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Digitale Bildung
07.11.2017  Catarina Katzer im Interview mit Silvia Schumacher

Was tun gegen Cybermobbing?

Das Handy sei eine Smart Weapon, davon ist Cybermobbing-Expertin Dr. Catarina Katzer überzeugt. Sie erklärt in didacta DIGITAL, wie wir uns gegen diese intelligente Waffe wehren
didacta DIGITAL: Frau Dr. Katzer, mit welchen Cybermobbing-Fällen haben Sie am häufigsten zu tun?
Dr. Catarina Katzer: Beschimpfungen, Verleumdungen, Lügen. Da sind Ähnlichkeiten mit den Prozessen, die wir aus dem schulischen Mobbing kennen: Leute tun sich zusammen, um gemeinsam zu hetzen. Das, was im Netz passiert, wirkt allerdings zum Teil noch viel schlimmer für die Opfer als Mobbing im realen Raum.

didacta DIGITAL: Warum?
Die Opfersituation ist vollkommen verändert. Sie ist öffentlich. Und: Beim normalen Mobbing verlasse ich die Schule und bin zu Hause in einem geschützten Raum. Beim Cybermobbing haben die Opfer keinerlei Schutz mehr.
 
didacta DIGITAL: Man steht dauerhaft unter Beschuss.
Smartphones werden zur Smart Weapon. Das Opfer trägt den Täter in der Hosentasche immer bei sich, Tag und Nacht. Das verursacht diesen enormen psychischen Druck. Man kann sich auch nie sicher sein, dass Dinge, die gelöscht wurden, wirklich gelöscht sind. Ein wirkliches Ende gibt es also nicht. Das macht die Dramatik des Cybermobbings aus.
 
didacta DIGITAL: Also Bilder, Videos, die weiter im Netz kursieren, wie bei Lena die heimlichen Bilder im Sportunterricht.
Ja. Aber auch auf den privaten Handys. Hassgruppen in Whatsapp haben in den vergangenen Jahren extrem zugenommen. Fotos und Videos der Person werden herumgeschickt und mit beleidigenden Kommentaren versehen. Oder private Bilder von einer Party, auf der man betrunken war oder mit jemandem herumgeknutscht hat, sind plötzlich auf Facebook. Dann ist man auf einmal die Bitch.
 
didacta DIGITAL: Gehört das bereits zur Tagesordnung an Schulen?
Jeder zweite Neuntklässler ist laut Forschungsinstitut Niedersachsen davon betroffen. In unserer aktuellen Studie Cyberlife vom Bündnis gegen Cybermobbing bestätigt jeder Siebte unter 18 Jahren bereits Opfer geworden zu sein. Sie zeigt auch, dass 60 Prozent der Gesamtschullehrer mindestens einen Fall von Cybermobbing kennen. Auch an Grundschulen geben bereits ein Drittel der Lehrer an: Ja, das ist bei uns ein Problem. Wir beobachten, dass Täter und Opfer immer jünger werden.

didacta DIGITAL: Woran liegt das?
Das hat damit zu tun, dass fast 50 Prozent der Grundschüler ein Smartphone besitzen. Man muss nur schnell aufs Knöpfchen drücken, um ein Foto zu machen und kann es posten. So werden die Kinder viel schneller zum Täter.

didacta DIGITAL: Ohne dass sie sich wirklich darüber bewusst sind?
Das ist ein schleichender Übergang. Es gibt aber auch Täter, die ganz konkret eine Mobbingstrategie anwenden, um sich durchzusetzen und um Probleme zu bewältigen. Streitereien mit Mitschülern werden nicht ausdiskutiert, statt­dessen denkt man sich: Dem zeig ich’s. Das ist ein Wandel, den wir vor ein paar Jahren nicht hatten.

didacta DIGITAL: Ist daran auch die Technik Schuld?
Sie ist mit schuld. Aber auch, dass Aggression mittlerweile salonfähig ist. Im Netz ist die Sprachkultur rau, Hass und Hetze gibt es unter Erwachsenen. Eine Studie von Bitkom hat kürzlich untersucht, inwiefern sich User dagegen wehren und solche unangenehmen Dinge melden. Das Ergebnis: immer weniger. Das führt dazu, dass diese Umgangsformen als normal angesehen werden. Cybermobbing wird zur Banalität. Wir brauchen endlich digitale Zivilcourage: Wenn uns im Netz etwas auffällt, müssen wir klar sagen: Das geht so nicht!

didacta DIGITAL: Sonst machen die Täter einfach weiter …
Klar, wenn ihnen keiner sagt „Hey Stopp“, hören sie auch nicht auf. Viele wissen nicht, was sie bei den Opfern anrichten. Da wären wir bei der digitalen Empathie. Die Täter haben eine große Distanz zu den Opfern, sie sehen die Person ja nicht vor sich, wie sie reagiert.
 
