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Digitale Bildung
31.07.2017  Helmut Martin-Jung

Raus aus der Kreidezeit!

Die Welt wird digital, doch Schüler und Lehrer merken das noch kaum. Es mangelt an der Ausstattung. Vor allem aber fehlen tragfähige Konzepte
Um den Job eines Bildungsministers musste man noch nie jemanden beneiden. Geboten wird der Kontakt zu vielen unterschiedlichen Interessensgruppen, und immer ist zu wenig Geld da. Doch es kann noch schlimmer kommen. Denn die Kultusminister und -ministerinnen der Länder wie ihre Kollegin Johanna Wanka im Bund sehen sich heute einer weiteren Herausforderung gegenüber: Die Welt digitalisiert sich. Die Schüler müssten auf diesen Kulturwandel, diese neue industrielle Revolution vorbereitet werden – doch das deutsche Bildungssystem ist dabei, dieses Thema grandios zu versemmeln.

Liebe Kultusminister, kommen Sie jetzt bloß nicht mit einer Ihrer Musterschulen! Klar, die gibt es. Schulen, an denen wenigstens zu einem gewissen Teil schon gelebt wird, was eigentlich längst Standard sein müsste. Meist beruht das auf Eigenleistung der Schulleitung oder engagierter Lehrkräfte. Aber das zählt nicht, kann nicht zählen, denn die Digitalisierung betrifft jeden. So aber, wie das Bildungssystem in der Breite damit umgeht, bleibt es im Wesentlichen den Schülern selbst, ihren Eltern und einigen privaten Initiativen überlassen, die riesige Lücke zu füllen, die da klafft.

Nur, woran liegt das, woran fehlt es eigentlich?

Die meisten denken als erstes an die Ausstattung der Schulen. Und ja, damit sieht es in den meisten Fällen schlimm aus. Mal geht das Wlan, dann geht es wieder nicht – wenn es denn überhaupt eines gibt in der Schule. Die Computer: Nicht selten sind es ohnehin solche, die anderswo schon ausgemustert wurden; und nach ein paar Jahren ist eben auch ein neu gekaufter Rechner den ansteigenden Anforderungen nur noch bedingt gewachsen.

Und dann gibt es den forschen Landrat, der mal eben schnell für alle seine Schulen interaktive Whiteboards bestellt, leider ohne vorher mal bei den Schulleitern vorstellig zu werden. Weshalb viele der teuren Dinger nun in Kellern vor sich hin gammeln. Oder der IT-Fuzzi einer Stadt entscheidet mal eben, welche Systeme für die Schulen der Kommune gekauft werden. Während Firmen dafür eine eigene Abteilung haben, die sich um den Gerätepark kümmert, bleibt es in den Schulen oft genug der Eigeninitiative von Lehrerinnen und Lehrern überlassen, die unvermittelt über sie gekommenen Computer und das Schulnetzwerk zu warten – was sie nicht selten in ihrer Freizeit machen müssen.

Die technische Ausstattung zu verbessern, ist vor allem eine Frage des Geldes. Daran sollte es eigentlich nicht fehlen, und es kam auch ziemlich gut an, als Bundesbildungsministerin Wanka eine fünf Milliarden Euro schwere Digital-Bildungsoffensive des Bundes ankündigte. Nur hatte sie sich ganz offenbar nicht mit ihrem Kollegen vom Finanzressort abgesprochen. Nun also wird das Geld frühestens nach der Wahl freigegeben werden. Wie viel genau aber und wann es wirklich fließt – im Moment ist das alles offen.

Vielleicht ist das aber auch ein Segen. Denn das wirkliche Problem liegt ja woanders. Es gibt einfach zu wenige didaktischen Konzepte, wie die Kinder auf die digitalisierte Welt vorbereitet werden sollen. Die aber wären die Voraussetzung dafür zu entscheiden, welche Ausstattung die Schulen bräuchten. Und natürlich müssten auch die Lehrer dementsprechend ausgebildet werden.

