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Kindliche Entwicklung
12.10.2017  Susanne Klein, Paul Munzinger

Gefährdete Inklusion: Der Umgang mit Asperger-Autismus

Kinder mit Autismus brauchen besondere Unterstützung. Früher hieß das Förderschule, heute sollte das die Regelschule leisten. Doch die Realität sieht häufig anders aus. Das Schwierigste ist wohl, dass sie in keine Schublade passen. Keine Schublade, die Lehrern verrät, wie man diese Schüler in den Unterricht einbindet. Damit sie mitmachen statt zu verstummen, zuhören statt rumzuschreien und damit sie niemanden beißen, auch nicht sich selbst. Man könnte sagen: damit sie sich ins System einfügen. Genau das aber fällt Autisten so schwer. Ihre Welt folgt eigenen Gesetzen.
"Es gibt Erfolgsbeispiele, aber auch komplette Ratlosigkeit, was dann damit endet, dass das Kind die Schule wieder verlässt“, sagt Heinz-Peter Meidinger. Wegen der vielfältigen Erscheinungsformen und Schweregrade von Autismus sei es illusorisch zu glauben, dass jede normale Schule jedem autistischen Schüler gerecht werden könne, so der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes. Ein Teil der Schulen sollte diese Expertise aber guten Gewissens anbieten können, findet er.

Tatsächlich sind an Regelschulen, wenn überhaupt, eher Schüler mit Asperger-Syndrom anzutreffen. Wie alle Autisten haben sie Probleme, mitunter erhebliche Probleme im sozialen Kontakt, nehmen ihre Umwelt anders wahr und zeigen häufig Spezialinteressen. Sprachlich und kognitiv aber sind sie meist gut entwickelt und durchschnittlich oder überdurchschnittlich intelligent.

Doch selbst dann prallen in der Schule oft Welten aufeinander, erst recht, wenn der Grund dafür unerkannt bleibt: Sechs bis sieben von 1000 Menschen sind nach jetzigem Forschungsstand dem Autismus-Spektrum zuzurechnen, aber nur ein kleiner Teil von ihnen erhält eine offizielle Diagnose. Da sich nach der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 alle Bundesländer zur Inklusion bekannt haben, müsste wenigstens dieser Teil an Regelschulen bestmöglich gefördert werden – von Lehrern, die sich auskennen; durch Rückzugsmöglichkeiten; wenn nötig mit Sonderstunden und Schulbegleitern, die durch den Tag helfen. So weit die Theorie. Aus der Praxis berichten die Betroffenen, die auf dieser Seite zu Wort kommen – und der Bundesverband Autismus: Laut Mitgliederumfrage ist jeder fünfte Schüler mit Autismus schon mal vom Unterricht ausgeschlossen worden, für Tage, Wochen, Monate, manche für Jahre. Schulausschluss, das heißt, im Unterricht geht gar nichts mehr. Die Ursache seien in der Regel überforderte Lehrer, schreibt der Verband in seiner Zeitschrift.

„Aber, das möchte ich betonen, die Lehrer trifft in der Regel keine Schuld“, sagt die Vorstandsvorsitzende Maria Kaminski. „Man gibt ihnen nicht die kleinen Klassen, nicht die zweite Lehrkraft, nicht die Weiterbildung, nicht die Hilfskräfte. Wenn sie das alles hätten, würden sie auch nicht Nein sagen zur Inklusion.“ Vor acht Wochen hat der Autismusverband deshalb einen Brief geschrieben, an die Kultusministerkonferenz. Die Antwort komme in Kürze, teilt die KMK auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung mit. Darin wird es wohl auch um den Förderschwerpunkt Autismus gehen. Vier nördliche Bundesländer haben ihn, der Verband möchte ihn überall verankert sehen, damit autistische Schüler nicht mehr anderen Förderbereichen zugeteilt werden müssen, etwa Sprache oder emotionale und soziale Entwicklung.

Heinz-Peter Meidinger hält das für eine gute Idee. Schon allein, um bundesweit ein passendes Ausbildungsprofil im Lehramtsstudium zu schaffen, schließlich brauche man auf autistische Schüler spezifische pädagogische Antworten. „Das Problem ist nur, dass Deutschland 16 Kultusminister hat“, sagt Maria Kaminski, da sei es „äußerst schwierig“ durchzukommen. Sie baut auf ihre Landesverbände, die steckten voller Energie – von Eltern, die ihre Kinder in ganz normale Schulen schicken wollen.

