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Pädagogische Praxis
09.06.2017  Ulrich Hecker

Einsicht, Durchblick, Übersicht - Landkarten des Lernens

Kinder sind verschieden. Sie haben unterschiedliche Lernvoraussetzungen, entwickeln sich unterschiedlich schnell, können und wissen unterschiedlich viel und lernen auf unterschiedliche Art und Weise. Individuelles Lernen heißt, dass das einzelne Kind im Mittelpunkt steht und ent-sprechend seiner Voraussetzungen, Begabungen und Fähigkeiten gefördert wird.
Für den Unterricht bedeutet das, sich auf jedes Kind mit seinen individuellen Voraussetzungen einzustellen. „Heterogentiät“ erfordert eine neue Lernkultur: Selbstbestimmtes Handeln und gemeinsames Arbeiten mit einer aufmerksamen Lernbegleitung in einer Arbeitsatmosphäre gegenseitiger Wertschätzung. Lernbegleitung und Leistungsbewertung können als dialogischer und partizipativer Prozess gestaltet werden. 
Wenn die Lernprozesse von Kindern in einer Klasse ganz verschieden verlaufen, dann müssen auch deren Lernwege und Lernleistungen verschieden dargestellt werden. Somit ergibt sich für die Lehrerin die Frage, wie unterschiedliche Lernprozesse und -leistungen visualisiert und strukturiert werden können. An der anschaulichen Darstellung von Entwicklungs- und Lernprozessen der Schülerinnen und Schüler sind Kinder, Eltern und Lehrerinnen gleichermaßen beteiligt und zu beteiligen.
Dies erfordert Unterrichtsformen, in denen die Kinder ihren Lernprozess tatsächlich mitsteuern können. Kinder sollen an zentralen Stellen des Lernprozesses mit eigenen Entscheidungen beteiligt sein. Dabei werden sie nicht vereinzelt oder allein gelassen, sondern durch Rückmeldungen und in individuellen Lerngesprächen von der Lehrerin unterstützt.
Leistungsermittlung bezieht sich auf die individuelle Lernentwicklung. So ist nicht mehr der Vergleich mit anderen wichtig, sondern die eigenen Lernfortschritte. Der „Vergleich mit sich selbst“ steht im Mittelpunkt. Und nicht mehr die Lehrerin allein bewertet Leistungen – die Kinder sind gefragt und werden zunehmend sicherer darin, sich selbst und andere einzuschätzen.

Durchblick

Die Frage »Was sollen Kinder lernen?« in den Dialog mit Kindern und Eltern einzubringen hat Konsequenzen für die Arbeit am schuleigenen Curriculum: Lerngegenstände, Kompetenzerwartungen und Leistungsanforderungen müssen transparent gemacht, miteinander geklärt und vereinbart werden. Aus dem »Lehrplan« werden Lernpläne und -vereinbarungen.
 „Landkarten des Lernens“ sind ein begleitendes Werkzeug im Unterricht. Sie sollen der Veranschaulichung und Strukturierung individuellen Lernens dienen, zudem auch den Zusammenhang von individuellem und gemeinsamem Lernen verdeutlichen.
 
Es gibt verschiedene Formen von Lernlandkarten. Sie können ganz  von der Lehrerin vorgegeben sein, als „Halb-Fertig-Produkt“ im Lernprozess Form und Inhalt annehmen oder ganz von Kinderhand gestaltet werden. Immer aber sollen sie Übersicht ermöglichen und Lernen und Lernaufgaben durchschaubar, planbar und „besprechbar“ machen.
Je nach Funktion veranschaulichen Lernlandkarten
  • Anforderungen/Lernziele eines Faches/Lernbereichs und/oder seiner Teilbereiche;
  • anstehende und bereits erreichte Lernaufgaben und Kompetenzentwicklungen;
  • die wesentlichen Aspekte eines Themas oder Projekts;
  • Themen und Inhalte eines Faches/Lernbereichs in einem unterrichtlichen Zeitraum (z.B. Schuljahr). 

