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Perspektiven
03.07.2017  Hilde von Balluseck

Pflegekinder - eine vergessene Minderheit im Kinder- und Jugendstärkungsgesetz

Wir reden viel von traumatisierten Flüchtlingskindern, aber manchmal werden die Kinder vergessen, die bei uns Traumatisierungen durch die eigene Familie erleiden. Auch sie sind in der Kita und in der Grundschule zu finden, auch wenn man ihnen ihre spezifische Situation nicht ansieht. Wird das neue Kinder- und Jugendstärkungsgesetz diesen Kindern gerecht? Nein.
Das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz soll den Schutz der Kinder verbessern helfen, und viele Akteure sind zufrieden (siehe unsere Meldung). Aber bei den Pflegekindern hat es versagt.

Die spezielle Situation von Pflegekindern ist die einer unerträglichen Unsicherheit. Aus der Familie musste das Jugendamt sie herausnehmen, weil ihre Gesundheit, ganz zu schweigen vom Wohlbefinden, nicht mehr gewährleistet war. Oft sind es Jahre, bis das Jugendamt sich entscheidet, ein oder mehrere Kinder aus der Familie zu nehmen, und es ist ein großes Glück, wenn sich eine Pflegefamilie findet, in der die seelischen Wunden der Kinder gemildert werden können - ganz vergessen kann man kein Trauma. Und das ist es, was Kinder in Familien erlebt haben: Gewalt, Vernachlässigung bis zur Verwahrlosung, Gleichgültigkeit der überforderten Eltern(-teile), Schutzlosigkeit. In 57.000 Pflegefamilien in Deutschland wird für das dennoch gute Aufwachsen der Kinder eine wichtige Arbeit geleistet.

Die bisherige Gesetzeslage gesteht den leiblichen Eltern das Recht zu, ihre Kinder wieder zu sich zu nehmen. Damit leben Pflegekinder zwischen zwei Familien- wo doch gerade sie Stabilität und Verlässlichkeit in ihren Beziehungen bitter nötig haben. Die erste Fassung des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes (KJSG) sah einen Rechtsanspruch der leiblichen Eltern auf Beratung und Begleitung vor. Dieser Passus ist auf Betreiben von CDU/CSU gestrichen worden.  So kann es denn passieren, dass Eltern, die ihrer Verantwortung nicht gerecht werden können, ihre Kinder wieder "nach Hause" holen und die Gefährdung des Kindes fortsetzen. Um dies zu verhindern, müsste das Familiengericht die Möglichkeit haben, den Verbleib des Kindes in der Pflegefamilie anzuordnen. Aber der Mythos "leibliche Eltern sind das Beste für das Kind" hat dies verhindert. Und Fachkräfte in Kita und Grundschule müssen - mit den Kindern - die katastrophalen Konsequenzen tragen.

Wir fragen uns immer wieder nach den Gründen für unterschiedliche Bildungschancen von Kindern. Auch dies, die fehlende Stabilität von Beziehungen, kann den Bildungserfolg von Kindern gefährden. ErzieherInnen und LehrerInnen können ein miserables Familienklima nicht ausgleichen.

Alle Angaben zum Gesetz sowie die Anzahl der Pflegefamilien sind der Presseerklärung des PFAD entnommen.

Foto Shutterstock
 

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