Leidensgeschichten von betroffenen Eltern und Kindern

Jonas

Anke Stang, Hannover: Als Jonas klein war, wollte er von anderen Kindern nichts wissen. Wenn er über sie sprach, sagte er „die Kinder“, als gehöre er nicht dazu. Gesellschaftliche Konventionen sind für ihn eine Fremdsprache. Er sagt, was er denkt, und das ist nicht immer freundlich. Seine Sinne sind ungewöhnlich stark ausgeprägt. Einmal hat er beim Haarekämmen geweint vor Schmerzen. Besonders empfindlich sind seine Ohren, das Geräusch von Husten erträgt er nicht. Kognitiv war er nie auffällig, aber motorisch. Er hatte Mühe, einen Reißverschluss zu öffnen oder die Schuhe zu binden. Als er vier war, wurde bei Jonas Asperger-Autismus festgestellt.

Wir wollten ihn auf eine Förderschule schicken für emotional-geistige Entwicklung. Der Schulleiter antwortete: „Wir nehmen keine autistischen Kinder, da bleiben mir die Lehrer krank.“ Also kam Jonas auf eine normale Grundschule, ein Schulbegleiter wurde ihm zur Seite gestellt.

Jonas Stang: Die Zeit in der Grundschule war schön. Um Ruhe zu haben, bin ich oft in der Stunde am Kanal spazieren gegangen. Dann bin ich zurück in den Unterricht.

Anke S.: Zur dritten Klasse wechselte Jonas auf eine Schule mit Förderschwerpunkt Sprache. Ein Jahr lang lief es gut, dann wurde ihm die Klasse zu unruhig.

Jonas S.: Ich war die meiste Zeit auf der Toilette, weil die Kinder so laut waren. Die Lehrer fanden das gar nicht gut.

Anke S.: Jonas’ dritte Schule war eine Gesamtschule, in seiner Klasse war er nie. Ein Schuljahr lang lernte Jonas alleine im Keller, nur mit seinem Schulbegleiter. Die Lehrerin gab ihm Aufgaben.

Jonas S.: Das war schön, im Keller haben wir gearbeitet. Es war ruhig.

Anke S.: Nach einem Jahr musste Jonas gehen. Er kam auf eine Förderschule für geistig-soziale Entwicklung. Die Schule war der Horror für Jonas.

Jonas S.: Ich hatte vor den Schülern Angst, ich hatte vor den Lehrern Angst. Es hat mir überhaupt nicht gefallen dort.

Anke S.: Im Schulbus hat Jonas sich die Hände blutig gebissen. Einmal hat er auf der Autobahn versucht, aus dem Bus zu springen, einmal ist er nachts weggelaufen, barfuß durch den Schnee zur Polizei, um zu melden, dass er nicht mehr zur Schule will. Es ging nicht mehr. Jonas kam für drei Monate in stationäre Behandlung.

Danach war er krankgeschrieben, er erhielt Hausunterricht. Ein- bis zweimal die Woche kam ein Lehrer zu uns. Jonas beruhigte sich, für die Familie war es eine große Erleichterung. An Heiligabend vor zwei Jahren kam dann ein Brief von der Schulleitung. Der Unterricht müsse eingestellt werden, man könne die Lehrer nicht mehr entbehren. Seitdem hat er keinen Kontakt mehr zu dieser oder irgendeiner Schule.

Jonas ist jetzt 18, er ist nicht mehr schulpflichtig. Seit August arbeitet er in einer Caritas-Werkstatt. Er ist jetzt in der Spur.

Ben

Ute Bruhns, Ronnenberg: In der ersten Klasse fing es an: Ben war ständig überreizt. Er lief weg, er schrie, hielt sich die Ohren zu, schlug um sich. Als der Schuldirektor ihn bei einem Wutanfall auf den Schoß nahm, biss er zu. Täglich rief die Schule bei uns an, um Ben abholen zu lassen. Wenn das Telefon klingelte, fing ich an zu zittern.

