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Rezensionen und Reviews
30.10.2017  Karsten Herrmann

Beobachtung und Diagnose Früher Literacy (Review)

Die Entwicklung der frühen Literalität oder der Literacy in der KiTa legt wichtige Grundlagen für den späteren Umgang mit Buchstaben und Schrift und damit für die Schriftsprachkompetenz. Allerdings wird die frühe Literalität bisher kaum systematisch beobachtet bzw. diagnostiziert und es fehlt auch an entsprechenden deutschsprachigen Diagnostik-Instrumenten.
Im Schwerpunktthema des Heft 4 der Frühen Bildung wird daher der Fokus auf Studien gerichtet, die die Frühe Literalität und hier insbesondere die konzeptuelle / prozedurale Schriftsprachkompetenz mit Hilfe unterschiedlicher Diagnoseverfahren zu erfassen versuchen

Schriftsprachkompetenzen

So stellt Petra Korntheuer eine Studie zur „Erfassung früher Schriftsprachkompetenz mit ‚Concepts about print‘ (CAP)“ dar. Sie unterstreicht, dass der „Schriftspracherwerb bereits lange vor der eigentlichen Einschulung“ beginnt (S. 183) und dass Vorläuferfähigkeiten wie die phonologische Bewusstheit als notwendig für einen erfolgreichen Erwerb der Schriftsprache gelten. Neben den sprachlich-kognitiven Fähigkeiten setze ein erfolgreicher Schriftspracherwerb aber auch noch andere Kompetenzen wie visuell-kognitive voraus. Insgesamt „haben sich sowohl mediale als auch konzeptionelle Aspekte der Schriftsprache […] als starke vorschulische Prädikatoren für das spätere Leseverständnis erwiesen“ (S. 184).

Da für die durch literale Praxis erworbenen Schriftsprachkompetenzen von Vorschulkindern im deutschen Sprachraum „derzeit jedoch kein standardisiertes Instrument zur Verfügung [steht]“ (ebd.), wurde in der vorgestellten Studie das in Neuseeland entwickelte „Concepts about Print“ (CaP) für den deutschsprachigen Raum adaptiert. Ziel dieses Diagnostikinstruments ist es „den schriftsprachbezogenen Entwicklungs- und Kenntnisstand von Kindern im Alter von 5 bis 7 Jahren standardisiert zu erfassen, lernstandsbezogene Fördermaßnahmen abzuleiten sowie eine Verlaufsdiagnostik zu ermöglichen.“ (S. 185) Zum Einsatz kommen dabei vier verschiedene Bilderbücher, mit denen konzeptionelle Kenntnisse des Kindes wie Blätter- und Leserichtung und auch mediale Kenntnisse zum Beispiel in Bezug auf  gleich aussehende Wörter erfasst werden. Für die querschnittliche Pilotstudie wurden 30 Kinder im Alter zwischen 69 und 83 Monaten aus drei verschiedenen Kindertagesstätten in Hessen gewonnen.

Während die Schriftsprachkompetenz mit einer hierfür erstellten deutschen Fassung von CaP erfasst wurde, wurde die Literale Praxis mit SELDAK und die Visuelle Aufmerksamkeit mit einer Wort-Vergleichs-Suchaufgabe aus dem BISC erfasst. Ziel der Studie war es dabei auch insbesondere, mögliche Zusammenhänge zwischen diesen Kompetenzbereichen zu untersuchen.

So fand sich ein „mittlerer, positiver Zusammenhang“ zwischen der Entwicklung der Schriftsprachkompetenz und der visuellen Aufmerksamkeit, die beide (wenig überraschend) mit zunehmenden Alter ansteigen. Kein Zusammenhang ließ sich allerdings zwischen dem Lebensalter und der Literalen Praxis nachweisen. Der höchste Zusammenhang der Studien „findet sich zwischen den CaP-Werten und der Wort-Vergleichs-Suchaufgabe aus dem BISC: höhere Werte in der visuellen Aufmerksamkeit gehen somit mit mehr Kenntnissen über die Schriftsprache einher und umgekehrt.“ (S. 187).

