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Kindertagespflege
25.10.2017  Verena Mayer

Hilfe, wenn die Kita zu hat

Wer in Berlin jemanden braucht, der tagsüber auf die Kinder aufpasst, kann auf ein neues Angebot zurückgreifen: den mobilen Dienst, der auch morgens um sechs vorbeikommt. Beobachtungen aus dem Betreuungsparadies
Morgens im Berliner Osten. Herr B. hat Frühstück gemacht und Brotdosen gefüllt, er hat seine Töchter geweckt, sie angezogen und mit ihnen Zähne geputzt. Gleich muss er zur Arbeit, Herr B. wuselt im Flur herum, sucht in einer Schublade die Mütze für Marie, Lena quengelt, weil sie ihre Puppe mit den pinken Haaren nicht findet. Ein ganz normaler Morgen in einer ganz normalen Familie.

Oder?

Es klingelt an der Tür, eine junge Frau kommt herein. Sie holt die Jacken der Kinder, legt ihnen die Ranzen an, dann nimmt sie die Mädchen an der Hand. Sie bringt erst Marie einige Straßen weiter in den Frühhort der Schule, steigt in die Straßenbahn und fährt mit Lena zur Kita. Erzählt dabei Geschichten, dröselt die verfilzten Haare von Lenas Puppe auf, nimmt das Mädchen zum Abschied in den Arm. Und das alles um sechs Uhr morgens.

Das klingt wie eine Szene aus „Mary Poppins“, ist aber ein neues Modell der Kinderbetreuung des Berliner Senats. Es heißt Mokis, „Mobiler Kinderbetreuungsservice“, und ist für Leute gedacht, die nachts oder frühmorgens arbeiten müssen, am Wochenende oder an Feiertagen. Dann kommt eine Betreuerin ins Haus oder nimmt die Kinder wie eine Tagesmutter zu sich nach Hause.

Berlin gilt schon lange als Paradies der Kinderbetreuung, nicht ganz zu Unrecht. Es gibt viel mehr Plätze in Kindertagesstätten als benötigt werden, und die sind auch noch kostenlos für Kinder, die älter sind als ein Jahr. Ab August 2018 werden sie für alle Kinder gratis sein. Und seit dem Frühjahr werden vom Land Berlin sogar Nannys vermittelt, die ins Haus kommen, wenn die Eltern zu Zeiten arbeiten, zu denen keine Kita und kein Hort offen hat. Leute im Schichtdienst zum Beispiel oder in der Pflege, Stewardessen oder Schauspieler, oder auch jene, die regelmäßig eine Abendschule besuchen. Oder Leute, die alleinerziehend sind. Wie Herr B.
  Das Ganze ist noch ein Modellprojekt, bislang konnten 28 Familien teilnehmen. Der Bedarf ist ungleich höher, bei Mokis sind mehrere hundert Eltern registriert, die darauf warten, dass sie eine Betreuerin zugeteilt bekommen. Jemanden wie Josefine Keller, die jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, um in eine Plattenbausiedlung nach Hohenschönhausen zu fahren und die Kinder der Familie B. zur Schule und zur Kita zu bringen, damit Herr B. als Fliesenleger arbeiten kann.

Es ist inzwischen 7 Uhr 30, für diesen Morgen ist Josefine Kellers Dienst beendet. Sie wartet in der Dunkelheit im tiefsten Berliner Osten auf ihre Bahn und sprüht vor Engagement. Keller ist 21 und studiert soziale Arbeit, sie erzählt, dass sie mit sechs Geschwistern aufgewachsen ist, „ich bin es gewohnt, Kinder um mich zu haben“. Herr B. wurde ihr über das Jugendamt vermittelt. Es gab eine Kennenlernphase mit ihm und den Kindern, dann hat sie den Job übernommen. Sie verdient dabei gerade mal den Mindestlohn, „aber ich tue das, weil es eine superfaire Methode ist, Menschen mit wenig Geld dabei zu unterstützen, arbeiten zu gehen“.

An Josefine Keller zeigt sich auch das Problem des Modells: Leute wie sie gibt es nicht viele. Wie viele Städte hat Berlin einen Mangel an Kinderbetreuerinnen, und so sind es vor allem Studentinnen und Rentnerinnen, die sich bei Mokis für eine Stelle bewerben. Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) glaubt dennoch, dass sich das Modell ausweiten lassen wird. Die Wirtschaft könnte sich an solchen Projekten beteiligen, vor allem die Branchen, in denen Fachkräftemangel besteht oder viele Frauen arbeiten, etwa in Krankenhäusern oder in der Altenpflege.

Sandra Scheeres ist selbst als Tochter einer Alleinerziehenden im Rheinland aufgewachsen. Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie ihre Mutter frühmorgens das Haus verlassen musste, um in einer Küche zu arbeiten, „und wir Kinder haben irgendwie allein auf uns aufgepasst“. Scheeres hatte erst die Idee, in Berlin 24-Stunden-Kitas aufzuziehen, doch das sei nicht angenommen worden. „Die Leute wollen ihre Kinder nicht um vier Uhr aus dem Bett reißen und irgendwohin bringen, und sie wollen auch nicht das Gefühl haben, dass ihr Kind 20 Stunden in einer Kita verbringt“, sagt sie. Vor einem Jahr begann sie dann mit der mobilen Kinderbetreuung.
  Nachmittags im Berliner Westen. Die Altenpflegerin Dorina Wegner hat gerade ihren Sohn aus der Kita abgeholt und kommt nach Hause in eine leere Wohnung. Sie wuselt in der Küche herum, räumt Sachen in den Kühlschrank, wirft ihrem Sohn einen Luftballon zu. Wegner lebt allein, der Vater ihres Sohnes wohnt in Hamburg. Sie hat als Intensiv-Krankenschwester gearbeitet, in 12-Stunden-Schichten, immer vier Tage am Stück. Für ihren Sohn musste sie die längste Zeit für 600 Euro im Monat Babysitter beschäftigen, „ich habe gearbeitet, um arbeiten gehen zu können“, sagt Wegner. Daraus hat sie die Konsequenz gezogen, sie hat ihren Job gewechselt und arbeitet jetzt in einem Pflegeheim, ohne Schichtdienste.

Denn so arbeitnehmerfreundlich das alles ist und so bemerkenswert, dass die größte deutsche Stadt ein derart umfassendes Betreuungsprogramm anbietet – die Familien nehmen das Modell in Anspruch, weil sie müssen. Weil Eltern in Berufen arbeiten, in denen es noch immer unmöglich ist, dass Jobs geteilt werden oder Schichtdienste flexibler gestaltet.

Dorina Wegner hat inzwischen auch eine mobile Betreuerin, eine Rentnerin aus dem Kiez, für die sie nichts bezahlt, weil ihr Sohn schon zu den Gratis-Jahrgängen gehört. Die Rentnerin holt den Jungen ab, spielt mit ihm, bis Wegner nach Hause kommt. Die sieht ihren Sohn dann allerdings oft nur noch schlafend.

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

Foto: Underdogstudios/Fotolia
 

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