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Perspektiven
06.11.2017  Andreas Platte, Marie-Luise Braunsteiner im Interview

„Wertschätzung von Verschiedenheit reicht nicht“

Der Leitfaden „Index für Inklusion“ will Kitas, Schulen und Hochschulen dabei helfen, sich inklusiv weiterzuentwickeln. Was es dazu braucht, erklären zwei der Herausgeberinnen.
didacta: Gibt es Schulen, die heute, neun Jahre nach Inkrafttreten der Behindertenrechtskonvention, von sich behaupten können: „Ja, wir können Inklusion“?
 
Dr. Andrea Platte: „Ja, wir können Inklusion“ klingt vermessen. Es geht ja nicht um etwas, was man „kann“, sondern darum, Bildung dahingehend zu reflektieren, dass sie sich als inklusiv versteht, das heißt, konsequent nicht aussondert. Das Bildungssystem ist im Moment gar nicht so angelegt, dass darin eine inklusive Schule vorstellbar wäre. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die Vorbereitungs- oder Seiteneinsteigerklassen für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Sie werden in einer extra Klasse unterrichtet, kommen also mit den anderen Schülerinnen und Schülern im Alltag nur punktuell zusammen. Das ist kontraproduktiv und verhindert die Selbstverständlichkeit „Wir gehören zusammen“. Aber es gibt durchaus Schulen, dich sich auf einem guten Weg befinden.
 
Dr. Maria-Luise Braunsteiner: Es gibt Schulen, da steht nicht Inklusion drauf, aber es ist Inklusion drin – im Sinne von anregender Lernkultur, einer wertschätzenden Beziehungskultur, von Förderung aller Schüler und Schülerinnen.
 
Was machen diese Schulen anders?
 
Braunsteiner: Ich habe – im Kontext der Pädagogischen Hochschule – fünf Jahre lang eine Schule in Niederösterreich begleitet, die systematisch mit dem Index für Inklusion arbeitete. In dieser Schule war Integration, die in Österreich schon in den 80ern begonnen hat, bereits Routine. Die Lehrerinnen dort haben trotzdem gesagt: Wir wollen uns weiterentwickeln. Sie bildeten ein Inklusionsteam, haben Kinder, Lehrkräfte und Eltern in das Team geholt. Zu Beginn führten sie eine Befragung durch, was Inklusion eigentlich ist, was gemeinsames Lernen bedeutet. Das Interessante war: Viele antworteten „Weiß ich nicht“. Da haben die Dialoge begonnen.
 
Reflexion und Dialog sind also wichtige Schritte für Inklusion?

Platte: Sehr wichtige Schritte. Ich nenne mal ein Beispiel aus dem Index für Inklusion. Dort gibt es den Indikator „Die Lernenden gestalten ihr eigenes Lernen aktiv mit“. Unter diesem Indikator fragt der Index „Werden mechanische Aktivitäten wie Abschreiben und Auswendiglernen vermieden?“. Nun könnte man sich fragen, was hat das jetzt mit Inklusion zu tun? Eine inklusive Schule würde sich auf den Weg machen, nach Alternativen zu einem vorgegebenen Lernen zu suchen und sie lässt die Kinder daran mitgestalten.
 
Können Sie auf den Punkt bringen, was inklusive Bildung für Sie bedeutet?
 
Platte: Das ist schwer. Ich habe lange gedacht, Inklusion sei Wertschätzung von Verschiedenheit. Das alleine reicht aber nicht. Denn gerade der Wunsch, Verschiedenheit wertzuschätzen, braucht vor allem eine Wahrnehmung dessen, was die Verwirklichung von Inklusion verhindert.
 
Und was verhindert inklusive Bildung?
 
Platte: Diskriminierung und Hierarchien, die im Alltag unbemerkt passieren und sich in Strukturen verfestigen. Es wird viel über Deutsch als Fremdsprache gesprochen. Dabei wird vergessen, dass Kinder, die kein Deutsch können, eine oder mehrere andere Sprachen können. Mehrsprachigkeit hat in dem Moment kaum Relevanz, weil Deutsch eine starke Macht hat. Die andere Sprache muss höher gewertet und im Unterricht einbezogen werden.
 
Dr. Braunsteiner, was ist für Sie Inklusion?
 