Im Resümee erachtet Petra Korntheuer den Einsatz von Verfahren wie dem CaP als „vielversprechend“. Denn „um zu gewährleisten, dass im Bildungsplan angestrebte Bildungsziele auch erreicht werden, bedarf es geeigneter Diagnostikinstrumente“. Die vorhandene Lücke für den deutschsprachigen Raum könnte dabei durch die Adaption von CaP geschlossen werden.


Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen

Der Erwerb früher Literalität im Übergang von der Kita in die Grundschule unter der besonderen Berücksichtigung von Geschlechterunterschieden stand im Fokus einer Studie von Katrin Liebers und Beate Heger. Die Autorinnen führen frühe Literalität zunächst im weiteren Sinne als eine Kompetenz ein, „an der Buch-, Schrift- und Erzählkultur einer Gesellschaft teilzuhaben“ (S. 191). Zur Operationalisierung wird diese allgemeine Kompetenz unter anderem in konzeptuelles und prozedurales Wissen aufgeteilt. Unter das konzeptuelle Wissen (Outside-in-Skills) „werden Kenntnisse subsummiert, die sich auf die Funktion und Form von Symbolen und Schrift und den Umgang mit Texten und Büchern beziehen“ (ebd.). Unter das prozedurale Wissen (Inside-out-Skills) „fallen Einsichten dazu, wie gelesen und geschrieben wird“ (ebd.).

Mit Blick auf den internationalen Forschungsstand konstatieren Liebers und Hegers, dass zahlreiche Längsschnittuntersuchungen und einige Metaanalysen vorliegen, „in denen die Entwicklung früher Literalität und deren Beitrag zum Schriftspracherwerb untersucht werden“ (ebd. S. 192). Ebenso könne der Einfluss der soziokulturellen Faktoren, der familialen literalen Alltagspraxis sowie die Qualität vorschulischer Bildungsangebote als gut geklärt gelten. Eine „indifferente Befundlage“ (ebd.) existiere allerdings im Hinblick auf Geschlechterunterschiede.

Für ihren Studienansatz griffen Liebers und Hegers auf Daten aus der ILEA-T-Studie zurück, in der die Kompetenzen von rund 850 Kindern aus Kitas und Grundschulen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg zu drei Messzeitpunkten erfasst wurden. Die Erhebung der Kompetenzen erfolgte dabei mit Hilfe von eigens für das Projekt entwickelten Bilderbüchern.

Zwei zentrale Fragestellungen standen im Fokus der vorgestellten Auswertung:
  • Wie entwickeln sich ausgewählte Komponenten des konzeptuellen und prozeduralen Wissens über Schrift bei Kindern von Beginn des letzten Kindergartenjahrs an bis nach dem Schulantritt?
  • Inwieweit zeigen sich in der Zeit des Übergangs von der Kita in die Grundschule Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?
In der Zusammenfassung ihrer differenzierten Studienergebnisse schreiben die AutorInnen, „dass zu Beginn des letzten Kindergartenjahres etliche Facetten des konzeptuellen Wissens über Schrift, wie zum Beispiel das Buchwissen, bereits in hohem Maße ausgeprägt sind und bis nach dem Schulanfang weiter ansteigen“ (ebd. S. 197). Auch das prozedurale Wissen sei zu diesen Zeitpunkten „in allen erfassten Teildimensionen nachweisbar und wächst besonders deutlich an“ (ebd.).

In Bezug auf die Frage der Geschlechterunterschiede konstatieren Liebers und Hegers, „dass die Jungen bei den Outside-in-Fähigkeiten […] Vorsprünge zeigen, wohingegen die Mädchen schneller Inside-out-Fähigkeiten erwerben“ (ebd.).

Zur Ausgabe 4-2017 von Frühe Bildung (kostenpflichtig)
 

 Foto/fotolia/lunaundmo
 

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