische Studie zitiert, die Nina Weimann-Sandig, Professorin an der Evangelischen Hochschule Dresden zum Thema „Quereinstiege in Kindertagesbetreuung und Altenpflege – Ein Bundesländervergleich“ durchgeführt hat. Die Zielsetzung der Studie war es, "die existierenden Quereinstiegswege in den einzelnen Bundesländern herauszuarbeiten, zu kategorisieren und sie vor dem Hintergrund folgender Fragen zu analysieren: Welche Perspektiven eröffnen sich für fachnahe und fachfremde Quereinsteigende? Welche qualifikatorischen Mindestanforderungen werden gesetzt? Existieren Abweichungen zwischen den einzelnen Bundesländern? Nicht zuletzt interessierten wir uns auch für etwaige Öffnungen der Fachkräftekataloge und welche Verkürzungsmöglichkeiten von den Bundesländern toleriert bzw. welche Voraussetzungen von den Quereinsteigenden für eine Verkürzung der Ausbildungszeiten erwartet werden."


Wird die Qualität reduziert?

Die Antworten der einzelnen Bundesländer auf diese Fragen sind sehr unterschiedlich. Wichtig aber: Die Befürchtung, dass durch Quereinstiege Qualitätsanforderungen reduziert werden, hat sich nicht bewahrheitet. Dazu Weimann-Sandig: "Dennoch – und das sollte an dieser Stelle auch einmal gesagt werden, können wir auf Basis unserer Studienergebnisse nicht feststellen, dass sich die Bundesländer entschieden hätten, die Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten durch die etablierten Quereinstiegsmöglichkeiten abzusenken. Ein Quereinstieg ist in erster Linie auf Fachkraftebene möglich, nur einzelne Bundesländer versuchen den gestiegenen Personalbedarf auch durch den Quereinstieg auf Hilfskraftebene zu decken. Intentionen, den gestiegenen Personalbedarf durch eine Senkung des Fachkraftschlüssels zu erreichen, konnten wir zum Zeitpunkt unserer Studie folglich nicht erkennen."

Wie unterschiedlich die Bundesländer mit dem Thema umgehen, zeigen zwei Stellungnahmen aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Beispiel 1: Niedersachsen

In Niedersachsen ist eine fachnahe Vorbildung als SozialassistentIn an einer Berufsfachschule Bedingung für einen Einstieg in den Beruf der/des ErzieherIn. Nach dieser zweijährigen Ausbildung braucht es aber nur noch zwei Jahre an einer Fachschule für ErzieherInnen. Für QuereinsteigerInnen aus fachfremden Berufen gibt es darüber hinaus die Möglichkeit, die Ausbildung zur sozialpädagogischen Assistentin um ein Jahr zu verkürzen. Ümmü Gülsüm Bayir, ausgebildete Erzieherin, Lehrerin und Referentin für die Ausbildung von ErzieherInnen im Niedersächsischen Kultusministerium, begründet das niedersächsische Modell:mit Qualitätsanforderungen und plädiert darüber hinaus für eine berufsbegleitende Teilzeitausbildung mit Praxisphasen.

Beispiel 2: Schleswig-Holstein

In Schleswig-Holstein wird der Bogen weiter gespannt. Rudolf Wetzel ist Diplompädagoge und hat als Landeskoordinator die Fachaufsicht für sozialpädagogische, sozialpflegerische und heilpädagogische Berufe im Ministerium für Schule und Berufsbildung des Landes Schleswig-Holstein.Er sagt: " Aus unserer Sicht stellen auch handwerkliche oder technische Berufe, z.B. in der Jugendhilfe oder der offenen Jugendarbeit eine einschlägige Qualifikation dar. Wir gehen davon aus, dass Menschen, die eine Berufsausbildung abgeschlossen haben, über wichtige Schlüsselqualifikationen für den Erzieher/innenberuf verfügen. Sie gehen unvoreingenommen und neugierig an dieses neue Berufsfeld heran und eignen sich die Fachlichkeit, wenn man darunter hier die theoretischen Aspekte subsumieren will, schnell an...Diese Personengruppen sind im Allgemeinen hochmotiviert und sehr engagiert in der Schule und in der Praxis. Es gibt häufig eine berufsbiografische Affinität zu den erzieherischen Berufen, sodass nur selten ein/e Quereinsteiger/in in völliger Unkenntnis und ohne einen Bezug zum Berufsfeld in diese Ausbildung einsteigen. "

