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Familie
04.10.2017  Hannes Vollmuth unter Mitwirkung von Josef Kelnberger, Verena Mayer, Gianna Niewel, Cornelius Pollmer

Helicoptereltern

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, was in den Köpfen von Eltern vorgeht, die ihre Kinder am liebsten ins Klassenzimmer begleiten würden? Der folgende Artikel aus der Süddeutschen Zeitung beschreibt das rücksichtslose Verhalten der autofahrenden Eltern und seine Wirkungen.
Quietschende Bremsen, verängstigte Schülerlotsen, schimpfende Fahrer: Vor den meisten Schulen
herrscht nun wieder das tägliche Bring- und Abholchaos. Viele Eltern würden ihre Kinder
am liebsten mit dem Auto bis ins Klassenzimmer fahren. Beobachtungen aus der morgendlichen Kampfzone.

Ein bisschen Hoffnung für den Anfang: Alle Jahre wieder, im Herbst, wenn die Tage kürzer werden und der Unterricht in Dunkelheit beginnt, betritt Georg Jansen-Wätjen mit 228 Kindern seinen Pausenhof, früh um acht, und stimmt ein Lied an, den „Schulwegsong“, aus dem Standard-Repertoire für Schulanfänger. Jansen-Wätjen, 59, freundliche, brummige Stimme, ist Schulleiter an der Elisabethschule in Osnabrück. Er setzt viel Hoffnung in diesen Song, der davon handelt, in die Schule einfach zu Fuß zu gehen. Ein Hof voller Kinder singt in den Tag hinein. Man könnte auch sagen, sie singen gegen die Dummheit ihrer Eltern an.

Man sollte das Lied jeden Morgen im Radio spielen, vor der Verkehrsdurchsage. Nicht nur in Osnabrück, auch in Hamburg, München, in Köln und Frankfurt, im Grunde in jedem Landkreis dieser Republik. Flotten von SUV, Limousinen, Vans und VW-Bussen lauern vor Schulen nahezu überall, morgens wie mittags. In ihnen: nervöse Eltern in Erwartung ihrer Kinder. Die Schulpforte ist in den vergangenen Jahren mancherorts zur Kampfzone geworden. Vor Düsseldorfer Grundschulen stehen sogar Warnhinweise: „Vorsichtig, liebe Kinder, hier fahren eure Eltern!“ Und in Berlin haben Lehranstalten in der vergangenen Woche Schreiben verschickt: Es werde erwogen, Anzeige gegen Eltern zu erstatten, die sich nicht an die Regeln halten. Im morgendlichen Bringverkehr wurde eine Katze überfahren.

Trier-Irsch, 7.05 Uhr. Vor der Grundschule haben sie einen Parkplatz umbenannt, „Kiss and say goodbye“, ein paar Meter von der Schule weg. Ein Schild weist den Weg vom Parkplatz zum Pausenhof, außerdem kleine gelbe Füße auf dem Bürgersteig. Es sind 261 Schritte, die die Kinder gehen müssten. Die Eltern fahren trotzdem vor.

1970 kamen noch 91 Prozent aller Grundschüler alleine in die Schule, fand eine Forsa-Umfrage heraus – 2012 sind es nur die Hälfte. Und 2017? „Elterntaxis sind ein riesiges Problem für die Sicherheit vor den Schulen“ (Deutsches Kinderhilfswerk). „Absolut grenzwertig“ (Bundeselternrat). „Jeden Morgen ein gigantisches Chaos“ (Deutscher Philologenverband). „Die Eltern? Unbelehrbar“ (ADAC). Die Situation ist paradox: Alle sind sich einig und dagegen, trotzdem ändert sich wenig. „Manche Eltern parken schon in dritter oder vierter Reihe“, sagt Heinz-Peter Meidinger, „es ist irrsinnig.“

