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Perspektiven
21.08.2017  Hilde von Balluseck

Warum FrühpädagogInnen nicht mehr verdienen können

ErzieherInnen, GrundschullehrerInnen und andere frühpädagogische Berufe werden unzureichend bezahlt. Die Gründe dafür erläutert dieser Artikel.

Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gehälter

Der soziale Wandel durch Digitalisierung wirkt sich in den Berufen von Erziehung und Bildung anders aus als in anderen Berufen. Die frühpädagogische Arbeit mit Kindern kann zwar teilweise digitalisiert werden, indem  Entwicklungs- und Lehrpläne sowie deren Kontrollen mit digitalen Medien erstellt und bearbeitet werden. Dies betrifft vor allem Leitungskräfte in Kita und Schule. Der Hauptanteil der Arbeit mit den Kindern findet aber mit den Kindern selbst, in ständiger persönlicher Kommunikation statt.  Da müssen Fachkräfte den Umgang mit digitalen Medien beherrschen – dieser ersetzt aber nicht die persönliche Begegnung, Begleitung und Auseinandersetzung von  bzw. mit den Kindern.   Insofern ist von der Digitalisierung, sofern sie überhaupt in der Frühpädagogik realisierbar ist, weder ein höheres Prestige noch ein höheres Gehaltsniveau zu erwarten.

Bedeutung der Ausbildung für die Bezahlung

Die Teilakademisierung hat zu schnelleren Aufstiegschancen von KindheitspädagogInnen geführt, nicht jedoch zu einer im Anschluss an das Studium in Kraft tretenden finanziellen Besserstellung  gegenüber anderen Fachkräften in der Frühpädagogik (vgl. Ostendorf 2017). Und auch wenn die Fachschulausbildung im Deutschen Qualitätsrahmen als vergleichbar mit einem Bachelorabschluss eingestuft wurde, trifft für alle ErzieherInnen und meist auch KindheitspädagogInnen nach wie vor zu, dass sie weniger verdienen als Männer und Frauen in anderen Berufen. Ein eklatantes Beispiel brachte im Jahr 2015  die FAZ:
".. jemand, der ein Kind betreut, (verdient) weniger als jemand, der das Geld der Mutter betreut. Die Kundenbetreuerin in der Bankfiliale verdient im ersten Berufsjahr rund 2650 Euro, der Erzieher in der Kindertagesstätte 2100 Euro. Nur wenige Erzieher kommen irgendwann auf deutlich mehr als 3000 Euro brutto im Monat, für den Bankkaufmann ist das der Durchschnittsverdienst." (FAZ, 16.4.2017, Zugriff 21.08.2017: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/menschen-wirtschaft/kita-warnstreiks-muessen-erzieher-mehr-verdienen-13533288.html).  Der Kita-Streik hat die Situation verbessert, nicht jedoch durch eine andere Ausbildung, sondern durch Druck von Kita-Angestellten, Trägern und Eltern.  Die Unterschiede zu anderen Berufen bestehen jedoch nach wie vor.

Mehr Anerkennung durch wachsenden Bedarf?

Schon heute beträgt der Anteil der Berufe in der Sozialen Arbeit, Gesundheit und Pflege, Bildung und Erziehung  18 Prozent vom Arbeitsmarkt (vgl. Müller/Schildmann/Voss 2017: 34). Allgemein wird mit einer Steigerung der Einkommen gerechnet: Von 2012 bis 2020 in der Chemie-, Auto- und Elektroindustrie um rund sechs Euro die Stunde, in anderen Bereichen jedoch, darunter die Tätigkeiten im Bereich Erziehung, Gesundheits- und Sozialwesen nur um 1,10 bis 1,50 € (vgl. ebenda: 35). Hinzu kommt die Ungleichbehandlung in der Ausbildung. Im Gegensatz zur dualen Ausbildung, in der der Männeranteil überwiegt und ein Ausbildungsgehalt gezahlt wird, werden vollzeitschulische Ausbildungen nicht finanziert (vgl. Ostendorf 2016). 

