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Perspektiven
09.07.2017  Hilde von Balluseck

Sind Kompetenzen Bildung?

Seit der Bologna-Reform der Hochschulbildung setzt sich in allen Bildungsbereichen der Kompetenzbegriff durch. Entscheidend, so die Neuerung, ist nicht mehr, was vermittelt wird, sondern was die zu Bildenden am Schluss wissen oder können. Ein Artikel des Philosophen Christoph Türcke stellt diese Betrachtungsweise in Frage.
Als Anfang der 2000er Jahre die Bologna-Reform um sich griff, war auch ich beeindruckt. Die Ziele leuchteten mir sofort ein: die Förderung von Mobilität, von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und von Beschäftigungsfähigkeit. Die Methode war eine Verschiebung der Bildungsziele von den Lehrenden zu den Kompetenzen der Lernenden. An ihnen sollte sich die gesamte Lehre orientieren. Es klang vernünftig, die Aufmerksamkeit zur richten auf das, was bei den Studierenden, bei den SchülerInnen "hängen bleibt" und sie befähigt, dies oder jenes zu wissen, zu praktizieren, zu können. Auf Grundlage dieser Idee entstanden damals die ersten Studiengänge, in denen der Kompetenzerwerb durch die Absolvierung bestimmter Module gesichert werden sollte. Für alle Wissensgebiete, also auch für die Fachschulen für ErzieherInnen, wurde diese Kehrtwende dann zunächst im Europäischen, dann im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) umgesetzt. Die Definition, Beschreibung und Festlegung von Kompetenzniveaus sollte der internationalen Auswechselbarkeit der Arbeitskräfte auf die Sprünge helfen. Und nun bemühen sich Hochschulen, Fachschulen und zunehmend auch Schulen darum, den entsprechenden Anforderungen gerecht zu werden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat "Millionen in Kompetenzmodellierungsprogramme gesteckt".  Damit soll die Kompetenz operationalisierbar werden.

Die Idee oder Ideologie hat allerdings Haken, denn es gibt inzwischen jede Menge Kritik an der Bologna-Reform, z.B. von Hippler in der SZ oder in der FAZ. Keine dieser Kritken jedoch befasst sich mit dem Knackpunkt der Bologna-Reform: dem Kompetenzbegriff.

Das Problem besteht  darin, dass Kompetenz mit Bildung gleichgesetzt wird. "Menschen kommen dabei nur noch als Kompetenzbündel vor. Der gemeinsame Fundus, aus dem diese disparaten Kompetenzen hervorgehen, die Person, in der sie zuammenhängen, interessiert nicht mehr." Es kommt zu "einer Schrumpfung des Menschen auf eine Verfügungsmasse von Verhaltensweisen" und zu einer "Degradierung von Lehrern zu Lernbegleitern".  Es ist aber der "innere Niederschlag einer Erlebensvielfalt", der die Bildung eines Menschen ausmacht.

Bildung ist, so die Folgerung, weit mehr als die Ansammlung von verwertbaren Kompetenzen. Sie besteht im Gesamtgefüge dessen, was Menschen erleben, erfahren und verarbeiten. Bildung von Menschen, ob klein oder groß, ist nicht durch eine Beschreibung ihrer Kompetenzen definierbar, die sie erworben haben. Und auch die Verwertbarkeit der Arbeitskräfte wird durch den Kompetenzbegriff nicht garantiert - dazu sind die Menschen wie auch die Anforderungen der Arbeitswelt zu komplex.Insofern ist Christoph Türckes Kritik voll zuzustimmen.

Zitate von Christoph Türcke im Artikel "Fatale Schmeichelei. Bildung ist keine Kompetenz" in der SZ vom 7.8.17, Seite 11). .

Foto: Shutterstock

 

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