Noch aber steht Digitalisierung kaum auf dem Plan. Klar, die Lehramtsanwärter von heute wachsen anders als die Vorgänger-Generation mit dem Internet auf. Sie haben selber ein Interesse daran, ihr Arbeitsleben nicht ausschließlich mit der Kreide in der Hand und dem Overhead-Projektor auf dem Pult zu verbringen, während die meisten ihrer Schüler ein Smartphone im Schulranzen haben. Aber es kann nicht ernsthaft den Lehrern überlassen bleiben, selbst die didaktischen Konzepte dafür zu entwickeln.

Es ist zwar schön, wenn die Schüler auf hübschen iPads herum wischen und schnieke Laptops herumtragen. Wie man programmiert, kann man allerdings an Billig-Computern wie dem Raspberry Pi für 35 Euro das Stück oder dem kleinen Bastelcomputer Calliope genauso lernen. Und kaum etwas wäre schlimmer, als schon in der Schule eine neue Form der digitalen Spaltung zuzulassen. Die Eltern im, sagen wir: Münchner Süden oder im Taunus hätten mehrheitlich kein Problem damit, ihren Kindern 1000-Euro-iPads zu kaufen. Eltern in ärmeren Regionen aber sehr wohl.

Das Calliope-Projekt ist eine Initiative, die von der deutschen Internetbotschafterin bei der EU, Gesche Joost, angeführt wird. Dank Sponsoren wie Google wird die sternförmige Minirechner-Platine sogar an Schulen verschenkt. Nun kann man fragen, ob es denn nicht ein Problem ist, wenn der mächtige Datensammler Google nun auch noch auf Grundschulkinder losgelassen wird. Man kennt ja das Prinzip: Catch them young, fange sie ein, wenn sie noch jung sind. Was sind schon ein paar Millionen Euro für einen Konzern, der in einem einzigen Vierteljahr gut drei Milliarden Euro Gewinn macht? Und das wohlgemerkt nach Abzug einer Rückstellung von 2,42 Milliarden Euro für die Strafe, die die EU dem Unternehmen wegen Behinderung des Wettbewerbs aufgebrummt hat.

Google betont, dass die Kinder weder einen Google-Zugang bräuchten, noch Daten über sie gesammelt würde. Auch Microsoft sucht seine Chance im Bildungsmarkt, verschenkt Software an Studenten zumindest technischer Studiengänge. Vor Kurzem hat das Unternehmen auch einen Laptop herausgebracht, der sich an Bildungseinrichtungen wendet. Da stecken Interessen dahinter, aber zu einem Teil ist es sicher nicht gelogen, wenn die Unternehmen sagen, bei der Unterstützung für Schulprojekte denke man vor allem an den eigenen Nachwuchs. IT-Spezialisten sind heute schon gesucht, künftig aber werden eher noch mehr davon gebraucht werden.

Also, Türen auf für Intel, Google, Microsoft, Apple und all die anderen? Vorsicht! Es kann nicht das Ziel sein, den Nachwuchs schon im Kindergartenalter mit Hard- und Software der Elektronikkonzerne zwangszubeglücken, ohne dass dahinter ein vernünftiges pädagogisches Konzept steht. Ein solches Konzept müsste vor allem drei Forderungen erfüllen.

Erstens: Um nicht zu bloßen Konsumenten digitaler Techniken zu werden, braucht es ein Grundverständnis davon, wie sie funktionieren. Und zwar nicht nur ein theoretisches. Wer selbst gelernt hat, Programme zu schreiben, oder wenigstens eine Ahnung davon hat, versteht viel eher, wo die Möglichkeiten und Grenzen dieser Technik liegen.

