Anmelden
Aus- und Weiterbildung
04.07.2017  Koordinationsstelle "Chance Quereinstieg/Männer in Kitas"

Die Finanzierung des Quereinstiegs in den ErzieherInnenberuf

„Die vollzeitschulische Ausbildung (z.B. zur Erzieherin oder zum Erzieher, zur Altenpflegehelferin oder zum Altenpflegehelfer) weist deutliche Nachteile im Vergleich zur Ausbildung im dualen System auf. Dazu gehört die fehlende Entlohnung während der Ausbildung; zum Teil wird sogar Schulgeld erhoben. Insbesondere für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger stellt das eine große Zugangshürde dar. Die Entgeltlücke beginnt also bereits in der Ausbildung. (Zweiter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung 2017: 89).

Das Problem

Für fachfremde Quereinsteigende, die perspektivisch als pädagogische Fachkräfte arbeiten möchten, ist eine Vergütung oftmals Voraussetzung dafür, eine (neuerliche) Ausbildungszeit aufnehmen zu können. Da die Erzieher/innenausbildung eine schulische Ausbildung ist und die Ausbildungshoheit den Fachschulen unterliegt, ist es kein leichtes Unterfangen, einen vergüteten Ausbildungsplatz zu bekommen. Die Erfahrung aus den Beratungsgesprächen der Koordinationsstelle zeigt, dass der Schritt hin zum Versuch, einen Quereinstieg zu wagen, stärker von der Finanzierbarkeit des Lebensunterhaltes beeinflusst wird, als beispielsweise von der Dauer einer Ausbildung.

Die Verdienstmöglichkeiten liegen je nach Bundesland monatlich in der Regel zwischen 350 und 1200 Euro brutto. Die unterschiedlichen Verdienstmöglichkeiten in den einzelnen Bundesländern ergeben sich aus der möglichen Anrechnung der Fachschüler/innen auf den Personalschlüssel und der jeweiligen Tarifpolitik der kommunalen und freien Träger.

In den Bundesländern, in denen eine Anrechnung auf den Personalschlüssel zu 100 Prozent möglich ist, haben die Fachschüler/innen entsprechend gute Verdienstmöglichkeiten. Hingegen fallen die Verdienstmöglichkeiten in den Bundesländern geringer aus, in denen die Anrechnungsmöglichkeiten auch geringer sind.

Anrechnung auf den Personalschlüssel

Die Mehrheit der Bundesländer bietet den Kita-Trägern Anreize vergütet auszubilden, indem sie es ermöglicht, Fachschüler/innen der integrierten Ausbildungsformen auf den Personalschlüssel anzurechnen. So kann sich der Kita-Träger eine Refinanzierung sichern. Dies ist der Fall in Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, NRW, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Sachsen-Anhalt.
 
Eine Anrechnung auf den Personalschlüssel ist zwischen maximal 100 % in allen drei Ausbildungsjahren in der berufsbegleitenden Teilzeitausbildung wie z.B. in Berlin und keiner Anrechnung in der Ausbildung bspw. in Thüringen möglich. In Nordrhein-Westfalen gibt es eine Staffelung von 0 % im 1. Jahr, 33 % im 2. Jahr und 50 % im 3. Jahr. Häufig laufen die vergüteten Ausbildungsformen als Schulversuche um Erfahrungen und Erkenntnisse zu sammeln, bevor sie zur Regel werden.
 
Norbert Bender von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen e.V. (Bage) sieht in der Anrechnung einen geeigneten und aus seiner Sicht oft einzigen Weg zur Finanzierung der Ausbildung. „Erfolgt für den Träger keine 100%-ige Anrechnung auf den Personalschlüssel hat er Schwierigkeiten, die Quereinsteiger/innen entsprechend zu entlohnen.“ (Norbert Bender im Interview mit der Koordinationsstelle „Chance Quereinstieg/Männer in Kitas. Quelle: http://www.chance-quereinstieg.de/service/aktuelles/detailansicht/article/die-anrechnung-quereinsteigender-auf-den-personalschluessel-ist-aus-unserer-sicht-der-einzige-weg-zu/).
 

Herausforderungen für Team und Quereinsteiger/innen

Gleichzeitig thematisiert Bender die Notwendigkeit von zusätzlichen Personalstunden für die Praxisanleitung angehender Erzieher/innen. Durch die Anrechnung entstehen so nicht nur auf Seiten des Teams zusätzliche Aufgaben. Bender spricht von einer Dreifachbelastung, die durch die Anrechnung auf den Personalschlüssel für die angehenden Quereinsteiger/innen entsteht: „Ausbildung in der Fachschule, Arbeitsstelle in der Kita und Familienverpflichtungen. Diese Anforderungen unter einen Hut zu bringen, ist für die QuereinsteigerInnen anspruchsvoll und setzt eine hohe Motivation voraus. Außerdem besteht die Gefahr, dass die Anforderungen der Arbeitsstätte Kita, z.B. bei Krankheitsvertretungen, mit den Anforderungen der Ausbildung konkurrieren.“ 
Beschäftigt eine Einrichtung gleich mehrere Fachschüler/innen aus vergüteten Ausbildungsformen, verdichtet sich damit die anstehende pädagogische Arbeit für die Teams. Die Erfahrungen im Bundesmodellprogramm Lernort Praxis zeigen noch weitere Schwierigkeiten:
 
