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Grundschule
11.11.2017  Christine Biermann / Nicole Freke

Demokratie leben und lernen in der Laborschule

Demokratie leben und lernen ist ein wichtiger Teil der Schulkultur der Laborschule von Jg. 0 bis 10. Aber sowohl partizipative Elemente im alltäglichen Unterricht – wie z. B. Entscheidungen über die individuelle Wahl von Lerninhalten – als auch Versammlungen (wie etwa Schülerparlamente) brauchen Zeit. Und: Auch Lehrer*innen brauchen Zeit für partizipative Schulentwicklungsprojekte.
Diese Gedanken wollen wir in diesem Beitrag ausführen: Wir wollen etwas in die Tiefe gehen, Historisches anreißen, Prinzipien und Ziele vorstellen und ganz praktische Beispiele aus der Primarstufe kurz vorstellen.
 

Demokratielernen aus ­Erfahrung und Reflexion

Schon bei der Gründung der Schule Anfang der 1970er Jahre stand folgendes Leitziel im Mittelpunkt: Die Laborschule sollte zu einer Schule werden, in der alle Beteiligten – Lehrende wie Lernende – Demokratie nicht nur als langfristig angelegtes Erziehungsziel vor Augen haben. Vielmehr sollten demokratische Prinzipien wie Partizipation, Transparenz, Rücksichtnahme und gegenseitige Unterstützung auch Grundlagen des täglichen Lebens und Lernens werden. Bei diesen Überlegungen stand John Dewey Pate, der – schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts – auf die Bedeutung des Demokratielernens durch Erfahrung und deren Reflexion und damit auf die Anforderung ständiger Weiterentwicklung hingewiesen hatte (vgl. Dewey, 1916/2000).

Das bedeutete damals und bedeutet auch noch heute, dass die Laborschule sich als eine selbstbestimmende und sich stetig weiterzuentwickelnde Institution versteht, in der die Erfahrung im Vordergrund steht und die Belehrung dahinter zurücktritt. Die Laborschule ist in ihren Grundstrukturen so konzipiert, dass alle zur täglich gelebten Demokratie angeregt, herausgefordert und verpflichtet sind. Einige dieser Strukturen und Prinzipien demokratischen Zusammenlebens gab es dabei von Anbeginn, andere entwickelten sich im Laufe der Jahre durch eben diese angestrebte, gelebte und reflektierte Erfahrung. So sind es insbesondere die folgenden vier Bausteine, die das Demokratielernen an der Laborschule auszeichnen – Bausteine, die sich mit Wolfgang Edelstein als »Lerngelegenheiten und Kontexte, die Demokratielernen und demokratische Schulqualität begünstigen« (Edelstein, 2007), bezeichnen lassen:
a)     Vielfalt als Grundvoraussetzung ­demokratischer Schulkultur
b)     Erwerb von Handlungskompetenz für Partizipation und demokratisches Handeln
c)     Gemeinsame Erfahrungen direkter Demokratie und Partizipation
d)     Wissen über Demokratie
Diese vier Bausteine wollen wir im Folgenden nun kurz skizzieren und durch einige Praxisbeispiele verdeutlichen:
 

Vielfalt als Grundvoraussetzung demokratischer Schulkultur

 Die erste und wichtigste Voraussetzung demokratischer Schulkultur ist die bewusste Bejahung von Vielfalt – und zwar in jeder Hinsicht: sozial, ethnisch, religiös, körperlich, geistig, geschlechtsbezogen … Diese Vielfalt wird an der Laborschule durch einen entsprechenden Aufnahmeschlüssel gewährleistet, um im täglichen Miteinander Verschiedenheit als Reichtum zu erfahren, Schule zur inklusiven Schule, d. h. Lernen zu inklusivem Lernen zu machen und damit eine »Abbildung« der Gesellschaft zu erreichen.
 