Gerade in Deutschland aber gibt es eine meist eher diffuse Furcht vor allem Technischen. Anstatt einfach mal etwas auszuprobieren, werden immer erst die Risiken in den Vordergrund gestellt. Natürlich müssen nicht alle alles mitmachen und gutheißen, natürlich ist gesunde Skepsis angebracht. Aber neue Technik erst mal abzulehnen, weil man sie nicht kennt, ist nicht die beste aller Herangehensweisen in einer Welt, die mehr und mehr von Technik beherrscht wird. Je mehr junge Menschen, vor allem auch Mädchen, begreifen, dass das alles kein Hexenwerk ist, sondern sogar Spaß machen kann, umso besser.

Zweitens: Das Internet ist wie vor ihm Rundfunk und Fernsehen als gigantische Chance begrüßt worden. Es gibt gute Sendungen im Radio und TV, es gibt gute, seriös recherchierte Informationen im Netz – unnützer Schrott bis hin zur gezielten Desinformation überwiegen aber. Die Schule muss viel intensiver als bisher dazu beitragen, Maßstäbe zu formen, damit vor allem junge Menschen sich selbst ein Urteil bilden können.

Drittens: Die Schulen könnten erheblich davon profitieren, wenn sie digitale Arbeitsweisen integrieren würden. Doch es fehlt eben an allen Ecken und Enden. Die technische Ausstattung ist meist mangelhaft. Mehr noch aber fehlen abgestimmte Konzepte, wie Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte organisiert werden sollen, welche digitalen Elemente man wie im Unterricht einsetzen will, wo die Daten denn gespeichert werden und wer sich darum kümmert, dass diese Daten auch sicher sind. Auch viele Eltern bräuchten Nachhilfe in digitaler Bildung.

Das alles ist im Wesentlichen Konsens in der Politik. Doch was passiert? Jedes Bundesland geht seinen eigenen Weg, als wäre Digitalisierung etwas, das sich nach den Grenzen deutscher Länder richtet. Das Projekt Digitalisierung böte die Chance für die Bildungspolitiker, wenigstens einmal über ihren Schatten zu springen, um ein bundesweit einheitliches Programm zu entwickeln, das den oben skizzierten Aufgaben halbwegs gerecht wird. Bildungs-Kleinstaaterei hält hier nur auf – wobei man sich überhaupt fragen könnte, wo eigentlich der Vorteil von 16 Länder-Kultusbehörden und einem Bundesministerium liegen soll. Wer mit schulpflichtigen Kindern schon mal in ein anderes Bundesland umgezogen ist, hat dazu wahrscheinlich auch eine Meinung.

Da die digitale Bildung ohnehin neu konzipiert werden muss, könnte man doch wenigstens versuchen, sich auf ein gemeinsames Vorgehen zu einigen. Und da das Geld auch in Zeiten der Steuerüberschüsse immer knapp sein wird, würde es sich anbieten, die Unternehmen so einzubinden, dass beide Seiten davon profitieren. Die Unternehmen, indem der Staat endlich seiner Aufgabe gerecht wird, die Schüler für deren Zukunft bestmöglich auszubilden und so auch mehr junge Leute fit macht für IT-getriebene Berufe. Der Staat, indem er von den Unternehmen finanziell und mit Know-how dabei unterstützt wird, diese Aufgabe zu leisten. Dazu muss er den rechtlichen Rahmen setzen sowie fürs didaktische Konzept und für sinnvoll austarierten Datenschutz sorgen.

Die Politik sollte also mit Hochdruck an einem digitalen Bildungskonzept arbeiten, sollte dann mindestens die versprochenen fünf Milliarden Euro freigeben und zusätzlich mit den Unternehmen einen digitalen Bildungspakt schließen, um der Initiative noch mehr Durchschlagskraft zu verleihen.

Es würde sich lohnen. Jedes Schuljahr, in dem wieder so gut wie nichts passiert, ist ein verlorener Jahrgang.
© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

Foto: Highwaystarz/Fotolia
 

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