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Pädagogische Praxis
23.10.2017  Kathrin Hohmann

Aggression unter Kindern - Was tut eine Fachkraft?

Im Alltag geht es nicht immer reibungslos zu und besonders in Gruppen entsteht viel Konfliktpotential, das auch in Aggressionen münden kann. Im Kleinkindalter sind in Kindertagesstätten viele (20% - 50%) Kontakte durch Konflikte begleitet (vgl. Dornes 2013, S. 268). Ich beschreibe im Folgenden, wie frühpädagogische Fachkräfte heute in Kitas darauf reagieren. Der Umgang mit kindlicher Aggression reicht in der Praxis von Gewalt der Fachkraft bis zum konstruktiven Umgang mit Aggression.

Wenn Fachkräfte gewalttätig reagieren

Leider entwickeln einige Fachkräfte bei kindlichen Aggressionen  eigene Aggression und Gewalttätigkeit. Häufig ist dies der Fall, weil sie sich mit der Situation überfordert fühlen und/oder selbst Gewalt in ihrer Kindheit erlebt haben. Eine Ohrfeige, ein rauer und lauter Umgangston, ein Klaps auf den Po oder das Ziehen am Arm eines Kindes haben sie am eigenen Leib erfahren. Für einige von ihnen sind diese Umgangsformen noch immer gängig. Sie nutzen ihre Macht und ihre Kraft gegenüber dem Kind in diesen Momenten aus. Das Kind fühlt sich dann schwach, klein und verlassen. Wenn Gewalt keine Ausnahme bleibt, besteht die Gefahr, dass das Kind gewalttätiges Verhalten als normal ansieht. Da sehr  kleine Kinder völlig abhängig von Erwachsenen sind, suchen sie - trotz Gewalt und Demütigung - das Wohlwollen der Eltern oder der ErzieherIn wieder zu erlangen, unterwerfen sich also notgedrungen. Ältere Kinder empfinden zunehmend negative Gefühle, bis hin zu Hass gegen die Erwachsenen. Diese Gefühle können sich auch in Rachsucht verwandeln und starke Aggressionen freisetzen (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 129 ff.).

Aber von ihrer eigenen Vergangenheit können sich Fachkräfte oft nicht lösen. Was tun, wenn sie - trotz Einsicht in die Unangemessenheit ihres Verhaltens - einmal "ausgerastet" sind?

Für die seelische Gesundheit des gedemütigten Kindes ist es notwendig, dass die aggressive Erwachsene die Verantwortung für ihr Verhalten übernimmt. Die Schuld liegt immer bei der Erwachsenen. Diese sollte ihre Bestürzung über ihr eigenes Verhalten kundtun und sich entschuldigen. Das Kind muss erfahren, dass Erwachsene sich ihren  Fehler eingestehen und sie ihn bedauern.

Strafen erreichen das Gegenteil

Was unter Strafe verstanden wird, hängt mit dem Elternhaus, der Kultur und der eigenen Sozialisation zusammen. Die empfundene Wut einer Erwachsenen wird unter Umständen in eine Strafe an das Kind abgegeben. Das Kind soll etwas erleiden und spüren, was sein Verhalten ausgelöst hat. Aber Strafen haben sehr unerwünschte Nebenwirkungen:
 
Durch Strafen betonen wir das unerwünschte und negative Verhalten und heben dieses hervor. Kinder erhalten durch Strafe Aufmerksamkeit und manche lernen, negative Aufmerksamkeit gegenüber ausbleibender Zuwendung zu bevorzugen.
 
Strafen hemmen Kinder, sich zu selbstbewussten und eigenverantwortlichen Individuen zu entwickeln und setzen Aggressionen und Frust frei. Das Vorleben eines positiven Rollenbildes kommt ins Wanken, denn als Antwort auf unerwünschtes Verhalten des Kindes wird die Macht der Erwachsenen benutzt. „Anstatt neue Verhaltensweisen zu erlernen, lernen Kinder durch Bestrafung, dass derjenige, der die Macht hat, seine Vorstellungen letztlich mit (körperlicher oder psychischer) Gewalt durchsetzen kann“ (Focali 2011, S. 92).
 
Mit Strafen muss daher immer sensibel umgegangen werden, denn Strafen führen leicht zu Demütigungen oder Beschämung und dies kann erneutes negatives Verhalten auslösen und Aggressionen schüren (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 127 f.).
 
