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Ganztagsangebote
11.11.2017  Claudia Leipold und Claudia Tröbitz

Umgang mit Lernzeit - Offener Unterricht in der Ganztagsschule

Im Offenen Unterricht lernen die Kinder eigenverantwortlich und interessengeleitet. Sie planen und organisieren ihr Lernen selbstständig. Die Lehrenden begleiten sie dabei und vertrauen auf den natürlichen Drang zum Lernen.
Das liest sich leicht, klingt logisch und birgt dennoch zahlreiche Tücken im Alltag. Kinder sind keine Ökonomen, ihr Lernen folgt oft Umwegen und geschieht häufig genau dann, wenn man es am wenigsten erwartet.
In diesem Artikel machen wir den Versuch, Unterricht zu beschreiben, der unterschiedlichen Lernwegen Raum gibt.

Dazu sollte zunächst geklärt werden, was genau Lernen eigentlich ist und wann es geschieht. Man lernt immer dann, wenn man Wissen erwirbt oder Fertigkeiten erlangt, indem man sich mit seiner Umwelt auseinandersetzt. Damit tatsächlich gelernt wird, muss das Kind sich aktiv mit dem Lerninhalt beschäftigen. Es muss Interesse entwickeln, emotional angesprochen werden und die Anforderungen bewältigen können. Ist der Anspruch zu niedrig, wird nichts Neues gelernt, ist er zu hoch, scheitert der Lernende und es bleibt die Erkenntnis, nicht genügt zu haben.

Um Lernen zu ermöglichen, müssen also individuelle Lernangebote gemacht werden, welche nicht nur den Wissens- und Könnensstand der Lernenden berücksichtigen, sondern auch deren Interessen und bevorzugte Lernkanäle. Diesem Anspruch kann kein Lehrer genügen. Die einzige Möglichkeit besteht unserer Meinung nach darin, ein Lernumfeld zu schaffen, in dem die Kinder ihr Lernen selbst organisieren und ihren Interessen folgen können. Es müssen unterschiedliche Lernformen ermöglicht und unterschiedlichen Lernwegen Raum gegeben werden. Dazu ist keine allumfassende Materialsammlung und keine Bibliothek voller Karteien nötig. Vielmehr müssen Strukturen und Rituale geschaffen werden, die Lernen ermöglichen, Wahlmöglichkeiten geben, planen helfen, bei der Dokumentation unterstützen und den Austausch im und über das Lernen fördern.
Unterrichtszeit ist demnach:
 

Zeit zum Lernen

 
Die wichtigste Voraussetzung, die Lernzeit der Kinder effektiv und produktiv zu gestalten, ist die Abkehr von ausschließlich lehrervorgegebenen Inhalten. Auch die viel berufene Binnendifferenzierung bietet unserer Meinung nach nicht genügend Raum, Kindern effektive Zeit zum Lernen zu geben, da auch diese ausschließlich von der LehrerIn ausgeht und von der Natur der Sache her durch ihre Fremdeinschätzung fehleranfällig sowie äußerst arbeits- und zeitaufwändig ist. Erst wenn die LehrerIn sich traut, Kinder so zu sehen, dass jedes (!) Kind dazu in der Lage ist, von sich heraus zu erkennen, was es lernen will und kann, kommt man zu einer »Individualiserung von Kinde aus« (vgl Peschel, 193). Diese Art der Individualiserung, deren unterrichtliche Umsetzung fortführend weiter erläutert wird, schafft einer LehrerIn in erster Linie Zeit. Zeit, die sie unterschiedlich nutzen kann. Hat sie zum Beispiel die Möglichkeit, sich auf das einzulassen, was die Kinder von selbst mitbringen, kann sie eigene ­Ideen und Vorhaben der Kinder so gezielt unterstützen, dass es am Ende zu Ergebnissen kommt, die initiiert nie erreicht worden wären. Sie kann sich auch auf die Schwächen der Kinder konzentrieren, indem sie über einen längeren Zeitraum beobachtet und feststellt, was das Kind an Inhalten auslässt und dies mit dem Kind bespricht, gezielte Fördermaßnahmen einleitet und durchführt. Sie kann sich Gruppen von Kindern zuwenden, die durch soziale Gefüge nicht ins eigene Lernen kommen, und so natürlich an der Gruppensituation arbeiten, diese für alle Kinder verbessern. Sie kann sich zudem Kindern widmen, die aus verschiedenen Gründen mehr Zuwendung brauchen. Diese wenigen Beispiele sollen zeigen, dass LehrerInnen nicht in den Hintergrund geraten, wenn sie sich neben das inhaltliche Lernen von Kindern stellen, sondern vielmehr, quasi als Nebenprodukt, ein erhebliches Maß an gezielteren Eingriffsmöglichkeiten erhalten. Außerdem treten sie automatisch in einen täglichen Dialog mit den Kindern und schaffen ohne großen Extra-Aufwand eine vertrauensvollere Basis.