Meidinger ist Präsident des Deutschen Lehrerverbands, der größten Lehrervertretung in Deutschland, zudem ist er Leiter des Robert-Koch-Gymnasiums in Deggendorf. Wenn Meidinger von Eltern spricht, fallen Worte wie Kontrollzwang und Behüterreflex. „Das Problem sind die Helikoptereltern“, sagt Meidinger. Kein Text und Bericht zu Elterntaxis, der ohne dieses Wort auskommt. Der frühere Lehrerverbandsvorsitzende, Josef Kraus, unterschied sogar Kampf-, Rettungs- und Transporthubschrauber-Eltern. Nicht nur bessere Schulen mit besserem Angebot in abgelegenen Stadtteilen führen zu Hol- und Bringservices – es ist auch die Angst. Angst vor Kälte, Regen, Glätte, Verkehr, der von jenen Eltern erst verursacht wird. Angst vor Pädophilen, vor Kindesmissbrauch, der auf dem Schulweg statistisch gesehen so gut wie nicht existiert.

Dresden, 7.18 Uhr. Ein Ford Kombi ringt mit einem Jeep um den Premium-Platz bei der Einfahrt. Der Jeep-Fahrer von besonderer Ruhe, seine Begründung für das mutige Parken: eine schulprojektbezogene Mülltüte, die er nebst Kind hereinwuchtet. Schon jetzt zeichnet sich ein Muster ab: Der SUV der Dresdner Helikoptereltern ist oft ein VW-T5-Bus, das Kompromisskonstrukt aus Weltentdeckerlebensgier und Lisa&Luca-an-Bord-Realität.

Berlin-Schöneberg, 7.30 Uhr. Er trägt eine gelbe Warnweste und will Kinder über die Straße bringen. Er ist alt, sehr alt. Seit Schülerlotsen im Frühjahr vor der Grundschule fast von vorbeirasenden Autos angefahren worden wären, stehen sie hier nur noch in Begleitung von Erwachsenen. Diesmal ist der Opa eines Schülers dran, ein Mann mit zauseligem grauen Haar. Ein Mädchen mit Geigenkasten sieht ihn fragend an. „Da guckste“, sagt der alte Mann und stellt sich vor einen schwarzen Ford Van, damit es über die Straße gehen kann.

Kaum eine Schule, die nicht erfinderisch ist: „Bannmeilen“ mit Elternhaltestellen in Osnabrück, die rechtlich aber nicht bindend sind. Eine Straßensperre in Hannover, wo seit Schulbeginn vor der Albert-Schweitzer-Schule zwischen 7.30 und 8.15 Uhr die Polizei die Zufahrt bewacht. Hol- und Bringbereiche, Kiss-and-Ride-Zonen, Fußaufkleber auf dem Asphalt, eine „Schulweg-Safari“. Alles, um die Eltern vor einer Dummheit zu bewahren: dem Raub von Bewegung, von Selbständigkeit, von 20 Minuten Schulweg mit Freunden jeden Tag. Selbst der ADAC, der wirklich nicht im Verdacht steht, kritisch mit Autofahrern, Verkehrswahnsinn und überzüchteten SUV zu sein, kommt in einer Studie mit der Bergischen Universität Wuppertal zu dem Ergebnis: „weniger ‚Elterntaxis‘ = weniger Probleme und weniger Gefährdung der Kinder“.

Dresden, 7.34 Uhr. Erste Rien-ne-va-plus-Situationen, noch geduldig und friedlich aufgelöst, gesichert von dem Wissen, heute „gut in der Zeit“ zu sein. Drei SUVs stehen in Reihe, aus dem mittleren holt der Vater tatsächlich einen Roller aus dem Kofferraum, für die letzten Meter der Tochter.

Trier-Irsch, 7.43 Uhr. Ein Anwohner fährt den Berg neben der Schule runter, muss halten, der SUV vor ihm bewegt sich nicht, von hinten sieht man darin zwei Umrisse, einen großen auf dem Fahrersitz, einen kleinen auf dem Beifahrersitz. Der Anwohner lässt das Fenster runter. Wie oft hat er sich bei der Schule beschwert! Wie oft hat die Lokalzeitung berichtet, Interviews mit Experten, die dann erzählt haben, wie wichtig es für die Selbständigkeit der Kinder wäre, gingen sie zu Fuß! „Das Irre ist doch“, sagt er, „das sind Leut hier aus’m Dorf, die ihre Kinder die paar Meter kutschieren.“ Er lässt das Fenster hoch, hupt, hupt wieder, aus dem SUV vor ihm springt ein Junge vom Beifahrersitz.