Ein angemessenes und liebevolles Einfühlen kann sich bei Kindern am ehesten entwickeln, wenn diese sich selbst wohl und anerkannt fühlen. Es ist daher von großem Vorteil, den Kindern ein positives Vorbild zu sein, damit sie Verantwortungsbewusstsein entwickeln.
Darüber hinaus sollten, immer wieder die Kompetenzen und positives Verhalten eines Kindes anerkannt und benannt werden. Damit wird Fehlverhalten minimiert oder verschwindet oft gänzlich.

Grenzen setzen

Wenn Kinder seelisch oder körperlich durch Gewalt/Missachtung/Vernachlässigung gefährdet sind, müssen Grenzen gesetzt werden, da das Wohl und die Gesundheit von Kindern nicht verhandelbar sind. Dies gilt auch für die Aggression und Gewalt unter Kindern.   In solchen Fällen muss die Fachkraft unverzüglich reagieren, um die Kinder zu schützen (vgl. ebd.). Kämpfen beispielsweise zwei Kinder um ein Spiel oder ein Spielzeug, nutzen sie häufig die physische Aggression. Sie setzen hierbei zur Verteidigung die Hände, Füße, Zähne oder auch einen Gegenstand ein. Um vor Verletzungen zu schützen, muss die Fachkraft hier schnell eingreifen und begleiten.

Konsequenzen ziehen

Für das Kind muss klar sein, dass auf Grund des eigenen Verhaltens eine Reaktion erfolgt. Diese Konsequenz muss nachvollziehbar sein. Wichtig hierbei ist, dass alle Kinder sich genauso behandelt sehen wie andere Kinder. Der Einsatz bzw. die Aussprache einer Konsequenz sollte  nicht überstürzt oder im Affekt festgelegt werden. „Letztlich ermöglichen Konsequenzen in diesem Sinne Lernerfahrungen, durch die sie (die Kinder, K.H.) selbstständig ihr Verhalten neu und anders strukturieren können“ (Focali 2011, S. 90). Konsequenzen machen nur Sinn, wenn sie vom Kind verstanden werden. Dazu gehört beispielsweise eine kurze Spielauszeit (ohne Beziehungsabbruch) mit vorheriger Warnung, eine extra Aufgabe oder die Einschränkung bestimmter Begünstigungen. Ein Kind sollte aber nie Beschämung oder Erniedrigung erleiden. Hier gerät man zu schnell in den Teufelskreis der Aggressionen, die Aggressionen erzeugen (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 128). 

Regeln aufstellen

Überall, wo Menschen aufeinander treffen, entstehen auch Konflikte. Denn jeder einzelne Mensch bringt seine Perspektiven, Eigenschaften, Angewohnheiten und Vorlieben mit. Das trifft auch für Kinder zu. Beim Zusammensein entstehen viele fruchtbare und wertvolle Erlebnisse. Konflikte und Auseinandersetzungen gehören dazu. Für einen harmonischeren Umgang werden meist Regeln eingeführt und sehr verschieden gelebt.
 
In Kindertagesstätten spielen Regeln eine wichtige Rolle, um eine Struktur für alle kleinen und großen Menschen zu erstellen. Nicht selten werden Regeln schnell und wenig durchdacht von Einzelnen oder in kleinen Teams aufgestellt. Zu hinterfragen gilt es, welchen Sinn und welches Ziel eine Regel vermitteln soll und ob sie für alle Beteiligten schlüssig ist. Es ist ratsam im Team zu besprechen, welche eigenen Erfahrungen mit Regeln gemacht wurden.
 
