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Perspektiven
11.11.2017  Eva-Maria Osterhues-Bruns

Vom Umgang mit der Zeit - Arbeit in der jahrgangsübergreifenden Eingangsstufe

Die Grundschule Nordholz, gelegen im Norden Deutschlands, in der Nähe von Cuxhaven, ist eine vierzügige offene Ganztagsschule. Ungefähr 300 Kinder besuchen die Schule, unter ihnen sind 32 Kinder mit Fluchterfahrung. Unsere Schulkinder werden begleitet von 20 Lehrkräften, fünf pädagogischen Mitarbeiterinnen im Schulvormittag, Schulassistenzen sowie pädagogischen Mitarbeitern, die zusätzlich zu den im Unterricht eingesetzten Lehrkräften den Ganztag mit vielfältigen Angeboten bereichern.
Die Grundschule Nordholz ist eine von fünfzehn offiziellen Hospitationsschulen für die Arbeit in der Eingangsstufe des Niedersächsischen Kultusministeriums sowie Mitglied der Netzwerkschulen »Gemeinsam unterwegs im Grundschulverband«.
 

Ganz am Anfang …

»Der Entwicklungsunterschied zwischen den Kindern eines ersten Schuljahrganges beträgt bis zu drei Jahren« (Largo 2009, 18). Auch wir in unserem Unterricht machten immer wieder die Erfahrung, dass die Kinder mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen in die Schule kamen, einige von ihnen hatten so geringe Vorerfahrungen, dass ihnen gar keine »Schulreife« attestiert wurde und sie daher den Schulkindergarten besuchen mussten. Doch damit war das Problem der ungleichen Lernvoraussetzungen nicht gelöst, denn einerseits wurden Lernrückstände im Schulkindergarten nur ansatzweise aufgeholt, andererseits gab es ja auch in den »homogenen« Jahrgangsstufen ebenfalls Kinder, die bereits über einen größeren – oder auch geringeren – Wissensstand verfügten als andere Kinder. Mit unserem Fibelunterricht und dem gleichschrittigen Abarbeiten von Aufgaben konnten wir den unterschiedlichen Lernvoraussetzungen nicht mehr gerecht werden – wie konnten wir dieser Problematik begegnen?

So begannen wir, uns im Jahr 2002 intensiv mit dem organisatorischen Modell des altersgemischten Lernens in der Eingangsstufe auseinanderzusetzen. Wir hospitierten in Schulen, die bereits Erfahrungen mit der Arbeit in der Eingangsstufe machten, vertieften durch Eigenstudium und Fortbildungen unsere fachdidaktischen, methodischen und pädagogischen Kenntnisse und erarbeiteten auf dieser Grund­lage unser Konzept für die Arbeit in der Eingangsstufe.

Im Jahr 2004 starteten wir dann mit acht Eingangsstufenklassen. Im Alltag erkannten wir jedoch schnell, dass unsere theoretischen Überlegungen oder unsere ausgewählten Materialien nicht so praktikabel waren wie geglaubt – und die Eltern waren von dieser Art des Unterrichtens nicht so begeistert, wie wir vermutet hatten. Die umliegenden Schulen beobachteten unser Vorhaben skeptisch, selbst einzelne Kollegen konnten sich die Arbeit in der Eingangsstufe nicht vorstellen und wollten dort nicht unterrichten. Doch trotz dieser Widrigkeiten zu Beginn sind wir auf diesem Weg vorangeschritten und un­ter­richten weiterhin unsere Kinder in altersgemischten Lerngruppen – doch warum? Reicht ein binnendifferenzierender Unterricht nicht aus, um die Kinder dort abzuholen, wo sie ­stehen?
 

Was treibt uns an?

Auch nach fast fünfzehn Jahren ­Arbeit in der Eingangsstufe sind wir sicher, dass das jahrgangsgemischte ­Lernen eine besonders gute Möglichkeit ist, Kinder auf ihrem Weg durch ihre Schulzeit zu begleiten und ihnen die Zeit zu geben, die sie benötigen. Wir begreifen die Heterogenität nicht als Hindernis unserer Arbeit, sondern als Chance, mit- und voneinander zu lernen. Burk u. a. (2007) erklären dazu, dass »verschiedene Untersuchungen darauf [hinweisen], dass die strukturelle Asymmetrie der altersgemischten Klasse Vorteile mit sich bringt«. Sich auf Laging beziehend erkennen sie ein vermindertes Konkurrenzverhalten der Kinder untereinander, da es keine einheitliche Leistungsnorm gibt. Auch fällt es den Kindern weniger schwer, eigene Hilfe anzubieten oder von anderen Hilfe anzunehmen (vgl. Burk u. a. 2017, 13). Ältere Kinder erhalten Bestätigung, wenn sie jüngeren Kindern etwas zeigen, vorlesen oder erklären können.
Wesentlich für die Arbeit in der Eingangsstufe ist ein anderer, bewusster Umgang mit Zeit, der sich insbesondere auf drei Aspekte bezieht:
 