In der Praxis bedeutet das beispielsweise, dass in der jahrgangsgemischten Gruppe »3, 4, 5 weiß« derzeitig 22 sehr unterschiedliche Mädchen und Jungen gemeinsam lernen. Diese unterscheiden sich nicht nur in ihrem jeweiligen Alter stark voneinander (das jüngste Kind ist acht Jahre alt, das älteste zwölf), die Elternteile einzelner Kinder stammen darüber hinaus aus neun verschiedenen Ländern (verteilt auf vier Kontinente), so dass die Kinder zusammen insgesamt sieben Sprachen sprechen: von Deutsch über Englisch und Spanisch bis hin zu Kurdisch, Türkisch, Arabisch und Russisch – wobei ein Junge gerade erst aus Syrien hinzugekommen ist und bisher noch kein Deutsch spricht. Doch nicht nur in Sprache und Herkunft unterscheiden sich die Kinder stark voneinander, sondern auch darüber hinaus: So gibt es in der Gruppe einerseits Kinder mit besonderen Begabungen (wie etwa einem ausgewiesenen Talent in Mathe, Sport oder Sprachen) und andererseits solche mit besonderen Herausforderungen (wie etwa Autismus, Klinefelter-Syndrom, Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Dyskalkulie) – und dann wiederum nicht selten auch Kinder mit beidem zugleich: mit ganz besonderen Begabungen auf der einen und ganz besonderen Herausforderungen auf der anderen Seite. Das Schöne aber ist, dass die Kinder sich gegenseitig völlig selbstverständlich begegnen: Manchmal wundern sie sich etwas über die Besonderheiten der anderen Kinder, aber im Großen und Ganzen nehmen sie sich gegenseitig an, wie sie sind. Dasselbe gilt für die Erwachsenen der Gruppe: Auch diese begegnen den Kindern mit viel Respekt vor deren Persönlichkeit, nehmen sie so an, wie sie sind, und versuchen sie bestmöglich zu fördern. Ein wichtiger Faktor dafür ist ohne Frage die Zeit: So verbringen die Kinder (und zum Teil auch die Erwachsenen) nicht nur über den (Ganz-)Tag viel gemeinsame Zeit miteinander (sie gehen zusammen in die Mensa, genießen 1,5 Stunden gemeinsame Pausenzeit pro Tag miteinander, gehen nachmittags in die sogenannten »Lernorte« wie die Bibliothek oder den »Bauspielplatz«), Kinder und Erwachsene fahren darüber hinaus eine Woche pro Schuljahr gemeinsam auf Gruppenfahrt und übernachten einmal im Jahr gemeinsam in der Schule. Mit anderen Worten: Sie verbringen viel Zeit miteinander – Zeit, um sich wirklich kennenzulernen, sich zu begegnen.
 

Erwerb von Handlungs­kompetenz für Partizipation und demokratisches Handeln

Damit diese Vielfalt allerdings auch tatsächlich als Bereicherung erfahren werden kann, ist es unerlässlich, Teilhabe und Verantwortung in der Gemeinschaft auch einzuüben – und zwar durch die Beförderung von tagtäglichen Entscheidungen im Kleinen wie im Großen. Das fängt z. B. beim Frühstücksdienst der Jüngsten an und führt über den Mensadienst der Älteren in den Stufen II bis IV bis zur Gestaltung des Sportunterrichts für die Kleinen durch den Leistungskurs Sport. Und dazu gehört auch die langjährige Pflege der Schulpartnerschaft (sie existiert seit 1986) zu Schulen in Nicaragua durch Sponsorenläufe, Briefaustausch und vieles mehr, bei dem die Kinder und Jugendlichen lernen, dass jeder Einzelne gefordert ist, über den Tellerrand hinaus global zu denken, aber lokal zu handeln.
 