Es können vier Arten von Regeln unterschieden werden.
  • Organisatorische Regeln werden aufgrund einer bestimmten Notwendigkeit beschlossen. So muss z.B. ein Frühstück um eine bestimmte Uhrzeit stattfinden, da die Kindergruppe dann besser besetzt ist. Zu prüfen ist, ob eine Regel nur aus Gewohnheit beibehalten wird – dann sollte man sie ändern.  Regeln werden auch durch Traditionen, Werte und Normen weitergegeben. Diese können religiös und gesellschaftlich geprägt sein. Beispiele hierfür sind die Gleichberechtigung der Geschlechter oder die Regel nicht zu stehlen. Nicht alle dieser Regeln können auf alle Menschen übertragen werden und auch hier gilt ein regelmäßiger Austausch über ihren Sinn.
  • In der Kita treten häufig die Regeln als Verbote auf, die durch eine Führungsperson, die PädagogIn, benannt werden. Verbote können durch Normen und Werte, aber auch persönlich begründet sein. Wichtige Verbote werden auch eingesetzt, um Gefahren abzuwenden. Diese sollten aber besser als ein Appell zum Ausdruck gebracht und positiv formuliert werden. Die Form, wie etwas gesagt wird, hat Einfluss auf die Art der Umsetzung. Anstelle des Satzes: „Hört auf, euch zu schubsen“, ist es sinnvoller die Kinder aufzufordern, miteinander zu sprechen. Bei Verboten muss regelmäßig geprüft werden, woher sie stammen und ob sie sich durch Regeln ersetzen lassen (vgl. Focali 2011, S. 88).
  • Eine weitere und sehr wichtige Form ist die Regel als Vereinbarung. Diese wird mit den Beteiligten zusammen beschlossen und ausgehandelt. Beispielsweise kann es notwendig sein, dass Kinder sich bei der PädagogIn abmelden, wenn sie den Gruppenraum verlassen. Diese Vereinbarungen sind für die Entwicklung der Kinder von Bedeutung. 
  • „Wirkliche Regeln sollten aber das Ergebnis eines gemeinsamen, fortlaufenden Prozesses zu sein, in dem der Wille, die Interessen und die Bedürfnisse der Kinder einfließen“ (Focali 2011, S. 89). Regeln, die gemeinsam mit den Kindern aufgestellt werden, wirken sich positiv auf das „Sozial und Gruppenverhalten“ aus. Die Kinder erfahren hierdurch Selbstwirksamkeit und Anerkennung (ebd., S. 95), Sie übernehmen Verantwortung für die Gruppe und für ihr eigenes Verhalten. „Die Führung bleibt dabei trotzdem bei den Erwachsenen, doch die Welt der Kinder, ihre Gedanken, Gefühle, Eigenschaften und Wünsche werden genauso ernst genommen wie die der Erwachsenen“ (Kolbe/ Bergmann 2016, S. 9). Dies gibt den Kindern Halt, Sicherheit und ein Gefühl der Wertschätzung, das sich beim Aufkommen und Lösen von Aggressionen positiv auswirkt.  

Konstruktiv  mit kindlichen Aggressionen umgehen

Es ist vorteilhaft, auf Aggressionen oder, verallgemeinert, auf emotionale Situationen gelassen reagieren zu können.
„Wichtig ist hierbei, auf das als aggressiv erlebte Verhalten des Kindes nicht selber mit Aggression zu reagieren, weil sich hierdurch nur bereits vorhandene innere Schemata bestätigen (die Erwachsenen sind böse auf mich, deshalb bin ich böse auf die Erwachsenen, deshalb sind die Erwachsenen böse auf mich…)“ (Focali 2011, S. 31).

Dass Aggressionen und Wut ein Teil eines jeden Lebens sind ist unumstritten. Nicht jede Situation, die PädagogInnen als aggressiv einschätzen, ist es tatsächlich und nicht immer ist ein Eingreifen notwendig. Ausgenommen sind Situationen, in denen ein Kind geschädigt wird oder überfordert scheint (vgl. ebd., S. 32). Es gilt daher genau zu beobachten, ob eine Auseinandersetzung konstruktiv verläuft oder eskaliert. Kommt es nun zu einer solchen Situation, in der Kinder kämpfen, sich ggf. verletzten oder sich anders aggressiv zeigen und Unterstützung benötigen, um ihre Kontrolle zurückzuerlangen, ist Eingreifen nötig. Im Anschluss müssen Kinder  die Gelegenheit haben, über die Situation nachzudenken. Haug-Schnabel (2011) beschreibt ein Notfallprogramm, in dem die „Kampfsituation“ von der PädagogIn beendet werden muss. Hierzu kann sie sich zwischen die betreffenden Kinder begeben, diese mit Ruhe aber Bestimmtheit mit dem Namen ansprechen und sie berühren. Es kann auch nötig sein, ein Kind einen Moment zu halten (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 116 ff.).

Gerade bei Konflikten unter Kindern muss die Fachkraft verständlich, ruhig und auf Augenhöhe mit den Kindern  in Kontakt treten. Die Kinder müssen spüren, dass die Erwachsene das Geschehen ohne Aggression kontrolliert und mit Lösungen unterstützt (vgl. Correl 2016). Damit  strahlt sie Sicherheit aus. Die Kinder befinden sich in einem anderen Modus und sind auf Klarheit und Stabilität angewiesen. Der Körperkontakt zeigt die Präsenz der PädagogIn. Im Anschluss sollten die Kinder aus der Situation gehen und eine Distanz zu den Konfliktpartnern  aufbauen können. Dies ermöglicht ihnen, die Gefühle besser in den Griff zu bekommen und die Wut zu kontrollieren. Das weitere Vorgehen ist von Fall zu Fall und von Kind zu Kind anders. Während einige Kinder in diesen Situationen Nähe und Trost benötigen, ist für andere Distanz und Freiraum nötig (vgl. Haug-Schnabel 2011, S. 116 ff.). Distanz sollte hierbei nicht als  Alleinlassen der Kinder oder des Kindes verstanden werden.

