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Perspektiven
16.10.2017  Eva Schnebele im Interview

Es ist nie zu spät: Mit 57 in den Erzieherinnenberuf

„Es ist nie zu spät für den Traumberuf“, sagt die Karlsruherin Eva Schnebele. Sie startete in eine praxisintegrierte Ausbildung an der Freien Dualen Fachschule für Pädagogik in Karlsruhe (FDFP) und schloss sie im Sommer 2017 erfolgreich ab. Jetzt arbeitet sie als Erzieherin im Freien Aktiven Kindergarten. Im Interview erläutert sie ihre Motivation und Erfahrungen mit der Ausbildung.
Im Sommer 2017 haben Sie Ihre Ausbildung als Erzieherin abgeschlossen. Was hat Sie bewogen, mit 54 noch einmal einen neuen Beruf zu erlernen?
 
Eva Schnebele: Es gab einen ganz pragmatischen Grund: Ich musste und wollte Geld verdienen. Ich habe die Freie Aktive Schule in Karlsruhe mit gegründet und zehn Jahre als Vorstand im Schulverein gearbeitet – großteils ehrenamtlich. Das konnte ich so auf die Dauer nicht weitermachen. An meinen alten Beruf als Fotografin anzuknüpfen, kam für mich aber nicht in Frage. Ich hatte mit Anfang 20 die Ausbildung bei meinem Vater gemacht und einige Jahre als freie Fotografin gearbeitet. Aber eine Herzensangelegenheit war das Fotografieren für mich nie. Die Pädagogik dagegen schon. Als ich mit dem ersten meiner drei Kinder schwanger war, begann ich, mich damit zu beschäftigen und habe seitdem nie mehr aufgehört. In diesem Bereich zu arbeiten, war daher mein Traum. Zunächst habe ich versucht, über Sonderwege eine Möglichkeit aufzutun, in unserer Schule oder dem dazu gehörigen Freien Aktiven Kindergarten als Quereinsteigerin arbeiten zu können. Doch das hat nicht geklappt. Es fehlte einfach die pädagogische Ausbildung. Meine Grundausbildung als Pikler-Pädagogin reichte da nicht. Daher habe ich mich erkundigt, welche anderen Möglichkeiten es für mich gibt, in der Pädagogik Fuß zu fassen.
 
Was musste eine Ausbildung bieten, damit sie für Sie in Frage kam?
 
Eva Schnebele: Ich musste ja während der Ausbildungszeit meinen Lebensunterhalt sichern. Daher kam nur ein Weg in Frage, der mir das erlaubte. In Baden-Württemberg gibt es seit dem Schuljahr 2012/2013 die sogenannte praxisintegrierte Erzieherinnen- und Erzieher-Ausbildung. Die funktioniert so, wie die duale Ausbildung in anderen Berufen auch. Das heißt: Es gibt von Beginn an ein Ausbildungsgehalt. Das hätte mir alleine allerdings nicht ausgereicht. Ich war daher froh, als ich auf die Freie Duale Fachschule für Pädagogik (FDFP) stieß, deren kooperierende element-i Kitas für Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung und Berufserfahrung ein erhöhtes Ausbildungsgehalt von 1.200 Euro im Monat anboten. Da ich in einer Wohngemeinschaft wohne und auch sonst nicht sehr anspruchsvoll bin, kam ich damit hin. Außerdem passte die Schule zu mir, weil die Vorstellungen von Kindern und vom Lernen in etwa meinen entsprachen. Auch das moderne, erwachsenengerechte Lehr- und Lernkonzept der Fachschule hat mich überzeugt. Es bietet viel Raum für individuelles, eigenständiges Lernen im eigenen Lerntempo. Das entspricht mir mehr als das klassische Schullernen.
 
Und welche Erfahrungen haben Sie während der Ausbildung gemacht?
 
Eva Schnebele: Es war eine tolle, sehr intensive Zeit, die ich nicht missen möchte. Zunächst war ich etwas nervös, weil ich sowohl in der Schule als auch in meiner Praxis-Kita mit Abstand die Älteste war. Es gab schon einige, die nicht mehr ganz jung waren und bereits eine andere Ausbildung oder ein Studium absolviert bzw. abgebrochen hatten. Aber die waren dann höchstens Mitte 30. Ich befürchtete daher zuerst, dass durch den Altersunterschied die Zusammenarbeit etwas „verkrampft“ sein könnte. Das war aber gar nicht so. Alle wollten miteinander und voneinander lernen, und es entstand eine gute Gemeinschaft. Eine besondere Herausforderung für mich war das sogenannte E-Learning. Die Jüngeren waren es gewohnt, am Computer Referate zu schreiben und Präsentationen auszuarbeiten, ich nicht. Die anderen aus unserer Klasse haben mir sehr geholfen, mich einzuarbeiten. Manchmal habe ich auch einfach meine Töchter gefragt.
 