Wir gingen zu einer Kinderpsychotherapeutin. Ihr Verdacht: Asperger-Autismus. Wir gingen zu einem Psychiater. Seine Reaktion: Mit Asperger ist das Kind sofort stigmatisiert, wir versuchen es mit ADHS. Er verschrieb Ritalin. Die schlimmsten drei Wochen unseres Lebens begannen. Ben schlug uns, schrie uns an, wir würden ihm Gift geben. Völlig erschöpft setzten wir das Ritalin ab. In der Schule wurde es immer schlimmer. Als Ben einem Kind mit einem Stift ins Auge schlug, war klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Wir waren am Ende. Niemand wusste, was zu tun ist.

Kurz vor Ende der zweiten Klasse wechselte Ben auf eine Förderschule, er fügte sich gut ein. Als er acht war, erhielten wir die Diagnose: Asperger-Autismus. Doch die Probleme begannen von Neuem. Ben flippte aus, die Lehrer hielten ihn im Klammergriff fest. Sie wussten nicht, wie man mit einem autistischen Kind umgeht. Sie wollten, dass er sich ändert, aber das kann er nicht. Es ist, als würde man zu einem Rollstuhlfahrer sagen: „Lauf!“

Wir wollten Ben wieder auf eine normale Grundschule schicken. Die Schule im Nachbarort wollte keinen Autisten, wir fragten erneut bei der alten Grundschule an. Der Schulleiter, den Ben gebissen hatte, wollte ihn erst nicht aufnehmen. Doch die Lehrerin von Bens Bruder stellte sich sofort zur Verfügung. Sie sprach mit uns, bestellte sich Bücher über Autismus, las sich ein. Das Schuljahr lief gut.

 Im Herbst ist Ben in die 5. Klasse einer Gesamtschule gekommen. Bislang geht alles gut. Wir haben ganz offen mit den Lehrern gesprochen. Ben wurden vier Wochenstunden mit einem Förderschullehrer bewilligt. Nur: Es findet sich kein Lehrer. Inklusion ist eine tolle Idee, aber so wie jetzt funktioniert sie nicht. Es gibt zu wenig Lehrer. Und es gibt keinen Plan.

Maria

Maria Bengtson, Halmstad: Bei mir kam die Diagnose spät, erst mit 18, als wir in den Sommerferien bei meinen schwedischen Großeltern waren. Ich war erleichtert, aber auch sauer. Hätten wir früher von meinem Asperger-Syndrom gewusst, hätte ich nicht in Deutschland diesen ganzen Scheiß mitmachen müssen. Meine dritte Schule dort war eine Waldorfschule, zuerst war es toll, aber als wir in die Pubertät kamen, haben alle über mich gelästert, auf meinem Platz standen Sprüche wie „stirb“ und „Fotze“. Es war schlimm, niemand hat mich gemocht, die Lehrer auch nicht. Einmal haben mir Jungens einen Krug Wasser über den Kopf geschüttet, die Englischlehrerin hat es gesehen und meinte nur: „You can go to the toilet and dry your hair, maybe.“ Wenn ich wütend wurde, habe ich mit den Zähnen geknirscht und mir meine Nägel in die Hand gerammt, mich richtig verletzt. Die Schulärztin hat meine Mutter gefragt, ob sie Drogen genommen hat, als sie mit mir schwanger war, denn so etwas wie mich habe sie noch nie gesehen. Das habe ich erst letztes Jahr erfahren. Meine arme Mama, sie trinkt und raucht ja nicht mal.

Meine beiden Schwestern gehen auf dieselbe Schule, ihnen geht es da gut. Nur ich musste diese dumme Tragödie erleben. In der neunten Klasse kam ich auf die Christophorusschule, eine Waldorf-Förderschule, die Haters sagen „Behindertenschule“. Die totale Katastrophe, bis auf Englisch und Musik habe ich nichts begriffen. Ich habe oft geschwänzt. Die Lehrer und meine Eltern wollten mir helfen, aber eigentlich konnte mir niemand helfen.

Asperger bedeutet bei mir, dass ich sehr offen bin und mit jedem rede, den ich mag. Das ist nicht so typisch, viele sind ja sehr verschlossen. Ich bin übertrieben freudig oder übertrieben traurig und lebensmüde. Wenn ich ausraste, denken die Leute, ich bin ein Psychopath, weil ich mich oder andere kratze und mit Sachen schmeiße. Nach ein paar Sekunden beruhige ich mich von selbst. Ich mach Dinge, ohne die Konsequenzen zu sehen, das ist ein Problem.