didacta DIGITAL: Wie sollten Lehrkräfte handeln, wenn sie merken, dass ein Schüler gemobbt wird?
 Der kleinste und wichtigste Schritt ist, da zu sein. Den Schüler ansprechen und erst einmal herausfinden, was er selbst möchte. Die Opfer müssen merken, dass sie nicht alleine sind. Wichtig ist es auch, mit den Eltern zu spre­chen, sie am besten anzurufen, eventuell zu ihnen nach Hause gehen, sie eben nicht gleich in die Schule zitieren und eine Riesenwelle machen. Der Schüler sollte außerdem alles genau dokumentieren, Screenshots machen, ein Tagebuch führen – um selbst zu sehen, was in den letzten Wochen alles passiert ist und als Beweismaterial, um es gegebenenfalls den Eltern des Täters vor die Nase zu hal­ten. Die denken oft: Mein Kind tut das doch nicht.

didacta DIGITAL: Muss Cybermobbing angezeigt werden?
Das hängt davon ab, wie sich das Opfer fühlt. Wenn Nacktbilder in Netz kursieren, sollte man es dem Betreiber der Seite melden und gegebenenfalls bei der Polizei anzeigen. Der Lehrer muss den Fall der Schulleitung melden. Und er sollte es auch unter den Kollegen thematisieren, um herauszufinden, ob es noch mehr Vorfälle an der Schule gibt.

didacta DIGITAL: Ab welchem Zeitpunkt sollte die Lehrkraft überhaupt eingreifen?
Sobald sie merkt, dass sich ein Schüler verändert. Und natürlich, wenn sich ein Schüler an sie wendet. Aber hier haben wir das Problem: Die Betroffenen wenden sich meistens nicht an den Lehrer, weil es kein Angebot gibt und die Vertrauensbasis fehlt. Es fehlt bei uns leider insgesamt ein flächendeckendes Präventionssystem wie es andere Länder, zum Beispiel Norwegen oder Holland, haben.

didacta DIGITAL: Wie sieht dort Prävention aus?
Diese Länder haben eine gesetzliche Verpflichtung, entsprechende Strukturen zu schaffen. Es gibt Beratungsteams und Mentoren-Gruppen an Schulen, ein Monitoring seitens des Ministeriums. Die Lehrer werden mit dem Thema nicht alleine gelassen und bekommen eine Anleitung. Das muss von der Politik kommen. Untersu­chungen zeigen ganz klar: Prävention verringert Gewalt.

didacta DIGITAL: Sie fordern außerdem einen verpflichten­den SOS-Button. Um was handelt es sich dabei genau?
Wir wollen, dass in jedem Social Network ein leicht sichtbarer SOS-Button eingeführt wird. Solch ein Button macht erstens auf die Thematik aufmerksam, zweitens bietet er Soforthilfe für die Opfer, drittens haben wir dann Statistiken. Im Moment wird noch zu viel auf Freiwilligkeit gesetzt, für die Netzwerkanbieter ist nichts verpflichtend. Wir sind in
Verhandlungen mit Herrn Maas. Ich habe Hoffnung, dass sich endlich etwas tut.
 
didacta DIGITAL: Wie sieht es strafrechtlich aus, brauchen wir ein eigenes Cybermobbing-Gesetz?
Die meisten Fälle kennen wir aus dem Strafgesetzbuch: Beleidigungen, Verleumdungen, verunglimpfende Fotos wie die Veröffentlichung peinlicher Nacktbilder. Das Problem ist, dass die Wahrnehmung nicht da ist, die Täter haben nicht das Gefühl, dass sie etwas Kriminelles tun. Österreich hat seit fast zwei Jahren ein Cybermobbing-Gesetz. Man muss nicht immer nach Gesetzen schreien. Werden aber alle Fälle unter einem eigenen Gesetz subsumiert, ist das ein starkes Signal an die Gesellschaft: Cybermobbing ist kein Kavaliersdelikt!
 
 
DR. CATARINA KATZER leitet das Kölner Institut für Cyberpsychologie und Medienethik, engagiert sich als Präventionsexpertin für Cybermobbing an Schulen und als bildungspolitische Beraterin für Regierungsinstitutionen im In-und Ausland.
 
ZUM WEITERLESEN
Catarina Katzer
Cybermobbing – Wenn das Internet zur W@ffe wird
Springer Spektrum, 2014
252 Seiten, 19,99 Euro

Catarina Katzer
Cyberpsychologie. Leben im Netz: Wie das Internet uns ver@ndert“
dtv Verlag
352 Seiten, 16,90 Euro
(ausgezeichnet mit dem „getAbstract International Book Award“ als bestes deutschsprachiges Wirtschaftsbuch 2016)
 
Quelle: didacta DIGITAL – Aktuelles rund ums Lehren & Lernen mit neuen Technologien, Ausgabe 2/2017, S. 8-12, www.didacta-digital.de

Foto: Fotolia

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