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Rezensionen und Reviews
10.08.2017  Sarah Shkoor

Diversität - ein zweischneidiges Schwert? (Rezension)

Ursula Stenger, Doris Edelmann, David Nolte, Marc Schulz (Hrsg.): „Diversität in der Pädagogik der frühen Kindheit“. Weinheim, Beltz Juventa, 2017.
Diversität und der Umgang mit ihr sind nicht erst seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention vom 26. März 2009 in Deutschland in aller Munde: Es kann wohl behauptet werden, dass dies eine Menschheitsfrage nach Identität und Konformität ist, wenn auch früher nicht so viel und offen diskutiert wurde wie in den heutigen, vor allem pädagogischen Debatten. Auch in der Erzieher_innenausbildung stellt Inklusion inzwischen  bundesweit ein eigenes Fach dar und ich kann mich noch sehr lebhaft an die rege Diskussion in  unserem Klassenzimmer erinnern, vor allem an den Konsens, dass Inklusion wohl ein stetiges Streben nach Mehr darstellen muss.

Zu den Herausgeber_innen

Ursula Stenger, Dr. phil., Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität zu Köln.
Doris Edelmann, Dr. phil., Leiterin des Instituts Bildung und Gesellschaft der Pädagogischen Hochschule St. Gallen.
David Nolte, Master of Arts, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Osnabrück.
Marc Schulz, Dr. phil., Professor für Soziologie der frühen Kindheit und Familie an der Technischen Hochschule Köln.
 

Inhalt

Der vorliegende Sammelband beinhaltet das Gros von Vorträgen, die auf einer Fachtagung vom 5. bis 7. März 2015 an der Universität zu Köln präsentiert und diskutiert wurden. Der Titel dieser Tagung war gleichlautend mit dem Titel des Bandes. Dies war eine der Veranstaltungen, zu denen die Kommission „Pädagogik der frühen Kindheit“ (PdfK) der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) jährlich einlädt.
Der Band sortiert die 16 Aufsätze nach den zwei Schwerpunkten: „Theoretische Klärungen-Systematisierungen“ und „Differenzlinien - Differenzherstellung - Differenzpraktiken“, letzterer noch mit den Punkten „Politik und Institutionen“, „Migration und Behinderung“ und „Sprache und Geschlecht“. Das Rahmenthema von Tagung und Band ist das weite Feld des aktuellen Diversitäts-Diskurses mit den neuesten Erkenntnissen und Ergebnissen aus Theorie und Empirie.

Der erste Teil „Theoretische Klärungen-Systematisierungen“ umfasst vier Beiträge.

Ulrike Hormel: Pädagogische Beobachtungsweisen. Heterogentität, Diversity, Intersektionalität.
Die Autorin setzt sich kritisch mit den drei Begriffen auseinander. Kern der Kritik ist die Beobachtung von pädagogisch erzeugten Zuschreibungen, die oft auch gesamtgesellschaftlich Einzug halten können. Lösungsansätze für eine gerechtere Pädagogik aus Sicht der Autorin kann man in einer Weiterentwicklung der Theorie der institutionellen Intersektionalität der Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw finden. Sie empfiehlt ein stärkeres Augenmerk auf die Art und Weise, wie Individuen als Empfänger von Bildung identifiziert werden, also einen Übergang von der Adressaten_innen-Forschung hin zur Adressierungsforschung.

Ursula Stenger: Diversität in der Pädagogik der frühen Kindheit. Analysen und Perspektiven.
In Stengers Aufsatz wird der Frage nach der Bedeutung von diverser Zugehörigkeit in der frühen Kindheit nachgegangen, wobei poststrukturalistische, postkoloniale und systemtheoretische Diskurse als Zugänge genutzt werden. Auf die vorläufige Erkenntnis, dass viele Unterschiede festgelegt sind, folgt die Frage, wie man  differenzfreundlich sein kann, ohne die Unterschiedenen darauf festzulegen. Stenger legt für eine weiterreichende Antwort die Berücksichtigung sozialphänomenologischer Überlegungen nahe, die menschliche Erfahrungsprozesse als perpetuum mobile von zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Möglichkeiten begreifen.

Cornelie Dietrich: Ungleichheit und Differenz im Horizont von Gleichheit. Homogenität als kulturelle Fiktion und empirische Herausforderung.
Die kulturelle Notwendigkeit, eine zwecks der individuellen Bewertung anvisierte Vergleichbarkeit herzustellen, setzt Praktiken voraus, die Homogenitäten in Gruppen fördern. Diesem empirisch untersuchten Phänomen stellt die Autorin die Frage entgegen, was im weitesten Sinne homogenisierend im Alltag von Kindern wirkt, um auf dieser Grundlage eine empirisch fundierte pädagogische Forschung zum WIE und WAS von Homogenisierung vor allem im Schulalltag zu fordern.