Fazit

Kinder entwickeln sich individuell und ihre Erfahrungen prägen sie maßgeblich. Sie lernen am meisten durch die Art, wie wir miteinander umgehen. Diese Art und Weise ist weit aus bedeutender als der Einsatz von Lob oder Belehrungen. „Welche sozialen Regeln und Wertvorstellungen sich das Kind aneignet, bestimmen wir mit unserem Vorbild“ (ebd., S. 18). Kinder, die Ablehnung erfahren und eine desorganisierte Bindung haben, weisen eine geringere Frustrationstoleranz auf. Sie sind überdurchschnittlich aggressiv und auffällig. Im Kindergarten fallen sie durch dieses Verhalten schneller auf. Sie gehen mit anderen Kindern weniger wertschätzend, kooperativ und sozial um. Durch ihre Erfahrung gehen sie schneller auf Abwehr, denn sie vermuten häufiger feindseliges Verhalten von Anderen. Dies führt dazu, dass diese Kinder weniger Freunde haben, mit denen sie wertvolle und wichtige Erfahrungen sammeln können. Es fehlt ihnen die Erkenntnis, wie wertvoll Freundschaften sein können. Sie werden einsam und das Erlernen von sozialen Kompetenzen bleibt ihnen verwehrt (vgl. Grossmann 2002, S. 73). Konsequenzen oder auch Interventionen verringern das störende Verhalten nicht. Solange sich ein Kind nicht wohl fühlt und sein Selbstwertgefühl verletzt ist, wird es weiterhin aggressiv und störend reagieren oder sich ggf. gänzlich zurückziehen (Largo 2009, S. 325).
 
Positiv formuliert benötigen Kinder, welche durch unkooperatives Verhalten auffallen, Erwachsene, die die missliche Lage der Kinder erkennen und ihnen unterstützend zur Seite stehen, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Anstelle von Strategien und Maßnahmen, die wir uns für Kinder überlegen, um sie in Kindergruppen einzufügen und sozial gefügig zu machen, sollten Fachkräfte mit Kindern in Verbindung treten. „Im Grunde sind es immer die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen WERT geben“ (Humboldt zit. n. Krenz 2007, S. 9). Sobald die PädagogInnen die Kompetenzen, Stärken und Individualitäten der Kinder anerkennen und wertschätzen, wird ein Zusammenleben mit einem Minimum an Vorschriften möglich.  Vorausgesetzt die Erwachsenen sind sich ihrer Rolle und ihrer Verantwortung bewusst.
 
Literatur:
Correll, K., (2016): Umgang mit aggressiven Konflikten bei Kindern von null bis drei Jahren in der Krippe, das Kita-Handbuch von Textor, Online unter: http://www.kindergartenpaedagogik.de/2192.html, abgerufen am 15.12.2016
Dornes, M. (2013): Die frühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten Lebensjahre. Frankfurt am Main (10. Auflage)
Focali, E. (2011): Aggressionen und Gewalt begegnen. Konfliktbewältigung in der Kita. Köln (1. Auflage)
Friedrich, B. (2005): Trotzig, zornig, wütend: Umgang mit kindlichen Aggressionen. München
Grossmann, K. (2002): Praktische Anwendung der Bindungstheorie. In: Endres, M./ Hauser S. [Hrsg.]: Bindungstheorie in der Psychotherapie. München (2. Auflage)
Haug-Schnabel, G. (2011): Aggressionen bei Kindern. Praxiskompetenz für Erzieherinnen. Freiburg im Breisgau (2. Auflage)
Krenz, A. (2007): Werteentwicklung in der frühkindlichen Bildung und Erziehung. Berlin, Düsseldorf, Mannheim
Kolbe, B., Bergmann, W. (2016): Trotzphasen bei Kita-Kindern. Berlin
Largo, R. (2009): Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung. München

Die Autorin
Kathrin Hohmann, 1983 geboren, hat Erziehung und Bildung im Kindesalter (BA) und Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Familie (MA) studiert. In Berlin gründete sie einen Verein und baute bilinguale Kindertagesstätten auf. Sie arbeitet im In- und Ausland als Kindergartenleiterin, Kindheitspädagogin und leitet Workshops für Eltern und Fachkräfte. Kathrin Hohmann bloggt auf ihrem Blog www.kindheiterleben.de. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Valencia/Spanien.

Kontakt: hohmann-kathrin@web.de 

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