Zeit, um anzukommen

Kinder kommen als Lernanfänger in die Schule – in ein neues System mit teilweise bekannten Regeln und Ritualen. Zumeist begegnen sie aber sehr viel Neuem: neuen Kindern, neuen Lernbegleitern, neuen Räumlichkeiten oder neuen Tagesabläufen. Indem die Schulanfänger jedoch in eine bestehende Klassengemeinschaft eintreten, erhalten sie von Beginn an feste Strukturen zur Orientierung. Die älteren Kinder werden bei uns als Paten eingesetzt, d. h. »­jedes Sonnenkind kriegt ein Sternenkind und das hilft ihm dann« (Alina, 8 ­Jahre). Sie helfen den Schulanfängern, sich in dem neuen Lernraum Schule zurechtzufinden. Sie zeigen, wo die Schuh- und Jacken­ständer, die Toiletten oder einzelne Räume sind, wo sich das Schulsekretariat oder das Krankenzimmer befinden – und sie kennen die besten Spielmöglichkeiten auf dem Pausengelände. Sie unterstützen die Lernanfänger darin, benötigte Schulmaterialien herauszuholen, Zettel in die richtige Mappe zu heften, aber auch, ihnen bei Fragen zur Bearbeitung ihrer Aufgaben zu helfen. Auch kennen die älteren Schulkinder bestehende Regeln und Rituale sowie die Handhabung mit den vorhandenen Materialien. Durch diese vielfache, auf mehreren Ebenen stattfindende Unterstützung erleben unsere neuen Schulkinder gleich zu Beginn Wertschätzung, aber vor allem Orientierung im Schulalltag. Das Hineinwachsen in ein bestehendes System gibt den Schulanfängern Sicherheit bei der Bewältigung ihrer neuen Herausforderungen. Die älteren Kinder erhalten die Gelegenheit, ihr Wissen und ihr Können weiterzugeben und zu festigen; auch für lernschwächere Kinder bieten sich zahlreiche Anlässe, zu zeigen, was sie können (vgl. ­Wagener 2014). Dadurch steigern sie ihr Selbstwertgefühl. Für uns Lehrkräfte heißt das: Es benötigt weniger Zeit, um die Kinder an die organisatorischen Abläufe des Schullebens zu gewöhnen. Wir haben daher mehr Zeit, uns mit den Kindern auszutauschen, ihnen zuzuhören, sie und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten von Anfang an kennenzulernen und angemessen zu begleiten.
 

Zeit zum Lernen – 
im eigenen Tempo

Kinder in der Eingangsstufe bekommen Zeit zum Lernen – individuell zwischen einem und drei Jahren. So kann jedes Kind in seinem Tempo entsprechend seiner Lernvoraussetzungen lernen. Kinder, die mit viel Vorwissen und guten kognitiven Anlagen in die Schule kommen, haben die Möglichkeit, Inhalte einzelner oder aller Fächer gemeinsam mit den älteren Kindern zu entdecken und zu erlernen. Sie erhalten zudem die Möglichkeit, bereits nach einem Jahr in die dritte Klasse zu wechseln. Im Gegensatz zum »Überspringen« eines Schuljahrganges wechselt ein Teil der Lerngruppe gemeinsam mit in die dritte Klasse. Genauso bleibt ein Kind, das die Eingangsstufe in drei Jahren durchläuft, mit einem Teil der Klassengemeinschaft zusammen. Diese Kinder wiederholen nicht nur die Klasse und erarbeiten die Inhalte ein zweites Mal; sie machen an der Stelle weiter, an der sie aufgehört ­haben. Gleichwohl erhalten sie die Möglichkeit, sich durch die gemeinsame ­Arbeit mit den jüngeren Kindern die Kompetenzen zu vergegenwärtigen und entsprechend zu festigen.
Auch geben wir den Kindern mit einem möglichen Unterstützungsbedarf Zeit zum Lernen. Bei uns wird nicht bereits vor Schuleintritt oder gleich zu Beginn der Schulzeit für die Kinder ein Verfahren zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs eingeleitet. Durch den individuellen Lernrhythmus und eine gelungene Differenzierung im Rahmen der drei Jahre innerhalb der Eingangsstufe gelingt es vielen Kindern, die Kompetenzen des zweiten Schuljahrganges zu erreichen und anschließend die Grundschulzeit ohne einen festgestellten Förderbedarf erfolgreich zu beenden.
 

