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Mint-Fächer
11.11.2017  Silke Ottow

Am seidenen Faden ‒ Wie ein Spinnennetz entsteht

Unsere Kreuzspinne ist immer noch da. Und weil sie schon fast zur Familie gehört, hat sie inzwischen auch einen Namen. Sie heißt Elvira. Elvira spinnt sich mindestens jeden zweiten Tag ein neues Netz. Denn nachdem sich etwas in ihrem Netz verfangen hat, ist es etwas … durchlöchert, das Netz. Außerdem lässt die Klebekraft ihrer Spinnenfäden mit der Zeit nach. Da hilft es nichts, ein neues Netz muss her. Aber wie geht das eigentlich? Weißt du, wie ein Spinnennetz entsteht?

Wie Elvira ihr Netz spinnt

Unsere Kreuzspinne Elvira macht sich immer des Nachts an die Arbeit. Das machen fast alle Spinnen so. Im Schutz der Dunkelheit wird das Zuhause neu geordnet.
Dafür frisst sie zunächst ihr altes Netz auf. Recycling nennt man das. So geht nichts verloren.
Dann bringt sie sich in Position und wirft den ersten Faden. Sie braucht also etwas Wind ‒ oder zumindest einen leichten Luftzug, um ihr Netz zu spinnen. Schau hier:


Den ersten Faden lässt die Spinne fliegen.

Mit etwas Glück bleibt er hängen und landet auch noch da, wo er hin soll.
Wenn er sich verfangen hat, macht Elvira den Faden am anderen Ende auch noch fest. Das sieht dann so aus:


Den ersten Querfaden hat Elvira schon gesponnen.

Dann klettert sie in die Mitte des Fadens und seilt sich von dort ab.

Elvira seilt sich von der Mitte des Fadens aus ab.

So spinnt sie ein Ypsilon. An dem Ypsilon klettert sie wieder hoch.


An dem Ypsilon klettert Elvira wieder nach oben.

Dann beginnt sie einen Rahmen zu spinnen. Dafür klettert sie an ihren Anfangspunkt zurück und macht dort einen Faden fest. Nun klettert sie über den Querfaden ihres Ypsilons auf die andere Seite.

Elvira spinnt den oberen Querfaden für ihren Rahmen.

Auf der anderen Seite heftet sie auch diesen Faden fest. Anschließend seilt sie sich ab. So entsteht der rechte Faden für ihren Rahmen. Wenn sie einmal nach links läuft, kann sie den unteren Querfaden spinnen. Und nun? Wie kommt der Faden nun wieder nach oben?
Ganz einfach, aber etwas mühsam geht es weiter. Elvira heftet einen Faden an der linken unteren Ecke fest, läuft zurück zum Ypsilon, klettert das Ypsilon hoch, biegt oben nach links ab und erreicht so die obere linke Ecke. Dort fixiert sie auch diesen Faden. Dann ist ihr Rahmen fertig.
Elvira spinnt die Speichen ihres Netzes
An den Rahmen heftet sie nun die Speichen. Drei Speichen gibt es ja schon. Nämlich die von dem Ypsilon, das sie ganz am Anfang gesponnen hat. Das Ypsilon markiert auch gleichzeitig die Mitte. Und nach und nach kommen noch viele weitere Speichen hinzu.


Elvira spinnt die Speichen in den Rahmen.

Doch weißt du, wie sie die Speichen an ihren Platz bekommt?
Elvira beginnt in der Mitte und heftet dort einen Spinnenfaden fest. Dann läuft sie an der Speiche entlang, die sie zuletzt gesponnen hat. Den Faden nimmt sie dabei mit. Schau hier:

Elvira ist gerade dabei, eine neue Speiche herzustellen.

Mit dem Faden biegt sie auf den Rahmen ab.

Hier ist sie fast fertig mit der Speiche.

Sie läuft den Rahmen ein Stückchen entlang und heftet ihren Faden fest. Fertig ist die Speiche.
Auf dieser neuen Speiche klettert sie wieder ins Zentrum. Dort heftet sie wieder einen Faden fest. Und wieder geht es die neue Speiche entlang, auf den Rahmen zurück. An der richtigen Stelle wird auch dieser Faden befestigt.
So geht es weiter, bis der gesamte Rahmen mit Speichen bestückt ist.

Alle Speichen sind fertig.

Bis jetzt könnte sich noch kein Insekt in Elviras Netz verfangen. Das liegt nicht nur daran, dass es noch nicht ganz fertig ist. Es liegt vor allem daran, dass die Fäden, die Elvira bis jetzt gesponnen hat, gar nicht kleben.
Der Rahmen und die Speichen dienen Elvira selbst als Wege durch ihr Netz. Und damit Elvira nicht in ihrem Netz kleben bleibt, dürfen ihre Wege natürlich nicht kleben.

Die Klebefäden

Bevor Elvira ihre Klebefäden spinnt, spinnt sie sich noch eine Hilfsspirale. Auch die klebt nicht. Die Hilfsspirale ist auf dem Bild gestrichelt eingezeichnet.
Erst nachdem die Hilfsspirale fertig ist, geht es an die Klebefäden. Los geht es wieder im Zentrum.

Die einzigen Fäden, die kleben, sind die Querfäden.

Ausgehend vom Zentrum, fängt Elvira an, die Speichen miteinander zu verbinden. Nur diese kleinen Verbindungsfäden, sind die Klebefäden im Spinnennetz.
Anfangs geht das Speichen-Verbinden noch ganz einfach. Die Speichen liegen in der Mitte noch so eng zusammen, dass Elvira einfach von Speiche zu Speiche läuft, und ihren Klebefaden an jeder Speiche fixiert.
Doch wenn sie weiter nach außen kommt, liegen die Speichen immer weiter auseinander, und Elvira kann sie nicht mehr so einfach erreichen. Da sie auf ihren Klebefäden nicht laufen kann, müsste Elvira also wieder jeden Querfaden an einer Speiche fixieren, dann mit dem Querfaden über eine Speiche nach außen laufen, dort müsste sie über den Rahmen zur nächsten Speiche und über die nächste Speiche wieder nach innen laufen.
Müsste! Aber sie muss nicht. Denn sie war so schlau und hat sich vorher eine Hilfsspirale angelegt. Also kann sie über die Hilfsspirale zur nächsten Speiche gelangen. Das spart ihr eine ganze Menge Zeit. Und so hat sie in nicht einmal einer Stunde ihr Netz fertig.

Elviras Netz ist fertig.

Das ist doch ein Grund zu feiern. Und wie feiert es sich am besten? Natürlich in der Mitte des Netzes! Dort ruht sie sich erst einmal aus.
Schon an Elviras Netz siehst du, Spinnen können verschiedene Arten von Seide herstellen. Und Spinnenseide hat ganz außergewöhnliche Eigenschaften. Welche, das erfährst du im Beitrag Am seidenen Faden ‒ Was Spinnenseide alles kann.


Die Autorin
Dr. Silke Ottow ist Chemikerin und schreibt Bücher, in denen sie naturwissenschaftliche Phänomene kindgerecht erklärt. Weitere Informationen: www.miteinander-buecher.de

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