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Welt
24.11.2017  Hilde von Balluseck

Chinesische Kinder auf dem Land - Ein großes Experiment.

Kürzlich wurde auf diesem Portal der Stand der Frühpädagogik in China referiert. Nun jedoch stellen wir eine Studie vor, die sich mit den armen Kindern auf dem Land befasst, die zum großen Teil von Unter- oder Mangelernährung betroffen und deren Bildungschancen gleich Null sind. Die gute Nachricht: Forscher haben sich des Problems angenommen und Verbesserungen erzielt.
Europa erzittert vor Chinas wachsender wirtschaftlicher und politischer Macht. Dabei wird vergessen, dass ein großer Teil der Bevölkerung Chinas in Armut lebt und die Kinder so gut wie keine Bildungschancen haben. "Die intellekturelle Vekümmerung von etwa einem Drittel der Bevölkerung" betrifft die Landbevölkerung. Dort erreichen 90 Prozent der Achtklässler einen Intelligenzquotioneten von weniger als 90. Hinzu kommen 15 % der städtischen Kinder, die intelligenzmäßig unter 100 Punkten bleiben. So gibt es Millionen von Kindern in China, deren Bildung nicht ausreichend gefördert wird und die sich daher nicht entwickeln können. 

Ein chinesisches Programm zur Förderung der Landbevölkerung  Chinas (Rural Education Programm - REAP) eröffnete US-amerikanischen Forschern die Möglichkeit, das Problem zu erforschen und die Wirksamkeit von Gegenstrategien zu erproben.

Das  Forscherteam um Professor Rozelle von der Stanford University (schön, dass aus den USA auch mal etwas Gutes kommt!), begann damit, die Armut der Landbevölkerung zu konstatieren. Im Laufe ihrer Forschung wurde den Wissenschaftlern deutlich, dass die Grundschulkinder in den armen Gebieten schon deshalb keine Bildung erwerben konnten, weil sie mangel- oder unterernährt waren. 33 Prozent der 113000 Grundschulkinder, die in ländlichen Regionen untersucht wurden, litten an Wurminfektionen im Darm, 27 Prozent an Blutarmut, und 20 Prozent waren kurzsichtig, hatten jedoch keine Sehhilfen.

Nun begannen die Forscher mit dem Einsatz von Brillen - die Kontrollgruppe erhielt keine. Der Erfolg bei den Kindern, die nun über eine kostenlose Brille verfügten, sprach für sich - sie schnitten bei einem Mathe-Test wesentlich besser ab als die Kinder, die keine Brille erhalten hatten.

In einem nächsten Schritt wurde eine Studie an 1800 Babies im Alter von sechs bis zwölf Monaten und ihren BetreuerInnen durchgeführt. In 348 Dörfern wurde das Blut der Kleinen untersucht, Größe und Gewicht jedes Kindes wurden notiert, kognitive, sprachliche und motorische Fähigkeiten wurden erfasst, und dies dreimal im Abstand von jeweils sechs Monaten. Die Kinder auf dem Land waren zwar motorisch gut entwickelt, aber knapp die Hälfte der Babies litt an Blutarmut, fast ein Drittel lag in seiner Entwicklung zurück.

Nun starteten die ForscherInnen Versuche, die Entwicklung der Kinder positiv zu beeinflussen. Der erste Versuch - die Gabe von Vitaminpräparaten - erbrachte keinen Erfolg. Da kamen die Herren (und Damen?) auf die Idee, ob vielleicht die Erziehungspraktiken ein entscheidender Faktor für die Entwicklung der Kinder sein könnten. Sie stellten fest, dass nur ein geringer Teil der BetreuerInnen den Kindern Geschichen erzählten oder vorlasen. Nur ein Drittel berichtete, mit ihren Kindern zu spielen oder zu singen. 

Am schlechtesten waren die Kinder dran, deren Mütter zum Geldverdienen in die Stadt gezogen waren. Ihre Verwandten, bei denen sie untergebracht waren, hatten weder die Zeit noch die Bildung, sich ausreichend um sie zu kümmern.

Nun begann ein neues Experiment. 513 Kinder aus der erstgenannten Studie wurden ausgewählt und die Haushalte von pädagogischen Fachkräften regelmäßig besucht, um den Angehörigen der Kinder den Umgang mit Kindern über Bücher und Spielzeug zu vermitteln.

Eine Entlastung der Mütter und anderen Betreuern fand jedoch nicht statt, so verbesserten sich die Testwerte häufig nicht. Als sich die Aufmerksamkeit den Müttern stärker zuwandte, musste man außerdem feststellen, dass 40 Prozent von ihnen depressive Symptome zeigten.

Das chinesische Programm zur Förderung der Landbevölkerung richtete auf Empfehlung der ForscherInnen 50 Zentren für frühkindliche Entwicklung ein. Damit sollten die Hausbesuche regelmäßiger und zuverlässiger stattfinden. Die Entwicklung der so geförderten Kinder soll nach wie vor genau beobachtet werden. Ebenso allerdings die einer Kontrollgruppe, die keinerlei Förderung erhält. Und da liegt der Haken.

Darf Wissenschaft sich so zur Herrscherin über die Lebens- und Bildungschancen von Kindern aufschwingen?  Es gab schon ein ähnlich fragwürdiges Projekt in Rumänien, auch hier war ein US-amerikanischer Forscher der Antrieb. Kindern bewusst Lebenschancen vorzuenthalten, ist ein Verbrechen. Von daher ist die ansonsten beachtliche Initiative in China in diesem Punkt kritisch zu sehen.


Alle Angaben und Zitate aus: Dennis Normile: ist da wer? In: Süddeutsche Zeitung 11./12. November 2017, S. 34/35
Foto: Shutterstock
 

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