Markus Dederich: Zwischen Wertschätzung von Diversität und spezialisierter Intervention. Ein behindertenpädagogisches Dilemma im Zeichen der Inklusion.
Dederich führt aus, weshalb in der Praxis eine Unausweichlichkeit der Verwendung von Kategorien besteht und setzt dem entgegen, dass Singularität und Humanität damit nicht  entfallen. Dafür müsse das Bewusstsein gestärkt werden.

Der zweite Teil „Differenzlinien-Differenzherstellung-Differenzpraktiken“ fasst fünf Aufsätze unter der Rubrik „Politik und Institutionen“ zusammen.

Marius Mader/Johanna Mierendorff: Abschied von sozialer Diversität? Hochpreisige Einrichtungen im Elementarbereich.
Mader und Mierendorff zeigen anhand von Ergebnissen eines DFG-Projekts auf, dass im Namen von Inklusion soziale Schließungen in Einrichtungen vorgenommen werden.

Tanja Betz und Stefanie Bischoff: Heterogenität als Herausforderung oder Belastung? Zur Konstruktion von Differenz von frühpädagogischen Fachkräften in Kindertageseinrichtungen.
Die Autorinnen stützen sich auf eine Studie, die zeigt, dass es ungleichheitsrelevante Denkmuster bei frühpädagogischen Fachkräften gibt. Diese  ausschließlich auf professioneller Ebene zu lösen, sei unzureichend. Vielmehr gelte es, das Thema in Medien, Politik und Wissenschaft diskursiv zu verhandeln.

Kerstin Jergus: Heterogenität im Kindergarten? Heterogenität und Leistung im Lichte frühkindlicher Differenzen.
Jergus skizziert, ausgehend von einer konkreten Erfahrung von Besonderheits-Zuschreibung, wie sich Differenzialität und Standardisierung zueinander verhalten und fordert eine verstärkte Aufmerksamkeit hin zur Perspektive der Adressat_innen von Zuschreibungen sowie eine verstärkte Untersuchung des gemeinsamen Beitrags aller involvierten Akteure zur Verschiebung von Differenzen.

Friederike Schmidt: Differenzen in der pädagogischen Praxis. Über Differenzkonstruktionen und -logiken von Pädagog_innen des Elementar- und Primarbereichs.
 Schmidt zeigt anhand einer Historie der Differenz am europäischen Beispiel einleitend deren identitätsstiftende gesellschaftliche Funktion auf. Vorgestellt werden  die Ergebnisse einer Studie, in deren Rahmen Gruppendiskussionen mit pädagogischen Akteuren aus Kita und Schule zum Thema Essen geführt wurden. Dabei wird deutlich, dass eigene Praktiken, die kulturell korrelieren, unreflektiert als Folien wirken und wie Abweichungen von dieser Folie inszeniert und skandalisiert werden, wobei das Eigene bestätigt wird.

Sarah Meyer: Das ewige Dilemma mit der Differenz. Eine Dokumentenanalyse zu Thematisierungen sozialer Differenz in den Bildungsplänen der Länder für die Kindertagesbetreuung.
Meyer analysiert anhand der unterschiedlichen Bildungspläne die sprachliche Formulierung von sozialer Differenz und die apellierende Programmatik , die die angesprochenen Fachkräfte motivieren sollen. Für Meyer ergibt sich hieraus eine Reifikation von Differenz.

Der folgende Abschnitt enthält Beiträge zum Thema „Migration und Behinderung“ .

 Julia Seyss-Inquart: Aktive Kinder, überforderte Pädagog_innen und berufstätige Mütter. Differenzmarkierungen im politischen Sprechen über Kitas.
Die Autorin skizziert in diesem Beitrag, wie politische Debatten in Österreich mittels Differenzkategorien den Aspekt der Bedürftigkeit generieren, der wiederum Kitas als Institutionen legitimiert, die ihrerseits als Instrumente von Ein- und Ausschlüssen fungieren sowie zur Normativierung von Kindheit beitragen.