Zeit für Kinder und Eltern – 
Lerngespräche

Zurzeit erhalten in Niedersachsen die Schulen zusätzliche Stunden als Doppelbesetzung, abhängig von der Klassengröße. Diese Stunden nutzen wir, um bei der Planarbeit gemeinsam die Kinder zu unterstützen, in Kleingruppen oder mit einzelnen Kindern allein zu arbeiten und Inhalte zu vertiefen – oder um Lerngespräche mit ihnen zu führen. Auf der Basis je einer Lernlandkarte im Fach Deutsch und einer Lernlandkarte im Fach Mathematik können wir Lehrkräfte uns Zeit nehmen, gemeinsam mit den Kindern Gespräche über ihre Lernentwicklung zu führen. Die Lernlandkarte dient dann dazu, erwartete Kompetenzen für die Kinder transparent zu machen, vor allem aber, erreichte Kompetenzen für die Kinder sichtbar zu machen und Ziele für die Weiterarbeit festzulegen. Diese Lerngespräche mit den Kindern finden regelmäßig statt, um die Ziele zu überprüfen und neue festzulegen. Außerdem ist es für die Kinder ein tolles Gefühl, ihre Arbeit zu reflektieren und den eigenen Lernfortschritt auf der Lernlandkarte zu erkennen.
Ausgehend von den ­Lerngesprächen mit den Kindern finden nachmittags regelmäßig Elterngespräche statt. Auch hier dienen die Lernlandkarten als Grund­lage, mit deren Hilfe die Kinder ihren ­Eltern stolz darüber berichten, was sie gelernt haben – und an welcher Stelle noch weitergearbeitet werden muss und wie die nächsten Schritte aussehen werden.
Ein großer und gewichtiger Grund – außerhalb des zeitlichen Rahmens – für das jahrgangsgemischte Lernen in der Eingangsstufe ist ihr grundlegender Beitrag zur Umsetzung einer inklusiven Schule. Kinder, Lehrkräfte und auch Eltern lernen den Umgang mit Heterogenität, sie akzeptieren die Unterschiedlichkeit der Kinder in der Klasse und der ganzen Schule – auch dadurch, dass wir die Zeit finden, Kinder gemeinsam mit ihren Eltern in ihrem Tempo zu begleiten.
Trotz all dieser Argumente gibt es auch bei uns offene Fragestellungen:
 

Wie gelingt uns ein tragfähiger Übergang in die Klasse drei?

Unsere Antwort auf dieses Problem war das Einrichten von Profilklassen in den Jahrgängen drei und vier. Das heißt, alle Kinder wählen am Ende der Eingangsstufe gemeinsam mit ihren Klassenlehrern eines der drei Profile Bewegung, Musik oder Praxis aus. Das Profil bildet einen Schwerpunkt in der Unterrichtsgestaltung, so dass die Kinder ihren Fähigkeiten und Neigungen entsprechend lernen können. Dennoch stehen wir in den dritten Klassen vor der Problematik, unsere Kinder entsprechend der gültigen Erlasslage zu bewerten.
 

Wie geraten wir nicht in eine Individualisierungsfalle?

Jahrgangsgemischter Unterricht beruht didaktisch-methodisch auf einer individuellen Lernbegleitung und einem stark differenzierten Unterricht. Dennoch ist es für uns wichtig, dass die Kinder nicht nebeneinanderher verschiedene Pläne oder Aufgabenhefte abarbeiten, sondern dass wir mit guten und offenen Aufgaben immer wieder in das gemeinsame Gespräch kommen. Doch was sind gute Aufgaben, wie können wir sie entwickeln? Wie können wir Lernangebote bereitstellen, an denen alle Kinder mit ihren Fähigkeiten erfolgreich arbeiten können? In unseren wöchentlich stattfindenden Teambesprechungen planen wir gemeinsam Unterricht, so dass wir in diesem regelmäßigen Rahmen Ideen sammeln, voneinander lernen und profitieren.
 