Jetzt bin ich 20, wohne in einer kleinen Wohnung in Halmstad an der schwedischen Westküste und gehe im dritten Jahr aufs Sturegymnasiet. Die Schule hat ein individuelles Programm für Schüler mit Asperger-Syndrom. Im nächsten Sommer mache ich Abitur, für uns gibt es besondere Bedingungen. Ich mache wenig Mathe, dafür ganz viel Geschichte, bald habe ich einen Test über Revolutionen, über die französische, die amerikanische und die industrielle. Im Frühjahr habe ich ein Praktikum in unserer Kochschule gemacht, da war ich auch sehr gut. Die Schule tut alles für uns. Hier mag ich alle Lehrer, weil jeder auf die Diagnose spezialisiert ist und versucht, uns aufzupäppeln. Mein Ziel ist es, die Schule abzuschließen, in Göteborg zu leben, glücklich zu sein, Freunde zu haben und Musik zu machen. Ich singe und nehme bald schon meinen zweiten Song auf.

Daniel

Melanie Böckmann, Oberteuringen: Daniel hat Asperger-Autismus mit ADS-Störung. Die Diagnose erhielten wir, als er in der 3. Klasse war. Daniel ist ein stilles Kind, er zeigt wenig Mimik, lacht kaum. Sprachlich ist er sehr gewandt, aber ihm fehlt Empathie. Er hat Mitschüler beschimpft, manche hat er richtig fertiggemacht. Daniel lässt sich leicht ablenken, die kleinsten Geräusche werfen ihn aus der Bahn. Eine Lehrerin hat ihn einmal mit dem Rücken zur Klasse aufs Lehrerpult gesetzt, damit er sich konzentriert. Er braucht klare Strukturen, Veränderungen überfordern ihn. Raumwechsel in der Schule zum Beispiel. Er verläuft sich, kommt zu spät, bekommt Ärger und weiß nicht warum.

Die Grundschule musste Daniel nach vier Monaten verlassen: „nicht beschulbar“. Er kam auf eine Montessori-Schule, auch da hieß es schnell: „nicht beschulbar“. Vor zwei Jahren kam er ans Gymnasium, innerhalb kürzester Zeit war er völlig fertig. Er krampfte, weinte, konnte nicht mehr schlafen, hat nicht mehr gegessen, wollte nicht mehr leben. Der Arzt sagte: Er muss da sofort raus. Er kam auf die Realschule, und wieder: „nicht beschulbar“. Nach sechs Wochen der nächste Zusammenbruch, bei 1,50 Meter wog er noch 32 Kilo. Inklusion? Dass ich nicht lache.

Als ich einmal eine Vertrauenslehrerin darum bat, eine Schulbegleitung für Daniel zu beantragen, entgegnete sie: So eine Extrawurst machen wir hier nicht. Sonst habe ich mit Lehrern gute Erfahrungen gemacht. Autistische Schüler sind für die meisten Neuland, aber viele beschäftigen sich damit, wollen helfen, wollen lernen. Aber sie können das nicht leisten, mit 30 Kindern in einer Klasse. Im Schulsystem muss sich massiv etwas ändern, damit ein autistisches Kind auf eine Regelschule gehen kann. Daniel braucht kleine Klassen, Eins-zu-Eins-Betreuung, Rückzugsräume. Wo finde ich das an einer Regelschule?

Daniel geht jetzt in eine Förderschule für Körperbehinderte, aber es gibt dort auch andere Autisten. In seiner Klasse sind sieben Schüler, es gibt eine Ergotherapeutin, eine Psychotherapeutin, Sozialkompetenzgruppen. Daniel geht es gut, im Zeugnis hatte er keine einzige Vier. Aber er beschwert sich fürchterlich. „Was soll ich hier?“, fragt er mich. Er fühlt sich zu normal für die Schule. Ich würde ihm gerne ermöglichen, noch einmal auf eine Regelschule zu gehen, auch wenn er das anders sieht. Er sagt, sein Leben wäre glücklich, wenn er nicht zur Schule gehen müsste. Im Moment bin ich einfach froh, dass es in der Schule funktioniert. Zum allerersten Mal haben wir ein wenig Ruhe in der Familie.

Sämtliche Namen wurden von der Redaktion geändert.
 
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