Der Zeitdruck am Morgen spielt natürlich eine Rolle, die Eltern sind oftmals beide berufstätig, nicht selten beide in Vollzeit. Papa muss zur Arbeit, Mama muss zur Arbeit, beide sind spät dran, das Kind auch, und der Weg zur Arbeit führt praktischerweise (fast) an der Schule vorbei. „Ich kann mich nicht erinnern, dass das vor 20 Jahren schon der Fall war“, sagt Heinz-Peter Meidinger. Aber wenn Meidinger ehrlich sein soll, er hat er sich abgefunden. Damit, dass selbst der Schulsport in einer Halle 300 Meter entfernt schon als zu gefährlich empfunden wird.

Abgefunden: ein Zustand, in dem Alexander Böhle noch lange nicht ist. Böhle ist Elternbeiratsvorsitzender an der Altenburgschule in Stuttgart, Anfang des Jahres fragte er sich: Muss denn immer erst was passieren, bevor man etwas unternimmt? Eine Schülerin wäre im morgendlichen Anliefer-Chaos beinahe angefahren worden, zwei jugendliche Schülerlotsen wurden von Taxi-Eltern übelst von der Straße gedrängt. Die Schulleiterin hatte sogar von regelrechten „Wildwest-Szenen“ vor ihrer Schule gesprochen: Eltern in dunklen Wagen, quietschende Bremsen, verängstigte Schülerlotsen, Hände hinter Windschutzscheiben, die die lästigen Lotsen aus dem Weg wedelten. Böhle erstattete Anzeige, die zwar bislang rechtlich folgenlos blieb, aber doch das Bewusstein schärfte. Böhle erzählt, es gebe auch Einsicht. Und er schätzt den Anteil der Problem-Eltern auch auf höchstens zehn Prozent – was für Chaos aber schon reicht.

Immerhin: Seit seiner Anzeige hat sich in Stuttgart einiges getan. Aufklärungsarbeit. Mehr Lotsen, mehr erwachsene Helfer. Poller, die Parkmöglichkeiten einschränken. Ein Zebrastreifen müsse noch her, findet Böhle, aber das lasse die Straßenverkehrsordnung nicht zu, Begründung: zu wenig Fußgängerverkehr.

Holzkirchen bei München, 7.54 Uhr. Man wird den Eindruck nicht los, dass zwischen dem nahenden Schulbeginn und den Marken BMW und Mercedes ein Zusammenhang besteht. Die Montagmorgenfrische ist in eine abgasgeschwängerte Genervtheit umgeschlagen. Türenschlagen, Motorbrüllen, Hupen, Hektik. Der Parkplatz neben der Schule hat sich in einen Drive-in verwandelt. Ein gut gelaunter Cabrio-Vater macht die Sache nicht besser.

Noch einmal diese Frage: Warum sind sich alle Beteiligten so einig, und warum ändert sich trotzdem so wenig? Zumindest Stephan Wassmuth müsste die Antwort kennen, immerhin steht Wassmuth dem Bundeselternrat vor. Er versucht, das mit den Elterntaxis in eine kritische Theorie der Moderne einzubetten: „Die Eltern stehen unter Termindruck, alle sind am Rennen.“ Jeden Morgen ein Kampf gegen die Uhr in einem gesellschaftlich raueren Klima. „Die Eltern sind Getriebene“, sagt Wassmuth, „die denken, ich brauch’ nur eine halbe Minute, lass mich durch.“

Wem diese Analyse zu hoffnungslos ist, der kann sich immer noch an den ADAC halten. Dessen verkehrspolitischer Sprecher sagt: „Jedes Jahr wird auch eine neue Generation von Eltern miteingeschult.“
 
© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).  


 
 

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