Die Lernumgebung, in der die Kinder die meiste Zeit ihrer schulischen Lernzeit verbringen, ist ein wichtiger Faktor, um individuelles Lernen gelingen zu lassen. So wird neben den Freiflächen einer Schule der Unterrichtsraum zum Lernraum für Kinder, zu einem Kinder-Lern-Zimmer. Dieser Raum muss, um seinem Anspruch zu entsprechen, ein guter Ort zu sein, an dem effektiv und produktiv gelernt werden kann, einige wesentliche Elemente enthalten:
  • Nischen, Arbeitstische für Gruppen, Einzelarbeitsplätze
  • Funktionsecke(n), z. B. zum Lesen, Werkeln oder Experimentieren, …
  • ausgewählte Materialien und Arbeitsmittel; gut gekennzeichnet; nicht nach Klassenstufen sortiert; als Angebot, nicht als vorgeschriebenes Arbeitsmittel
  • einen Versammlungsplatz
  • Ausstellungs-/Präsentationsmöglichkeiten (s. Abb. 1)

Zudem sollte er immer wieder neu den aktuellen Gegebenheiten sowie individuellen Lernbedürfnissen angepasst werden können. Eine generell feste Sitzordnung ist daher ebenso wenig ratsam wie fest zementierte Arbeitsmittel. Grundsätzlich gilt: Eine dicke Staubschicht auf einem Arbeitsmittel ist ein Indiz dafür, es auf seine Nützlichkeit überprüfen zu müssen.

Da Lernen immer dann besonders gelingt, wenn ein Kind Zusammenhänge bewusst durchdringt, sollte es in der Schule Möglichkeiten und Zeit für Kinder geben, vernetzend und lernbereichsübergreifend zu lernen. Dafür benötigen sie vor allem freie Lernzeit, damit sie ins eigenaktive selbstständige Tun kommen können. Zudem sollten sie Angebote erhalten, die ihre eigenen Fragestellungen aufgreifen oder neue aufwerfen. Wichtige Lernfelder dafür bieten zum Beispiel:
  • die kompetenz- und methodenorientierte Aufarbeitung von Themen aus dem Sachunterricht, die nicht auf der Basis von auszufüllenden Arbeitsblättern funktioniert, sondern Handwerkszeug an die Hand gibt, mit dem es möglich wird, sich Zusammenhänge zu erarbeiten und somit neue Inhalte zu erschließen
  • das Lernen von Praktikern, die in die Schule kommen oder in ihren Werkstätten, Büros etc. besucht werden (Praxis­tage)
  • das Nutzen der örtlichen Gegebenheiten und Erklärungen am Objekt (Draußentage)
Um Unterricht als Lern-Zeit zu gestalten, braucht es also in erster Linie Mut, um loszulassen, Kindern zu vertrauen, Kraft, vielleicht auch gegen Widerstände Räume zu verändern, ­Ideen, Externe einzubinden und, zu guter Letzt, genügend Zeit und Geduld, um abzuwarten, bis sich Erfolge einstellen.
 