In der »3, 4, 5 weiß« führt das etwa dazu, dass in der sogenannten Versammlung viele Dinge des Zusammenlebens miteinander besprochen und diskutiert werden. Eben jene »Versammlung« – eine Sitzecke aus Turnhallenbänken – ist für die Kinder und Erwachsenen auf diese Weise ein stetiger Ort des Besprechens, des Aushandelns und des gemeinsamen, demokratischen Entscheidens. In diesem Jahr etwa ist zum Beispiel das Klassenfahrtziel Teil der Auseinandersetzung gewesen: Gemeinsam mit den Kindern wurde überlegt, wohin es gehen könnte, welches Verkehrsmittel die Kinder sich wünschen und ob es auf einen Bauernhof, in eine Jugendherberge oder auf einen Zeltplatz gehen sollte. In diesem Zusammenhang ist es jedoch von großer Bedeutung, dass die erwachsenen Begleiter zuvor für sich selbst festlegen, über welche Bereiche die Kinder mitbestimmen dürfen – und über welche nicht! – und die entsprechenden Rahmenbedingungen den Kindern gegenüber transparent machen. Frustrierend wäre es zum Beispiel, wenn man die Kinder zunächst völlig frei überlegen ließe, was sie unternehmen könnten, nur um ihnen dann mitzuteilen, dass es doch nur ein kleines Budget gebe oder sie aufgrund ihres Alters ohnehin von bestimmten Dingen ausgeschlossen seien. Auf diesem Wege erhöht sich schließlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder tatsächlich nachhaltige partizipative Erfahrungen machen und keine »Pseudo-Demokratie« erleben. Und auch hier spielt der Zeitfaktor eine entscheidende Rolle: Sicher­lich würde es schneller gehen, den Kindern ihr Klassenfahrtsziel einfach mitzuteilen, allerdings wären sie so um eine wichtige demokratische Erfahrung ärmer.
 

Erwerb gemeinsamer ­Erfahrungen in direkter ­Demokratie und Partizipation

Neben dem alltäglichen »Leben in der Gemeinschaft« ist es allerdings ebenso notwendig, bereits in der Schule konkrete Erfahrungen mit Stellvertreter-Demokratie und Parlamentsarbeit zu sammeln. Aus diesem Grund gibt es in der Laborschule eine Vielzahl aufeinander aufbauender institutionalisierter Schüler*innengremien: vom sogenannten Stufe-I-Parlament der Jahrgänge 0, 1, 2, dem Stufe-II-Parlament der Jahrgänge 3, 4 und 5 bis über die Gesamt-SV der Schule.
 
Für den Schulalltag der »3, 4, 5 weiß« bedeutet das beispielsweise, dass die Kinder zunächst einmal in ihrer Lerngruppe im sogenannten Gruppenrat wichtige Dinge des Schullebens auf Gruppenebene besprechen, wobei die entsprechenden Themen von allen Gruppenmitgliedern gleichermaßen eingebracht werden können. Merken die Beteiligten im Zuge dessen, dass das behandelte Thema nicht nur für die eigene Lerngruppe relevant ist, beauftragen sie ihre Gruppensprecherin bzw. ihren Gruppensprecher, es mit in das sogenannte »Stufe-II-Parlament« zu nehmen: ein gruppenübergreifendes Gremium, das von zwei gewählten Erwachsenen begleitet wird und in dem viele spannende Dinge besprochen und ggf. auch beschlossen werden. So haben die Schüler*innen auf diesem Wege beispielsweise bereits einen wöchentlichen »Veggie-Day« in der Mensa etabliert oder eine große Uhr auf dem Schulhof installieren lassen. Im Rahmen dieses Vorgehens lernen sie auch ganz unmittelbar die Wege der Demokratie kennen: zum Beispiel Gespräche mit der Schulleitung führen, das Lehrerkollegium informieren, Anträge an die Schulkonferenz stellen und vieles mehr. Das kostet zwar Zeit und beinhaltet auch mal frustrierende Ergebnisse – etwa wenn die Schulkonferenz erst wieder in vier Wochen tagt oder die Schulverwaltung sich für den Bauauftrag für die Schulhofuhr sehr viel Zeit lässt –, insgesamt jedoch, und das merken die Kinder immer wieder, lohnt sich dieser Aufwand absolut, macht er doch die Schule auch wirklich zu ihrer Schule.
 