Wie überzeugen wir Eltern, die der Arbeit in der ­Eingangsstufe kritisch gegenüberstehen?

Viele Eltern kennen aus ihrer eigenen Schulbiographie das Lernen in einer jahrgangsgemischten Lerngruppe nicht und kommen daher mit vielen Vorurteilen oder Fragen zu uns. Diesen Vorurteilen versuchen wir, durch eine sehr enge Zusammenarbeit mit den Kindertagesstätten entgegenzutreten. Gemeinsam wird bereits vor der Schule ein Workshop durchgeführt, in dem die Eltern mit dem Konzept und den unserem Unterricht zugrundeliegenden Lehrwerken vertraut gemacht werden. Dieser Workshop kann von den Eltern ein zweites Mal besucht werden, wenn ihr Kind das erste Jahr die Schule besucht. Ein Film, den wir erstellt haben, verdeutlicht noch einmal die gemeinsame Arbeit in der altersgemischten Lerngruppe.
Alle Eltern haben zudem an unserer Schule nach vorheriger Anmeldung die Möglichkeit, im Unterricht zu hospitieren. Im Anschluss daran findet ein Gespräch statt, in dem die Arbeit in der Eingangsstufe noch einmal eingehend erläutert und Fragen beantwortet werden können.
Doch wir haben auch festgestellt, dass manche Eltern sich nicht überzeugen lassen bzw. sich nicht überzeugen lassen wollen.
 

Zehn Gründe für die jahrgangsgemischte Eingangsstufe

  •  1.    Schulanfänger und Schulanfängerinnen lernen von Anfang an in einer erfahrenen Gruppe die Regeln des Zusammenlebens.
  •  2.    Mit Beginn jeden Schuljahres ändert das Kind seine Stellung innerhalb der Lerngruppe. Es erlebt sich abwechselnd als jüngeres oder älteres Mitglied der Lerngruppe.
  •  3.    Jedes Kind, auch ein leistungsstarkes, erlebt, dass ein anderes (z. B. älteres) Kind mehr kann. Aber auch jedes langsam lernende Kind kann sich als Helfer erleben.
  •  4.    Die Älteren (und nicht nur die Guten) erhalten Gelegenheit, Gelerntes zu wiederholen, wiederzugeben und zu vertiefen.
  •  5.    Leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler können bereits die Unterrichtsziele des höheren Schülerjahrganges abstreben.
  •  6.    Kein Kind bleibt beim Übergang allein.
  •  7.    Lehrkräfte in jahrgangsgemischten Lerngruppen planen und reflektieren im Team.
  •  8.    Lehrkräfte beobachten und folgen bewusst den Entwicklungsschritten einzelner Kinder. Sie gewähren ihnen individuelle Ziele, warten ab.
  •  9.    Die Klassen sind bunt gemischt. Dadurch werden die Vielfalt und die Vielseitigkeit der Kinder als Bereicherung angenommen.
  • 10.    Schülerinnen und Schüler übernehmen Verantwortung für ihr Lernen.
Niedersächsisches Kultusministerium, 2017
 
Eva-Maria Osterhues-Bruns
ist stellvertretende Schulleiterin der Grundschule Nordholz. Sie leitete viele Jahre eine Klasse der Eingangsstufe.
 ww.grundschule-nordholz.de
 
Literatur
Burk, K. / De Boer, H. / Heinzel, F. (2007): Zur (Wieder-) Entdeckung der Altersmischung. In: Burk, K. / De Boer, H. / Heinzel, F. (Hrsg.) (2007): Lehren und Lernen in jahrgangsgemischten Klassen, 10–16.
Carle, U. / Metzen, H. (2014): Wie wirkt Jahrgangsübergreifendes Lernen? Kurzfassung. Internationale Literaturübersicht zum Stand der Forschung, der praktischen Expertise und der pädagogischen Theorie. Eine wissenschaftliche Expertise des Grundschulverbandes. Frankfurt am Main: Grundschulverband (Wissenschaftliche Expertisen). Online verfügbar unter grundschulverband.de/veroeffentlichungen/wissenschaftliche-expertisen/
Largo, R. H. (2009): Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen.
Niedersächsisches Kultusministerium (2017): Jahrgangsgemischte Eingangsstufe. Ein Weg zum erfolgreichen Lernen. Informationen für Eltern, Lehrkräfte und Schulen.
Wagner, M. (2014): Potenziale der Jahrgangsmischung. In: Die Grundschulzeitschrift, 274, 29–33.

Foto: Fotolia
 

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