In der Praxis kamen mir meine Vorerfahrungen sehr zugute. Denn dort war die personelle Situation so, dass ich gleich von Beginn an kräftig mitarbeiten musste. Dass sich in der Ausbildung Theorie und Praxis in Blöcken von etwa drei Monaten abwechseln, gefiel mir sehr gut. Durch die längeren Zeitspannen kamen wir gut in unsere Themen rein und konnten Projekte in der Kita wirklich durchgängig begleiten. Die Ausbildung begann mit einem Theorieblock, den sogenannten Schwerpunktwochen, die einen Überblick über die Ausbildungsinhalte boten und wichtige Grundlagen legten. Das war hilfreich. Außerdem unterstützten uns die Lehrkräfte in dieser Phase dabei, als Gruppe zusammenzuwachsen. In der nächsten Theoriephase ging es dann sehr viel freier zu. Es gab benotete Lernprojekte und wir mussten uns entscheiden, wie wir sie ablegen wollten: als Kolloquium, Präsentation oder Hausarbeit. Das fanden alle, nicht nur ich, sehr herausfordernd.
 
Wie hat denn ihr Umfeld auf Ihre Entscheidung reagiert, noch einmal eine Ausbildung zu machen?
 
Eva Schnebele: Die meisten haben mich dafür bewundert. Sie würden sich das nicht mehr zutrauen, meinten sie. Das Gehirn werde langsamer und man nehme nicht mehr so viel auf. Da habe ich dann sofort den Impuls zu sagen: Es geht doch! Viele in meinem Alter reden schon über die Rente und wie viele Jahre sie bis dahin noch haben. Und ich starte noch einmal durch. Es ist nicht nur eine Sache des Lernens, sondern es geht darum, den Mut zu haben, Dinge anzugehen, die man sich wünscht und die man gerne machen will. Dazu ist es nie zu spät. Und jetzt habe ich es geschafft. Auch wenn es Hürden und Herausforderungen gab, habe ich nie aufgegeben. Darauf bin ich sehr stolz.
 
Während meiner Ausbildung erfuhr ich übrigens, dass es auch einen einfacheren Weg gegeben hätte. Ich hätte als Quereinsteigerin in einer Kita arbeiten und parallel eine Quereinsteiger­quali­fi­zierung an der FDFP machen können. Danach hätte ich jedoch nur mit Ausnahmezulassung in einer bestimmten Kita arbeiten dürfen. Ich bin daher froh jetzt staatlich anerkannte Erzieherin und damit in Bezug auf meinen Arbeitsplatz flexibel zu sein. Wer weiß, was in den zehn Berufsjahren, die ich noch vor mir habe, alles passiert.
 
Wo arbeiten Sie denn jetzt? Und gibt es Pläne für Ihren weiteren Berufsweg?
 
Eva Schnebele: Ich habe meine Traumstelle im Freien Aktiven Kindergarten in Karlsruhe erhalten und arbeite dort mit einer Freundin zusammen. Geplant ist, dass wir die Einrichtung in Zukunft einmal gemeinsam leiten. Jetzt bin ich noch in der Einarbeitungsphase. Hier zu arbeiten ist deswegen mein Traum, weil mich das pädagogische Konzept nach wie vor besonders überzeugt. Ich bin der Meinung, dass das kognitive Lernen andernorts viel zu sehr im Vordergrund steht. Wir arbeiten nach dem Konzept der Nichtdirektiven Begleitung von Rebeca und Mauricio Wild. Das bedeutet, dass wir den Kindern viel Freiheiten lassen, damit sie sich ungestört bewegen, spielen und in ihrem Tempo entwickeln können. Anders als in der antiautoritären Erziehung gibt es jedoch Grenzen und Regeln. Sie sind wichtig, weil sie den Kindern Sicherheit und Orientierung geben. Als Erzieherin halte ich mich sehr zurück. Eine wichtige Rolle spielt eine gute, vorbereitete Umgebung, die die Kinder zum Spielen und Entdecken anregt. Unser Tagesablauf ist klar strukturiert. Um eine neue Phase anzukündigen, schlagen wir einen Gong. Die Kinder wissen dann zum Beispiel, dass jetzt die Angebotszeit startet. Wenn sie Interesse haben mitzumachen, kommen sie, wenn nicht, dann nicht. Die Teilnahme an allen Aktivitäten ist freiwillig. Die Kinder können die ganze Zeit selbst entscheiden, was, wo, wie lange und mit wem sie spielen. Sie können auch jederzeit den großen Außenbereich, der ebenso zur vorbereiteten Umgebung gehört, nutzen, wenn sie das möchten. Um 14.00 Uhr ist dann Abholzeit. Wir haben die Öffnungszeit gerade um eine Stunde verlängert. Freie Aktive Kindergärten sind nie Ganztagseinrichtungen. Denn wir halten es für wichtig, dass die Kinder ausreichend Zeit in ihren Familien verbringen.
 
Herzlichen Dank für das interessante Gespräch, Frau Schnebele.
 
Die Fragen stellte Eike Ostendorf-Servissoglou

Weitere Informationen:
 
Freie Duale Fachschule für Pädagogik (FDFP), Stuttgart und Karlsruhe www.freiedualefachschule.de
 
Freie Aktive Schule und Freier Aktiver Kindergarten, Karlsruhe
www.faska.de
 
 
 

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