Anmelden
Grundschule
06.11.2017  Silvia Schumacher

Sechs Zahlen haben die Macht - Die Fragwürdigkeit der Notengebung

Wochenpläne anstelle Frontalunterricht, Kompetenzen statt Wissen: Schule ist nicht mehr so wie vor fünfzig Jahren. Unser Bewertungssystem allerdings schon.
Marie ist Klassenbeste. Sie bringt viel mit, was gute Noten ausmachen. Ihr Papa ist Ingenieur, die Mutter Ärztin, sie ist hübsch und ein Mädchen. Wissenschaftliche Untersuchungen der vergangenen Jahre zeigen, dass schulischer Erfolg nicht nur von der Leistung abhängt: Die Vodafone Stiftung kommt in ihrer Studie „Herkunft zensiert“ 2011 zu dem Ergebnis, dass Lehrkräfte Kinder aus Akademikerfamilien besser bewerten als Arbeiterkinder. „Die Notenvergabe lässt sich zu 49,4 Prozent mit der Leistung der Schülerinnen und Schüler erklären, aber die Noten korrelieren auch mit dem sozialen Status der Eltern“, heißt es in der Untersuchung. Der Aktionsrat Bildung, eine Vereinigung renommierter Wissenschaftler, schreibt in seinem Jahresgutachten 2009, dass Jungen gegenüber Mädchen in der Grundschule benachteiligt werden. Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kaiser von der Universität Oldenburg fand in einer anonymen Befragung unter Grundschullehrkräften heraus, dass auch der Vorname die Note beeinflusst. „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“, kommentiert ein Lehrer. Und Ulrich Rosar, Soziologe an der Universität Düsseldorf, stellt fest, dass sich physische Attraktivität auf den schulischen Erfolg auswirkt.
 
Herkunft, Geschlecht, Aussehen und Name eines Kindes haben Einfluss darauf, wie Lehrkräfte das Können eines Schülers bewerten, sagen die Wissenschaftler. Lehrkräfte benoten gleiche Leistung unterschiedlich. Auch Bewertungsmaßstäbe unterscheiden sich: Während ein Mathelehrer Wert auf den richtigen Rechenweg legt, zählt bei seinem Kollegen nur die Lösung. Dabei wurden Noten im 18. Jahrhundert für mehr Gerechtigkeit eingeführt, damit Leistung und nicht mehr Abstammung sozialen Aufstieg ermöglichen. Heute stehen sie in der Kritik. Noten seien unfair, undifferenziert und nicht objektiv, sagen die Gegner. Noten motivieren, sind leicht verständlich und machen Leistung vergleichbar, kontern die Befürworter. Fakt ist: Die simplen sechs Zahlen haben Macht. Sie dienen zur Auslese, als Eintrittskarte für die weiterführende Schule, Ausbildung und Studium.
 
Drei von vier Deutschen halten Schulnoten weiterhin für sinnvoll, kam 2016 bei einer repräsentativen Umfrage des Kölner Meinungsforschungsinstituts „YouGov“ unter 1024 Bürgern heraus. Es geht aber auch anders: Norwegen verzichtet auf Noten bis zur 8. Klasse. Auch deutsche nichtstaatliche Einrichtungen, wie Montessori- oder Waldorfschulen, setzen bis zur Oberstufe auf Lernentwicklungsberichte statt Ziffernzeugnisse. In Schleswig-Holstein, Bayern und Niedersachsen können Grundschulen mittlerweile selbst entscheiden, ob sie auf Zeugnis-Noten verzichten. Die, die es tun, bewerten stattdessen in Kompetenzrastern und Verbalzeugnissen, führen Feedback-Gespräche mit Schülern und Eltern, verteilen Fragebögen zur Selbsteinschätzung.
 
Für mehr Objektivität fordert Attraktivitätsforscher Ulrich Rosar, dass Klassenarbeiten anonymisiert korrigiert werden oder von externen Lehrern. Eines bleibt dennoch: Einzelne Noten können den Lernstand von Schülern nie vollständig und frei von Subjektivität abbilden. Auf Zensuren zu verzichten würde einen Umbau unseres Schulsystems und noch mehr, ein Umdenken in unserer Leistungsgesellschaft voraussetzen.
 
Quelle: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 3/2017, S. 4-6, www.didacta-magazin.de

Foto: Shutterstock
 

Teilen auf
Teilen auf Facebook