Dokumentation

Individuelles Lernen macht die Dokumentation der Lernprozesse und ihrer Ergebnisse notwendig, um die verschiedenen Lernentwicklungen im Blick behalten und begleiten zu können. Es gilt, Arbeitsproben und Lern-Dokumente zusammenzustellen, Leistungs-Nachweise und -Bestätigungen verfügbar zu halten, Absprachen und Vereinbarungen festzuhalten. Wenn für diese Arbeit ein gemeinsamer Rahmen geschaffen und gestaltet wird, dann können Kinder maßgeblich einbezogen werden.
Es realisiert sich das „Prinzip Portfolio“. Denn der Name ist eher nebensächlich, entscheidend ist das dahinter steckende pädagogische Prinzip:  Das Portfolio sammelt positive Leistungen – Schatzsuche statt Fehlerfahndung.
So erzählt diese gezielte Sammlung von Dokumenten die Geschichte der persönlichen Entwicklung, der Arbeit und Anstrengungen, der Fortschritte und Leistungen einer Schülerin oder eines Schülers. Bei der Zusammenstellung und Präsentation der Arbeitsproben, Lernbestätigungen und eigener „Werke“ sind die Kinder entscheidend beteiligt.

Diagnose

„Diagnose“ in pädagogischen Zusammenhängen richtet den Blick auf das Lernen und die Lernentwicklung der Kinder. Gezieltes Beobachten der Lernprozesse der Kinder heißt, zu Beginn Lernvoraussetzungen und Vorwissen zu erheben, während des Lernprozesses die Lernfortschritte der Kinder zu erkennen und am Ende neue Lernstände festzustellen und zu dokumentieren. Dabei können standardisierte Tests Einblicke in den Lernstand der Kinder geben.
Eine nie versiegende Quelle für lehrreiche Beobachtungen sind die Arbeiten der Kinder selbst, und zwar neben den »Endprodukten« besonders auch Entwürfe und Vorarbeiten. Sehr produktiv ist es, in den Jahrgangsstufen und dann im ganzen Kollegium »Werkzeuge zur Lernstandsfeststellung« zu sichten, Erfahrungen damit auszutauschen und schließlich eine Auswahl solcher Instrumente zu vereinbaren, die dann auch Eltern vorgestellt und begründet werden kann. Sinnvoll ist auch eine Absprache darüber, wie Ergebnisse von individuellen Lerngesprächen mit den Schülerinnen und Schülern über die nächsten Lernschritte schriftlich festgehalten werden.
 

Dialog

Kinder sollen lernen, eigene Lernprozesse wahrzunehmen und zu reflektieren. In diesem Lernprozess übernehmen sie zunehmend Verantwortung für das eigene Lernen. Im Lernentwicklungsgespräch können dann gemeinsam mit allen Beteiligten möglichst konkrete und überschaubare Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele erörtert und vereinbart werden.  Unterschiede in der Selbst- und Fremdeinschätzung werden pädagogisch genutzt und mit allen Beteiligten im Gespräch geklärt.
Die Lehrerin lernt, „Feedback“ zu geben, das die Lernenden weiterbringt, einen „echten“ Dialog „auf Augenhöhe“ mit dem Kind zu führen. Dabei verbindet sie individuelle Rückmeldungen mit Förderangeboten. „Kommunikation auf Augenhöhe“ heißt dann auch, die Kinder als Unterstützung füreinander zu aktivieren, als „Experten ihres eigenen Lernens“ (Partner- und Gruppenarbeit, Partnerbewertung, Helfersysteme).
Die Kriterien für die Einschätzung von erwarteten Leistungen sind für Schülerinnen und Schüler und für Eltern durchschaubar. Sie werden – soweit es in der jeweiligen Altersstufe möglich ist –
gemeinsam mit den Kindern erarbeitet.
 
Als wichtiges Scharnier im Unterrichtsgeschehen zeigt eine gelungene Lerndokumentation Kindern den Wert ihrer Mühe und gibt schulischen Leistungen und Leistungsanforderungen ein Gesicht: Das Gesicht der Kinder.
 
Ulrich Hecker, Grundschulrektor i.R.,
Redakteur „Grundschule aktuell“
 
Der Artikel ist uns von der Grundschule aktuell (138, Mai 2017, S. 3-4) zur Verfügung gestellt worden. Über folgenden Link gelangen Sie zur Zeitschrift und auf die Seite des Grundschulverbandes:
http://grundschulverband.de/produkt/grundschule-aktuell-138-mai-2017/
Bild: fotolia Pictur factory
 

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