Bei einer 100%igen Anrechnung besteht das Problem, dass die ausgebildeten Erzieher/innen immer wieder aus dem Blick verlieren, dass die Fachschüler/innen noch Auszubildende sind und den Erzieher/innenberuf erst erlernen. Denn gerade in stressigen Arbeitsphasen bleibt den ausgebildeten Erzieher/innen aufgrund mangelnder personeller Ressourcen häufig keine andere Möglichkeit als den Fachschüler/innen „Fachkraftaufgaben“ zuzuweisen. Den ausgebildeten Erzieher/innen bleibt zudem
oftmals für die praktische Ausbildung der Fachschüler/innen, wie zum Beispiel die Durchführung
von Reflexionsgesprächen, keine Zeit mehr (vgl. Impulspapier des Fachbeirats im Rahmen des
Bundesprogramms „Lernort Praxis“ 2016; siehe auch Kratz/Stadler 2015, S. 52 ff.).
 
Vor diesem Hintergrund scheint eine nur teilweise Anrechnung der Fachschüler/innen, die die
Ausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher in vergüteten Ausbildungsformen absolvieren, auf den
Personalschlüssel als durchaus sinnvoll.
 

Je weniger – desto besser?

Baden-Württemberg erlaubt in der PIA eine maximal 40%ige Anrechnung. Dort zeigt sich, dass Träger die Anrechnung der PIA-Fachschüler/innen als arbeitsbelastend für die Teams einschätzen. Am Häufigsten erfolgte eine Anrechnung mit 20 Prozent auf den Personalschlüssel. Die maximale Anrechnungshöhe nutzen nur die wenigsten Träger. Damit zeichnet sich in der PIA die Tendenz ab, die Schüler/innen nicht auf den Personalschlüssel anzurechnen und wenn doch, dann nur mit einem geringen Stellenanteil.
 
Allerdings gibt es auch Länder, die aus fachlichen Gründen vergütete Ausbildungsformen mit Anrechnung auf den Personalschlüssel nicht realisieren wollen, da es faktisch zu einer Verschlechterung des Personalschlüssels führt, wenn nicht einschlägig ausgebildete Personen auf diesen angerechnet werden. Das ist in Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Saarland und Schleswig-Holstein bisher der Fall.
 
Seit 2013 gibt es in Rheinland-Pfalz den Schulversuch „Berufsbegleitende Teilzeitausbildung zur Erzieherin/zum Erzieher“. Zur Finanzierung der Fachschüler/innen haben die Einrichtungen zwei Möglichkeiten: Entweder die Anrechnung auf den Stellenschlüssel, oder indem der Arbeitgeber/Träger bei seinem zuständigen Jugendamt befristet für die Dauer der Ausbildung eine zusätzliche halbe Stelle im Mitarbeiter/innenbereich beantragt. Stimmt das Jugendamt zu, kann ein hauptberufliches Beschäftigungsverhältnis eingegangen werden.
 

Quo vadis?

Was braucht es, damit Kitas ihre Aufgaben als Ausbildungsorte wahrnehmen und Quereinsteiger/innen sich auf ihre Ausbildung konzentrieren können? Welcher Rahmen muss gesteckt werden, um Belastungen im Kita-Alltag zu bewältigen?
 
Eine Begrenzung der Anrechnung auf den Personalschlüssel scheint mehr als sinnvoll. Besonders zu Beginn der Ausbildung sollte darauf verzichtet werden. Viele fachliche Fragen, die mit der Zunahme vergüteter Ausbildungsmodelle auftauchen sind derzeit noch wenig empirisch untersucht. Welches Finanzierungsmodell birgt welche Vor- und Nachteile? Wie wirken sich unterschiedliche Anrechnungsmodelle auf den Personalschlüssel, auf die Qualität der Ausbildung, die Motivation der Quereinsteigenden und die Teamdynamik in der Einrichtung aus? Welche Anrechnung auf den Personalschlüssel ist überhaupt vertretbar hinsichtlich der Qualität der Ausbildung? Diese und andere Fragen sollten von politisch und fachlich Verantwortlichen, aber auch im Rahmen von Forschung und Evaluation künftig stärker in den Blick genommen werden.
 
 
Downloads und Links zum Thema
http://www.chance-quereinstieg.de/service/beratungstelefon/ | Seit 2013 betreibt die Koordinationsstelle ein Beratungstelefon für am Quereinstieg Interessierte

http://www.chance-quereinstieg.de/quereinstiegsmoeglichkeiten/uebersicht-zum-quereinstieg/ | Detaillierte Informationen zu Quereinstiegsmöglichkeiten in den Bundesländern

http://www.chance-quereinstieg.de/fileadmin/company/pdf/Newsletter/Zusammenfassung_Bestandsaufnahme.pdf | Download Bestandsaufnahme

http://www.chance-quereinstieg.de/fileadmin/company/pdf/Newsletter/Zusammenfassung_Bestandsaufnahme.pdf | Download Zusammenfassung der Bestandsaufnahme

+++ Copyright: Koordinationsstelle "Chance Quereinstieg". Foto: Milena Schlösser. +++
 
 

Teilen auf
Teilen auf Facebook