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Perspektiven
27.11.2017  Karsten Herrmann

Inklusions-Diskurs aus dem und für den Elfenbeinturm - Ein ganz subjektiver Bericht über eine abgebrochene Lektüre

Da lag es vor mir, das „Handbuch Inklusive Kindheiten“ aus dem UTB-Verlag – ein rotes Prachtstück, rund ein Kilogramm schwer, mehr als 650 Seiten dick. Herausgegeben von Andrea Platte und Donja Amirpur, die beide an der Technischen Hochschule Köln in den Bereichen Inklusion, Elementar- und Migrationspädagogik lehren und forschen, versammelt es gut 40 Einzelbeiträge von AutorInnen unterschiedlicher Profession.
Mit Spannung schlug ich das Buch auf und erwartete inspirierende neue Ansätze und Erkenntnisse rund um die kindheitspädagogische Theorie und vor allen Dingen auch Praxis im Spiegel der Inklusion. Doch dann verhakte ich mich schon hoffnungslos in der ausführlichen Einleitung der beiden Herausgeberinnen: Von Seite zu Seite wuchs mein Unbehagen, verstärkte sich mein innerer Widerspruch und mir schwoll tatsächlich zusehends der Kamm, so dass ich versucht war, das Buch in die Ecke zu pfeffern.

Was war passiert? Schon die ersten Sätze der Einleitung machen die hohe Ambition dieses Buches mehr als deutlich und legen gleichzeitig die Latte für die Lektüre durch einen überinstrumentierten wissenschaftlichen Duktus sehr hoch – und das, obwohl dieses Handbuch sich an „Studierende verschiedenster Spielarten der Erziehungs-, Bildungs- und Sozialwissenschaften“ sowie auch an die „Kolleg*nnen in Wissenschaft und pädagogischer Praxis“ richten sollte!

Nach dieser ersten stilistischen Irritation konnte ich mich dann aber erfreulicherweise ersteinmal problemlos einer Definition der Inklusion und ihrer Ziele durch die Herausgeberinnen anschließen: „Inklusive Bildung soll Bildung im Sinne der Menschenrechte realisieren […]. Das Recht auf inklusive Bildung steht für den Anspruch, Bildungsprozesse ohne Aussonderung zu realisieren und allen Kindern ein ‚Gemeinsinn stiftendes‘ und gleichberechtigtes Aufwachsen, Spielen und Lernen zu ermöglichen mit dem Ziel, dass sie würdevoll leben und die Welt verantwortlich mitgestalten können.“

Doch die folgenden Ausführungen ließen dann doch alsbald grundsätzliche inhaltliche Fragezeichen aufkeimen, zum Beispiel an dieser Stelle: „Es sind zuallererst Macht- und Dominanzstrukturen sowie Zuschreibungsprozesse, die einer inklusiven Gestaltung von inklusiven Kindheiten im Wege stehen.“ In den Vordergrund der Ausführungen rückt so unsere spätkapitalistische Gesellschaftsform mit ihren anscheinend allumfassenden Verwertungszusammenhängen und  die durch entsprechende Macht- und Herrschaftsstrukturen produzierte Ungleichheit. Kritisiert wird entsprechend auch die „zunehmende Ausrichtung des Bildungssystems auf den Verwertbarkeitsfaktor“  - von einer „hegemonialen Sprachpolitik“ über eine aussondernde Beobachtung und Diagnostik bis zur Konstitution von  „Differenzpädagogiken, um Handlungsfähigkeit zu bewahren“ und zugleich ein machtvolles Expertentum zu produzieren.

