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Ariadnes Blog
19.07.2017  Ariadne Morgenrot

Was ist schief gegangen? Viele Türken in Deutschland lieben Erdogan

Die Türkei, der wir uns schon deshalb nahe fühlen, weil viele Menschen aus diesem Land bei uns eingewandert sind, Familien gegründet haben, unsere Gesellschaft mit Ideen und Arbeitskraft bereichern, hat sich unter ihrem Präsidenten Erdogan zum autoritären Staat entwickelt - in Deutschland sind wir dagegen machtlos. Aber wie ist es möglich, dass bei uns aufgewachsene Menschen mit türkischen Wurzeln diese Entwicklung begrüßen?

Die Deutsch-Türken und die Türkei

Im Presseclub der ARD am Sonntag sprach eine türkische Journalistin aus, was mich auch beunruhigt. Sie war bestürzt darüber, dass so viele TürkInnen der zweiten und dritten Generation die Ereignisse in der Türkei nicht schlimm oder sogar gut finden. Dass sie die diktatorischen Züge Erdogans nicht nur akzeptieren, sondern sogar begrüßen.

Da fragt man sich: Was ist in Kitas und Schulen passiert, dass keine demokratische Haltung bei diesen Kindern und Jugendlichen entstanden ist, sondern das genaue Gegenteil?

Was ist schief gegangen und warum?

Ein Grund ist, dass die Türkei unter Erdogan zunächst wirtschaftliche Erfolge hatte. In Deutschland lebende Türken sehen ihr - wie sie es fühlen - "Heimatland" wieder groß werden und sind stolz darauf.

Bildungsbenachteiligung in Deutschland

Ein zweiter Grund aber ist die Situation der türkischen ZuwanderInnen und ihrer Kinder in Deutschland. Und dabei spielt die Bildung eine bedeutende Rolle.

Wenn sie keinen hohen Bildungsstandard haben, lassen die Eltern ihr Kind seltener in einer Krippe und einem Kindergarten betreuen; auch nutzen sie  informelle Bildungsangebote weniger als andere Eltern.

Die Autoren der Mercator-Expertise, der diese Angaben entnommen sind, kommen zu dem Ergebnis: "Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund haben geringere Bildungschancen als Gleichaltrige. Sie besuchen seltener eine Kita, wechseln nach der Grundschule seltener auf ein Gymnasium und zeigen bei Kompetenzmessungen bereits im Elementarbereich und über die gesamte Schullaufbahn hinweg
schlechtere Leistungen." (Mercator-Expertise "Doppelt benachteiligt?" 2017)

Noch stärker als der Migrationshintergrund ist allerdings der Bildungsstand der Eltern und ihr sozio-ökonomischer Status für diese Faktoren und den späteren Schulerfolg entscheidend.

Diskriminierungen

Darüber hinaus ist erwiesen: Menschen mit arabisch oder türkisch klingenden Namen sind bei der Wohnungssuche benachteiligt.
Gleiches gilt für Bewerbungen für einen Ausbildungsplatz und generell auf dem Arbeitsmarkt. 
Dazu der NRW-Landtagsabgeordnete Bas:
"Ein Teil dieser jungen Leute fühlt sich abgehängt. Trotz guter Schulbildung finden manche keinen Zugang zum Arbeitsmarkt. Sie erfahren Ablehnung von der Gesellschaft in Deutschland und sehen die Türkei als das gelobte Land an, in das sie zurückgehen können."

Die gesellschaftliche Inklusion hat nicht gut genug funktioniert

Wir sehen es in vielen anderen Ländern: Wo es nicht gelingt, EinwanderInnen aus anderen Kulturen Inklusion anzubieten, entstehen Extremismen verschiedener Art. In Frankreich z.B., wo die Integration der aus Algerien stammenden Franzosen nicht geglückt ist, haben sich viele Jugendliche radikalisiert. Das betrifft unsere türkischen Einwanderer weniger, weil die deutsche Gesellschaft ihnen schon durch die Teilhabe am Arbeitsmarkt.immerhin einen Zugang zur Integration ermöglicht hat.

Aber die türkischstämmigen Befürworter Erdogans zeigen uns, wohin wir kommen, wenn wir nicht Ernst machen mit der Inklusion, das gilt ganz aktuell auch für die geflüchteten Zuwanderer. Wir können nicht alle aufnehmen - das ist ein Ideal, das in die Irre führt, so der Münchner Ex-Oberbürgermeister Ude in einem taz-Interview. Aber die, die bei uns sind, und die, die noch kommen, brauchen von uns eine offenere Haltung, als sie die meisten von uns haben - die Autorin dieses Artikels nimmt sich dabei nicht aus. Nur dann haben wir eine Chance, dass die Demokratie, die bei uns vollmundig beschworen wird, auch als Chance zur Teilhabe wahrgenommen wird.

In der pädagogischen Aus- und Weiterbildung ist dies die größte Herausforderung, die wir zu bewältigen haben: Umgang mit Unterschieden und respektvolle Angebote der Integration.

Quellen:
Doppelt benachteiligt? Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem.
Eine Expertise im Auftrag der Stiftung Mercator. Mai 2016

Interview mit Ali Bas: Warum Deutsch-Türken Erdogan lieben. In: Westfälische Nachrichten, 9.3.2017

Interview mit Christian Ude: "Nochmal schaffen wir das nicht". taz vom 19.7.2017.

Foto: Shutterstock







 

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