Zeit zum Produzieren, Üben und Dokumentieren
 

Will man individuelle Lernspuren dokumentieren, dann braucht es vielfältige Methoden und Instrumente. Im Zentrum stehen für uns dabei immer die Eigenproduktionen, welche konkrete Rückschlüsse auf den Lernstand der Kinder geben. In den Geschichten lassen sich neben Kreativität und Denkweisen der Kinder auch Rechtschreibkompetenzen und sprachliche Muster ablesen. Zugleich erfährt man, was die Kinder bewegt (s. Abb. 4 und 5). Mathematische Eigenproduktionen wie Rechenbilder, Rechengeschichten sowie Entdeckungen ermöglichen eine Einschätzung der mathematischen Denkprozesse und deren Flexibilität.
Damit Lernen mit Lust und Freude geschieht und die Kinder es als sinnstiftend erleben, braucht es geeignete Lernanlässe. Nach und nach haben sich unterschiedliche »Selbstläufer« etabliert, die innerhalb der jahrgangsgemischten Klassen vererbt werden. Dazu zählen neben den bereits erwähnten Vorträgen Lernspiele, die ihren Reiz für die ­Kinder auch nach längerer Zeit nicht einbüßen. Insbesondere für das Üben grundlegender mathematischer Fertigkeiten gibt es zahlreiche kooperative und motivierende Lernspiele.

Auch in unserem Unterricht kommen Arbeitshefte zum Einsatz. Immer mehr stellt sich dabei jedoch heraus, dass weniger mehr ist. Bewährt haben sich für uns Themenhefte, in denen ein bestimmter Lerninhalt geübt werden kann: z. B. Kopfrechnen, Uhrzeit, Einmaleins, schriftliches Rechnen, Zahlenraumerweiterung und Leseübungen. Die Kinder arbeiten darin motiviert, denn der Umfang ist überschaubar, Lern­erfolge werden deutlich und die Aufgabenformate schnell erfasst.

Beschäftigen die Kinder sich mit eigenen Sachthemen, so fertigen sie dazu häufig Lernposter an und präsentieren ihre Lernergebnisse in einem Vortrag. Dies beginnt häufig schon in Klasse 1. Ein einfacher und klarer Anforderungskatalog (Inhalt, Gestaltung des Posters, Sprache, Prozess) befähigt die Kinder, altersgemäße Rückmeldungen zu geben, und fördert die Kritikfähigkeit).
Seit mehreren Jahren erproben wir unterschiedliche Lernlandkarten, die den Kindern und allen weiteren am Lernprozess Beteiligten einen Überblick über zu bearbeitende Lernziele geben. Sie unterstützen die Lernplanung, schaffen einen Überblick über erreichte Lernziele, geben Sicherheit und sind Grundlage für Lerngespräche. Die einzelnen Lernbeweise werden in unterschiedlicher Form im Portfolio gesammelt: Schreibprodukte dokumentieren die Schriftsprachentwicklung, Fotos erinnern an Vorträge, Selbstporträts und Steckbriefe verfolgen die Persönlichkeitsentwicklung, ausgewählte Arbeiten bieten Einblick in mathematische Denkprozesse … .

Wöchentlich reflektieren die Kinder ihr Lernen und Erleben in der Schule im Lerntagebuch. Sie schreiben, was ihnen besonders gefallen hat, was sie Neues gelernt haben oder was sie sich vornehmen (Abb. 9).
 

Geplante Zeit

 
Damit offener oder geöffneter, kindgemäßer Unterricht passieren kann, Kinder sich in ihrem Lernen so frei entfalten können wie oben beschrieben, braucht es vor allem einen ganz sicheren Rahmen mit klaren Strukturen und wenigen, den Kindern wichtigen Regeln sowie festen Ritualen.

Wir haben für uns Instrumente zur Planung und Organisation etabliert:
  • individuelle Wochenplanungs­formulare für die meisten Kinder
  • individuelle Tagesplanformulare für planungs-oder strukturschwache Kinder
  • individuelle Wochen- und Tages­planungsmodelle für Kinder, die an vielen Stunden der Woche eine dichte Begleitung zum Lernen erhalten
  • Lernlandkarten, die einen Überblick über nötige und bereits absolvierte Inhalte geben
  • ritualisierte Wochenstruktur
  • tägliche Planungskreise mit ritualisiertem Ablauf
Außerdem verstehen wir uns als Ganztagsschule mit rhythmisiertem Tagesablauf. Wir binden ErzieherInnen und LehrerInnen gleichermaßen ins Lernen der Kinder ein, haben lange Pausen zwischen Unterrichtsblöcken und bieten im Rahmen des Stundenplans auch Freizeitangebote an.
 

Gemeinsame Zeit

 
Wenn sich Kinder angenommen fühlen, entwickeln oder behalten sie ein grundlegend gutes Zutrauen in sich selbst und in ihre eigenen Fähigkeiten. Dies wiederum bildet eine wesentliche Grundlage für selbstständiges Lernen.