Die Ursache von Differenz(zuschreibungen) und einer daraus resultierenden Diskriminierung wird in der Einleitung der Herausgeberinnen quasi monokausal nur auf gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsstrukturen zurückgeführt. Kein Gedanke wird darauf verschwendet, dass die Auseinandersetzung zwischen dem Eigenen und dem Fremden und einer daraus resultierenden Differenzherstellung mit Blick auf die Menschheitsgeschichte doch auch als eine anthropologische Grundkonstante interpretiert werden könnte. Ausgeblendet werden ebenso die überzeugenden Erkenntnisse der kulturvergleichenden Entwicklungspsychologie, die eine grundlegende Beeinflussung von Erziehungs- und Sozialisationsvorstellungen, Denk- und Wahrnehmungsweisen durch die (nicht mit Ethnie oder Nation gleichzusetzende!) Kultur be- und die Vorstellung einer universellen Norm widerlegt hat. Und so „stemmen“ die AutorInnen des Handbuchs sich den Herausgeberinnen zufolge „gegen den mit den neuen Migrationsbewegungen formulierten Wunsch nach ‚Sicherheit im pädagogischen Alltag‘ und die wiederaufkommende Popularität in Theorie und Praxis von Konzepten ‚Interkultureller Kompetenz‘ mit ihren pädagogischen Zielen von Normalisierung und Integration“.

Frei nach Adorno und seinem Diktum „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ schlussfolgern die HerausgeberInnen, dass es im derzeitigen „exklusivem Bildungssystem keine inklusive Kita, Schule oder Klasse gibt“ – und entwerten damit die Arbeit unzähliger engagierter ErzieherInnen und PädagogInnen, die sich trotz schwieriger Rahmenbedingungen auf den Weg zur Inklusion und gleichberechtigten Teilhabe aller Kinder gemacht haben. Natürlich ist noch nirgendwo ein Idealzustand erreicht, aber ist Inklusion letztlich nicht sowieso ein stetiger und nie abschließbarer Annäherungsprozess, ein Prozess der kleinen Schritte, der stetigen (Selbst-) Reflexion und eines entsprechenden Bewusstseinswandels? Und ein Idealzustand ohne Differenzzuschreibungen und Diskriminierungen schlichtweg utopisch?

Doch die HerausgeberInnen des Handbuchs Inklusion zielen offenbar gleich auf das große Ganze, auf die radikale Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, um dann in der pädagogischen Praxis zum Idealzustand der Inklusion zu kommen - unter dieser Prämisse könnte die Praxis sich ja auch erst einmal geruhsam zurücklehnen…

Dass Gesellschaftskritik und (Selbst-) Reflexion über Macht- und Herrschaftsstrukturen im inklusiven Diskurs eine wichtige Rolle spielen müssen, ist völlig unbestritten. Doch mit ihrem hoch ambitionierten theoretischen Impetus schießen die Herausgeberinnen aus meiner Sicht über das Ziel praktischer Veränderungsmöglichkeiten hinaus: (Erziehungs-) Wissenschaft tritt hier mit wehenden Fahnen als gesellschaftliche Avantgarde auf, die Grundsatzfragen stellt und (selber wiederum auf durchaus ideologische Art und Weise)  radikale Ideologiekritik übt. Verloren zu gehen droht dabei der Bezug zu den konkreten  Ausgangslagen und Bedarfen der pädagogischen Praxis im Hier und Jetzt. So entsteht der Eindruck eines abstrakten und selbstreferentiellen hochakademischen Diskurses aus dem und für den berühmt-berüchtigten Elfenbeinturm.

Wenn ich das voluminöse Inklusions-Handbuch als ein großes Haus interpretiere, ließ ich mich zugegebenermaßen schon nach einem ersten Blick in den Eingangsbereich entmutigen und schlug die Tür schnell wieder hinter mir zu – ohne zu wissen, ob sich nicht doch auch noch zahlreiche faszinierende und ertragreiche Gänge und Räumlichkeiten dahinter verbergen. Irgendwann werde ich auch diese noch erkunden und mein Bild vervollständigen!
  • Handbuch Inklusive Kindheiten . Herausgegeben von Donja Amirpur und Andrea Platte. UTB, 664 S., 49,99 Euro
     



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