Beispiel 3: Thüringen

Die Förderung von Quereinstiegen ist allerdings keine automatische Reaktion auf den Fachkräftemangel. Obgleich Thüringen eine eklatanten Fachkräftemangel hat, gibt es dort keine Quereinsteigermodelle. Dazu wiederum Weimann-Sandig: "Wir gingen davon aus, dass ein Bundesland mit erhöhtem Fachkräftebedarf eine Vielzahl an Maßnahmen zur Akquise neuer Fachkräfte, darunter auch Quereinstiegsmodelle, aufweisen müsste. Dies war jedoch nicht immer der Fall.In Thüringen beispielsweise lag die Betreuungsquote im ostdeutschen Vergleich am niedrigsten, die Fachkraft-Kind-Relation ist eine der schlechtesten in ganz Deutschland...Dennoch konnten wir kein ausgewiesenes Qualifizierungs- oder Ausbildungsprogramm für Quereinsteigende ausfindig machen. Angeboten wird hier lediglich der Quereinstieg durch die sogenannte Externenprüfung."  Das ist kaum nachvollziehbar, wenn man die Herausforderung durch den schlechten Personalschlüssel bedenkt.

Berufsbegleitende Ausbildung als Finanzierungsmöglichkeit

Wenn wir Durchlässigkeit wollen, erscheint der Standpunkt aus Schleswig-Holstein sinnvoll.
Ungklärt ist allerdings bei einer isolierten Betrachtung des Quereinstiegs die Frage der Bezahlung der Ausbildung für QuereinsteigerInnen. Dazu sind die Ergebnisse aus der oben genannten Studie von Weimann-Sandig aufschlussreich, die auch eine Evaluation von berufsbegleitenden Ausbildung in Baden-Württemberg und Brandenburg durchgeführt hat.  An beiden Modellen ist der "Knackpunkt" die Bezahlung der Ausbildung, die zum großen Teil in der Praxis stattfindet. Während die Ausbildung in Brandenburg aufgrund der Verkürzung der Ausbildungszeit und der Reduzierung des Ausblldungsziels auf die Arbeit in der Kita kritisiert wird. werden beide Ausbildungen in anderen Punkten positiv bewertet:
"Positiv wird sowohl von den Quereinsteigenden als auch den Einrichtungsleitungen die enge Theorie-Praxis-Verzahnung hervorgehoben. Da die Quereinsteigenden im Vergleich zur fachschulischen Ausbildung kontinuierlich und zeitlich sehr viel umfangreicher in den Einrichtungen arbeiten, entsteht eine völlig andere Bindung zu den zu betreuenden Kindern, ebenso erfolgt die Integration in die Arbeitsteams problemloser. Für die Schulleitungen liegt der Mehrwert dieses Quereinstiegsmodells in der Verknüpfung der theoretisch zu vermittelnden Lerninhalte mit den konkreten Praxiserlebnissen der Schülerinnen und Schüler, wodurch die berufliche Selbstreflexion erhöht wird. Nach Meinung der Schulleitungen warten diese Quereinsteigenden mit einer deutlich professionellere Haltung zum Ende der Ausbildung auf als originäre Auszubildende" (Weimann-Sandig a.a.O.).

Anrechnung auf den Personalschlüssel

QuereinsteigerInnen, die aus einem anderen Beruf kommen, vielleicht auch Familie haben, brauchen nicht nur eine Ausbildungsvergütung, sondern ein Gehalt. Nicht alle von ihnen erfüllen die Bedingungen für die Förderung durch die Bundesanstalt für Arbeit.  Eine Ausbildung ohne ökonomische Existenzsicherung kommt für diese Personengruppe nicht in Frage. Von daher ist der Vorschlag von Norbert Bender, dem Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen e.V. (BAGE) sehr plausibel: "Die Anrechnung auf den Personalschlüssel und die damit verbundene Vergütung ist für ältere QuereinsteigerInnen oft Voraussetzung, um überhaupt diese Ausbildung als Möglichkeit zu erachten. Der Lebensunterhalt, nicht selten auch für eine Familie, muss bestritten werden. Deshalb sehen wir die Anrechnung auf den Personalschlüssel, wie sie verschiedene Bundesländer –wie etwa Berlin schon seit längerem haben, als geeigneten und aus unserer Sicht oft als einzigen Weg an."

Fazit

Die meisten Bundesländer sind sehr erfindungsreich, wenn es um Modelle für den Quereinstieg geht. Dabei ist die berufsbegleitende Ausbildung offenbar das geeignetste Verfahren. Was die Finanzierung angeht, so ist für die ErzieherInnenausbildung generell zumindest eine Ausbildungsvergütung erforderlich, die den SchülerInnen ein Leben ohne familiäre Unterstützung und Erwerbsarbeit ermöglicht. QuereinsteiegerInnen jedoch werden nur mit einem Gehalt zufrieden sein können.

Mehr zum Thema: http://www.fruehe-bildung.online/artikel.php?id=1912

Foto: Robert Kneschke/Fotolia

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