Kinder so zu begleiten und zu unterstützen, dass sie zu einer gewissen Unabhängigkeit gelangen, braucht also eine Umgebung, in der sie sich wohl, verstanden und ernst genommen fühlen. Dazu zählt es auch, dass Erwachsene ihre Rolle annehmen und dieser gerecht werden wollen. So sollte eine LehrerIn in verschiedenen Momenten authentisch abbilden, für was sie steht, und sich trauen, Begleiter, Berater, Mitmacher, Dabeiseier, Regeleinforderer, Rahmengeber, Auchmalschimpfer und trotzdem Individuum und Förderer zu sein.
Das klingt anspruchsvoll und kann stark variieren – je nach Persönlichkeit der Erwachsenen. Doch genau diese einzubringen, den Kindern anzubieten und auch in Frage zu stellen, selbst immer weiter zu lernen, ist ein wichtiger Punkt dieses täglichen Zusammenseins mit Kindern.

Die Jahrgangsmischung, in der alle Kinder natürliche Gefüge wiederfinden, in der sie Ältere nachahmen, Jüngere unterstützen, sich in erster Linie mit allen austauschen können, bietet weiterhin ein gutes Pflaster, um natürlich zusammenzukommen und sich weiterzuentwickeln und bildet den ­sicheren Rahmen einer Stammgruppe. Kinder nehmen automatisch im Laufe ihrer Grundschulzeit andere Rollen innerhalb einer Gruppe ein und lernen so recht schnell, ihren Teil zum Gruppengefüge beizutragen.

Gemeinsame Zeiten in der großen Schulgemeinschaft erleben die Kinder besonders in Zeiten gemeinsamer wöchentlicher Rituale wie einer vereinheitlichten Lesezeit der ganzen Schule oder einem gemeinsames Singen aller Grundschüler.
 

Gewählte Zeit

 
Bei gebundenem Unterricht setzen wir auf interessengeleitete Wahlmöglichkeiten, um zu gewährleisten, dass Kinder Stärken und persönliche Vorlieben weiterentwickeln, aber auch, dass sie ein Minimum an Angeboten aus allen Bereichen erhalten, die ihren Blick für neue Dinge öffnen. So haben sie neben einer wöchentlichen Freiarbeitszeit, die alle Kernfächer vollumfänglich umfasst, einmal wöchentlich die Wahl, während dieser Zeit eine WERKstatt, englisches Vorlesen oder ein begleitetes Experimentierangebot zu besuchen. Zudem sind alle Dritt- und Viertklässler dazu verpflichtet, für einen Unterrichtsblock in der Woche einen Kurs aus den Bereichen Kunst, Werken, Musik oder Religion zu einem Thema ihrer Wahl zu besuchen. Diese Kurse umfassen jeweils einen Umfang von acht Veranstaltungen (Epochalunterricht). Reiner Fachunterricht existiert noch in den Fächern Sport und Englisch. Im Rahmen der Ganztagsangebote wählen die Kinder verpflichtend für ein Halbjahr ein Angebot aus einem ca. 15 Angebote umfassenden Kanon (z. B. Leselust, Angeln, Gitarre, Handarbeiten). Auch hier gilt: Es muss in einem Mindestmaß durchgewechselt und ausprobiert werden. Interessen schärfen sich natürlich im Laufe der Jahre.
 

Effektiv?!?!

 
Lernprozesse sind nicht immer sichtbar. Lernzeit effektiv zu gestalten kann daher unserer Meinung nach nicht Ziel von Unterricht sein. Das bloße Bearbeiten von Schulheften und Durchlaufen von Lehrgängen garantiert nicht automatisch, dass gelernt wird. Vielmehr muss Unterricht vielfältige Lerngelegenheiten bieten und unterschiedliche Lernwege zulassen. Dies geschieht durch verlässliche Strukturen, offene Aufgabenstellungen und inhaltliche Freiheiten. 
 
Claudia Leipold und Claudia Tröbitz 
sind Grundschullehrerinnen und
arbeiten als Stammgruppenleiterin in einer jahrgangsgemischten
Gruppe (1–4) am Evangelischen Schulzentrum Muldental.
eva-schulze-mtl.de
 
 
Literatur
Peschel, F.: Offener Unterricht – Teil 1, Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler 2003

Foto: Highwaystarz/Fotolia

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