Gerald Blaschke-Nacak und Oktay Bilgi: „Wir sind einfach ne Multikultigesellschaft“ Ein explorativer Zugang zur diskursiven Herstellung und Bearbeitung von Differenz in Feldern der Frühpädagogik.
Wie der Beitrag von Schmidt geht auch dieser Aufsatz der Frage nach, inwiefern das Eigene als positive Schablone des Anderen dient. Mithilfe einer Gruppendiskussion im Rahmen einer Studie zum Thema Islam und Sozialisation wurden Aussagen einer Leitungskraft sowie dreier Erzieherinnen gesammelt. Die dokumentarische Interpretation führt über kulturalisierende Komponenten der Aussagen hin zu der Frage, wie Kultur definiert werden kann. Schließlich setzen sich die Autoren mit dem Interpretationsprozess von Aussagen selbst auseinander.

Liane Pluto und Eric van Santen: Kindertageseinrichtungen auf dem Weg zur Inklusion? Empirische Befunde zu Stand, Voraussetzungen und Barrieren.
Der Aufsatz ist eine Untersuchung zur Aufstellung der Kinder- und Jugendhilfe in Bezug auf die Aufnahme von Kindern mit Beeinträchtigungen im Rahmen der gesellschaftlich geforderten Inklusion. Er stützt sich dabei auf Erhebungen des DJI. Eine der vielen Erkenntnisse ist die Tatsache, dass befragte Kinder inklusive Vorstellungen ihres Miteinanders hatten.

Sven Werner: Wie aus Kindern Patient_innen wurden. Krankheits- und Störungsbilder vor dem Hintergrund pädagogischer Defizitkonstruktionen.
Werner zeigt die Geschichte der pädagogischen Defizitkonstruktionen im Zusammenhang mit  der Geschichte des Bildes vom Kind auf und betrachtet aktuelle Zuschreibungen von körperlichen und geistigen Defiziten im Kontext von Therapeutisierung und Investment in der Kindheit.

Der letzte Teilabschnitt „Sprache und Geschlecht“ enthält drei Aufsätze.

Nathalie Thomauske: Möglichkeitsräume der Umsetzung von de facto Sprachenpolitiken in Einrichtungen der frühkindlichen Bildung. Ein deutsch-französischer Vergleich.
Vor dem Hintergrund von Critical Applied Linguistics und Postcolonial und Critical Whiteness Studies schlägt Thomauske vor, alternative Sprachpolitiken in der Praxis zu testen, um hegemoniale Verhältnisse zu relativieren.

Katharina Brandenberg, Melanie Kuhn, Sascha Neumann, Luzia Tinguely: „Weisst du auch, wie das auf Deutsch heisst?“ Ethnographie der Mehrsprachigkeit in bilingualen Kindertagesstätten der Westschweiz.
Die Verfasser analysieren Sprachwirklichkeiten dreier bilingualer Kitas in der Schweiz, anhand derer große Varianzen deutlich werden sowie die Möglichkeit problemloser translingualer Situationen durch fluide Sprachwechsel, die Kinder von sich aus vornehmen.

Melanie Kubandt: Als GeschlechterforscherIn im frühpädagogischen Feld. Zwischen Subjektivität, (Re-)Konstruktion und Reifikation.
Kubandt betont unter anderem die Notwendigkeit der Reflexion von eigenen Geschlechterkonstruktionen und fordert eine reifizierungssensible Methodik.
 
Kommentar
Der Untertitel des Bandes lautet: „Im Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Normativität“. Er spielt auf einen diversitätskritischen Aspekt an: den der Reifikation, nämlich die riskante Möglichkeit, Ungleichheit zu reproduzieren. Konklusiv hallt der Grundtenor wider, dass diese Problematik ernst zu nehmen ist. Einer der Aufsätze ist dafür besonders überzeugend:  Markus Dederichs Grundriss des behindertenpädagogischen Dilemmas im Zuge der Inklusion. Seine Botschaft ist besonnen und zugleich nahe der Lebenswirklichkeit jedes Menschen: Nur durch Achtsamkeit in der Pädagogik lässt sich die Kategorien-Problematik zufriedenstellend lösen, indem man sich bewusst macht, dass die pädagogisch relevanten Differenzlinien niemals die Person als Ganzes definieren können und dass Diversitätskonzepte, falls sie beanspruchen, Einzigartigkeit und Menschlichkeit zu erfassen, zum Scheitern verurteilt sind und sein sollten.

Fazit
Dieser Band eignet sich für jede/n, die bzw. der sich sowohl grundlagentheoretisch wie diskursiv über die Thematik informieren will. Alle Beiträge geben spannende Anreize für das eigene pädagogische Handeln.
 
 
 Foto: Jovannig/Fotolia
 


 

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