Braunsteiner: Die kurze prägnante Formulierung kann ich nicht liefern. Inklusion in der Schule bedeutet für mich vor allem Wertschätzung der Vielfalt – die Betonung liegt auf dem Wort Wert –, Erkennen und Förderung der Potenziale von Kindern und Jugendlichen, aber auch von Erwachsenen und das Ganze in einer Beziehungskultur, die Vorurteile und zum Beispiel flapsige Bemerkungen zu vermeiden versucht.
 
Platte: Individuelle Förderung ist wichtig und im Moment angesagt. Allerdings würde eine inklusive Schule gerade auch auf das Gemeinschaftliche achten. Und das ist im Moment nicht selbstverständlich zu finden.
 
Der „Index für Inklusion“, den Sie beide mitherausgegeben haben, soll dabei helfen, den Alltag an der Schule zu reflektieren und inklusiv weiterzuentwickeln. Womit fängt man am besten an?
 
Braunsteiner: Eine Person, eine Lehrerin, ein Lehrer, oder eine Klasse kann mit einer Frage beginnen, gemeinsam mit den Kindern, mit den Eltern. Es können aber auch Lehrkräfte, Schulleiterinnen und -leiter bei Schulentwicklungsprozessen mit dem Index arbeiten, wie etwa in Österreich. Dort muss seit 2013 jede Schule einem eigenen Entwicklungsplan folgen und der Index für Inklusion ist in den Richtlinien dazu empfohlen. Er liefert Fragen, die zur Reflexion anregen.
 
Platte: Es empfiehlt sich, dass jemand Externes die Einrichtung begleitet. Die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft hat beispielsweise um die 200 Prozessbegleiterinnen und -leiter ausgebildet, die im deutschsprachigen Raum unterwegs sind und in Kitas, Schulen, Hochschulen und Kommunen mit den verschiedenen Indexen arbeiten. Die allererste Frage, mit der jede Schule und jede Kita beginnen kann, ist: Kann sich jeder / jede in dieser Einrichtung willkommen fühlen?
 
Auch Kinder mit speziellem Förderbedarf?
 

Platte: Als wir eben nach Schulen gesucht haben, die beispielhaft vorangehen, würde ich auch sagen, dass das häufig Schulen sind, die sich gefragt haben: Wie können wir eine gute, eine offene, eine demokratische und eine partizipative Pädagogik aufbauen und gestalten? Das sind oft Schulen, die von der Idee, ein behindertes Kind aufzunehmen, nicht zurückschrecken. Da sie es sich ohnehin zur Aufgabe gemacht haben, genau hinzuschauen, was jedes Kind braucht. Das gilt für alle Kinder, auch für die mit sogenanntem sonderpädagogischen Förderbedarf.
 
Braunsteiner: Als Killerargument für Inklusion wird oft genannt, dass die Ressourcen nicht da seien. Ich bin selbst Volksschullehrerin und Sonderschullehrerin. Wenn man mit Kindern mit Beeinträchtigung arbeitet, braucht man Kreativität und Expertise. Wenn eine Schule die nicht hat, holt man sich die Expertise eben von außen. Natürlich kann es nicht sein, dass in jeder Grundschule gebärdensprachkompetente Lehrerinnen oder Lehrer arbeiten. Wenn aber ein Kind, das Gebärdensprache braucht, in die Einrichtung kommt, holt man sich einen Spezialisten. Die Aufgabe der Lehrperson ist es, dafür zu sorgen, dass die Hindernisse für das Lernen beseitigt werden und ein Arbeitsklima des Lernens auf unterschiedlichen Niveaus vorhanden ist.
 
Welche Chancen sehen Sie in einem inklusiven Bildungssystem?
 
Braunsteiner: Kinder erreichen unglaubliche Leistungsniveaus, wenn sie so lernen können, wie sie möchten. In Österreich höre ich oft den Vorwurf, Inklusion sei Gleichmacherei, ein Einheitsbrei. Aber das Gegenteil ist der Fall! Platte: Viele Kinder stoßen in unserem Schulsystem an ihre Grenzen. Hier sehe ich inklusive Bildung als eine ganz große Chance. Sie befreit Kinder und deren Eltern von dem Druck, in bestimmte Raster hineinpassen zu müssen.

Interview: Alice Robra. Bearbeitung: Silvia Schumacher
 
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 3/2017, S. 50-52, www.didacta-magazin.de
Foto: Shmel/Fotolia
 

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