Obgleich also die Notwendigkeit guter außerfamiliärer Erziehung und Bildung in der Gesellschaft Konsens ist, kann die gleiche Gesellschaft sich nicht zu einem Ausbildungehalt und einer Höherstufung der ErzieherInnengehälter durchringen. Warum ist das so?                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

Wer bestimmt die Tarife?

In privatwirtschaftlichen Branchen werden die Auseinandersetzungen um Lohnzuwächse mit Tarifpartnern "auf der Basis von Forderungen verhandelt, die nach der sogenannten Lohnformel aus einer Kombination von Produktivitätszuwächsen und Inflation errechnet werden" (Müller/Schildmann/Voss 2017: 35). So werden die Beschäftigten am wirtschaftlichen Fortschritt beteiligt.

Anders ist die Situation bei den sozialen Dienstleistungen für Soziale Arbeit, Gesundheit, Erziehung und Bildung.  Hier ist es der Staat, der die Leistungen über den Staatshaushalt oder über das soziale Sicherungssystem finanziert, und damit auch die Löhne und Gehälter.  "Tarifpartner bewegen sich damit innerhalb eines von außen gesetzten Rahmens und sind damit strukturell in nachgeordneter Position mit stark eingeschränktem Gestaltungsspielraum" (ebenda). Dies schwächt die Stellung der Tarifpartner und man kann sich nur bei den Eltern bedanken, die beim letzten Kita-Streik mit dazu verhalfen, die Tarife immerhin etwas zu verbessern.  Auf Dauer aber lassen sich Eltern nicht instrumentalisieren, die Tarifpartner  müssten insgesamt mehr Macht haben.

Das Problem: Die Messung der Produktivität

Der Grund für die schwache Stellung der Beschäftigten im Dienstleistungbereich ist die Definition von Produktivität.  Der Maßstab für die Messung von Produktivität, die sich dann im Bruttosozialprodukt niederschlägt, sind die Kosten für Arbeit  in einer bestimmten Zeit. Je mehr Güter produziert werden,  je weniger Zeit dafür erforderlich ist, umso höher die Produktivität. Dies kann jedoch für die Berufe, die sich mit Menschen befassen, nicht gelten. Wenn eine Erzieherin 30 statt 20 Kinder betreut, steigt nicht die Produktivität, sondern im Gegenteil: Die Qualität ihrer Arbeit sinkt.  Folglich kann die Produktivität der Frühpädagogik, aber auch aller anderen personenbezogenen Dienstleistungen, mit den bisherigen Methoden nicht erfasst werden.

Das Problem ist also die Definition von Produktivität, die sorgende und bildende Tätigkeiten nicht misst. Von daher bleibt die Stellung der sozialen und pädagogischen Berufe im Dienstleistungssektor schwach - so lange Politik und Wirtschaftswissenschaft sich nicht besinnen. Ohne Fürsorge, Erziehung und Bildung, und ohne Pflege - zusammengefasst "Care" -  ist unsere Gesellschaft nämlich nicht lebensfähig. Diese Tätigkeiten sind der Grundstock für die gesamte Wirtschaft und Kultur eines Landes. Es wird Zeit, dass die Produktivität der bildenden und sozialen Berufe höher bewertet wird als die Produktion von käuflichen Waren.
 
Quellen:

Müller, Anne Kathrin, Christina Schildmann und Dorothea Voss (2017):
Wird Arbeit mit Personenbezug zukünftig digitalisierung? In: Elke Ahlers u.a. : Genderaspekte der Digitalisierung der Arbeitswelt. Herausgegeben von der Hans Böckler Stiftung, S. 34-39. https://www.boeckler.de/pdf/p_AdZ_dp_August_2017.pdf
Ostendorf, Helga (2016):  Durchlässigkeit in die Sackgasse? Bildungschancen von Erzieher_innen. Herausgegeben von der Friedrich Ebert Stiftung.  http://library.fes.de/pdf-files/studienfoerderung/12496.pdf
 

Foto: Shutterstock

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