Wissen über Demokratie

Demokratisches Lernen darf sich allerdings nicht allein auf den Lebensraum Schule beschränken. Im Gegenteil: Ebenso gehört dazu das Kennenlernen von politischen Strukturen und Bezugsrahmen und -normen für politisches Handeln, u. a. durch historisches Wissen, Orientierung in der Arbeitswelt durch verschiedene Praktika, also »Aufbau politischer, gesellschaftlicher und historischer Identität auf der Grundlage eigener Erfahrungen und begründbarer Zukunftsvorstellungen für die eigene Lebensgestaltung und Bewältigung« (Thurn, 2005, 183).
 
In der »3, 4, 5 weiß« beginnt dieses Lernen von Wissen über Demokratie zum Beispiel damit, dass die jeweiligen Kommunal-, Landtags- oder Bundestagswahlen in der Gruppe direkt thematisiert werden und die Kinder somit einen ersten Einblick in die Ausrichtung der Parteien bekommen. Auch demokratische Prinzipien wie Wahlfreiheit oder Versammlungsfreiheit werden den Kindern in diesem Zusammenhang nähergebracht. Ab und zu wenden sie dieses Wissen dann auch bereits praktisch an: So gab es vor einiger Zeit den Beschluss der Erwachsenen, dass die Kinder innerhalb ihrer einstündigen Mittagspause zu zuvor festgelegten Zeiten essen gehen sollten, anstatt ihren jeweiligen Essenszeitpunkt wie zuvor frei bestimmen zu können. Eine Gruppe rief anlässlich dieses Vorschlags nun zu einer Demonstration auf: Viele Schüler*innen schlossen sich an und demonstrierten lautstark auf den Fluren und vor der Mensa. Es gab daraufhin eine Anhörung der Schüler*innen bei der Schulleitung und nach ausgiebiger Diskussion überzeugten die Kinder die Erwachsenen schließlich von ihrem Anliegen, so dass die Zeitbeschränkung im Anschluss wieder rückgängig gemacht wurde. Auch hierbei wurden die Bedenken der Schüler*innen sehr ernst genommen: Es wurde ihnen Raum und Zeit gegeben, um ihre Bedenken vorzutragen und gemeinsam ins Gespräch zu kommen.
 

Fazit

All das bisher Gesagte macht noch einmal eines deutlich: Demokratie ist nichts Statisches. Im Gegenteil: Demokratie bedeutet Veränderung. Und eine jede Form von Veränderung wiederum braucht Zeit: Sie braucht ein Vorher, ein Nachher und ein Dazwischen. Das aber bedeutet zugleich: Eine Schule, die es sich – wie die Laborschule Bielefeld – zur Aufgabe gemacht hat, demokratische Prinzipien wie Partizipation, Transparenz, Rücksichtnahme und gegenseitige Unterstützung zur Grundlage des täglichen Lebens und Lernens zu machen, muss sich die – manchmal auch langwierige – Zeit nehmen, eine solche Form von Veränderung nicht nur zuzulassen, sondern sie gezielt zu befördern.  
 
Dr. Christine Biermann ist Didaktische Leiterin der Laborschule Bielefeld, 
Nicole Freke ist Leiterin der Primarstufe an der Laborschule.
 
 
Literatur
Dewey, John (1916/2000): Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philoso­phische Pädagogik. Weinheim/Basel.
Edelstein, Wolfgang (2007): Demokratie als Praxis und Demokratie als Wert. Überlegungen zur Demokratiepädagogik. Bad Kreuznach.
Thurn, Susanne (2005): Die Laborschule als Polis, als Verantwortungsgemeinschaft. In: Watermann, Rainer u.a. (Hg.) (2005): Die Laborschule im Spiegel ihrer PISA-Ergebnisse. Weinheim und Basel: Juventa.

Quelle: Grundschule aktuell, Zeitschrift des Grundschulverbandes, Heft 140

Foto: Wavebreak Media/Fotolia
 

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